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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-03 · 31 (3.8.1900) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
31 (3.8.1900)
Date
1900-08-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr- 81 Br» Vloch's Gesinnung, Euere Habsucht, Eueren Neid, Euere Unmenschlichkeit deckt? Bethätigt doch Euch Euerer Civilisation — Ihr werdet auf die „Barbaren" einen viel mächtigeren Eindruck üben, als mit der rohen Gewalt, mit der Ihr ihnen Gut und Blut zu rauben Euch anschickt, bethätigt sie zuerst in Europa und dann in China und Afrika. Canada wehrt armen Leuten den Eintritt, weil sie sich nicht mit 100 fl. t>rj Kopf ausweisen können. Aber die von Dr. Barwablok in den Straßen Londons aufgelesenen Lumpen und Vagabunden nimmt es freudig auf — stehlen die sich etwa zuvor die 50 Dollars in der englischen Heimat, damit sie nicht mit leeren Händen in die neue Heimat gelangen? Oder ist aber Canada schon so übervölkert, daß es keinen Zuwachs vertragen kann? Wer bringt denn diese Colonien zu Reichthum, als die Arbeit, wer verschafft ihnen Ansehen und Geltung, wenn nicht die Freiheit? Leider haben wir auch aus England keine tröstlichen Nachrichten zu verzeichnen. Zwar hat das Parlament begonnen, der rumänischen Frage seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, allein es war schlecht informirt als es vom Unterstaatssecretär Brodrick die Meldung entgegennahm, daß keine Klagen dem Auswärtigen Amte über die Mißhandlung der Juden in Rumänien zugekommen sind. Wir appelliren an das besser zu informirende Parlament, das wir einladen, durch eines seiner Mitglieder die Gesetzgebung Rumäniens von 1878 bis heute studiren und sich Bericht erstatten zu lassen, damit es authentisch erfahre, wie sehr sich Rumänien gegen den Geist und Wortlaut des Berliner Vertrages von 1878 vergangen hat, damit es actemnäßig die Verfolgung der Juden kennen lerne, damit es aus unbezweifelbarem Munde höre, daß Rumänien kein Culturstaat ist. Von wem will Brodrick Klagen entgegennehmen, wenn die englischen Gesandten bisher geschwiegen haben und die Gesandten, die in Bukarest nichts sehen, wie sie in Peking nichts gesehen haben. Der Hilfeschrei von Tausenden Flüchtlingen gelangt nicht an sein Ohr. die Schilderungen der Zeitungen liest er nicht — findet sich im englischen Parlament kein Gladstone mehr, der mit der „rumanian atrocities“ an das Gewissen seiner Landsleute pocht? Oesterreich verwehrt den rumänischen Flüchtlingen den Durchzug, wenn sie sich nicht mit dem Reisegeld und der Fahrkarte nach der neuen Welt ausweisen. Da sind die Defraudanten besser daran, die haben für die Fahrkarte vorgesorgt und werden am Reisen nicht behindert. Die kläglichste Rolle spielt Ungarn. Während auf der einen Seite der Mund überfließt von Versicherungen der Freiheit des Liberalismus, ja des Philosemitismus, ballt sich auf der anderen Seite die Faust, die den rumänischen Auswanderern den Eintritt verwehrt, und die ungarischen Juden vergessen offenbar, daß die Peitsche, die den rumänischen Juden entgegensaust — nicht den Rumänen, sondern den Juden trifft, ihren Glaubensgenossen, also gegen sie selbst sich richtet. Und sie küffen vielleicht gar noch die Peitsche und die Hand, denn sie halten ihnen vielleicht ja die Concurrenz vom Leibe. Ob es Feigheit, ob es Gesinnungslosigkeit ist, die diese Haltung verursachen, wir wollen's nicht untersuchen; daß es einer freien Nation unwürdig ist, den Armen um Glauben oder Stammes willen Thür und