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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-10 · 32 (10.8.1900) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
32 (10.8.1900)
Date
1900-08-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 32 Dr. Blvch's Wochenpchrifi. Seite 583 Herr, ein preußischer Major, vor, faßte den Judenfreund am Halse und schlug ihn rechts und links hinter die Ohren, indem er ausrief: „Was, der gemeine Schuft wagt noch unsere Jungens zu schlagend" Ein anderer Herr» der den Geprügelten fragte, ob er wirklich der Verfasser des Liedes sei, bekam zur Antwort: „Ja, ich rechne es mir zur hohen Ehre, das Gedicht verfaßt zu haben. Der gestrige Moment, als es verurtheilt wurde, war einer der schönsten meines Lebens." Ein dritter Badegast, ebenfalls ein Major, trat auf ihn zu und sagte: „Sie sind der gemeinste Schuft, den die Erde trägt, und ich nenne Ihnen hiermit meinen Namen. Major K. aus H., Wenn Sie vielleicht wünschen sollten, dies auch an anderer Stelle bestätigt zu sehen." Als Herr H e n s e l trotz dieser Zurechtweisung keine Miene machte, deu Strand zu verlassen, wurde er am Arm gefaßt und abgeführt. Damen schlugen mit Schirmen auf ihn ein, Alles wies mit Fingern auf ihn hin. Nachts wurde das Haus durch einen Gendarmen bewacht, trotzdem hatte man die Vorsicht gebraucht, den „Dichter" selbst auszuquartieren. Das nächste Dampfschiff trug Herrn H e n s e l mit Familie am frühen Morgen von dannen." . Von dem Regierungs- und Baurath C. H e n s e l gingen dem „Hildesheimer Courier" (27. Juli) briefliche Mittheilungen über den Vorfall zu, welche Licht auf die Beweggründe werfen, die ihn zur Verfassung des Peking-Liedes veranlaßten. Herr Baurath C. H e n s e l schreibt: „In Borkum wird bei den allabendlich in Köhler's Strandbotel und in den demselben Besitzer gehörenden Kaiserhof stattfinden Concerten regelmäßig vom Publicum die Zugabe des Borkumliedes gefordert, welches dann von den Badegästen mit stürmischer Begeisterung mitgefungen wird. Mir erschien dies regelmäßige Hinausschreien der Worte „Juden hinaus" eines gebildeten Publicums unwürdig und widerlich, und um die besseren Theile dieses Publicums stutzig zu machen und ihnen im Spiegel¬ oder Zerrbilde zu zeigen, wohin eine derartige Ausartung des Racenhaffes nach meiner Ansicht führt, verfaßte ich das Peking- Lied, das ich, unter nicht genügend vorsichtiger Verheimlichung meines Namens, durch Anschlag und am Abend des vergangenen Sonnabends während des Coneertes durch Austheilung von Druckexemplaren verbreiten ließ. Dasselbe lautet folgendermaßen : O Peking, alte Kaiserstadt, Dich grüß' ich heut wie stets. Die wohl die dicksten Mauern hat, Pagoden und Minarets, Wo man sieht Zöpfe Haus bei Haus, Eng drückt der Schuh den Zeh, Im Harem und im Kaffeehaus, Trintt echten Peckothee. O lasset laut dein Lob uns singen, Wer liebt chinesischen Gesang, Begeistert soll der Ruf erklingen: Peking chi Hang. Peking chi Hang! Wohl gibt es Städte viel und reich Im weiten Vaterland, Doch kommt an Werth dir keine gleich Du unser Ruhmes Pfand! In deinem Zauberbann, wie weicht Die Sorge scheu zurück. Wie wird das Herz so frisch und leicht, Wie hebt sich froh der Blick! Drum wollen laut dein Lob wir singen, Wer liebt chinesischen Gesang, Begeistert soll dein Ruf erklingen: Peking chi hang, Peking chi hang! Es herrscht in drr, ehrwürd'ge Stadt Ein echt chinesischer Sinn, Drum wer was vom Chinesen hat, Zieh' freudig zu dir hin! In Peking nur chinesisch gilt. Chinesisch ist's Panier, Wir halten rein den Ehrenschild. All China's für und für. Doch wer dir naht mit blonden Haaren, Mit weißem Teint und rundem Aug', Der soll nicht deinen Schutz erfahren, Dem schlitz' den Bauch, dem schlitz' den Bauch! Dieses Lied wurde durch Anschlag im U ndruck mit folgender Vorbemerk ing veröffmllichi : „Von einem d m e"ls tz'ich-n Blulbade in Pek.ng entronnenen Europäer ist uns nechst h«ntes Nationallied in der Ubers, tznng übrmittelt. welches vor dem trau'igeir Ereignisse in allen öffentlichen Localen mit stürmischer Begeisterung gesungen wurde. Dasselbe entspricht zwar Nicht in allen Punkten unseren christlichen Gesinnungen, zeugt jedoch von warmem