Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Date
- 1900-08-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 680 Nr. 32 Vr. Bloch's Wochenschrift. waren, die den Juden den Aufenthalt im Lande, in dem sich die Gräber ihrer Eltern befinden, unmöglich machten; man muß fich den Schmerz vor Augen halten, mit dem sie sich von dem Boden losrissen, den sie trotz seiner Undankbarkeit liebten und für den sie jedes Opfer an Gut und Blut gebracht hatten, man muß der Mühen und Entbehrungen gevenken, die sie auf sich genommen hatten, um aus einer moralisch und Physisch angefaulten Umgebung in eine reinere Luft zu gelangen, um sich vergegenwärtigen zu können, welche „Wohlthat" ihnen mit der Repatriirung erwiesen wird! Durch Hunger und Erwerbslosigkeit — die nicht eine Folge ihrer eigenen Unthätigkeit, sondern ein Product der gegen sie betriebenen Agitationen sind — aus dem Lande gejagt, kehren sie wieder zum Hunger und zur Hoffnungslosigkeit zurück. Hat sich denn in Rumänien seit ihrem Auszuge etwas geändert? Sind die Menschen anders geworden? Sind die barbarischen Gesetze beseitigt? Nichts von alledem. Nur ein neuer Minister ist gekommen, der seine Reputation vor Europa wahren möchte und deshalb zeitweise mildere Formen gelten läßt, die Sache aber nicht ändert. Solange nicht Rumänien eine moderne Gesetzgebung einführt, solange es nicht sein Barbarenthum ablegt, solange es nicht seiner Vertragspflichten nachkommt, ist und bleibt es ein Land der Knechtschaft, ein europäisches China, es steht tiefer als Egypten der jetzigen Zeit und gleicht nur dem Mizrajim des Alterthums. Emem solchen Lande, einem solchen Volke gegenüber ist nur entschiedene Ablehnung, jedenfalls aber Mißtrauen am Platze. N A. Wiener. Die Ideale einer Königin. Aus dem „Neuen Pester Journal". Carmen Sylva, die Dichterin auf dem Throne, hat wieder einmal ihr Herz sprechen lassen. Die Redaction der „Revue des Revues" hatte an hervorragende Persönlichkeiten, Damen wie Herren, die Rundfrage erlassen, ob es für die Frauen angemessen und nützlich sei, sich den modernen Sports zu widmen. Den Reigen eröffnete Carmen Sylva. Sir billigt für die Frau alle Sports unserer Zeit, allerdings mit einigen Vorbehalten. Die Frau soll nur so anmuthig und rührend bleiben wie Sakuntala, so mildthätig sein wie die heilige Genoveva, so Musik üben wie die heilige Cäcilie, massenhaft Kinder stillen, spinnen, weben, Andachtsbücher malen, sticken wie erlauchte Fürstinnen der Vorzeit; sie soll Verwundete pflegen wie eine berühmte Specialistin und Verse dichten wie Margarethe von Navarra oder die unglückliche Kaiserin-Königin Elisabeth. Wäre ich ein rumänischer Höfling, so würde ich es wahrscheinlich als meine ernste Pflicht betrachten, diese Aeußerungen der dichtenden Königin auswendig zu lernen und sie als die Kundgebung eines erleuchteten Geistes und eines hochgemutheu, tieffühlenden, begeisterten Herzens zu preisen. Ich weiß nicht, wie ich mtt dieser Pflicht fertig würde; denn leicht ist sie nicht. So aber — ich habe nie Glück im Leben gehabt, bin also auch kein rumänischer Höfling geworden — fühle ich mich nicht im mindesten beschwert, wenn ich gestehe, daß ich selten etwas Abgeschmackteres gelesen habe. Sachlich sind die Bemerkungen der hohen Dichterin nämlich ganz werthlos, und wenn sie ein Gedicht in Prosa vorstellen sollen, so ist's eben ein schlechtes Gedicht. Es liegt nicht in meiner Absicht, zum Kernpunkt der gestellten Frage selbst vorzudringen. Das würde uns zu weit führen und brächte mich um das seltene Vergnügen, mich mit einer geistigen Kundgebung der hohen Verfasserin zu beschäftigen. Carmen Sylva hat ja sonst ein gutes Leben. Man lebt nicht schlecht als Königin, und als Dichterin geht es ihr besonderes gut. Wenn eine Königin ins Dichten geht, da kann sie gedicht t haben, wie sie will und wie sie kann, die Ruhmespauken dröhnen deshalb doch und die Posaunen schmettern es doch in die Lüfte, das hohe Lied von ihrem Genie. Das ist ein Leben! Da darf doch wohl einmal ein aphoristischer Beitrag ein wenig angenagelt werden, und geschähe es auch so, daß er dann kaum noch gut an den Spiegel zu stecken wäre. Merken Sie sich's, meine Damen der neuen Zeit; Sie haben da die schönsten Weisungen mit auf den Lebensweg erhalten. Nichts kann einfacher sein. Sie brauchen nur anmuthig und rührend zu sein wie Sakuntala, Sie müssen nur erfolgreiche Concurrenz machen der heiligen Genoveva und der heiligen Cäcilie, Sie müssen sich nur immer Penelope und eine Tochter eines Dacierkönigs vor Augen halten, Verse