Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Date
- 1900-08-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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«RBW» gebe es ja schließlich überall. Dieses Urtheil muß als maßgebend angesehen werden. Auch im Dienste der Allgemeinheit und des öffentlichen WohleS haben sich einzelne hervorragende Juden bewährt. Auf Einzelheiten einzugehen, ist hier nicht der Platz, nur darauf möge hingewiesen sein, daß, als nach den Krawallen der jüdische Beigeordnete und derzeitige Bürgermeister von Tuchel sein Amt niederzulegen sich veranlaßt sah, sogar antisemitische Zeitungen die strenge Unparteilichkeit dieses Mannes anerkennen mußten. Eine uneigennützige Haltung haben die jetzt von einem harten Schicksal betroffenen Juden jener Kreise auch bei den öffentlichen Wahlen einzunehmen gewußt, eine Haltung, die ihnen von der einen Seite nicht Dank, von der anderen aber nur größeren Haß und heftigere Verfolgung eingetragen hat. ES ist eine eigenthümliche Fügung, daß dieselben Juden, denen die Antisemiten das Deutschthum absprechen, für ihr Getreten für Deutsche gegen polnische Candidaten jetzt leiden müffen. Denn nicht abzuweisen ist die Annahme, daß die zur Zeit in Antisemitismus thätigen polnischen Organe und die ihnen nahestehenden der Centrumspartei eine andere Haltung einnehmen würden, wenn nicht bei öffentlichen Wahlen die Juden als Deutsche gegen die Polen aufgetreten wären. Der Deutsche Osiander ist bekanntlich nach dem Konitzer Morde nur mit einer Stimme Mehrheit gewählt worden, und die den Ausschlag gegeben zu seinen Gunsten, waren liberale Juden. Als damals ängstliche Gemüther unter ihnen von einer Theilnahme an der Wahl aus Furcht vor Ausschreitungen der polnischen Bevölkerung abriethen, waren es energische jüdische Führer, die zur unbedingten Wahlbetheiligung aufforderten, der denn auch Folge geleistet wurde. Heute sind Deutsche und Polen vereint zur traurigsten Judenhetze! Wie ist denn nun diese entstanden? Die Frage ist sehr leicht zu beantworten, und zwar mit den Worten eines im Dienste der antisemitischen Presse stehenden Mannes. Derselbe mußte kürzlich unter Hinweis auf andere geheimnißvolle, unaufgeklärte Mordthaten zugestehen, daß auch der jüngste Konitzer Mord nicht die jetzige Bedeutung erlangt haben würde, wenn die Antisemiten nicht die Situation erfaßt und sofort handelnd eingegriffen hätten. So liegt es in der That! Die antisemitische Agitation wird in westpreußischen Gegenden seit Monaten mit Fiebereifer betrieben. Zeitungen, Flugblätter, Flugschriften und Bilderbogen mit dem abscheulichsten Inhalt, berechnet für die Naivetät, um nicht zu sagen Dummheit der Leser, wurden und werden in Städten und Dörfern colportirt; sie wandern von Haus zu Haus, werden von Hand zu Hand gegeben, von dem Inhalt, soweit er überhaupt verständlich ist, wird mit leidenschaftlicher Gier Kenntniß genommen und derart der Hoß gegen die Juden großgezogen. Das Betrübendste an dieser Agitation, betrübend ist sie an sich, ist, daß gerade die sogenannten Gebildeten die Hauptträger derselben sind und daß ferner in fast allen Orten die Lehrer sich an ihr hervorragend betheiligen. Verwunderlich ist es da nicht, daß die Jugend das Hauptcontingent der Scandalmacher bildet und Kinder im jugendlichsten Alter sich nicht scheuen,. ältere Leute zu beschimpfen, nur weil sie als Juden bekannt sind oder der Zufall ihnen einen schwarzen Bart oder ein sonstiges „verdächtiges" Aeußere gegeben hat. Wie die Alten sungen, so zwitschern eben die Jungen! Die ausgestreute antisemitische Drachensaat wird, so fiirchten wir, einst noch schlimmere Früchte tragen, als sie schon getragen hat. Die Zustände in den Städten und Dörfern spotten jeder Beschreibung. BeschönigungSräthe, solche Leute, die sich hüten werden, selbst einen Stein gegen eine Synagoge oder einen Juden zu erheben, die aber schmunzelnd eS mitansehen, wenn da» Schaufenster oder das Haus ihres jüdischen Nachbarn und vielleicht Concurrenten verwüstet wird, die einem Juden eine Tracht Prügel oder einige wohlgezielte Steinwürfe gönnen, sagen allerdings, „so schlimm sei ja daalles nicht". Ob mit derartigen Redensarten das eigene Gewissen beschwichtigt werden soll oder ob die Herrschaften sich