patriotischem Gefühl, weshalb wir es unseren Borkumer Badegästen nicht vorenthalten wollen." Das Lied erregte einen großen Ausstand, man ermittelte meine Person, suchte mich in großer Rotte am andern Tage in meinem Strandzelte auf, beschimpfte mich, auch thätlich, und zwang mich, den Schutz der Badebehörde und der Gendarmerie in Anspruch zu nehmen. Bor Allem wurde ich als Jude geschimpft — der ich nicht bin —, ein gemeiner Mensch genannt, das Lied als ein gemeines bezeichnet und mit körperlichen Mißhandlungen — man müsse mir sämmtliche Knochen zerschlagen (der Ausdruck „Bauchaufschlitzen" wurde nicht gebraucht) — gedroht. Den Oct hatte ich, auch wenn mich meine Reisepläne nicht so wie so am Montag weiter geführt hätten, schon iw Interesse meiner Familie schleunigst verlassen müssen ..." Wir können Herrn Baurath H e n s e l nur unsere volle Anerkennung für sein muthvolles, wahrhaft deutsches Auftreten aussprechen. Es beweist hohen Muth, als Einzelner sich den Flegeleien einer antisemitischen Masse entgegenzustellen. Trotzdem hat Herr H e n s e l, sagen wir, unpolitisch gehandelt. Er hat an das Bildungselement in jener antisemitischen Badegesellschaft appelliren wollen, als er jenes Lied verfaßte. Nun, wer Borfirm und sein Milieu kennt, weiß, daß die deutsche Bildung, die dort herrscht, sich eben auf das famose Borkum-Lied beschränkt. Schließlich noch eins: Wer sind die beiden Majore? Haben sie den Muth. ihre Namen zu nennen? Es würde dann f estzustell en sein, ob ihr Benehmen derTradition des preußischen Officierscorps würdig ist. Stimmungsbilder aus Kunitz. Man schreibt uns: Könitz, das in den letzten Monaten mehr, als ihm, seinen Bewohnern und der Allgemeinheit lieb sein kann, genannte westpreußische Städtchen, liegt, wenn man von dem militärischen Colorit absieht, zur Zeit ruhig und friedlich da. Diese Ruhe ist jedoch ebenso nur scheinbar vorhanden wie die Friedensliebe des weitaus größten Theiles seiner Bevölkerung. Und nicht nur in Könitz, dem Schauplatze des Mordes an d-m Gymnasiasten Ernst Winter, ist es so! Weit über die Grenzen der Kreise Könitz und Schlochau hinaus herrscht eine Erregung, deren Ursache in der antisemitischen Propaganda zu suchen ist, und deren Opfer unschuldige Fensterscheiben, das Eigenthum der jüdischen Bewohner, nicht zum Mindesten aber diese selbst, die, gleichviel ob Arm oder Reich, Greise oder Kinder, Männer oder Frauen, augenblicklich thatsächlich unglücklichen Juden jener Gegenden sind. Ehe das Märchen vom Ritualmorde seitens der Agitatoren der antisemitischen Richtung nach Könitz getragen worden war, herrschte dort wie in allen Orten, die Schreiber dieses zu besuchen Gelegenheit hatte, das beste Einvernehmen zwischen Christen und Juden. Wirklich reiche Leute findet man dort, von wenigen Ausnahmen abgesehen, unter den Juden nicht. Die meisten gehören dem soliden Mittelstände an und sind gute Steuerzahler, waS für die westpreußischen Städte mit ihren hohen Communalzuschlägen, 260—360 Percent, nicht unwesentlich ist. Andere Juden leben in den Dörfern als Gastwirthe oder Händler, andere wieder, und eS find ihrer mehr als Mancher ahnt, der immer nur von den reichen Juden zu reden und zu schreiben gewohnt ist, ernähren sich in sehr armseligen Verhältnissen als Handwerker oder sind sonst in abhängigen Stellungen befindlich. Zwischen allen diesen Leuten und den Christen deutscher und polnischer Nationalität bestand bisher, dies sei wiederholt, e.n leidlich gutes Berhältniß. Eifrig betriebene Nachforschungen in der Richtung, ob die dortigen Juden im Allgemeinen Anlaß zur heutigen antisemitischen Stimmung gegeben, ob namentlich auch einzelne Juden durch Vuch r oder ähnliche unsaubere Geschäfte sich n"v r , >l a l hntjo * g'th in, haben ein vollstä.dlg neqal v s R>nla: e-geb n. Im G'genth-il! Selbst eiuagnie Förderer des G dank-' s an einei Blnrv'rr 8-c;miihi1) haben auf B s agen die b * stimmte E klärnng av,ug b i sich ge, ötbmt gesehen, daß Klagen im AUg-mel: en gegen die jüdische B-'vö'kerung uichl vorzubringen s tru und daß auch ron ctnzeluen Juden im Großen und Ganzen nichts Schlechtes g-sagt werden könne, Ausnahmen

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