Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 30 (27.7.1900)
- Date
- 1900-07-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021362--10090-3034552- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 30 Dr. Bloch's Wochonfrlirlfr. Sette 557 einzusehen, und werden das einer wehrlosen Stadt nicht entgelten lassen, und jeder Vernünftige in der Versammlung sah ein, daß wir, ich und Rath Weckelsbach, der mir zustimmte, Recht haben. Einer der furchtsamsten unter den Zunftvorstehern hat endlich vorgeschlageu, eine Deputation möge dem französischen General bis an die Grenze des Weichbildes der Stadt entgegengehen und diese seiner Huld und seinem Schutzs empfehlen. Da ein solches Entgegenkommen in keinem Falle Schaden, immerhin aber von Nutzen sein könnte, wurde dieser Antrag einstimmig zum Beschlüsse erhoben ... Meine lieben Mitbürger! Ihr wißt es, ich bin Euer aufrichtiger und uneigennütziger Freund. Ich mische mich nicht gerne in Dinge, die nicht meines Amtes sind, und folge auch heute nur dem Drange unabweislicher Nothwendigkeit, weil unser Bürgermeister ein gar zu feiger, miserabler Lump ist; — aber ich will von einem Abwesenden nichts Uebles sprechen, ich halte mich an das gute, alte Sprichwort: cke mortibus et absentibus nil nise bene; ich will Euch keinen Rath, noch viel weniger einen Befehl ertheilen; aber es erscheint mir als eine Pflicht, Euch zu sagen, daß ich es für das Beste halte, wenn die Bevölkerung den Franzosen gegenüber Zuversicht zu deren Großmuth offen zur Schau trägt, ihnen entgegengeht und sie freundlich anfnimmt; namentlich bei dem Empfang der feindlichen Truppenabtheilung sich zahlreich betheiligt .. . clixi!" Auerbruck sprang nun von dem Steine, der ihm als Rednerbühne gedient hatte, herunter und schritt durch die Reihen seiner Zuhörer, welche ihm mit stiller Bewunderung uachdlickken; und alle Anwesenden, hierzu auch von ihrer Neugierde getrieben, nahmen sich fest vor, dem eoram popolo ertheilten Ralhe zu folgen undbei dem Einzüge der Franzosen zu erscheinen. Alle diese Mittheilungen veranlaßten Sara, nun möglichst rasch ihrem Ziele, dem jüdischen Friedhose, zuzuschreiten. Derselbe lag eine kleine Wegstunde von der Stadt und etwa einen Büchsenschuß seitwärts der H«resftraße, auf welcher die feindlichen Truppen anrücken sollten. Sara Pflegte, wenn sie die Gräber ihrer Lieben besucht-, lange dort zu verweilen; sie wollte den Rückweg nicht allzu spät antreten. Sie mochte bei diesem weder den nach der Stadt z'ehenden Franzosen, noch den ihnen entgegengehenden Bewohnern begegnen. (Fortsetzung folgt.) Ein Mädchenschickssl. Die letzten ihr von pietätvollen Lippen nachgerufenen Abschiedsworte verhallten, der Sarg wurde in die Tiefe versenkt, ein letzter trauriger Blick der spärlich der Todtenfeier anwohnenden Leidtragenden fiel auf den frischen Grabeshügel und mit trüben, schmerzlichen Gedanken verließen wir die Stätte der Trauer. In dem unaufhaltsamen Getriebe der Welt — was bedeutet darin ein einzelnes Menschenschicksal, eine durch herbes Mißgeschick zerrissene Menschenseele? Die flüchtige Zeitungsnotiz von gestern über ein lebensmüdes Wesen, sie wird heute schon durch eine andere, interessantere Mittheilung verdrängt. Mich läßt die Erinnerung an das unglückliche, nun für immer verstummte Wffen unter jenem frischen Grabeshügel nimmer los und unwiderstehlich drängt es mich, den Schleier von einem von harten Schicksalsschlägen verfolgten Menschenleben zu lüften, das nun für immer ausgerungen hat Während ich diese Zeilen niederschreibe, schwebt mir das Bild eines fast noch im Kindesalter stehenden, mit allen Reizen der Natur geschmückten Mädchens vor. Ich sehe sie — es sind noch nicht zwei Decennien her — von liebenden Eltern umgeben, von allen ihr Nahenden umschmeichelt bei dem siebzigsten Geburtsfeste eines ihr nahen, in der literarischen Welt hochangefehenen Verwandten anwesend; ihr liebliches Wesen, ihre reizende, von weißer Seide umflossene Gestalt, ihre bezaubernde Heiterkeit, ihre übersprudelnde Lebenslust, die ihr aus den Augen sprühte, wen ließ all dies ahnen, daß nach einer kurzen Spanne Zeit Ekel und Lebensüberdruß ihr die Mordwaffe in die Hand drücken werden? Alle Anwesenden waren damals von dem lieblichen Wesen bezaubert. Die Blicke des zärtlichen Vaters leuchteten vor Wonne bei dem Anblicke seines Lieblings