Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Date
- 1900-08-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Lette b?ä Dr. Ol-.7rs?e Wochensli^rK. Nr. 82 „Im Jahre 1331 wurde ein abscheuliches Verbrechen in Ueberlingen von den Juden verübt. Ein Knabe nämlich, der dort von seinen Eltern einige Tage mit dem größten Schmerz vermißt worden, wurde endlich in einen Brunnen geworfen gefunden. Er wurde in die Stadt geb acht und von den Eltern erkannt. Indem sie aber durch bestimmte V er mnthungenundklareBeweise, nämlich durch Ein sch ui tle in die Eingeweide und Adern merkten, daß er von den Juden getödtet worden, fingen sie, über ihren Kaaben sehr aufgeregt, durch die Straßen der Stadt an, gewaltig zu rufen und wünschten, die Bürger zur Rächung ihres Sohnes anreizen zu können. Diese erkannten ebenfalls die Wahrheit der Sache an dem neuen Fließen der Wunden, als er vor die Häuser der Juden getragen wurde, und knirschten, ohne dm Kaiser Ludwig zu befragen und ohne auf dasUrthei l seines Reichsvogts zu achten, das auf Nachsicht gegen die Judm ieß Geldes wegen zielte, weil er ihrer zu schonen, nicht sie zu strafm geneigt war, in einem auf der Stelle entstandenen Volkslärm gegen die Judm und besannen sich, wie sie dieselben sch i ck l i ch mndrächtm, so daß die Stadt unbeschädigt verbliebe. Als sie eben durch so viele und so große Zeichen und Beweise sahen, die Juden seien schuldig, konnten sie sich von dem verdienten Morde derselben nichtzurückhalten. Damit aber alle eine Strafe des Todes erreiche und Keiner entfliehe, überredeten sie dieselben, wie wenn sie ihnen einen heilsamen Rath gäben, -sie möchten bei einem hohen steinernm Hause zusammenkommen. Als sie dies gethan, wurden sie in dem oberen Theile des Hauses festgefangen und eingeschlossen und unten auf dem Pflasterboden des Hauses ein voller Holzstoß angezündet, der von Grad zu Grad der Gluth Steigerung annahm und, auf wunderbare Weise überhandnehmend, sie in die obersten Theile des Hauses zu fliehen und einige Männer auf das Dach zu steigen zwang. Zuletzt verzehrte das Feuer, das immer mehr anwuchs und das ganze Haus in eine Flamme verwandelte, Alle, indeß sie eium Gesang ertönen ließen, und äscherte sie völlig ein. Einige jedoch, die auf dem Dache standen und merkten, daß ihnen der Tod nahe komme, warfen ihre gezogenen Messer, Schwerter, Balken, Steine, Spieße und was ihre Hände finden konnten, auf die gewiffermaßen endlose Volksschaar hinab, die um das Haus herum ihrem Untergang zuschaute. Und sie konnten, was wunderbar lautet, Niemanden verletzen. Außerdem warfen sich einige, welche die Qual des Feuers spürten, aus den Fenstern und vom Dache auf die Schaar der Gläubigen herab. Sie wurden hurtig mit Beilm verstümmelt und zerhauen und mit Schwertern und Lanzen durchbohrt, einige bis zur Verschüttung des Gehirns zerschlagen; einer, der sich in einem Privathause versteckt hatte und von einem gläubigen Mann zufällig geftmden worden, wurde wie ein zur Schlachtbank geführter Stier mit dem Beil todtgeschlagen Der Juden, welche daselbst durch das Feuer eingeäschert oder sonst umgekommen und in das Feuer gestoßen worden sind, waren, wie man sagt, mehr als dreihundert. Noch mehr Zeichen außer den genannten von der Unschuld des Knaben und. der Bosheit der Juden kame.l dort zum Vorschein. Denn als das Haus