Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 568 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 31 vertheilte Geld und Lebensmittel unter die Unglücklichen. Der Staatssecretär im Ministerium des Innern, Gulner, besuchte dieselben gleichfalls und eröffnete ihnen, daß die rumänische Regierung bereits die Zusicherung gegeben habe, allen Emigranten die Rückkehr zu gestatten. Dem widerspricht jedoch die telegraphische Nachricht, daß die zurückbeförderten jüdischen Emigranten durch Truppen am Überschreiten der Grenze verhindert worden sind. — Staatssecretär Gulner verficherte auch, daß die ungarische Regierung die strengen Maßregeln gegen die Auswanderer nur getroffen habe, um zu verhindern, daß das Land von denselben überschwemmt werde, und daß ihr jede andere Tendenz ferne gelegen sei. In dem Augenblicke, wo die österreichischen und die übrigen auswärtigen Behörden die Auswanderer nicht mehr zurücksenden, werde chnen die ungarische Regierung den Durchzug gerne gestatten. Dieselbe hat auch berests den hier befindlichen rumänischen Juden eine weitere Frist von zwei Tagen zugestanden, innerhalb welcher das Hilfscomits die für ihre Weiterbeförderung nöthige Summe aufzubringen hofft. Auch soll hier in einer von Socialdemokraten und Anhängern der Unabhängigkeitspartei einberufenen Versammlung gegen die bisherige Haltung der Regierung Protest erhoben werden. Ein weiteres Telegramm aus Budapest berichtet: Am 27. v. M. traf neuerlich ein Transport von 600 rumänischen Auswanderern in Orsova ein, die wegen Mangels an Reisekosten nicht die Erlaubniß zur Weiterreise erhielten und nach der Grenzstadt Berciorova zurückbefördert wurden. Da den Emigranten der Einlaß nach Rumänien verweigert wurde, meldete das Stuhlrichteramt den Vorfall an das Ministerium des Innern, von wo an das Gendarmerie-Commando die strenge Weisung zur Verhütung der Einwanderung nach Ungarn ertheilt wurde. Die Auswanderer campiren gegenwärtig in der Grenzstation Bodica, wo ihnen ein dreitägiger Aufenthalt gestattet ist. Wien. Sowohl die ungarische als die österreichische Regierung verhängte, wie bekannt, gegenüber den auswandernden rumänischen Juden eine Grenzsperre. Damit hat die überstürzte, plan- und ziellose Emigration vorläufig einen Abschluß gefunden, und es ist die Möglichkeit geboten, die im Uebrigen gar nicht einzudämmende Auswanderung im Lande selbst zu discipliniren, so daß sie in geordneten Bahnen erfolgt. Wohin und zu was für Ereignissen eine unüberlegte Auswanderung führen kann, lehrte das beklügenswerthe Los der 650 Emigranten, die am 25. Juli mit dem 7 Uhrzug der Staatsbahn in Wien eingetroffen waren. Da die „Israelitische Allianz" zur selben Zeit schon mehr als 1500 Emigranten zu beherbergen und zu verpflegen hatte und keine Unterkunft für die neuen Ankömmlinge besaß, mußten sie nothgedrungen den Tag über vor dem Bahnhof campiren und nur dank dem humanen Entgegenkommen der Direction der k. k. österreichisch-ungarischen Staatsbahnen dursten die Unglücklichen in einem Magazin übernachten. Nachdem die Polizei vom Vorstande der „Israelitischen Allianz" die Garantie forderte, daß die Leute in einer allen hygienischen Anforderungen entsprechenden Weise bequartiert werden, ein Verlangen, welches absolut unerfüllbar war, bestand die Polizei darauf, daß die Armen mit Schub nach Rumänien zurückgeschickt werden. Um dem vorzubeugen, beschlossen die Vorsteher, die Leute auf Kosten der Allianz bis nach. Budapest zurückzusch'cken. Dies verursachte einen Aufwand von 4500 Kronen. Dem Zureden der Vorsteher der „Israelitischen Allianz", der Herren Dr. Kuranda, Dr. Katzau und Wilhelm Pappenheim, sowie der Intervention der Amtspersonen gelang es, die Emigranten zum Antritt dieser Fahrt zu bewegen. Wahrend ihres Aufenthaltes in Wien wurden die Leute ausreichend auf Kosten der Allianz bewirthet. Es ist auch zu bemerken, daß diese Auswanderer noch am Predeal in Rumänien von einem Delegirten der Allianz besucht wurden, und dieser constatirte, daß nur ein geringer Theil davon aus jüngeren, arbeitskräftigen, zur Beförderung geeigneten Personen bestand, die übrigen setzten sich aber aus Familien mit großer Kinderanzahl zusammen, deren Expedition nach den bestehenden Bestimmungen unzuläffig erscheinen mußte. Budapest. (Bischof Wolafka gegen den AntiseMitismus.) In Debrcezin wurde am 29. Juli das fünsundzwanzigjährige