Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 672 Dr. Bloch's Wochenfchrifio Nr. 31 „Ich bin ein Theil jener Kraft, Die das Böse will und das Gute schafft!" Durch den Antisemitismus aber sind die Juden zur Einsicht gelangt, daß sie nicht bei Andern, von denen sie nur scheel angesehen werden, Kraft und Stärke, Heiterkeit, Geselligkeit und geistige Anregung zu suchen haben, sondern einzig und allein in sich und untereinander. Dieser Einsicht verdanken viele segensvolle Vereine ihr Dasein und unter diesen auch — der Jdiotenclub. Wer einmal eine jener Zusammenkünfte mitgemacht, d-r hat einige köstliche Stunden verlebt, die ihm gewiß lange in angenehmer Erinnerung bleiben werden. Da kommen sie mit dem Glockenschlag der sechsten Morgenstunde Zeder aus seinem Wohnhause heran, die lieben, guten „Idioten", manche von ihnen mit ihren Frauen, die sowohl durch ihre Intelligenz, als durch ihre Anmuth Leben und heitere Anregung mit sich bringen. Der bewaldete Franz Josefs-Berg mit seinen schattigen Alleen, seinen Rosensträuchern, seinen lustigen und luftigen Ein- und Ausgängen liegt' vor ihnen in Thau imd morgigem Sonnengold gebadet. Jeder von den Mftgliedern kommt gerüstet mit einer guten Dosis von Wohlwollen und heiterer Laune, so daß man lauter lachende Gesichter vor sich sieht. Jeder Einzelne bietet der Gemeinschaft einen Guttheil von seinem geistigen Ich, so daß das Ganze eine Art geistiges Picknik bildet, zu dem Jeder sein Bestes beisteuert. Hier ein Anekdotenerzähler. der zu jeder Zeit frische Anekdoten auf Lager hat. Dort wieder Einer — bekannt als der bedeutendste Vertheidiger, der eine wunderbare Jmitationsgade besitzt und die köstlichsten Silhouetten aus dem Gerichtssaal und der Advocatenstube zu bieten versteht. Da wiederum Einer, die leibhaftige Chronik genannt, der die Dinge herauswittert, bevor sie geboren werden, so daß er uns die Neuigkeiten servirt, immer drei, vier Tage ftüher, bevor sie die Blätter auftischen — da wieder Einer, das Lästermaul genannt, der geradezu mit einer atzenden und beißenden Satyre Scenen aus der Gesellschaft zu parodiren versteht. Auch an Schöngeistigen fehlt es hier nicht, die ebenfalls manchen Leckerbissen zu diesem geistigen Picknik beitragen. Was aber dem Ganzen die Krone auffetzt, ist der echt jüdische Wohlthätigkeitsfinn, der hier in glänzender Weise zum Ausdrucke kommt. Den Löwenantheil an dieser Wohlthätigkeit hat der Präsident des Clubs, der sich Tausender von Finten bedient, um die Schleusen der geschloffenen Taschen zu öffnen, daß daraus die Spenden reichlich fließen. Vorerst hat er eingcführt: Monatsgebühren, die Absenzgelder, das heißt für das jedesmalige Ausbleiben eines Mitgliedes ein bestimmtes Geldpönale, dann wieder Gelegenheitsgelder. Hat Einer ein gutes Geschäft gemacht, heißt es für den Fond opfern, — hat Einer einen Geburts- oder Hochzeitstag, da hält ihm der Präsident die Hand hin. Kehrt einem die Frau von einer Reise zurück, da muß er spenden, reist sie ab, da heißt es doppelt spenden; kurz unter allen möglichen Vorwänden lockt er den Mitgliedern die Gelder ab, um den Fond zu bereichern, der schon jetzt über eine erhebliche Summe verfügt, so daß für die Jahreszinsen jeden Sommer von dem Club einige kranke Kinder armer Eltern in eine Heilanstalt oder an einem Curplatze geschickt werden können. Zuweilen spielen sich zwischen Präsident und Mitglieder die poffirlichsten Dinge ab, von welchen ich hier einige zum Besten geben will. Der Präsident erfährt,, daß ein Mitglied morgen Geburtstag hat. Unterstützt von allen Mftgliedern fordert er den Solennisanten auf, morgen für alle Mitglieder ein gutes, reichhaltiges Frühstück