Thor zu verschließen, darüber gibt es Wohl keinen Streit. Wohin sollen diese Armen? Rumänien behauptet, sie seien keine Rumänen, sondern Oesterreicher und Ungarn. Wäre dies wahr, dann müßten nicht nur diese Staaten den Flüchtigen vollen Schutz und Aufnahme gewähren, sondern sie müßten sie in Rumänien gegen die legislatorischen Verfolgungen vertheidigen, und Rumänien hätte rechtlos, ja rechtswidrig gebandelt, indem es ihnen die vertragsmäßigen Rechte nicht gewährt und Pflichten auferlegt, die nur „Connationale" zu tragen haben. Sind sie aber Rumänen, dann haben sie ein Recht auf den Aufenthalt im Lande, und es kann ihnen der Emtritt nicht verwehrt werden. Wiv warnen eindringlich, den schönen Reden und Versprechungen der rumänischen Regierungsmanner zu trauen; man werde bittere Enttäuschungen erfahren. A. W. Vas Glend der rumänische» Auswanderer. Am letzten Donnerst g, Nachmittags, hat sich in der im II. Bezirke, Malzgasse Nr. 16, befindlichen Talmud-Thoraschule ein erschütternder Vorfall ereignet. Bekanntlich hat in der oben erwähnten Schule ein Theil der jüdischen Auswanderer aus Rumänien eine Unterkunft gefunden. Als man nun unter Anderem auch der neunzehnjährigen Elsa D r e x l e r, einem bildhübschen Mädchen, die Mittheilung überbrachte, daß sie nach Rumänien zurückmüsse, bemächtigte sich ihrer eine nicht zu beschreibende Verzweiflung. Sie weinte bitterlich und rang die Hände und wurde zuletzt von convulsivischen Krämpfen befallen. Endlich kam das Mädchen zu sich, beruhigte sich scheinbar und zog sich auf das ihr zugewiesene Zimmer zurück Als aber etwa zwei Stunden später ein Diener an ihrer Thür vorbeiging, nahm er ein leises Stöhnen wahr. Er drang daher ins Innere und fand das auf dem Bette liegende Wochenschrift. Seite 565 Mädchen sich neuerlich in Krämpfen winden. Sofort wurden Leute alarmirt und auch ein Arzt wurde herheigeholt. Dieser constatirte, daß das Mädchen eine Phosphorlösung getrunken und sich auf diese Weise schwere innere Verletzungen beigebracht hatte. Nach Verabreichung der entsprechenden Gegenmittel erholte sich das Mädchen ein wenig. Ueber das Motiv ihrer That befragt, erzählte das unglückliche Mädchen: „Ich bin aus P l o j e st i in Rumänien. Mein Vater hatte dort ein kleines Mehlgeschäft, welcheuns, wenn auch kümmerlich, doch immerhin die ganze Familie ernährte. Nun sind aber Heuer die Mehlpreise bedeutend in die Höhe gegangen, daß die meisten Kunden, welche ja übrigens auch arme Teufel waren, auszubleiben sich gezwungen sahen. Der Losungsruf: „Kaufet nicht bei Juden" that das llebrige — und wir sahen uns mit einem Male in die schrecklichste Noth versetzt. Der Bruder, der gegenwärtig beim Militär dient, konnte uns nicht helfen und auch ich fand, trotz meines Bemühens, nirgends Arbeit. Mein Vater wurde schwermüthig und ist im vorigen Monat in eine Heila n st a l t gebracht worden; meine arme Mutter ift einige Tage darauf aus Kränkung gestorben. Was blieb mir nun übrig? Ich schloß mich dem Zuge meiner armen Glaubensgenossen an und ging ins Ausland, in der Hoffnung, vielleicht dort irgendwo Arbeit und Unterkunft finden zu können. Nun zwingt man mich jetzt, wieder in meine Heimat zurückzukehren, dorthin, wo sich das Grab meiner Jugend und das Grab meines Glückes befindet. Verzeiht mir, daß ich Euch so viele Unannehmlichkeiten bereitet habe. Ich wollte in den Tod, weil ich keinen anderen Ausweg vor mir sehe ..." Ueber traurige Scenen, welche sich in Budapest unter den von Rumänien auswandernden Israeliten ereignen, berichtet