Priestcrjubilaum des Bischofs Ferdinand Wolafka gefeiert. Der Jubilar empfing bei diesem Anlasse zahlreiche Deputationen, darunter auch eine Abordnung der Cultusgemeinde, welche unter der Führung des Ober-Rabbiners Wilhelm Kraus erschienen war, um dem Bischöfe ihre Glückwünsche darzubringen. Auf die Ansprache des Führers dieser Deputation erwiderte Bischof Wolafka: „Es war stets mein Hauptbestreben, daß wir uns hienieden gegenseitig lieben und schätzen als Kinder eines himmlischen Vaters. Diese Liebe und Werthschätzung^pflege ich und pflegen meine Gläubigen auch gegen die Israeliten. Möge uns Gott davor bewahren — wenn aber dennoch Umstände eintreten sollten, welche diese Liebe gefährden, wenn sich schurkische Seelen finden sollten, welche frevlerisch mit Heiligthum schändendem Sinne trachten würden, Christen gegen Nichtchristen zu hetzen, so würde ich niemals Racen-, Religions- und Classenunterschiede beachten, sondern nur die Liebe, und ich wäre bereit, selbst mit meinem Blute das zwischen uns bestehende gute Einvernehmen zu vertheidigen." Der Bischof umarmte und küßte den Rabbiner beim Empfange und beim Abschiede herzlich. Prag. (Schon wieder ein Ritualmord.) Ueber den neuesten, total mißlungenen Versuch der edlen Compagnie S ch n e ider-B a x a, eine zweite Polna-Affaire zu arrangiren, berichtet der „C a s" vom 29. Juli 1900 in einer Correspondenz aus Jun gbunztau Folgendes: „In Benatek war das Söhnchen eines Meierhofknechtes Namens I i r s a k in Verlust gerathen. Ein Weib wollte den Knaben im Keller des Kaufmannes M. Pick weinen gehört haben. Nichts Neues mehr bei uns hierzulande: Eingeschlagene Fenster, eingeworfene Hausthüren, der Laden erbrochen — kurzum wieder nur schon ans Plündern! Ein fertiger Aufruhr, mit Gendarmen, Steinhagel, öffentlichen Blutpredigten über H i l s n e r, steigende allgemeine Aufregung, während indeffen der vermißte Junge — schon seit einer Woche munter und frisch im nahen Dorfe Cilc bei Verwandten unbehelligt und wohlbehalten lebt. Die Folge davon natürlich eine riesige Blamage, wie fast immer und überall in solchen Fällen. Aber die „M ladeboleslavski Li st y"*) sind bisher ganz stumm, von dem aufgedeckten Ritualschwindel wollen sie kein Wort wissen. Im Gespräche mit einem jungczechischen Parteiführer, wies ich auf den Scandal hin und gab ihm den Schimpf zu bedenken, welcher der ganzen Nation mit derartigen culturwidrigen Ausbrüchen zugesügt wird, wenn wir selbst nnser Volk geistig blenden, und die Antwort darauf: Das macht ja nur „der Pöbel" ... Ja, ja, thatsächlich nur dieser Pöbel! Freilich, ganz genau so, wie jene Mandarinen in China, die sind ja auch lammfromm und schuldlos an Allemdie reinsten Engel. — — — — — — — — — — — — In unserem Falle schritt keine Polizei ein, keine sonstige Instanz, Niemand. Eine sehr traurige Thatsache das, gewiß. — Der Kaufmann Pick ist schwer erkrankt, denn er war auf. der Flucht vor dem Pöbelarflaufe mit seinem kleinen Kinde im Arm von einer drei Meter hohen Wand gestürzt. — Der verfolgten Familie nahm sich der Herrschaftsinspcctor Herr Cisar mitleidig an. In Benatek und dem nahen O b o d f i sind ähnliche Ereignisse gar nichts Seltenes; im Gegentheile kommen Wiederholungen häufig vor. So lockte die Dorfjugend jüngst einmal den Krämer P o l a c e k aus seinem Laden und kaum hatte er den Kopf hinausgesteckt, so warfen sie ihm eine Drahtschlinge um den Hals und schleiften ihn auf der Straße herum. — Darüber schreiben die ehrenwerthen „M l ade b o l e s l a v s ki L i st y" überhaupt niemals, dagegen besudeln sie den „Masakik" (Professor M a s a r y k) in fast jeder Nummer und in so geistreichen Localnachrichten, daß man nur staunen muß, wie ein halbwegs gebildeter Leserkreis sich Aehnliches überhaupt bieten lassen kann." — — — Berlin, den 24. Juli. Eine erhebende Feier fand heute am hiesigen Rabbinerseminar für das orthodoxe Judenthum statt. Zum ersten Male seit Bestehen des Seminars geschah die Ertheilung der Rabbinats-Diplome in einem öffentlichen feierlichen Acte, und zwar wurden die Herren Dr. I. Holzer und Dr. Wolf entlassen. Nachdem der Rector Herr Dr. Hoffmann auf die Bedeutung der Feier aufmerksam gemacht hatte, ergriff Herr Dr. Holzer das *) Das radical-jungczechische Antisemitenorgan in Jun gb u n z l a u, wie f a st alle Provinzblätter der czechischen Landstädte, in Dr. B a x a's Schlepptau.