Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 31 Sette 571 Dr. Bloch's Wochenschrift. wollen, seine ungewöhnliche Freigebigkeit zu seinem Personale, welches in ihm den besten, den allerbesten Herrn verloren hat. Ich bewunderte seine Wohlthätigkeit, die er still, immer in schonender Weise, ausübte, und gar häufig in einem Maße, welches seine Kräfte weit überragte. Kein Bedrängter hat sich Vergebens an ihn gewendet, kein Armer ging unbeschenkl von ihm. Neumann trocknete viele, viele Thränen der Armuth und Noth. Gar Biele beweinen ihren Helfer in ihm. Das Herz voll Edelmuth, voll Güte, voll Bescheidenheit und Selbstlosigkeit, das Herz, das so warm pochte für Jedermann — ach es ist plötzlich gebrochen! Den Mann der rastlosen Arbeit, der sich im Fleiße und Schweiße seines Daseins keinen Moment der . Ruhe gönnen wollte, hat Gottes unerforschlicher Wille nun zu ewiger Ruhe abberufen. Alle, die Simon Neumann näher kannten, verehrten ihn, liebten ihn. Und sie Alle, die von seinem Hinscheiden hören, sprechen theilnahmsvoll: er war ein braver Mensch, ein guter, ehrlicher Mensch! Ein größeres Lob kann man einem Manne nicht nachsagen. Joses Schwarz. Ung.-Brod. Mit Schluß des heurigen Schuljahres tritt einer der ältesten Lehrer Mährens, Herr Moritz T h o r z, der fast 40 Jahre hindurch an der hiesigen israelitischen Volkslchme gewirkt, in den Ruhestand. Zur Ehrung des ausgezeichneten Pädagogen fand am 14. v. M. in den Localitäten des Geselligkeits- und Bildungsvereines „Aguda" eine erhebende Feier statt. Fa i die ganze Gemeinde hatte sich eingefunden, um Zeugniß abzulegen ron der Beliebtheit und Verehrung, deren sich der Jubilar allenthalben erfreut. Nach einer Ansprache an Gäste und Jubilar überreichte das aus Schülern des Gefeierten bestehende Comitö eine werthvolle Ehrengabe, eine goldene Uhr nebst Kette, sowie eine prachtvoll ausgestaltete Dankadresse. Herr Oberlehrer R i e s e n f e l d, als Leiter der Schule, feierte das Wirken des Scheidenden als Mensch und Lehrer und betonte, daß sich sein Lehrcollege stets die besondere Zufriedenheit seiner Vorgesetzten erworben. Er dankte im Namen der Anstalt Herrn T h o r z für seine aufopferungsvolle Thätigkeit, die man nur schwer werde missen können. Hierauf ergriff der Lehrer der deutschen Bürgerschule Herr Teichmann das Wort, überbrachte im eigenen, sowie im Namen seiner Collegen die herzlichsten Glückwünsche und dankte den Schülern für die seltene Ovation, welche nicht minder ihnen als den Lehrern zur Ehre gereiche Herr Leopold Singer als Mitglied des Bezirksschulrathes und der Bürgermeister der israelitischen Stadtgenieinde, Herr Leopold I. Schön, sprachen im Namen ihrer Corporationen dem wackeren Schulmanne die wärmste Anerkennung und die besten Segenswünsche für seinen weiteren Lebensgang aus. Nachdem hierauf mit kurzer Ansprache eine Sympathiekundgebung des Vereines „Aguda" durch Herrn stuck, jur. Josef Iokl überreicht und die große Menge von eingelaufenen telegraphischen und brieflichen Zustimmungen verlesen wurde, dankte der Jubilar mit bewegter Stimme und gemüthvoller Rede Allen, die zu seiner Ehrung beigetragen und das schöne Fest, das für ihn der schönste Abend seines Lebens sei, zustande bringen halfen. „Er erblicke seinen schönsten Lohn in der Dankbarkeit und Liebe seiner Schüler." Die israelitische Stadtgemeinde Ung.- Brod hat Herrn Lehrer Thorz zu ihrem Ehrenmitgliede ernannt, welche Auszeichnung ihm bei der am 30. v. M. stattgehabten Schlußfeier der Schule durch den Bürgermeister Herrn Leopold I. Schön in einer schmeichelhaften Ansprache übermittelt wurde. Wag-Neustadll. Unsere Gemeinde hat einen schweren Verlust erlitten. Herr Leopold T r n k a, Vater des Herrn Bernhard T r n k a in Wien, hat das Zeitliche gesegnet und wurde Sonntag den 22. v. M. unter zahlreicher Betheiligung zur Erde bestattet. Breslau. Herr S. C er ini, der als Opernsänger seinerzeit viel gefeierte Tenor, der jetzt als Cantor der hiesigen Synagoge fungirt, war Anfangs Mai zu einem Probevortrage in Wien und die Kritik sprach sich über seine Leistungen sehr anerkennend aus. Dasselbe that der Vorstand der Gemeinde in folgendem schmeichelhaften Schreiben an ihn:j Wien, 15. Juli 1900. Sr. Wohlgeboren Herrn S. Cerini. Obercantor in Breslau. Euer Wohlgeboren! Ihr Ruf als einer der hervorragendsten Cantoren hat den Unterzeichneten Vorstand bestimmt, Sie zu einem Probevonrage anläßlich der Besetzung der Obercantorstelle im Leopoldstädter Tempel einzuladen. Wiewohl nun der