Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 666 Dr. Blocht Wochenschrift Sk. 31 Dann fuhr das Schiff auf die Ofnerseite, wo die Armen übernachteten. Viele weigerten sich hartnäckig, Nahrung zu sich zu nehmen, und erklärten, lieber Hungers sterben zu wollen, als wieder nach Rumänien zu gehen. Auch ein ^Opfer hatte dieser Tag: ein armes Kind, Namens Adele Zauber, wurde sterbend in das Adele Brody-Spital gebracht. Das Vorgehen der Behörden ist, wie uns aus Wien gemeldet wird, darauf zurüätzuführen, daß die Regierung von Kanada die Wiener Behörden telegraphisch verständigte, daß sie den Aufenthalt derEmigranten in Kanada verbiete. In Folge dieses Telegramms wurden die Auswanderer in Wien a »gehalten und ihre Rückbeförderung veranlaßt. Das Schicksal der h ier aus Rumänien eingetroffenen armen Auswanderer erscheint nach d eser Verfügung der Regierung von Kanada nicht mehr zweifelhaft, fit müssen ebenfalls in ihre Heimat zurück." Aus B u d a p e st wird weiters berichtet: , Das ungarische Ministerium des Innern hat heute in Folge der Intervention der Budapester israelitischen Gemeinde gestattet, daß die rumänischen Auswanderer noch drei Tage in Budapest verweilen dürfen. Indessen werden durch öffentliche Spenden die nöthigen Summen aufgebracht werden, um den Weitertransport der 350 Auswanderer nach Kanada zu ermöglichen. Die Weiterreise wird jedoch nicht, wie bisher, über Wien, sondern über Fiume erfolgen. Die Budapester israelitische Cultusgemeinde hat im Vereine mit der Wiener Cultusgemeiude die Auswanderungs-Commissionen in Predeal und O r s o v a aufgefordert, vorderhand jeder Auswanderung Einhalt zu gebieten. Ferner wird noch telegraphirt: Von den hier eingetroffenen 130 rumänischen Auswanderern, welche die Nacht im Schubhause verbrachten, wurde heute den mit Geld und Pässen Versehenen die Weiterreise gestattet. Im Schubhause verblieben nur fünf Personen, die aller Geldmittel bar sind und daher die Reise nicht fortsetzen können. Die aus Wien eingetroffenen 40» rumänischen Emigranten wurden von den Budapester Einwohnern reichlich mit Speise. Trank und Kleidung versehen. Sie kehren zwangsweise nach Rumänien zurück, da nach einer Miltheilung der „Israelitischen Mianz" die Regierung von Kanada Frauen und Kindern das Betreten des Landes nur gestatte, wenn sie fünfzig Dollars besitzen. Die Wiener Po izeidirection richtete an die Budapester das Ersuchen, den Auswanderern die Weiterfahrtnach Wien, da sie nutzlos sei, nicht zu gestatten. Der hiesige rumänische Viceconsul versprach, im Interesse der rumänischen Staatsbürger gegen dieses Vorgehen zu Protest iren. — Bisher ist jedoch ein solcher Protest nicht erfolgt. Vom Jahrmarkt des Lebens. Jüdische Offieiere im ruffischen Operativ ns-CorPs gegen China. Unter den in den letzten Nachrichten vom chinesischen Kriegsschauplätze öfters genannten russischen Stabsofficieren kommt auch mehrfach Major A n i s i m o v vor. Die Leser unseres Blattes werden sich wohl noch zu erinnern wissen, daß unter diesem Namen A n is i m o v von uns seinerzeit ein jüdischer Forscher aus Südrußland angeführt wurde, der über seine Stammesgenoffen, die gänzlich affimilirten jüdischen Bergbewohner am Kaukasus, schrieb. Wir verweisen diesbezüglich auf unfern Artikel: „Ein jüdisches Bergvolk" in Nummer 24 der „Wochenschrift" vom 12. Juni 1896, und wiederholen hier nur jene Stelle, die sich auf die Familie A n i s i m o v bezieht: „Auch A n i s i m o v, selbst Jude und Abkömmling dieses kaukasischen Gebirgsstammes, lieferte über seine Stammesgenoffen eine Studie: „Die jüdischen Gebirgsbewohner am Kaukasus". Charakterbilder rumänischer Richter. In Braila hat ein rumänischer Arbeiter einen jüdischen Hafenmagazineur, der ihm keine Arbeit geben konnte, einfach niedergestochen. Der Arbetter wird vor das Schwurgericht gestellt und freigesprochen. Er geht nicht nur straflos aus, sondern erhält von Geschwornen und Richtern eine Geldsammlung eingehändigt. * * * Eine Jüdin, welche Besitzerin eines Modesalons ist, wird von einem entlaffenen Dienstmädchen angeschuldigt, sie hätte ihr Waareulager absichttich angezündet. Trotzdem man den wirklichen Brandstifter kennt, läßt man ihn unbehelligt in den Straßen promeniren, die unglückliche Frau aber wird in Untersuchungshaft gebracht und verbringt daselbst Monate hindurch. Mit großen Opfern gelang es ihren Brüdern, eine Schlußverhandlung herbeizuführen, bei welcher der Präsident des Gerichtshofes