zu bestellen. Der Präsident hatte ausgesprochen, da gibts keinen Widerspruch. Das Frühstück wird bestellt. Für die gesegnete Mahlzeit bringen sich des nächsten Tages alle Mitglieder, die heute in corpore erschienen find, einen doppelt gesegneten Appettt mit, was der würzigen Morgenluft zu verdanken ist, noch mehr aber der schönen Verheißung, daß die Zeche auf fremde Kosten geht. Als das Mahl zu Ende war, erhob sich der Präsident zu folgender Standrede: „Brüder Idioten! Als sehr collegial muß ich es von Euch Allen lobn, daß Ihr den Geburtstag unseres College« hier durch ein Festeffen geehrt habet; allein als ehrliche Idioten werdet Ihr es Euch selber eingestehen, daß auf fremde Kosten sich abfüttern lassen durchaus nicht als Opfer angesehen werden könnte, wahre Idioten aber müssen oferwillig sein — und so habe ich denn über Euch beschlossen, daß Jeder von Euch sich seine Zeche selber zu bezahlen hat, Idiot Solennisant aber hat den Kostenbetrag des garyen Mahles unserem Fonde zuzuführen — verstanden?" Me Idioten schnitten schiefe. Gesichter, aber verstehen mußten sie doch, denn der Kellner forderte von jedem seine Zeche, während der Solennisant den Gesammtbetrag des Mahles den Händen des Präsidenten übergab. Ein anderes Mal wieder kam es zu einer Mißhelligkeit zwischen vier Mftgliedern Md dem Cassier, der sich von ihnen verletzt fühlte. Sie wählten aus ihrer Mitte einen Schiedsrichter, der über die vier Mitglieder ein Pönale von je drei Gulden verhängte. Nun gab sich aber der Präsident, die höchste Instanz, mit diesem Strafausmaß nicht zufrieden und verurtheilte, -ohne jene Strafe aufzuheben, neuerdings sowohl Schiedsrichter als den beleidigten Cassier zu einer Strafe von zwei Gulden. Warum? Ein Mständiger Idiot fragt nicht. Da zeigte sich einer der Verurthellten renüent, indem er sich entschieden weigerte, die Sttafe zu bqahleu, Der Präsident sprach über ihn den Bann aus. Nun darf keines der Mitglieder mit dem Armen sprechen, er ist verstoßen, bis er sich reumüthig zeigen wird. Groß-Jdiot, bekannt, als einer der glänzendsten Redner, übernimmt es, den Verstockten weicher zu stimmen, um das verirrte Schaf wieder in die Heerde zu bringen, und hielt ihm folgende Strafpredigt: „Sie sind als Mitglied in unserem Club ausgenommen, weil Sie sowohl von uns als auch von der Außenwelt als ein echter, unverfälschter Idiot anerkannt worden sind. Nun haben wir uns leider an Ihnen getäuscht, denn dadurch, daß Sie sich weigern, die Ihnen auserlegte Strafe zu bezahlen, zeigen Sie eben, daß Sie gar kein Idiot sind. Gehen Sie also in sich, lieber Freund, verschaffen Sie Ehre dem Namen des Clubs, dem Sie angehören,, ja, zeigen Sie der Welt, daß Sie noch mehr sind, als alle Anderen und zahlen. Sie statt drei, fünf Gulden Strafe." So wird hier mit heiterem Sinne und beinahe kindlicher Herzlichkeit die Wohlthätigkeit von altern, gereisten und erfahrenen Männern geübt, die Ergötzen daran finden, für einige Stunden des Tages in sich ihre einstige kindliche Einfalt wachzurufen. Mitten aber in der Freude des Daseins vergessen sie nicht der Armen und Unglücklichen, deren trauriges Los sie nach Thunlichkeit zu mildern suchen. Zu einer Zeit, wo die da unten im Zustande des Halbtodes noch in ihren Matratzengrüften vergraben liegen, tummelt sich dieses lustige Völkchen durch den Franz Josefs-Berg, in dem sie fast jede Stelle mit einem anderen Namen getauft haben. Die eine Stelle nennen sie Lex F. nach einer lustigen Begebenheit. Jenen Engpaß wieder, der zu einer Spitze zusammenläuft, nennen sie die „Bergzunge", dort wieder jene Stelle mit den vielen Rosensträuchern, bedeckt mit tausend purpurrothen