der „Pester Lloyd": „Die Nachricht, daß eine rumänische Emigrantengruppe. in größtem Elend nach Budapest zurückbefördert und von hier trotz ihres verzweifelten Widerstandes nach Rumänien abgeschoben werden soll, erregte bei dem Publicum Sensation. Der Ostbahnhof, wo die Emigranten in der Glühhitze den ganzen Tag über campirten, wurde in den Abendstunden von zahlreichen Neugierigen aufgesucht, die mit den Unglücklichen sprechen und sie unterstützen wollten. Die Polizei ließ es aber nicht zu. Sie ordnete nun um 5 Uhr Nachmittags die Einwaggonirung der Emigranten an, um ihre Flucht zu verhindern. Während der Einwaggonirung spielten sich herzzerreißende Scenen ab. In jedem Coupe nahm ein Polizeibeamter Platz. Der aus Coupes dritter Classe bestehende Zug war halb überfüllt. Zu beiden Seiten des Zuges nahmen Polizisten Aufstellung, um eventuelle Fluchtversuche der Emigranten hintanzuhalten. Viele Frauen wollten sich noch in der letzten Minute vor Abgang des Zuges aus dem Fenster stürzen. Die Berathungen, welche mit dem Ministerium des Innern und dem rumänischen Generalconsulat gepflogen wurden, ergaben für die Auswanderer das erfteuliche Resultat, daß seitens Rumäniens das Versprechen gegeben wurde, es werde keinem Emigranten bei seiner Rückkehr ein Leid geschehen. Dieses Ergebniß ist besonders für die Militärpflichtigen, deren sich etwa 27 unter den Emigranten befinden, sehr wichtig, da diese befürchteten, bei ihrer Rückkehr vor das Kriegsgericht gestellt zu werden Der Extrazug weilte noch in der großen. Bahnhofshalle, als der Abends fällige Predealer Personenzug einfuhr, der wieder 120 Emigranten, fast durchwegs bemittelte, intelligente Personen, Aerzte, Beamte re., nach Budapest brachte. Die Auswanderer wurden bei der Ankunft sofort von der Polizei ersucht, in einer Gruppe zu bleiben. Die Emigranten baten, man möge ihnen gestatten, auf ihre eigenen Kosten' in Hotels zu übernachten. Die Polizei wollte dies aber nicht gestatten, und so mußte der ganze Trupp unter Polizeibedeckung in das Schubhaus in der Mosonyigasse marschiren, wo die Auswanderer übernachten werden. Vor Kurzem trafen 320 Emigranten, zumeist aus Galatz, auf dem Schiff „Hildegarde" hier ein. In Orsova hatte man sie, nachdem sie sich mit Fahrkarten bis nach Wien und mit Paffen ausweisen konnten, ruhig paffiren lassen. Umso bitterer war die Enttäuschung der armen Leute, als sie hier erfuhren, daß sie die Fahrt nach Wien nicht fortsetzen dürfen. Herzzerbrechende Scenen spielten sich am Donauufer ab, wo sich in kurzer Zeit eine große Menschenmenge angesammelt hatte. Die sinnlosesten Pläne tauchten aus der exaltirten, wild erregten Stimmung auf, die Einen wollten zum rumänischen Consulat. die Anderen ins Waffer, wieder Andere jammerten und fast Alle lehnten in ihrer traurigen Gemüthsverfaffung ttotz der Ermüdung nach der langen Reise in glühender Sonnenhitze Speisen und Getränke ab. Bilder grauenhaften Elends boten sich dar. Männer. Frauen und Kinder weinten. Mitten in dieser Verwirrung ließ die Polizei die Leute auf das Schiff „Vesta" schaffen. Nun folgten aber auf dem Schiffe erst die ärgsten Scenen. Die Leute schworen, daß sie lieber in die Donau springen, als in ihre „Heimat" zurückkehren würden. Und Zwei, Namens Silberherz und Sternberg, sprangen in derThat über Bord. Man rettete Beide, aber Srlberherz sträubte sich und es bedurfte der vereinigten Kräfte mehrerer Personen, um den Unglücklichen aus dem Waffer zu ziehen.

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