Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-10 · 32 (10.8.1900) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
32 (10.8.1900)
Date
1900-08-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021364--10116-3034580
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 33 Dr« Bloch's WochrnMxrMc Sette 581 Landen und dann wohl auch mit ihrem bewährten historischen Sinn die entsprechenden Schlüsse gezogen, anstatt mit rückwärts gewandtem Seherauge die gemalten Andachtsbücher der Anna von Bretagne der heutigen Frauenwelt dringendst als Muster zur Nachahmung zu empfehlen. Unter den Schaaren der Vertriebenen, die in fremden Himmelsstrichen am Wegrand nächtigen und für welche fremde Mildthätigkeit das trockene Brot für einen Tag erbettelt, sind auch viele Frauen mit ihren Kindern. Wie beweglich weiß doch Carmen Sylva zu singen und zu sagen von dem unerschöpflichen Reichthum des Frauevherzens, von der allumfassenden, Alles opfernden Liebe dieses Herzens zu den Kindern. Diese vertriebenen Frauen, die freilich nicht immer nach dem empfohlenen historischen Muster die Kinder so zu stillen vermögen, wie es dem Ideale der hohen Denkerin entspricht, weil der von Noth und Kümmerniß abgezerrte Leib dem Säugling die Nahrung nicht mehr reichlich genug bietet, die haben freilich wenig historischen Sinn, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie in ihrer tiefen Bildungslosigkeit nicht das richtige Verstä idniß aufbringen für die idealen Gestalten der Penelope und der Bianca von Castilien. Von der gemeinen Noth der Stunde befangen, werden sie vielleicht unzart genug sein, zu fragen: „Haben Majestät jetzt wirklich keine anderen Sorgen, als die Miniaturen der Anna von Bretagne Hätte Carmen Sylva auf der hohen Warte ihres Königsschlosses erst Einkehr in sich und dann Umschau gehalten, dann wäre ihr vielleicht das schmerzliche Erstaunen nicht entgangen, das die Welt erfüllte ob der stillen, hoffnungslosen Tragödien, die sich in ihrer nächsten Nähe abspielen, und es hätten sich ihr Stimmen vernehmlich gemacht, vielleicht aus dem eigenen dichterisch empfindenden Herzen heraus, die laut und vernehmlich die Frage an sie richten, ob es nicht eine Aufgabe sei, würdig einer Frau auf dem Throne, da mildernd, helfend, tröstend einzugreifen. Da mit einem Male verblassen die Ideale. Alles werde für die Frau erobert, selbst der Sport, Alles — nur die Politik bleibe ihr verschlossen. So hoch sei keine Frau gefürstet, vaß sie eingreifen dürfte in das Getriebe der Politik. Gut, aber — ,st es denn lediglich Politik, um was es sich hier handelt, und ist es nicht auch eine Frage der Menschlichkeit, des Erbarmens?! Und da sollte es einer Frau auf dem Königsthrone nicht gegeben sein, zu helfen und zu trösten? Wahrlich, dann verlohnte es sich kaum noch Königin zu sein, es wäre denn, daß die eiumüthige Bewunderung des gesammten Hofstaates für die dichterische Production reichen Ersatz bietet für alles Andere. Carmen Sylva's Ideale liegen recht abseits vom Wege und sie lassen leider erkennen, daß dem königlichen Herzen die Zusammenhänge fehlen mit den Leiden und Nöthen und Bedürfnissen der Zeit. Carmen Sylva hat nicht zur Sache gesprochen, sie hat — gedichtet, und ihre Dichtung wird gepriesen, die königliche Dichterin bewundert werden. Wie die abgehärmten Frauen, deren einzige Hoffnung noch das unsichere Elend ist, sich über die literarischen Erfolge ihrer Königin und über die stattliche Reihe ihrer Ideale freuen werden! Begeistert senden sie ihr aus der Ferne den erhebenden Gruß: „O Königin, das Leben ist doch schön!" Balduin Groller. Vom Jahrmarkt des Lebens. Mädchenraub in Galizien. Wieliezka. 3. August. Das hiesige Bezirksgericht verhandelte gestern über das Ansuchen der 15jährigen Rochme Weiß, Tochter des Wieliczkaer Matrikenführers und Religionslehrers Marcus Weiß, um Entziehung der väterlichen Gewalt. Rochme Weiß hatte im August vorigen Jahres das elterliche Haus heimlich verlassen, sich in das Kloster der Felicianerinnen zu Krakau begeben und sich dort taufen lasten. — Protokollarisch hatte sie beim hiesigen Gerichte um Aberkennung der väterlichen Gewalt angesucht, und dies damit motivirt, daß ihr Vater sie mit einem Messer bedroht und beschimpft habe. In dem Protokolle hatte sie weiters angegeben, sie wolle nicht mehr nach Hause zurückkehren, sondern in der katholischen Religion, die sie als die einzige richtige anerkenne, verbleiben. Die Vertretung des Vaters bei der gestrigen Verhandlung hatte auf Ersuchen der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union der Krakauer Landes- und Gerichtsadvocat Herr Dr. R. Landau übernommen. Der Vater Marcus Weiß erklärte auf Befragen des Richters entschieden, er habe seine Tochter niemals mit einem Messer bedroht, noch beschimpft, er verzeihe ihr den Dieb st ah l, den sie beim