Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Date
- 1900-08-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021364--10123-3034587- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 688 Dr. Blorh's Wochenschrift. Nr. SS Amsterdam. (Ein jüdischer Held in Holländisch-Jndien.) Der Brigadier M. Cohen, Soldat in der holländisch-ostindischen Armee hat von der Königin Wilhelm in a für folgende Heldenthat den Wilhelms Orden erhalten: Bei der Erstürmung von Tiot-Kala wurde die Truppenabtheilung, bei der Herr M. Cohen stand, durch heftiges Gewehrfeuer zum fluchtartigen Rückzug gezwungen. Da erblickte Herr Cohen das Pferd seines Lieutenants reiterlos an sich vorbeigaloppiren. Er machte seine Kameraden darauf aufmerksam und forderte sie auf, mit ihm umzukehren, um den gefallenen Officier zu holen. Aber von den Soldaten wollte keiner das kühne Wagniß unternehmen. Da entschloß sich unser Held, allein auf die Suche zu gehen. Er kehrte in den dichten Kugelregen zurück, suchte aufmerksam das ganze Terrain ab, fand seinen Lieutenant verwundet und verschmachtend am Fuße eines Hügels, hob ihn ihn auf sein Pferd und ritt unter einem Hagel von Geschossen zu seiner Truppe zurück. Nebst dem hohen Orden erhielt der jüdische Held noch das Lieutenanspatent als ehrenvolle Zugabe. Paris. Der diesjährige Ordensregen hat eine Anzahl jüdischer Persönlichkeiten mit Ritter- und Officierskceuzen der Ehrenlegion beglückt. Es haben, soweit wir erfahren konnten, folgende Glaubensgenossen das Qfficierskreuz der Ehrenlegion erhalten: Rene Leon Weil. Controleur der Armeeverwaltung; Gustave Louis Picard, Oberstlieutenant im 125. Infanterie- Regiment; M. Bambcrger, Administrator der Banque äe Paris et Bais-Pas. — Ritter der Ehrenlegion wurden Lucien L e v y, Geniecapitän; Paul Simon, Bataillonschef; Louis Victor Picard, Capitän; Sylvain Eugene Rayual, Lieutenant; Georges Louis Edouard A st r u c, Capilaia; Raoul Charles David, Capitain; Adolphe Charles Emile B l i n, Musikchef; Mathias Celestin Alphonso Klein, Adjunct im Geographiedienst; M o y s e, Gründer der französischen Vereinigung in London; Dr. Alexander S ch w o b, Arzt des französischen Generalconsulats in Genf; Henry L u z a t t i. Industrieller in Marseille. Eine große Anzahl von kleineren Ordensauszeichnung en besonders goldenen und silbernen Medaillen, ist außerdem an Glaubensgenossen verliehen worden, doch würde dies zu weit führen. Alle aufzuzählen. Nur W e i l l e r, Sergeant der Sapeurs Pompiers, das heißt der Feuerwehr, in St. Mandee soll noch hrrvorgehoben werden. Derselbe wurde mit einer Medaille ausgezeichnet, weil er mehrmals sein Leben bei Rettungen aufs Spiel gesetzt hatte. Petersburg, (jüdische Arbeiter Wohnungen in Rußland.) Ler russische Finanzminister hat das Statut einer „A ctie n - G ese ll s ch aft zur Errichtung von gesunden jüdischen Arbeiterwohnungen"' bestätigt. Die Gesellschaft, welche auf Veranlassung des Ministers des Innern entstanden ist, erstreckt sich über alle 25 Gouvernements des Ansiedlu rgsrayons und hat den Zweck, iu allen jüdischen Städten und Städtchen gesunde Wohnungen nebst Werkstätten zu bauen und sie an jüdische Arbeiter, Handwerker, sowie überhaupt an sich selbstständig ernährende Juden zu vermiethen. Daneben wird die Gesellschaft kleinere Bodenparcellen erwerben und sie an jüdische Obst- und Gemüsegärtner verpachten, die bekanntlich in allen kleineren Ortschaften des Ansiedlungsrayons in großer Anzahl vertreten sind. Als Gründer der Gesellschaft werden die Herren Baron J..O. G ün z b u r g in Petersburg und Banquier Wawelsberg in" Warschau genannt. Das Actiencapital beträgt 500.000 Rubel, in 1000 Actien ä 500 Rubel getheilt, von denen 450 von der Jewish Colonisatiou Association und 50 von Privatpersonen gezeichnet wurden. Bon dem Gewinne werden 4 Prrcent Dividende an die Actionäre vertheilt, der Rest aber zur Unterstützung der Miether, Errichtung von Volksküchen und anderen wohlthätigen Zwecken verwendet. Zum Sitz der Gesellschaft ist Petersburg ausersehen, daneben sollen aber Filialen in allen größeren Städten des Ansiedlungsrayons errichtet werden. Ihre erste Thätigkit wird die Gesellschaft in Wilna beginnen, wo auf ihre Rechnung bereits zwei Häuser mit zusammen 220 Wohnungen nebst Werkstätten, Kleinkinderbewahranstalten, Sanitätswachen, Lesehallen und Fortbildungsschulen gebaut werden. Im nächsten Sommer soll zum Bau von gleichen Häusern in anderen Städten geschritten werden, was eine Vermehrung des Actiencapitals erforderlich machen wird. Um auch weniger reichen Personen den Erwerb von Actien zu erleichtern, sind beim Finanzminister Schritte pLÄruommen worden, den Nennwerth der Actien auf 250 Rubel zu ermäßigen, worauf junge Actien edirt werden sollen. Die Gesellschaft behält sich vor, unbewegliches Eigenthum auch außerhalb des Ansiedlungsrayons zu erwerben respective zu pachten, jedoch bedarf eine solche Erwerbung jedesmal der Genehmigung des Finanzministers. Warschau. 