besonders wohl fühlen würden, wenn sie selber sich in der Lage der Judeü befänden, das soll dahingestellt bleiben. Jedenfalls hört man aber Aussprüche wie den obigen in Könitz und Umgegend sehr häufig. Sie entsprechen jedoch der Nr. 33 Lage der Dinge keineswegs. Ein jeder objectiv Beobachtende und Urtheilende, der nur einigermaßen ernste Versuche zur Ergründung der Wahrheit unternimmt, muß zur Erkenntniß gelangen, daß in dem zeitigen Dorado der Antisemiten Zustände herrschen, die jeder Cultur und jedem Rechtsgefühl Hohn sprechen. Nicht im Rechtsstaate Preußen, in dem jeder Bürger dem andern gleich sein soll, glaubt man sich zu befinden, sondern in irgend einem anderen Reiche, in welchem die Mehrheit der Bevölkerung sich für berechtigt hält, die Minderheit anzuklagen, zu verdächtigen, zu mißhandeln, zu verhöhnen und zu verachten. Wohl treten die oberen Behörden den schärfsten Auswüchsen dieses Treibens in anerkennenswerther Weise entgegen und verlangen dasselbe von den untergeordneten Organen. Beweise sind aber er. bracht, daß die Organe der ländlichen Amtsgewalt gegenüber den Juden hin und wieder in einer Art auftreten, die nur geeignet ist, in der aufgehetzten Bevölkerung die Ansicht zu bestärken, gegen die Juden sei heutzutage Alles erlaubt. Dieses Verhalten einiger Amtsvorsteher wird voraussichtlich an geeigneterer Stelle noch zur Sprache gebracht werden. Wie soll das enden? frägt heute jeder vernünftig Denkende, deren Gesammtzahl allerdings eine verschwindend geringe ist. Die wirtschaftlichen Schädigungen der Einzelnen sind ganz bedeutende, und in weiterer Folge werden sie festzustellen sein in den Gemeinden und Kreisen selbst. Das Vertrauen ist vollständig untergraben, Alles dreht sich um den Mord und die nach ihm inscenirte Hetze. Wo früher Glück und Zufriedenheit herrschte, ist jetzt Erbitterung, Unzufriedenheit und Auflehnung gegen die Staatsordnung vorhanden. Das Leben der Juden im Besonderen ist geradezu ein unerträgliches geworden. Viele tragen sich mit dem Gedanken, fortzuziehen. Einzelne sind bereits fort, Andere wieder werden bleiben müssen, weil sie aus irgend welchen Gründen nicht fort können. Arme Juden, die früher als Handwerker oder Händler das Land besuchten, sind hierzu nicht mehr im Stande, weil sie ihres Lebens nicht sicher sind. Sie und ihre Familien, Frauen und Kinder, leiden Noth. bittere Noth. Leute, die jahrelang sich in Stellung befunden haben, mußten diese aufgeben. Geschäftsleute sehen ihre Verkaufsstätten leer, den Ruin vor Augen. Alles das wäre aber noch zu ertragen in der Hoffnung auf eine bessere Zeit. Weit trauriger sind die persönlichen Beschimpfungen und Bedrohungen, die die Juden unausgesetzt erdulden müssen. In Könitz ist es allerdings seit der Anwesenheit des Militärs zu einer nennenswerten Ausschreitung nicht mehr gekommen, wenn man die gesellschaftliche Aechtung der Juden als eine solche nicht anzusehen geneigt ist. In den anderen Städten und den Dörfern sieht es dagegen sehr trübe aus, wie Schreiber dieses, dem als brünetten, also „verdächtigen" Christen unangenehme Dinge paffirten, aus eigener Anschauung mitzutheilen in der Lage ist. Beschimpfungen auf öffentlicher Straße und gelegentliche Steinwürfe sind an der Tagesordnung, abgesehen von den Zerstörungen fremden Eigenthums. Aeltere Leute halten sich meist von diesen Ausschreitungen fern; halbwüchsige Bengels sind die Attentäter, und die jüngere Gesellschaft fällt jubelnd in den Chor ein. Die Horde hält jeden Juden ohne Rücksicht auf Alter und Bildung für ein freigegebenes Ziel ihrer „Scherze", die Juden sind, mit einem Worte gesagt, vollständig vogelfrei, das Zielobject jedes dummen Jungen. Wie gebildeten und feinfühlenden Juden bei diesem Treiben' zu Muthe ist, wird ein Jeder zu ermessen im Stande sein. Eine jede Mutter wird ' mitfühlen, wen» sie liest, daß die Kinder jüdischer Eltern weinend nach Hause kommen und fragen, was es zn bedeuten habe, daß sie beschimpft und verspottet werden von Altersgenossen, mit denen sie doch sonst verkehrt und gespielt hätten. Und solcher Heldentaten ihrer Sprößlinge rühmen sich die Herren Väter in den Bierstuben und meinen, „das sei doch nicht so schlimm!" So sieht es zur Zeit in Könitz und Umgegend aus! »r. VwSss Wochenschrift.