Verlassen des Hauses an ihm verübt und den sie auch bei Gericht eiugestanden hatte; er verlange, daß sie in das elterliche Haus zurückkehre, mag sie auch fernerhin Christin bleiben. Die Mutter und Schwester des Mädchens bestätigen, daß Rochme weder bedroht noch beschimpft wurde. Die schwerkranke Mutter gab überdies an, sie und ihre Töchter hätten wiederholt um eine Zusammenkunft mit Rochme ersucht, seien aber stets von der Oberin abgewiesen worden. Zwei Schwestern und die Mutter deponirten ferner, daß sie einigemale heimlich, von der Oberin unbemerkt, mit Rochme durch das Gitter des Klosters gesprochen haben, wobei Rochme heftig weinte und sich bereit erklärte, zu den Eltern zurückzukehren, jedoch hinzufügte, daß man sie im Kloster gewaltsam daran hindere. Auf Grund dieser Aussagen stellte Dr. L a n d a u den Antrag, das Gericht möge die sofortige Herausnahme der Rochme Weiß aus dem Kloster und deren Uebergabe an den Vater verfügen. Dr. Landau verlangte ferner, für den Fall, als das Gericht noch weitere Erhebungen pflegen sollte, daß zur nächsten Verhandlung Rochme Weiß persönlich erscheine, da der Vater befürchte, daß sie nicht freiwillig handle, sondern unter dem Einfluffe fremder Personen stehe. Sie soll ihm, dem Vater, ins Gesicht sagen, daß sie thatsächlich nicht mehr zurückkehren wolle, da er diesbezüglich begründete Zweifel hege. Der Richter vertagte die Verhandlung mit dem Bemerken, daß er über diese, auch juristisch eingehend motivirten Anträge schriftlich entscheiden werde. Der Fall ist insoferne von principieller Tragweite, weil hier zum erstenmale zeugeneidlich festgestellt wurde, daß eines der im Kloster der Felicianerinnen zurückgehaltenen Mädchen nach Hause zurückkehren will, hieran jedoch von der Oberin des Klosters gehindert wird. Jehuda Tillinger. Unter der Ueberschrift:„Vor dem Polnaer Proc e s s e" veröffentlicht das Prager Realistenorgan „6as" folgende Mittheilungen: „Wie die Antisemiten insgeheim arbeiten, um ein sehr effectvolles Material, mit welchem sie für das Ritualmord-Märchen im Volke Stimmung machen könnten, vorzubereiten, dafür zeugt ein qui l>ro quo welches sich am 3. August in unserer Redaction ereignete. Es besuchte uns (in offenbarem Jrrthum) der Rabbiner Jehuda Tillinger ans Zablotow in Galizien, welcher zum Zwecke der Rabbinatsprüfmig in Wien Philosophie studirt hatte und dann in der Wohlthätigkeitsgemeinde zu Berlin als Rabbiner thätig war Er überwarf sich aber mit seiner Gemeinde und schied nach mancherlei Conflicten aus derselben. Aus seinen Beziehungen mit der genannten Berliner Religionsgemeinde verblieb ihm eine Reihe von Streitschriften, welche er uns insgesammt unterbreitete, wobei er sich als einen in seinen Rechten verkürzten und verfolgten Menschen hinstellte. Schließlich wurde er aus Berlin ausgewiesen. Nunmehr begannen sich dieses Rabbis (eines offenbar beklagenswerthen Menschen) die Antisemiten in ihrer Art zu bemächtigen. Sie fühlten heraus, daß er sich bei seinem geistig erregten Zustand sehr leicht für ihre Zwecke ausnützen lasse. Alsbald schenkten die Redactionen reichsdeutscher antisemitischer Blätter ihm ihre Beachtung, und zwar die „Staatsbürger-Zeitung", (welche Heuer den Konitzer Ritualmord ersonnen hatte) und der „Deutsche General-Anzeiger", welche ihm Enipfehlungen nach Oesterreich gaben, darunter an Ernst V e r g a n i. In Prag kam Herr Tillinger mit dem bekannten Verfechter des Ritualmordmärchens Eanonicus Dr. Rohling zusammen, welcher ihm an Eanonicus Z s ch o k k e, gewesenen Universitätsprofessor und Hofrath im Ministerium für Cultus und Unterricht, sowie an Pfarrer Josef D e ck e r t in Wieu-Weinhans Empfehlungen gab, in denen Rohling ihn als eine in orientalischen Sachen sehr gewandte Arbeitskraft bezeichnet und darauf aufmerksam macht, daß Herr Tillinger zur katholischen Kirche überzutreten beabsichtigt und daß er der antisemitischen Sache sehr gute D i e n st e l e i st e n könne. Uns - fährt der ,,Cas“ fort - setzte Herr Tillinger auseinander, daß er „v i e l m e h r a l s R o h l i n g wisse". Nach seinem Uebertritte zur katholischen Kirche wolle er sich dem geistlichen Stande widmen. Inzwischen soll er Mitarbeiter des Verganischen „Deutsches Volksblatt" werden, für welches er schon von Berlin aus zu schreiben pflegte. Außerdem soll er Wiener Korrespondent der genannten zwei reichsdeutschen antisemitischen Journale werden. Seine Beziehungen zu Rohling und zu den antisemitischen Blättern, welche sonst für die Juden und die Rabbiner nichts anderes als Hohn haben, lassen sich leicht erklären. Herr Tillinger glaubt an den Ritualmord und schützt Beweise für denselben vor; am 1. Juli veröffentlichte er in dem antisemitischen „Deutschen General-Anzeiger" einen Artikel: „Der Talmud und der Ritualmord"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.