dichten wie eine unglückliche Fürstin, die in ihrem ganzen Leben überhaupt nur zwei, drei Gedichte gemacht, sich aber wohl niemals selbst als Dichterin und Schwester in Apoll von Carmen Sylva betrachtet hat. Und wenn Sie all diesen sinnigen Anforderungen Genüge geleistet haben, dann können Sie getrost radfahren, schwimmen oder Tennis spielen. Allerdings Eines müssen Sie dabei doch beachten, daß Sie nämlich mit all Ihren Vollkommenheiten Ihre ritterlichen Cavaliere und Hofmacher nicht erschlagen, die ja gewissermaßen und bis zu einem gewissen Grade doch auch notwendig sind für unsere schöne Gesellschaftsordnung. Der königliche Geist hat Alles überdacht und das königliche Herz hat Raum für ein Meer von Gefühlen! An demselben Tage, an welchem der königliche Geistesblitz die staunende Welt erleuchtete, beschäftigte eine andere Kundgebung die Oeffentlichkeit. Sie begann mit den Worten: „Ein Nothschrei von mehr als zweimalhunderttausend in namenloses Unglück gerathener Juden dringt aus Rumänien in die Welt hinaus/ Man hat die Bezeichnung „Fremdlinge" für sie erfunden, und unter diesem Rechtstitel hat man ihnen die bürgerlichen Rechte entzogen, den Zugang zu den Bildungs- und Unterrichtsanstalten verschlossen, den Erwerb unterbunden, die Fristung des armseligsten Lebens unmöglich gemacht. Tausende von Männern, die arbeitsfähig und Willens zu arbeiten sind, müssen darben, hungern, und was noch schlimmer, noch grausamer ist, müssen Weib und Kind hungern, dahinsiechen sehen in Noth und Elend, und warum? Weil sie „Fremdlinge" sind, weil sie das Verbrechen begangen haben, von jüdischen und nicht von rumänischen Eltern abzustammen. Gewiß, ein unverzeihliches Verbrechen und würdig der strengsten Strafe! Aber, königliche Dichterin, die Sie auch königliche Philosophin sind, ist Ihnen niemals der Gedanke aufgetaucht, Schlüsse nach Analogien zu ziehen? Wenn die ehernen Tafeln der Weltgeschichte recht berichten — und es ist das Vorrecht der Königinnen, daß diese Tafeln öon ihnen berichten —, dann stand ja auch Ihr Ahnenschloß und Ihre Wiege nicht auf dem geheiligten rumänischen Boden. Sie sind eine deutsche Fürstin und auch Sie sind von Haus aus eine Fremde in Ihrem Königreich, und ein Fremder in diesem Sinne ist auch der König, Ihr erlauchter Gemahl. Und nun werden zweimalhunderttausend Menschen dem furchtbaren Elend preisgegeben, blos weil sie Fremde sind, und Ihre königliche Poesie und Ihre königliche Philosophie, die strahlende Feuergarben werfen, wenn die Frage des Damensports aufgeworfen wird, sie wissen sich kein Gedicht und keine weise Sentenz abzuringen, um in flammender Empörung ein himmelschreiendes Unrecht als solches zu brandmarken, wenn es schon die Macht der königlichen Dichterin übersteigen sollte, es zu verhüten. Ein Herz, das sich so für Sakuntala und die Tochter des Dacierkönigs Decebal zu begeistern vermag, sollte fühllos bleiben können angesichts der Thränenfluth, die sich hebt bis an die Stufen des Thrones, fühllos für all das namenlose Unglück, das nicht in historischen Fernen verdämmert, sondern räumlich und zeitlich in erschreckender, betäubender Nähe ist?! Von ihrem heimischen Boden vertrieben — denn diese Unglücklichen haben auf der weiten Welt auch nicht ein Fußbreit anderes Stückchen Landes, das ihr heimischer Boden wäre —, strömen sie in Schaaren.über die Grenzen Ihres Reiches hinaus. Sie wandern vom sicheren Elend ins unsichere, und diese Hoffnung ist ihr Gepäck und ihr Reichthum. Die Welt hat dem hohläugigen Elend ins Antlitz geblickt. In Budapest, in Wien, in Hamburg, auf allen ihren Leidensstationen hat man sie gesehen, die „Fremden", die in die Fremde getrieben wurden. Das könnte sogar ein hübsches Epigramm geben, da sie Fremde sind, ist die Fremde ihre Heimat. Wie edelmüthig sind wir doch, daß wir den Heimatlosen eine Heimat geben! Das wäre in der That Stoff zu einem Epigramm, und kein Zweifel, königliche Dichterin, es würden sich schon Höflinge finden, die auch dieses Gedicht auswendig lernen und es für köstlich finden würden. Aber die Dichterin und Denkerin auf dem Throne steht wohl hoch genug, um. auch über die gebückten Höflinge hinweg einen Blick in die Welt werfen zu können. Versunken in die Träume über ihre Ideale, hat sie das vielleicht nur unabsichtlich versäumt. Hätte sie von ihrer hohen Zinne ausgelugt. und hinaüsgehorcht, dann wären ihr die Erscheinungen und die Stimmen der Zeit nicht verborgen geblieben. Sie hätte bei einiger Selbstbestimmung vielleicht einen Blick gewonnen für das Unglück in ihren