Blumen, die aus ihren Blattermanschetten, wie Glühlichter aus grünen Behältern hervorbrechenn, nennen sie „Rosenheim" Jene weite, mit Akazienbäumen bepflanzte Wiese, wo das Ohr sich an einem herrlichen Lerchenconcert ergötzt, nennen sie „Lerchenfeld", während sie jenen freien Punkt, der die Aussicht über die weiteste Umgebung gewährt und von wo aus man die ganze Stadt, zu einem Knäuel zusammengekollert, am Fuße des Berges liegen sieht, zur „guten Aussicht" heißen. Alle diese verschiedenen Stellen werden jeden Morgen von den Mitgliedern besucht, die ihnen nie monoton werden, weil ja die Natur über Tausende Reize verfügt, die sich jeden Augenblick anders dem Auge offenbaren. Ist nun der Rundgang durch den Berg gemacht, der gegen zwei Stunden in Anspruch nimmt, dann begeben sie sich Alle zu der mitten in fröhlichem Grün prangenden Veranda. Umwehet von den den Kräutern entströmenden Düften und beleuchtet von der an den weitästigen Bäumen sich brechenden und in tausend Glühfunken sich zerbröckelnden Morgensonne, nehmen Alle ihr würziges Morgenmahl ein. Da wird es auf einmal laut von allen Seiten. Das kräftigende Mahl löst die Zungen Der Anekdotenerzähler gibt einige seiner Geschichten zum Besten, die von lauten Lachsalven begleitet sind Bisweilen aber erschöpft sich sein reicher Reservefond und er wiederholt eine von ihm schon einmal erzählte Anekdote. Das bekommt ihm schlecht, denn bevor er sich versieht, schnappt ihm Einer das Wort vor dem Munde weg, und schon hält ihm der Präsident seine Hand hin, daß er die Strafe bezahle. Der Präsident aber selber bleibt auch nicht verschont. Es wandelt ihn nämlich die Lust bisweilen an, ebenfalls einen Witz nachzuerzählen, nun aber hat er für derlei Dinge ein so unglückliches Organ und eine so schleppende Erzählungsart, daß der arme Witz ganz zerstückelt, als todtgebornes Kind ihm aus dem Munde kommt. Sofort intonirt Einer aus der Gesellschaft den Todtenmarsch, was gleichsam sagt: „Ein Witz wird zu Grabe getragen." Der Witzmörder aber muß sofort die Strafe bezahlen Natürlich Alles für den Fond Das „Lästermaul" wieder zeigt sich nach einer Seite, die unverkennbar eine jüdische Eigenschaft ist, nämlich die scharfe, schonungslose Selbstkritik, indem es viele uns Juden anhaftende Fehler mit spitzen Worten geißelt. Das wieder stoßt auf allgemeinen Widerspruch und da gehen die Wogen der Debatte immer höher Nach und nach lenkt sich das Gespräch hinüber auf die allgemeinen Zeitfragen und von diesen führt der Weg zu Kunst und Literatur. So wird die Unterhaltung immer bunter und bewegter. Aber auf Allem, was hier gesprochen uud verhandelt wird, läßt die Sonne etwas von ihrem Golde zurück. Inzwischen bekommen di? „Idioten" einen unerwarteten Besuch. Die Frau St., eine der bedeutendsten Wohlthäterinnen der Stadt, scheuet nicht die Mühe, mit dem Morgenanbruche die „Idioten" in ihrem Asyle auftusuchen, um für eine verschämte, arme Familie bei ihnen Almosengaben abzusanrmeln. Sie weiß es, daß Menschen, die offenen Sinn für die schöne, herrliche Gottesnatur haben, auch für die Armen und Nothleidenden ihr Herz und ihre Tasche immer offen halten. Sie hat sich auch nicht getäuscht. Das zuftiedene Lächeln, das bei ihrem Rückwege ihren Mund umspielt, zeigt, daß sie hier gute Ausbeute gemacht. Während dessen aber sitzen bei einem Nachbartische zwei Herren, die in Haß und Feindseligkeit sich beinahe verzehren, was aus ihrem Gesichtsausdrucke deutlich zu ersehen ist und da flüstert Einer dem Anderen mit einer sonderbaren Grimasse die Worte zu: „Das sind die jüdischen Idioten!" Und er hat ja auch Hkecht, der gute Mann ja, das sind jüdische Idioten. Nathan Samuely.