Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Date
- 1900-08-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 32 Ol*a BlOOffS tatet*** XVII. Centralorgan für die grsammten Interessen des Iudenthums. Sk—-- X \ B. K. Pvfispsrratzrn-Amr 'Clearingverkehr Nr. 810.976. Kedaction und AdminISralion: Wien II., Ankere NuaarkenTkr. 1a. Telephon - Nr. 14,847 k ■ ■ ■ -=====m Wien, 10. August 1900 Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, II., Untere Augartenstcoße 1 a, Telegramm-Adresse: Block;'? Wochenschrift. Wien. W ..» I V«rug»prri» für Srstrrrrtch: Halbjährig S Kronen. I Einzelexemplare SO Heller ISit’g MuNlsuS: Halbjährig 10 Kronen. Banzjährig 20 » Anzeigen: Die 4mal gespaltene PeMzeile 24 Hellere X - --=» Inhalt. Leitartikel: Peking—Ue-erlingeu—Weißenburg—Müncherk. — Die Repatriirung der rumänischen Juden. — Die Ideale einer Königin. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Mädchenraub in Galizien. Jehuda Tillinger. Die Geruchsnerven des Hasses. Ein Scandal in Borkum. — Stimmungsbilder aus Könitz. — Correspondenzen: Wien, Eine Warnung für die rumänischen Auswanderer, Marienbader Plaudereien, Tabor, Nimburg, Czernowitz, München, Rom, Amsterdam, Paris, Petersburg Warschau, Odessa, Jerusalem, Safed, Machnajim. — Vermischtes: Wien, Floridsdorf, Lundenburg. Göding, Budin a. d. Eger Welka, Prag, Znaim, Trebitsch, Essegg, Malaczka, Emden, Bad Reichenhall, Berlin. — Feuilleton: Jozes Israels und der Thoraschreiber. Michael. — Literatur. — Brieflasten. — Inserate. Peking. Neberlingen. Weitzenburg. München. Im Namen der Gesittung wird die deutsche Armada nach Ostasien entsendet. Sie soll dem Rechten zu seinem Rechte verhelfen, soll das heilige Gesetz des Gastes und der Gesandten schützen und aller Welt zeigen, daß man nicht ohne die schwerste Ahndung daran rütteln dürfe. Sie soll den Söhnen des himmlischen Reiches die Ueberlegenheit des Abendlandes unzweideutig demonstriren, soll der Cultur eine Gasse bahnen, so breit und wohlgepflastert, daß sie nimmermehr verrammelt werden kann, soll, wie der deutsche Kaiser in seiner jüngsten merkwürdigen Ansprache betonte, die Ueberlegenheit der milden christlichen Lehre über das unbarmherzige Heidenthum in der unzweifelhaftesten Weise erläutern. Bremerhavener und Geestemünder Localblätter geben die entscheidende Stelle jener Rede also wieder: »Ihr könnt daraus ersehen, wohin eine Cultur kommt, die nicht auf dem Boden des Ehristenthums aufgebaut i st; jede heidnische Cultur, mag sie noch so schön und herrlich sein, wird bei der ersten Kraftprobe erliegen! Kommt Ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen; Gefangene werden nicht gemacht! Wer Euch in die Hände fällt, sei Euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem Könige Etzel sich einen Namen gemacht, der sie auch j'.tzt in Ueberlieferung und in Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf tausend Jahre durch Euch in einer Weise bethätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen." So rief er Erinnerungen wach, die mehr als ein Jahrtausend hinter uns liegen. Das Bild des blutigen Etzel, des Hunnenkönigs, beschwor er, dem der Sage nach vom Schicksal ein nimmermüdes, beständig nach Blut lezchendes Schwert gegeben ward, das ihn weit mehr fortriß, als er es selber lenkte, fortriß zu immer neuen Zügen, zu Kriegsfahrten, die weiter keinen Zweck hatten, als die Verwüstung, vor dessen Nahen reiche Städte in den Staub sanken, das Meer selber soll, der Legende nach, erschrocken sein und sich, trotzdem es Flut war, zurückgezogen haben, da der Verwüster sein Roß ans Gestade lenkte. Gleich jener Gottesgeißel nun sollen die Deutschen über China hinbrausen und Thaten verüben, wie sie im dreißigjährigen Kriege der Schwede in Deutschland verübt, Greuel, mit deren Erinnern chinesische Mütter einmal ihre Kleinen schrecken sollen. Damit soll die Ueberlegenheit und die ewige Dauer „unserer christlichen Cultur" den chinesischen Barbaren vor Augen geführt werden. . . Es ist fraglich, ob das Abendland China eine Cultur zu bringen vermag, die höheren Idealen zustrebte, als die Lehre des Confueius. Auch die Religionen des Abendlandes haben keine besseren Lehren, als die Chinesen: Alle Menschen find Brüder und sollten gemeinsam Alles genießen; übe die Tugend; sei barmherzig und wisse Recht und Unrecht zu unterscheiden, wenn Du ein Mensch sein willst, und gute Thaten werden hundertfach belohnt und schlechte hundertfach bestraft. Sei gütig selbst zum Fremdling. Es wäre nicht schwer, Parallelstellen zu dieser aus den Religionsbüchern der Chinesen Lehren aus der Bibel anzuführen. Der Sieg religiöser Ideen durch Beihilfe des Schwertes ist im zwanzigsten Jahrhundert vollständig ausgeschlossen. Den Satz, daß jede nichtchristliche Cultur zu Grunde gehen müsse und sich nicht verjüngen könne, dürfte kaum eine Kritik ertragen^ Die Neublüthe eines buddhistischen Japan ist ja der beste Beweis für das Falsche dieser Anschauung. Und ist nicht auch das heutige Indien ein furchtbarer, hungernder Zeuge für die Unrichtigkeit jenes Satzes, das alte Culturland am Ganges, in dem trotz hundertjähriger Britenherrschaft, trotz eifriger Missionäre das Christenthum keinen Fuß fassen konnte? Die moderne Cultur stellt sich als das Product der Erfahrungen aller Völker und Staaten dar, welche durch die Furth der Weltgeschichte geschritten sind, sie ist das Ergebniß der fteien Forschung, der modernen Philosophie und Wissenschaft. In jenen Epochen aber, in welchen die Cultur eine vorwiegend kirchliche und christliche war, in der ftommen Zeit dechristlichen Mittelalters, da waren Geschehnisse und Tragödien, wie sie jüngst in Peking sich abgespielt haben sollten, durchaus nicht unerhört — ja auch im christlichen Deutschland durchaus nicht unerhört. Wir erinnern an das Vorkommniß von UeHerling e n am Bodensee (März 1332). Hören wir darüber einen Zeitgenossen, der kaum zehn Jahre später in dem benachbarten Lindau schrieb: Der Mönch Johann von Winterthur erzählt wörtlich, wie folgt: