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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-10 · 32 (10.8.1900) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
32 (10.8.1900)
Date
1900-08-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 682 Dr. Blvch's Wochenschrift» «r. 32 und am 8. Juli einen Artikel: „Uebersetzung der jüdischen Geheimschriften." Jetzt soll er offenbar im „Deutschen Volksblatt" Artikel über die Blutbeschuloigungen gegen die Juden veröffentlichen. Es ist dies eine alte Methode der Anhänger des Ritualmordmärchens. Sie suchen unter den Juden Leute, welche in Folge von Conflicten mit ihren Glaubensgenoffen oder aus anderen Gründen sich zu unmöglichen Auslegungen des Talmuds und der jüdischen Tradition gebrauchen laffen. Auf diese Weise soll den antisemitischen Märchen der Stempel der Glaubwürdigkeit aufgedrückt werden. Der Fall des Herrn Tillinger ist nicht der erste seiner Art. Pfarrer Deckert hat im Jahre 1893 den polnischen Juden Paul Meyer entdeckt, welcher ihm den Bestand des jüdischen Ritualmordes bestätigte. Damals endete die Action traurig. Herr Pfarrer Deckert wurde zu einer Geldstrafe von 400 Gulden verurtheilt. Soll sich heute diese ganze Geschichte wiederholen? So viel ist schon gewiß, daß es kein Zufall ist, daß sich die Antisemiten gerade vor dem — Polnaer Proceß Juden, die mit den eigenen Glaubensgenossen verfeindet sind, für die Redactionen beschaffen. Darum haben wir es für unsere Pflicht erachtet, Alles bekannt zu geben, damit die Oeffentlichkeit vor dem erneuten Proceß in Pisek nicht plötzlich durch ein jüdisches Zeugniß für die Blutbeschuldigung überrascht werde. Es erübrigt nur noch darzulegen, wie es kommt, daß Herr Tillinger em solches Vertrauen zur Redaction des „Cas“ gefaßt hat. Es geschah dies in Folge eines Jrrthums. Es passirte ihm ein unliebsames qui pro quo. In dem Hause, in welchem sich jetzt die Redaction des „Cas“ befindet, wurden bis vor Kurzem bei Herrn Beaufort die antisemitischen „Radikälni Listj" gedruckt und auch ein Theil der Redactionsräume des genannten Blattes befand sich daselbst. Und Herr Tillinger glaubte nun, daß er sich in der Redaction des — antisemitischen Blattes befinde. Für unsere Vermuthung spricht auch seine Aeußerung über die erwähnten Artikel: „Bis Dr. B a x a von denselben erfährt, wird er eine Freude haben". So die Mittheilungen des,,6as", denen wir hinzufügen können, daß sich der besagte Rabbinatscandidat Jehuda Tillinger gestern auch in der Redaction der „Boh." einfand und sich als ein Opfer der preußischen Verwaltung und Justiz darstellte. Er sei auf Grund einer preußischen Verordnung vom Jahre 1847, weil er sich als österreichischer Jude länger als sechs Wochen in Preußen aufgehalten und ohne Anmeldung bei der Behörde als Rabbiner fungirt habe, angeklagt worden. Die Verhandlung sei zuerst für den 6. Juli anberaumt, dann auf den 26. Juli erstreckt worden; er habe dieselbe aber nicht abgewartet Md sei der Ausweisung zuvorgekommen. Er erging sich dann in Ausfällen gegen die preußischen Behörden, insbesondere gegen den Polizeidirector von Berlin, dann gegen die dortige österreichische Botschaft, gegen die Berliner Repräsentanz der israelitischen Cultusgemeinde, gegen das Kuratorium der jüdischen Hochschule daselbst, iramentlich gegen den Berliner Rabbiner Dr Maybaum und behauptete, daß er in Berlin einzig und allein aus dem Grunde verfolgt wurde, weil er Oesterreicher sei. Er legte auch Ms eine Fülle von Schriften und Actenstücken vor, allerdings nicht alle diejenigen, die er in der Redaction des „6as" vorwies. So hat er es begreiflicherweiseunterlaffen, uns mit jenen Schrift st ücken bekannt zu machen, welche seine Beziehungen zu den antisemittschen Führern, zu Rohling, zum Vergani'schen „Volksblatt" u. s. w. betreffen. Zur Erläuterung seiner Conflicte mit der jüdischen Wohlthätigkeitsgemeinde in Berlin legte er uns mehrere Nummern der „Staatsbürger-Ztg." vor und auf die Einwendung, daß dies ja ein antisemittsches Blatt sei, erwiderte er rasch gefaßt: „Ja, selbst die antisemitischen Blätter haben sich meiner Sache angenommen!" Nachschrift der Redaction: „Jehuda Tillinger ist auch in Wien gut bekannt. Er war eine Zeit lang Schüler des Wiener Seminars, erhielt vielfache Unterstützungen, unter Anderem auch ein Stipendium der israelitischen Cultusgemeinde in Czernowitz. Er mußte aber die Lehranstalt verlassen wegen moralischer Unzukömmlichkeiten, die er sich zu Schulden kommen ließ. Das gleiche Geschick hat ihn in Berlin an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums ereilt. Jehuda Tillinger hat keinerlei Recht, sich den Titel „Rabbiner" beizulegen. