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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-10 · 32 (10.8.1900) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
32 (10.8.1900)
Date
1900-08-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32 Dr. Bloch's Wochenfchrifr. Seite 579 Untersuchung, jeden ferneren Schuldbeweis überflüssig; sogar von der Folter wurde in diesem Falle, trotzdem die Juden leugneten, Abstand genommen, und „es worden die sieben Juden Moises, Samson, Salomon, Chryson, Jacob, Selmelin hinaus geführet, geradbrecht und nah bei dem aller, wo sie das Kind gestolen, jedweder uff ein rad gesetzet, und also der unmenschliche boßhastige mordt dieser verräterischen buben mit aller welt frolocken gestrafet und gerochen/ 1285 trug sich in München Folgendes zu*): Ein beim Stehlen eines Kindes vom Vater desselben ertapptes Weib, bezichtete auf der Folter 'die Juden. Trotzdem die städtischen Behörden und der Fürst mit dem Vollgewichte ihrer Autorität jeden Angriff auf die Juden verbieten, treibt das Volk, „ohne Gerichtsverfahren oder Urtheilsspruch abzuwarten", die Juden in ihre Synagoge, legt Feuer an dieselbe und verbrennt sie mit den in den oberen Tbeil geflüchteten 180 Juden. Den Tag der Unthat, 12. Marcheschwan, gleich 12. October, nennen die Memorbücher, welche auch einen Theil der Namen der Ermordeten überliefern. * * * Di: vorstehenden historischen Reminiscenzen, die auch heute noch ieicn fühlenden Menschen das Herz in Mitleid erbeben machen, geben eine seltsame Jllustrirung zu dem vielerörterten Worte des deutschen Kaisers, der mit Hinblick auf die chinesischen Greuel ausrief: „An ihnen kann man ersehen, wohin eine Cultur kommt, die nicht auf dem Boden des — Christenthums aufgebaut ist." Zu allen Zeiten begegnen wir dem traurigen, die Menschheit schändenden Schauspiele, wie angeblich im Namen der Religionen die schändlichsten Miffethaten verübt werden, und trotz des vielgepriesenen Fortschrittes der Culturvölker sehen wir, wie heute noch dem mittelalterlichsten Fanatismus Opfer gebracht werden. Die Vorwände, unter denen Menschen in den Tod getrieben werden, änderten sich allerdings im Laufe der Zeiten. So dursten die armen Juden, die einst in Ueberlingen, Weißenburg, München — und wie all die vielen mit Blut beschriebenen deutschen Städtenamen heißen — ihre Seele aushauchten, sich sagen, daß sie für ihr Heiligstes, für ihre religiöse Ueberzeugung, Gewissensfreiheit, für den Kiddusch haschem starben; die armen Deutschen, die in China eigentlich Opfer Kiantschau's sind, fallen, streng genommen, als Märtyrer für die deutsche — Handelsbilanz, deutsche Eroberungslust. Hie Kiantschau — hie Kiddusch haschem. Die RepÄlrtirung der rumänischen Inden. „Den Bemühungen der österreichisch-ungarischen Regierung bei der rumänischen Regierung ist es gelungen, die letztere zur Wiederaufnahme der aus dem Lande gezogenen Juden zu bewegen". Ist das nicht eine humanitäre civilisatorische That? Hat da nicht die eine, wie die andere Regierung erwiesen, daß sie, erfüllt von der hohen Mission, das Wohl der Völker zu sichern, sich der Armen mit aufrichtigem Herzen angenommen, den Heimatlosen eine Heimat wiedergegeben hat, den Obdachlosen einen sichern Schutz, den Hungernden die erforderliche Nahrung, den Erwerblosen die sichere Beschäftigung, den Entrechteten die Anerkennung ihrer Gleichberechtigung? Wer wagt es etwa noch, daran zu zweifeln, daß Oesterreich- Ungarn nicht menschlich für die armen Auswanderer gesorgt hat, die es nicht zwischen Amerika und Rumänien in der Luft schweben ließ, weil es ihnen ja doch den Aufenthalt und die Ansiedlung nicht bewilligen wollte, und wer hält nicht jetzt Rumänien für einen hocheivilisirten Staat, da es doch die Vertriebenen Mit offenen Armen wieder aufnimmt und an sein Herz drückt? Wir beneiden aber trotzdem weder die Staatsmänner um den Ruhm, den sie sich erworben zu haben glauben, noch die *) Herm. v. Altaich (vgl. über ihn Lorenz 1. e. I, 176 ff.) Mon. Germ. Hist, Script, XVII., 4, 5; vgl. Aretin; Gesch. d. Juden in Bayern S. 18; Taußig, Gesch. d. I. i. B. S.43; Riegler, Gesch. Bayerns II., 193. - rückkehrenden Auswanderer um das Glück, das ihrer harrt; ja, wir erkühnen uns sogar zu der Behauptung, daß es eigentlich eine unmenschliche That war, diese Auswanderer, die sich bereits an der Schwelle der