40 Percent jüdische Schüler darf die am 29. März vom Finanzminister concessionirte Handelsschule aufnehmen. Dieselbe ist von der „Warschauer Kaufmannschaft", d. h. von den Juden Warschaus errichtet und besitzt alle Rechte eines Realgymnasiums. Seine Absolvirung berechtigt zum Eintritt in eine technische Hochschule, gewährt beim Militär das Privilegium der I V, jährigen Dienstzeit und verleiht den Abiturienten den Titel eines Ehrenbürgers. Da die 10 Percent Juden, welche die Mittelschulen aufnehmen dürfen, schon längst erreicht waren, so daß auf je eine in irgend einer Mittelschule freiwerdende Stelle sich 12—15 Bewerber fanden, so bedeutet die Eröffnung der neuen Handelsschule für die Juden Warschaus eine große Erleichterung. Ist es doch ein öffentliches Geheimniß in Warschau, daß das Unterbringen eines jüdischen Knaben in einem Gymnasium oder Realschule 500 Rubel Bakschisch kostet! Ob aber durch die neue Schule, welche am 1. September eröffnet werden soll, dem dringenden Bedürfnis der Juden nach einer Mittelschule auch nur für die erste Zeit abgeholfen werden wird, hängt leider von der Zahl der sich meldenden Christen ab. Bleiben diese letzteren der neuen Schule fern, was bei dem Umstand, daß den Nichtjuden ja der Zutritt zu den anderen Schulen offen steht, nicht ausgeschlossen ist, so ist den Juden bei der Beschränkung der aufzunehmenden Juden auf 40 Percent der nichtjüdischen Schüler mit der fast ausschließlich auf ihre Kosten gegründeten Handelsschule wenig gedient. Odessa. Petersburger Blätter melden: „Odessa war am 29., 30. und 31. Juli der Schauplatz einer argen Judenhetze, welche in ihren abscheulichen Details an die Odessaer Juden- .rawalle von 1881 erinnert. In den „Nowosti", dem einzigen Petersburger Blatte, das den Muth hatte, über die Ausschreitungen der Odessaer Boxers gegen die Juden die Wahrheit zu berichten, veröffentlicht der in Odessa weilende russische Publicist Obolenskij einen ausführlichen Bericht über diese Unruhen. Es war am 29. Juli gegen 4 Uhr Nachmittags. Auf dem Prochorowplatze, wo der Trödlermarkt sich befindet, entstand zwischen einem Soldaten und einem jüdischen Trödler ein Streit. Der anwesende Pöbel nahm für den Soldaten Partei und mißhandelte den Juden. Dies benützten aber die Hafenarbeiter dazu, um den angesammelten Volkshaufen zu Ausschreitungen gegen die Juden aufzufordern. Unter ohrenbetäubendem Geschrei und Gejohle warfen sich die Odessaer Boxers nach den naheliegenden Straßen Kossarka, Koloutajewska, Prochorowskaja und begannen dort das Werk der Zerstörung. Die Fensterscheiben in den von Juden bewohnten Häusern wurden eingeschlagen, die Thören erbrochen, die Magazine demolirt und die Waaren geplündert. In der Koloutajewstraße wurde ein großes Kaufmannsmagazin total ausgeraubt. Von hier aus stürmten die Demonstranten nach der Tiraspoler-, Uspenskij- und Preobraschenskijstraße, wo sie alle jüdischen Geschäftsläden demolirten und die Waaren ausplünderten. Die ihnen begegnenden Juden mißhandelten die Demonstranten äußerst schwer, eine Jüdin, welche ihr Hab und Gut beschützen wollte, wurde schwer verwundet. Ebenso arg wüthete die Volksmenge auf der Konnaja- und Neschimkajastraße, wo sie die Sodawasser-Kioske zertrümmerte und mit den Siphonflaschen die Juden mißhandelte. Am folgenden Tage wiederholten sich die Ausschreitungen, wobei diesmal die Hauptstraßen von Odessa, die Deribassowskaja, Puschkinskaja u. A. zum Schauplatze der Verwüstungen gewählt wurden. Auch hier wurde Alles in den jüdischen Wohnhäusern demolirt, zerstört und geplündert. Halbwüchsige Bursche im Alter von 10 und 11 Jahren bildeten den Demonstranten die Avantgarde und schleppten Alles weg, was sie in den Häusern der Juden fanden. Die Polizei erwies sich als zu schwach, wiewohl sie schon am ersten Tage der Ausschreitungen viele Verhaftungen vornahm. Erst als auch am 31. Juli die Unruhen sich wiederholt hatten, wurde Militär aufgeboten, dem es endlich gelang, die Ruhe wiederherzustellen und 1041 Demonstranten in Haft zu nehmen. Die Stadt Odessa bietet jetzt ein Bild arger Verwüstung. Die Geschäfte sind geschlossen, die Juden wagen es nicht, ihrer Beschäftigung in der Stadt nachzugehen, und viele Häuser .in vielen Straßen stehen demolirt und zerstört da.