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Kisch, bei dem Tillinger erschien, hat dessen Papiere genau durchzesehen und dies constatirt. Tillinger mußte auch solches zugeben und bat, ihn' nur auf seine rabbinische Befähigung zu prüfen oder dem Herrn Oberrabbiner Dr. E h r e n f e ld zu einer derartigen Prüfung zu empfehlen. Herr Dr. Kisch lehnte Beides mit der Motivirung ab, daß man, um Rabbiner zu werden, nicht nur ein gewisses hohes Maß von Wissen, sondern auch Charaktereigenschaften besitzen müsse. Nach einer Meldung dcr „Neuen Freien Presse" sprach Tillinger bei dem Vorstande der israelitischen Cultusgemeinde von S m i ch o w vor, um sich um die vacante Stelle eines Rabbiners zu bewerben. Als ihm bedeutet wurde, daß diese Stelle bereits durch Dr. Herzog aus Mährisch- O str a u besetzt sei, bat er um eine Empfehlung an die dortige Cultusgemeinde. Diese wurde ihm aber verweigert mit der Motivirung, daß man mit der Mährisch-Ostrauer Cultusgemeinde nicht in Verbindung stehe. Diese Meldung macht den Eindruck, daß man es mit einem geistesgestörten Individuum zu thun hat. Die Geruchsnerven des Haffes. Unter dem Schlagworte: „Politik und Völker gernch", schreibt der dieswöchentliche „Globus" (Verlag von Friedrich Vieweg u. Sohn in Braunschweig): Daß ethnog raphische Fragen auch in die Politik Hineinspielen, ist eine Thatsache, die nur nicht immer bekannt ist. Die verschiedenen Völker haben einen verschiedenen Geruch und erkennen sich daran; der „North China Herald“ meldete 1892 aus Nanking eine dahin gehörige Thatsache, welche zur Erklärung der neuesten Vorgänge in China mit beiträgt. Die Chinesen behaupten nämlich, von den „fremden Teufeln", den Europäern, ginge ein für ihre Nasen abscheulicher Geruch aus. Ein chinesischer Gelehrter erzählte dem Briefschreiber, dieser Geruch sei für ihn so unangenehm und wirke so stark, daß er ihn röche, wenn ein Weißer in einem Zimmer gewesen wäre. Ja, der Geruch setze sich in seinen Kleidern fest, und käme er zu seinen chinesischen Freunden, dann sagten diese ihm: „Aha, Du bist wieder bei dem Fremden gewesen, wir riechen es." — Umgekehrt riecht aber auch der Weiße, ob vor ihm Chinesen in einem Zimmer gewesen waren, wofür Adolf E r m a n Beispiele anführte, der in Kiachta den chinesischen Landes- oder Nationalgeruch beobachtete. Dieses sind nur kurze Andeutungen aus einem reichen Hauptstück —, der Chinese aber behauptet, mit den Weißen ihres Geruches wegen nie auf besseren Fuß kommen zu können, und darin liegt die politische Seite der Sache. Ein Skandal in Vorkum Die „S t a a t s b ü r g e r-Z e i t u n g" vom 25. Juli veröffentlichte folgende erbauliche Schilderung aus Borkum. Sonnabend und Sonntag gab es in unserem judenreinen Bade gewaltige Aufregung. Bekanntlich wird allabendlich in den von der Badecapelle ausgeführten Concerten, die abwechselnd im Strandhotel und im Kaiserhof stattfinden, auf Verlangen des Publicums das Borkumlied gespielt und mit stets gleicher Begeisterung gesungen. Der Schluß des Liedes lautete: „Doch wer Dir naht mit platten Füßen, Mit Nasen krumm und Haaren kraus, Der soll nicht Deinen Strand genießen, Der muß hinaus! Der muß hinaus! Raus! Dieses Lied hatte es nun einem Königlichen Negierungsbaurath C. Hensel aus Hildesheim angethan. Dieser Herr verfaßte ein Peking-Lied, worin die Chinesen aufgefordert werden, die Deutschen zu massacriren. Ter Schluß dieses Pamphlets lautet: „Doch wer Dir naht mit blonden Haaren, Mit weißem Teint und blauem Aug', Der soll nicht Deinen Schutz erfahren, Dem schlitz' den Bauch! Dem schlitz' den Bauch!" Dieses Gedicht wurde gedruckt und am Sonnabend Abend in einigen Exemplaren durch einen Bädewärter im Concert verbreitet. Als man den Mann fassen wollte, war er verschwunden. Eine begreifliche Aufregung bemächttgte sich des Publicums, als der Text des Liedes bekannt wurde. Die Aufregung steigerte sich, als die Capelle sich weigerte, das Borkumlied zu spielen, angeblich, weil sie fürchtete, daß das Peking-Lied gesungen werden würde. Da also die Capelle nicht wollte, so wurde das Borkumlied ohne Musik gesungen, der letzte Vers wiederholt. Als die Capelle dann in ihrem Programm fortfahren wollte, wurde sie durch Pfeifen und Katzenmusik daran gehindert. Auch das nunmehr von der Capelle angestimmte Borkumlied wurde niedergeschrieen. In großer Aufregung ging man auseinander. Am folgenden Tage galt es vor Allem, den Verfasser des schmachvollen Chinesenliedes festzustellen. Der Badearzt Dr. Kok versammelte die Badewärter und ließ den Vertheiler des Liedes nennen. Nachdem dieser gefunden war, wurde den ganzen Tag über nach dem Herrn gefahndet, der den Auftrag zur Vertheilung gegeben hatte. Endlich, Abends 6 Uhr, wurde er, ruhig in seinem Zelte am Strand sitzend, angetroffen. Sofort sammelte sich eine größere Menge um das Zelt. Ein Knabe, der mit den Worten : „Ist es denn ein Jud?" in das Zelt hineinsah, erhielt er von dem Insassen cinen Schlag. Da sprang ein

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