Freiheit sahen, in das alte Elend, in die alte Knechtschaft zurückzustoßen, und wir sind auch nicht einen Augenblick lang im Unklaren darüber, daß es durchaus nicht Grundsätze der Humanität waren, von denen die Regierungen hüben und drüben bei der Repatriirung der rumänischen Juden geleitet waren. Der österreichisch - ungarischen Regierung waren diese jammervollen Flüchtlinge doppelt unbequem geworden. Bon Rumänien aus wurde darauf hingewiesen, daß diese Juden oder ihre Eltern früher angeblich in Ungarn oder Galizien gewohnt haben, und, da sie des rumänischen Staatsbürgerrechtes trotz vieljährigen Aufenthaltes und Erfüllung aller Bürgerpflichten in Rumänien nicht theilhaftig geworden sind, eigentlich Untertanen derjenigen Staaten wären, aus denen sie oder ihre Eltern stammten. Es scheint, als ob sich die diesseitigen Regierungen diese Fiction zu eigen gemacht hätten, wie ja bekanntlich die Regierungen gern zu Fictionen ihre Zuflucht nehmen, wenn sie vor Verlegenheiten sich befinden, deren fie nicht Herr werden können. Auf Grund dieser Fiction konnten sie natürlich für ihre Unterthanen bei der befreundeten Regierung interveniren und das Recht geltend machen, daß ihnen der Aufenthalt auf Grund der Verträge nicht verwehrt werden dürfe. Wir würden uns diese Fiction auch gefallen lassen, wenn man die volle Consequenz aus derselben zöge, wenn diese Juden dann in Rumänien durchaus als Oesterreicher und Ungarn behandelt, das volle Recht der Angehörigen dieser Monarchie, den vollen Schutz unserer Vertreter genießen, von den rumänischen Lasten gänzlich befreit werden würden. Wenn aber diese Fiction sofort wieder aufhört, sobald die Juden die rumänische Grenze überschritten haben und in das alte Joch wieder eingespannt werden, dann ist diese Fiction eine Unmenschlichkeit. Warum man dennoch zu derselben griff, liegt offen zutage. Das Land der „confeffionellen Gleichberechtigung" par excellence, Ungarn, hatte Furcht, daß die tausend aus Rumänien auswandernden Juden die Zahl seiner Juden vermehren würden, und die zwanzig Millionen „freien" Ungarn trugen Bedenken, ihre Freiheit auch noch einigen tausend rumänischen Juden zutheil werden zu lassen. Die halbe Million ungarischer Juden sah aber in den rumänischen Juden Concurrenten und sammelte lieber hunderttausend Kronen für die Repatriirung, als daß fie dafür Sorge getragen hätte, in diesem ohnehin nicht allzudicht bevölkerten Lande noch einigen tausend Glaubensgenoffen Zuflucht und Erwerb zu verschaffen. Repatriiren wir fie, dann sind wir sie los — das war die Losung. Und bei uns in Oesterreich? In einem Staate, wo man den „Schußgeld-Schneider" als „menschlich" feiert, wo man Obligationendiebe zu Ehrenbürgern macht, wo man einen Paragraphen des Strafgesetzes dem Antisemitismus zuliebe unbeachtet läßt, da konnte man doch es sich nicht gefallen laffen, daß an der Reichsbrücke in der Residenz einige hundert Jammergestalten darauf warten, bis das Geld aufgebracht ist, das fie in ein Land der Freiheit befördert! Nach Rumänien mit ihnen! Die rumänische Regierung konnte so menschenfreundlichem Anfinnen gegenüber natürlich nicht Nein sagen. Sie. muß ja vor Europa zeigen, daß sie den reuig Wiederkehrenden ihre Arme öffnet und sie kann, da sie uun einmal die Fiction angewendet hat, diese Juden seien keine Rumänen, nicht die mit den Nachbarstaaten geschlossenen Verträge willkürlich verleugnen — also kommt nur, Ihr Juden! Läßt sich Europa durch diese Milde und Menschlichkeit irreführen, so bekommt Rumänien vielleicht doch wieder Credit, da es sich ja jetzt als ein civilisirter und nicht als ein Barbarenstaat erweist. So hat denn der eine Staat wie der andere seine Zwecke erreicht. Der eine ist der ihm unbequem gewordenen Juden ledig und der andere sieht seine Hoffnung auf neue Anlehen gestärkt und verliert nicht einmal etwas dabei, daß er die Juden, die ihm den Rücken kehren wollten, im Lande wieder verkommen läßt, wie ehedem. Was die Repatriirung heißt, das wissen die armen Juden am besten, deren Hoffnung nach Egypten, in das gelobte Land zu kommen, so arg getäuscht worden ist, die sich wieder zurückgestoßen sehen in das Land der Bedrückung, des Unrechts, der Gewalttätigkeiten, des Hungers und der Erwerbslosigkeit. Man muß sich nur vergegenwärtigen, daß es unerträgliche Zustände

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