mitten im Feuer stand, wurde es allein, während die vielen, umliegenden, anstoßenden Häuser unverletzt und unversehrt blieben, in einer Pyramidengestalt verzehrt. Es wird weiter erzählt, daß, als jene Schandthat einem freilich nur dem Namen, nicht der That nach christlichen Knecht der Juden öffentlich von vielen aufgebürdet wurde, — -er war nämlich Hüter und Wächter ihres Gottesackers — antwortete er: „Wenn ich Erstens Schuld am Blute dieses Knaben.biu, so soll mich der Teufel diese Nacht erwürgen." Das geschah auch buchstäblich, weil er in derselben Nacht vom Teufel erdroffett dalag; er war eben von den Juden erkauft worden, den von. ihnen getödteten Knaben zu verbergen. Deshalb hätte er ihn in den vorbenannten, vorher nicht sehr besuchten Brunnen hingetragen und abgelegt Md des Brunnens Oeffnung oben mit Lehm-und.Sand überdeckt. Ferner leuchtete der Knabe »ach dem Tode in vielen Wundern hervor; denn viele Kranke, die ihn im Gebet feierten und sich mit dem Wasser des Brunnems abwuschen, genoffen die Wohlthat der Gesundwerdung." Braucht dieser Darstellung des Barfüßermönchs aus Wlnterthur ein Wort hinzugefügt zu werden? Sehr zutreffend bemerkt Roth von Schreckenstein (Zeitschrift für die Geschichte des ' Oberrheins. XXIV. S. 259): „Die Erzählung läßt an Deutlichkeit' Nichts zu wünschen übrig und. gewährt uns einen k.aren Einblick in ein durch Haß, Aberglauben, Fanatismus und ohne ZweW aüch durch Habgier veranlaßtes, planmäßig gel-isteteS Verbrechen". Es lag auch nicht der Schimmer eines Beweises 'für 'die Schuld der Juden vor, ja, es wurde gär nicht erst darnach gesucht: „Die Einschnitte in die Eingeweide und die Adern" galten als „sichere Beweise", welche dann durch das Neufließen -er Wunden beim Borbeittagen der Leiche an den Judeuhausern ihre Bestätigung fanden. Indessen trauten die Uederliuger selbst der Ueberzeugungskrast dieser „untrüglichen Zeugnisse" so wenig, daß sie die gerichtliche Untersuchung nicht abwarteten, sondern sich beeilten, den berufenen Justizfactoren' dem kaiserlichen Reichsvogt und dem städtischen Rathscollegium zuvorzukommen, in der ausgesprochenen Befürchtung, daß dieselben zu einer Freisprechung gelangen würden, das heißt nach Lage der Dinge dazu gelangen mußten. Konnte ja für d e unbefangene Prüfung über den wahren Schuldigen {'in Z neu l sein! Denn es liegt klar am Tage, daß jener christliche F.leoyos-- wächter, den der leibhaftige Satan geholt haben soll, durch Selbstmord sich der Strafe entzogen hat, weil ihm angesichts der erdrückenden Beweise seiner Täterschaft, derer er ja auch „öffentlich von Bielen" geziehen wurde, die Berurtheilung gewiß war. Für seine Unthat büßten über dreihundert Juden, gegen welche bluthungrige Raserei mit Feuer und Schwert scheußlich wüthete; als verkohlte, verstümmelte Leichen moderte unter den Trümmern ihrer Synagoge der größte Theil der blühenden Gemeinde, während die Sieger sich an den „vielen Wundern", in denen der „gut' Ulrich" — so hieß der angeblich von den Juden ermordete Knabe — „leuchtete", ergötzten. Indessen sollten sie nicht lange sich ihres Sieges freuen. Denn Kaiser Ludwig (der Beier) „brandschatzte die Stadt und befahl, daß die Stadtmauer in der Länge von vielen Ellen abgebrochen werde," so erzählt Johann von Winterthur am Schluffe seines Berichts. Nicht einmal der volle Besitz der