der Angeklagten zuruft: „Sie bringen mir ja ganz Palästina als Zeugen her." Sie wird freigesprochen, saß aber ein halbes Jahr in Untersuchungshaft, während der rumänische Brandstifter unbehelligt bleibt. Die Boxer und die Anlisemilen. Für die tiesinnere Zusammengehörigkeit des Boxerthums und des Antisemitismus liegt jetzt von zuständiger Seite ein Bekenntniß vor. Die „Neue Bayerische Landeszeitung", vom 15. Juli schreibt: „Weil einige jüdische Händler von den Chinesen ausgehauen und geschächtet worden sind, erheben einige Judenblätter ein furchtbares Geserres und Gekreische." — Die Boxer haben sich bisher noch nicht entschließen können, die Antisemiten als gleichwerthige Genossen zu begrüßen. Man darf es ihnen auch nicht verdenken. Der Aberglaube der Chinesen. Welch unsinnige Orgien mitunter der Aberglaube der Chinefen feiert, erhellt aus. einer Shanghaier Mittheilung der „Kölnischen Zeitung". Bekanntlich hat sich die jetzige fremdenfeindliche Bewegung in Nordchina vor Allem gegen die Eisenbahnen und die dabei beschäftigten Ingenieure gerichtet. Dies ist kein Wunder, weil das abergläubische Volk im ganzen Reiche der Mitte fest überzeugt ist, daß bei jede in Bahnbau Menschenopfer erforderlich seien. In gewöhnlichen Zeiten hat die Regierung Ansehen genug, das im Allgemeinen durchaus friedliche Volk von Gewaltthaten gegen Eisenbahnen abzuhalten. Der Aberglaube ist aber damit nicht verschwunden, sondern bricht in Zeiten der Unruhe wieder hervor. Selbst in Orten wie H o n k o n g, wo doch die Chinesen seit Jahrzehnten mit den Europäern in Berührung sind, kann man Beweise für diesen Aberglauben sammeln. Anfangs vorigen Monats machten eines Abends plötzlich sämmtliche im dortigen Hafen liegenden Dschunken und kleineren einheimischen Fahrzeuge einen Höllenlärm, wobei zahllose Gewehre und sogar Kanonen abgefeuert wurden. Ein Polizei-Jnspector forschte nach der Ursache dieses ungewöhnlichen Benehmens, und dabei stellte sich Folgendes heraus: Man hatte eine Dampfbarcasse auf die Dschunken zukommen sehen und glaubte, diese wolle Kinder unter zwölf Jahren und alte Leute holen, die mrter dem von Kaulun (gegenüber Hongkong) und Kanton anzulegenden Eisenbahndamm lebendig begraben werden sollten; denn ohne dies würden die Wind- und Wassergeister (Fengschui) den Bau nicht zulassen. Nur mit der allergrößten Mühe gelang es dem Polizei-Jnspector, sich überhaupt Gehör zu verschaffen, weil Alles wild durcheinanderschrie und vor Angst außer sich zu sein schien. Endlich beruhigte man sich ein wenig; aber kaum hatte die Hafenpolizei den Rücken gekehrt, da ging der Lärm mit doppelter Kraft von Neuem los. Die Ursache war eine harmlose zweite Dampfbarcasse, die pfeifend an die Schiffe der Chinesen herangefahren war und diese abermals in die schrecklichste Angst versetzt hatte. Auch aus der Umgebung von Hankau am Aangtsektang kommen ähnliche Nachrichten. Dort sind in der letzten Zeit besonders häufig Kinder g e st o h l e. n worden. Das Volk ist nun fest davon überzeugt, daß die Fremden die Kleinen für die Bahubauten nöthig hätten. Solch ein ungewöhnl ches Unternehmen, wie es der Bau einer Eisenbahn ist, meint man, erfordere taufend Menschenleben, um die Wind- und Wassergötter zu versöhnen. Nur wenn diese Opfer vorher gebracht wären, könnten die Ausländer später auf einen sicheren Betrieb rechnen, weshalb es unumgänglich nöthig für sie wäre, sich die volle Anzahl von Kindern und Greisen zu verschaffen. Es liegt auf der Hand, daß es nicht schwer halten kann, ein so abergläubisches Volk gegen die Fremden aufzureizen. Saron Hirsch-Stiftung für Galizien. In zwei stattlichen Bänden liegt vor uns der Bericht des Curatoriums über seine Thätigkeit im Schuljahre 1898/99 auf dem Gebiete des Schulwesens und des Handwerkes in Galizien und der Bukowina, sowie über die von der Frau Baronin Clara von Hirsch-Gereuth ins Leben gerufene „Baronin Clara von Hirsch-Kaiser-Jubiläumsstiftung" zur Unterstützung von Knaben und Mädchen in Oesterreich. 9380 Schüler genossen nach dem Berichte in diesem Schuljahre den Volksschulunterricht in sämmtlichen fünfzig Tagesschulen, was einen Zuwachs von 2081 Schülern gegen das Vorjahr, in welchem die Stiftungsschulen von 7299 Kindern besucht wurden, bedeutet. Die 33 Abendcurse waren zusammen von 1870 Schülern besucht. Somit ergibt sich eine Gesammtfrequenz von 11.250 Schülern. An sämmtlichen Stiftungsschulen wirkten 230 Lehrer. Die Stiftung war dank der Muni-