Vorstand im Hinblicke auf die hiesigen Verhältnisse, betreffend die Functionen bei Leichenbegängniffen, sich außer Stande sah, Euer Wohlgeboren die erledigte Stelle zu verleihen, kann er nicht umhin, den großen Erfolg, den Sie durch Ihren meisterhaften Bortrag, Ihre vollendete Gesangskunst und Ihre herrlichen Stimmmitteln sowohl bei den berufenen Sachverständigen wie auch bei der überwiegenden Majorität der Gemeindemitglieder errungen haben, hiemit zu constatiren. Der Unterzeichnete Vorstand fühlt sich angenehm verpflichtet, Euer Wohlgeboren seine vollste Anerkennung und den wärmsten Dank, aber'auch das Bedauern auszusprechen, daß er auf den Genuß verzichten mußte, Sie als hiesigen Obercantor zu begrüßen. Hochachtungsvoll Dr. Adler. Der Bicepräsident: Dr. Gustav Kohn. Briefen in Westpreußen. Am 13. Juni, Abends, starb hier die Witwe des mehr als 50 Jahre Hierselbst beamtet gewesenen Rabbiners Gortakowski. Sie erreichte ein Alter v o n 103 I a h r e n. Im Jahre 1797 geboren, konnte sie auf drei Jahrhunderte schauen. Bis vor etwa fünf Jahren erfreute sie sich einer kräftigen Gesundheit und besuchte alltäglich die Synagoge zur Ausübung ihres Morgengebetes. Bon dieser Zeit an war sie bettlägerig, infolge eines Fußleidens. Ihre geistige Frische aber hat sie sich bis zum letzten Athemzuge bewahrt. Ihr ältester Sohn, in Australien lebend, ist jetzt 85 Jahre alt. Bier Generationen, Kinder, Enkel, Urenkel und auch drei Ururenkel. trauern um die Dahingeschiedene, welche noch vor etwa einem halben Jahre eigenhändig einen Brief an einen ihrer Söhne schrieb. Constantinopel. (Unterwegs nach Cypern.) Biele Hunderte von rumänischen Juden passiren jetzt auf der Durchreise nach Cypern Constantinopel. Da da; Landen in Constantinopel ihnen verboten ist, gehen sie weiter nach dem Piräus, wo sie gänzlich mittellos liegen bleiben. Die Allianz hat Mr. N a v o n, Director der Schule zu Balata, nach Athen geschickt, um Mittel ausfindig zu machen, wie diesen Unglücklichen und Verführten zu helfen sei. London. Bor zwei Monaten hat die türkische Regierung den rumänischen Juden den Eintritt in die Türkei verboten. Wie nun dem „Jewish Chronicle" jetzt geschrieben wird, hat der Chacham Baschi von Constantinopel als osficieller Vertreter der türkischen Juden an die hohe Pforte eine Bittschrift gerichtet, mit dem Ersuchen, dieses Verbot aufzuheben und den rumänischen Juden die Ansiedelung in Kleinasien zu gestatten. New-Uork, 4. Juli. Der Advocat L. Sulzbacher in Kansas City (Missouri) ist vom Präsidenten Mac K i n l e y zum amerikanischen Mitgliede des sonst nur aus Eingeborenen zusammengesetzten obersten Gerichtshofes in Portorico ernannt worden. Auch der General-Steuereinnehmer von Portorico, Prof. Jacob Holländer, ist unser Glaubensgenoffe. Feuilleton. „ Idiotenrlub.' Dn wirst Dich, lieber Leser, gewiß schon an der Ueberschrift „Jdiotenclub" stoßen und Dir wohl sagen: „Was nicht heutzutage sich Alles zu einem Club zusammenfügt, also auch die Idioten, doch wohl zu keinem anderen Zwecke, als durch die Vereinigung der Dummbeit größere Geltung zu verschaffen." Doch nicht fo voreilig lieber Leser, laß' es Dir vielmehr gesagt sein, daß diesem „Jdiotenclub" die Elite der hiesigen jüdischen Intelligenz ängehört: Die bedeutendsten Advocaten, die hervorragendsten Aerzte, Ingenieure, Beamten, Kaufleute, kurz, lauter Männer von Rang und Klang. Den Namen „Idioten" legten sie sich selber in einem Anflug von Selbstironie bei, oder verhöhnten sie vielmehr mit demselben die grobe Masse, die Alles, was über ihren Horizont geht, als ein Paradoxon, als eine Dummheit ansieht, wie schon der Prophet die Volksmenge ausrufen läßt: „Ein Narr ist der Seher, ein Verrückter der Mann des Geistes!" Der „Jdiotenclub" machte es sich zur Aufgabe, den geselligen Verkehr innerhalb der hiesigen, jüdischen Intelligenz zu pflegen, in gemüthlicher und heiterer Weise, was er dadurch erziele, daß er jeden Tag mit dem Sonnenaufgänge, ohne Unterschied ob Sommer oder Winter, feine Zusammenkünfte auf dem hiesigen Franz Josefs-Berge — diesem Juwel der Lemberger Umgebung — abhalte, wobei nicht allein der sprudelnde jüdische Humor zum reinsten Ausdrucke gelangt. sondern auch der seit Urzeiten sich so glänzend bewährte jüdische Wohlthätigkeitssinn. Was ich aber schon hier am Anfänge vorausschicken muß, ist, daß auch dieser, wie der Leser später ersehen wird, so beiter und geistig anregende „Club" ein Product des Antisemitismus ist. der von sich mit Mephisto sagen kann: