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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-03 · 31 (3.8.1900) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
31 (3.8.1900)
Date
1900-08-03
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 31 Ar» Bloch's Wochenschrifl. Seite 373 Michael. Erzählung von S. Kohn, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Dreiunddreißigstes Capitel. Sara schritt die Straß?, welche zu dem Beshachajim führte, entlang. — Die Unbestimmtheit der Verhältnisse war jedem Geschäfts¬ und sonstigem Verkehre ungünstig. Niemand mochte gern ohne äußerste Nothwendigkeit die Straße benützen, auf welcher fremde, feindliche Truppen anrücken sollten, und so war die ganze Gegend ringsumher öde und menschenleer, und Sara vermochte ihren traurigen Erinnerungen, ihren düsterenGedanken ungestört nachzuhängen. Diese aber traten, durch Ort und Zeit begünstigt, in deutlichster Form und in den lebhaftesten Farben auf. Es war ungewöhnlich merkwürdig, auf dieser Wegesstrecke hatten sich die wichtigsten Ereignisse ihres Leben vorbereitet und zugetragen. Auf dieser Straße, auf welcher jetzt die feindlichen Truppen, mit Bangen und Zagen erwartet, einrücken sollten, war genau vor sieben Jahren und fünf Tagen, vom Jubel der Bevölkerung begrüßt, das österreichische Dragonerregiment, in welchem Lorenz Horneck diente, eingezogen; Lorenz Horneck, der den Tod ihres Vaters, ihres Verlobten verschuldet, ihr Leben unheilbar vergiftet, ihr Glück vernichtet für immer! .... Und dann, sieben Tage später, genau heute vor sieben Jahren, war sie dieselbe Straße gewandelt; aber damals war sie nicht allein gewesen, damals hatte ihr Vater gelebt und Michael war in seiner ganzen Mannesherrlichkeit neben ihr geschritten, der Mann, an dem ihr Herz gehangen, solange sie in ihrem Leben zurückzudenken vermochte, dem sie in mehr als irdischer Liebe die Treue bewahrte, solange ihr armes, schwer gequältes Herz in ihrem Busen pochte; — und dort, a i jener Wegesbiegung — ihr war's als sähe sie's noch jetzt, jetzt in der Erinnerung noch klarer, deutlicher vor ihrem geistigen Auge, als es damals ihr vor Schrecken und Angst getrübtes Körperauge zu sehen vermocht hatte — war plötzlich Lorenz Horneck's Gestalt zu Roß aufgetaucht; — das ganze Bild jener unvergeffenen und unvergeßlichen, häßlichen Scenen entrollte sich nochmals vor ihren geistigen Blicken .... an der Stelle, an der sie eben stand, hatte sich Michaels Gestalt zu ihrer vollen, imponirenden Höhe erhoben, hatte sie sein kräftiger Arm von dem Angriffe gedungener Schurken gerettet, hatte er mit einem wuchtigen Hiebe den frechen Mädchenräuber zu Boden geschmettert .... dort von jener Stelle aus hatte der feige Meuchler ihres Verlobten theures Haupt bedroht, aus sicherer Ferne hatte er mit einer Feuerwaffe auf seine Stirn gezielt; — und sie, ein schwaches Mädchen, konnte nichts thun, als vom Todesschreck erfaßt, in wortlosem Gebet zu Gott, dem Allherrn, aufschreien, er möge den Besten nicht durch die Hand des Nichtswürdigkeit verderben kaffen; — da — an der Stelle, wo sie eben stand, hatte sie das letztemal in Michael's Antlitz geblickt! .... Man behauptet, daß sich in dem Auge in der Netzhaut eines Sterbenden der letzte Eindruck, den er von der Welt empfangen, als Bild fixirt; — o! auch in Sara's geistigem Auge hatte sich dieses Bild unverlöschlich eingeprägt; — sie glaubte ihn noch jetzt dort zu sehen, sein schönes, zorngerö:hetes Antlitz, seine blitzenden Augen, das Zucken seiner Muskeln in seinen ausdrucksreichen Zügen, sie glaubte ihn noch da stehen zu sehen in der Fülle seiner Kraft; sie glaubte, sie brauche nur ihre Hand auszustrecken, um sein Gelock zu streifen, — hier an dieser Stelle hatte sie den Mann ihres Herzens, den Mann ihrer Seele das letztemal gesehen, den Blick innigster Liebe und Mitleids, sivielleicht schon in der nächsten Secunde, schutzlos, allein, ein Raub des Tigers in Menschengestalt, der grausamer als der Tiger der Wildniß ist, zurückzulassen, der Blick war sein letztes, ungesprochenes Abschiedswort an sie gewesen! . . O! sie sah ihn noch den Blick, das stumme Gebet zu Gott, die Verlassene zu schützen .... der Blick traf'sie noch jetzt nach sieben langen, langen Jahren mit unschilderbarem Schmerze -in das Innerste ihres Herzens; — hier an der Stelle, an der sie stand, war sie in der höchsten Angst, die ein Menschenherz mit gierigen Krallen zu ersoffen vermag, besinnungslos zusammengesunken! Als sie nach langer, schwerer Krankheit zum Bewußtsein erwachte, war sie eine elternlose Waise, ihr Vater lag, vom Schreck getödtet, im Grabe, ihr