und nun? Ec, damals ein Mann in hochangesehener Lebensstellung, überhäuft mit Ehrenstellen aller Art, stets bereit, jsdem Schutzbedürftigen und Hilfesuchenden seinen einflußreichen Schutz und seine Hilfe angedeihen zu lassen, er sieht im Laufe der Jahre kummervoll das^gleißnerische Glück ihm den Rücken kehren und gramgebeugt über den unaufhaltsamen Zusammenbruch seines einst glanzvollen Hauses stirbt er eines vorzeitigen Todes, ohne daß es ihm vergönnt war, sein Ln-blingskind — die Erbin seiner Sorgen — m sichern Hafen unterzubringen. Diese, ausgewachsen in Glück und Reichthnm, ausgestattet mit allen Gaben des Herzens und Geistes, durch eine sorgfältige Erziehung noch wesentlich gehoben, lernte erst in ihrem zwanzigsten Lebensjahre erfahren, was es bedeutet, den rauhen Kampf mit den Widerwärtigkeiten des Daseins aufzunehmen. Der Vater, gebrochen an Körper und Geist, starb, ohne B'rmögen zu hinterlaffen, die nahestehenden Freunde und Verwandten des Hauses verflüchtigten sich; der Tochter, der bis nun das Wort „erwerben* fremd gewesen, oblag nun die Sorge für die Mutter und für eine im Hause befindliche alte Erzieherin. S'e nahm mulhig den Kampf auf, es g-lang ihr, sich nach anstrengender, vorbereitender Thätigkeit einer Staatsprüfung zu u tei ziehen und eine Anstellung in der Commune, in der ihr Vater einst segensreich gewirkt und eine hervorragende Rolle gespielt hatt-', zu erlangen. Aber das unbarmherzige Geschick ließ nimmer von seiner einmal erwählten Beute ab. Die Mutter starb in Armuth und Vrrgessenheit, der Bruder — ein geistig begabter, hoffnungsvoller junger Mann, verfiel — ein Opfer des auf seinem Hause ruhenden Fluches, in die Nacht des Wahnsinns. Eine neue Sorge erwuchs für die Aermste. Sie, die zuvor nie mit den Verhältnisien zu rechnen gelernt hatte, die stets ans dem Bollen schöpfte, war nun nicht allein auf sich gestellt, sondern auch geoöthigt, für den Unterhalt des geistig kranken Bruders und der körperlich verfallenen, betagten Erzieherin zu sorgen; der Mangel an wirthschaftlichem Verständniß machte es ihr unmöglich, ihre bescheidenen Einnahmen mit den Ausgaben, welche die übernommenen Pflichten ihr auferlegten, in Einklang zu bringen. Die fortwährend klaffenden Lücken suchte die Arme in ihrer hilflosen Verlassenheit durch momentane Anlehen zu decken. Dabei vermochte sie auch nicht, jedem geistigen Genüsse zu entsagen, der von ihr ebenfalls pecuniäre Opfer erheischte. Ein steter Kampf war der stete Begleiter in ihrem vereinsamten Leben; er schleppte sich mit ihr jahrelang fort und verdüsterte vollends ihr ohnehin freudloses Dasein. Betrogen um alle Hoffnungen ihres Lebens, das sich so glanzvoll anließ und in das nun kein Sonnenstrahl mehr fiel, bis ins innerste Mark erschüttert und erbittert über die unsäglich schmerzlichen Erfahrungen, die sie in ihrer dornenvollen Laufbahn gemacht, fühlte sie sich am Ende ihrer Kräfte. Ermüdet und entmuthigt beschloß sie, einem Dasein zu entsagen, zu dem ihr alle Bedingnisse zu fehlen dünkten. Auf dem Grabe ihres heißgeliebten Vaters, mit dem all ihre Hoffnungen mitbegraben wurden, führte fie aus, was sie in qualvollen Stunden, in langen, schlummerlosen Nächten geplant. Dort fand nun die Ruhelose, von Qualen und Schmerzen so vielfältig Heimgesuchte das, wonach sie ein schmerzliches Verlangen trug — die heißersehnte Ruhe. Das Lebensschicksal dieses unglücklichen Mädchens in seiner ganzen Härte und Grausamkeit drängte sich meinem tief bewegten Innern auf und mit schmerzlicher Wehmuth erfüllte es mich, als ich die kurze Z'itungsnotiz über die Lebensmüde und das darin enthaltene, aeriufüaiae Motiv der That gelesen habe. Charlotte Frifchauer. Ein Fürst um jeden Preis. „Das Glück des Fürsten hängt vom Himmel ab und der Wille deS Pimmels ruht im Bolke.» Confacias. Juli 1873. Europa's Mächte waren Schon müde all der Fehden Des Padischah.und Czaren; Vom Rathen und vom Reden War manche Stirne heiß. Da schoben sie ein Thrönchen Rasch zwischen beide ein; Man meint, ein Fürstensöhnchen Wird bald gefunden sein! Ein Fürst um jeden Preis! Man wählt für die Rumänen — So nennt sich ein Gemengsel Voll bettelstolzem Wähnen, Ein schnödes Volksgehängsel — Vom Zollernstamm ein Reis. Hei, über die Bojaren. Die röm'sche Bastardbrut, In Schlichen wohlerfahren. Regier', ein kühnes Blut, Ein Fürst von hohem Preis!