erjagten Beute, auf welche ihre Habgier es doch in erster Linie abgesehen hatte, blieb den Ueberlingern gegönnt, denn der Kaiser bestimmte, daß sie wegen der Hinterlassenschaft der umgekommenen Juden sich mit den Ueberlebenden zu einigen, also einen Theil herauszugeben hätten. Wir erinnern ferner an die Tragödien des 4. Juli (13. Thamus) 1270 in Weißenburg (Elsaß), der sieben Juden zum Opfer fielen. Der siebenjährige Heinrich Menger war an einem Sonntage, Peter und Paul, von seinem Vater allein auf einem Acker bei der Stadt gelassen worden, eine doppelte Unvorsichtigkeit, da das siebenjährige Kind wenige Tage zuvor geklagt hatte: „Ach, Vater, ich wollt' ich war' nie geboren; in kurzer Zeit wird mir dieser Acker mein Leben nehmen." Als der Vater zurückkehrte, war der Knabe verschwunden. Trotzdem wenige Stunden später von badenden Altersgenossen die Mütze des Vermißten am Ufer der Lauter/ welche an jenem Acker vorbeifließt, gefunden wurde, untersuchte man nicht, ob das Kind vielleicht ins Wasser gefallen war, sondern „murmelte sofort sehr stark über die Juden", welche die Mutter dann geradezu des Mordes beschuldigte. Zunächst gelang es den Richtern noch, das Volk, das sich auf die Juden stürzen wollte, zu beschwichtigen. Am Dienstag wurde die arg verstümmelte Leiche in der Lauter, in der Nähe einer Mühle, bei der Stelle, wo die Mütze gelegen hatte, aufgefunden. Die Feststellung, ob das Kind zwischen die Räder der Mühle gekommen war und die Wunden davon herrührten, unterblieb. Kaum war der Tobte in die Stadt getragen, als d i e Wunden neu zu bluten begannen. Angesichts dieses „Wunders" war kein Zweifel mehr, daß die Juden die Thäter seien, und, vom tobenden Volke gedrängt, nahmen die Richter dieselben gefangen, erstatteten aber zugleich Bericht an den Grafen Emicho von L e i n i n g e n und an den Erzbischof Heinrich von Speyer. Ecsterer kam sofort nach Weißenburg, suchte für die Juden zu vermitteln und verschob den Urtheilsspruch auf den folg nden Freitag. Unzufrieden mit diesem Verhalten der Behörden, welches bewies, daß sie an die Schuld der Juden, für welche ja auch nicht der Schimmer eines Verdachtsmomentes festgestellt war, nicht glaubten, stürmte der Pöbel das Gefängniß, „um die Juden zu zerhauen"; die besonneneren Bürger stellten sich den Rasenden entgegen, es kam zum Sttaßenkampf, aber erst nachdem die Richter, um ferneres Blutvergießen zu verhüten, geschworen hatten, daß „die Juden des mordts nit messen würden", fand sich das Volk bereit, den Richtsspruch des Grafen abzuwarten. Unterdessen bluteten d i e W u n d e n der Leiche noch immer, und dieses fortgesetzte „Wunder" war für die Klosterherren Grund genug, den „Märtyrer" in den Münster zu tragen, Vigilien zu singen und alle Glocken zu läuten. Als der Gerichtstag kam und die Leiche „vor dem graffen und den Thätern lag, fing das Kind wie zuvor wieder an zu bluten, darob sich menniglich auch der Graf entsatzte." Und dieses „Entsätzen" war doppelt begreiflich, da die Ankläger behaupteten, daß die Juden dem Kinde den Kopf abgeschlagen, es an den Beinen aufgehängt und „alle Adern ersucht hatten, damit das Geblüt alles, dessen "sie b e g e r t e n, von i m e b r e ch e n. Dieses erhöhte „Wunder", daß eine völlig - blutentleerte Leiche vier Tage nach dem angeblichen Morde Blut von sich gab, machte jede weitere.