Verlobter am Grunde des Flusses, sie war allein, verlaffen, unglücklich von damals bis jetzt! . . . alles das hatte Lorenz Horneck verschuldet! Sie glaubte, sie hätte sich trotz. ihres Elends doch noch nie so zu Boden gedrückt, so hilflos, so verzweifelnd gefühlt wie jetzt. Ein Gefühl völlig unschilderbarer Hoffnungslosigkeit erfaßte sie ... ein Gefühl, völlig unertragbar! Sie fürchtete, wahnsinnig zu werden, unwillkürlich hielt sie in ihrem raschen Laufe inne, legte ihre Hand an ihre pochende Schläfe, an ihr klopfendes He,z ... Plötzlich riß es sie wieder von Neuem mit endlos großer S hnsucht zu den Gräbern ihrer Lieben, mit verdoppelter Hast schritt sie weiter; endlich stand sie vor der Pforte des Friedhofes, sie stand offen. Der ziemlich weite Plan des Gottesackers war mit Schnee bedeckt, und es herrschte Todtenstille im ganzen Raum. Reb Henoch Leipnicker, der greise Hüter der öden Stätte, der das Wächterhäuschen allein bewohnte, hatte, gewiß seit einer langen Reihe von Jahren das erste Mal, seinen Posten verlaffen und hatte, da er wußte, Sara würde heute das Grab ihres Vaters besuchen, die Pforte nicht geschloffen. Der Friedhof war schon seit vielen Tagen, außer von Reb Henoch Leipnicker, von keinem menschlichen Fuße betreten worden, auch lag er auf einer vom kalten Nordwinde bestrichenen Berglehne. und der Schnee lag fußhoch auf dem Boden. Sara sank bis an die Knöchel ein, sie fühlte es nicht, sie bemerkte es nicht einmal; sie eilte zu den Gräbern ihrer Lieben. Ihre und Michaels Mutter ruhten nebeneinander, die irdische Hülle ihres Vaters hatte man neben der seiner Gattin, ihrer Mutter, gebettet. In der Nähe dieser Gräbergruppe verkündete die Inschrift eines kleinen Steines, daß er die irdischen Reste der alten treuen Magd, Channe, decke. Sara war gekommen, um an den Gräbern ihrer Lieben zu beten; aber das herrliche in der Blüthe ihrer Jahre, in der Fülle ihrer Lebenskraft stehende Mädchen war so unaussprechlich unglücklich, daß es auch vollkommen wunschlos war. Was hätte sie sich von dem allmächtigen, allerbarmenden Gotte für diese irdische Welt auch zu erflehen vermocht? ... Sie preßte in dumpfer Versunkenheit beide Hände wortlos an ihre klopfenden Schläfen. »Allvater!* rief sie plötzlich überlaut, und sie erschrack vor dem Klange ihrer eigenen Stimme, die weithin über den menschenleeren Raum schallte, »erbarme Dich meiner, rufe mich zu Dir ... bitte D u für mich. Du guter todter Vater, Du hast ja Dein armes Kind geliebt mit endlos großer Zärtlichkeit, bis zu dem letzten Hauche Deines Mundes ... die treue, fromme Magd, die hier im Grabe ruht und nie ein lügenhaftes Wort gesprochen, hat mir's ja zugeschworen, Dein letzter Athemzug war ein Segensspruch für Deine beiden Kinder, für mich und Michael! ... Du hast es uns ja prophezeit, wir würden glücklich, noch hier auf Erden glücklich werden! Dein höchster Wunsch, der noch im Scheiden Deine treue Seele erfüllte, blieb ungewährt. Deine Prophezeiung traf nicht ein. So bitt' zu Gott für mich: er möge mich gnädigst zu sich rufen.Du bist tobt, die Mutter ist tobt, Michael ist tobt, ich bin elend und verzweifelnd — was soll Dein armes, verlaffenes Kind noch hier auf dieser Welt!' Diesen Worten folgte ein Moment tiefer Stille; — dann aber ertönte eine Stimme, bei deren Klang Sara erbebte, bei deren Klang sie urplötzlich ein unendlich beseligendcs Gefühl durchfluthete, bei deren Klang sie Allrs — alles Andere auf dieser Welt vergaß. Durch Gottes Gnade glücklich werden! — Sara, unseres Vaters Wunsch ist erfüllt, sein Segen hat sich bewährt!* — und als Sara sich rasch umwandte, bemertte sie, daß von ihr unbemerkt ein Mann den Friedhof betreten; — und sie glaubte zu träumen, den schönsten Traum zu träumen, vor ihr stand eine hohe Männergestalt in der Tracht ftemder Krieger, und ein eiserner Panzer deckte seine breite Brust, aber sie bemertte die Kleidung nicht, sie sah nur den Mann. Diese Züge hatte sie sieben Jahre lang nicht mit ihren physischen Augen gesehen; aber auch nicht eine Secunde waren sie ihrem geisttgen Blick entschwunden. Michael, wie sie ihn vor sieben Jahren das lltzte Mal gesehen; nur wenn möglich noch schöner, noch herrlicher, noch heldenhafter — stand vor ihr; sie fuhr sich mit der Hand über ihre heiße Sttrne, sie versuchte es mit ihrem vor Entzücken machtlos gewordenen Verstände zu prüfen, ob sie in der That noch lebe, ob Gott nicht ihr heißes Flehen erhört, sie nicht schon dem irdischen Sein entrückt, sie schon mit ihren Lieben im Jenseits vereint habe; sie versuchte es mit ihrem vor Entzück».

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