Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 30 (27.7.1900)
- Date
- 1900-07-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 554 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 30 Smyrna. Bekanntlich hat die ottomanische Regierung auch die im Jahre 1892 aus Südrußland vertriebenen Juden, so wie vor 400 Jahren die von Spanien verstoßenen, überall ausgenommen und denselben ein sicheres Asyl in verschiedenen Provinzen des türkischen Reiches angeboten. Auch der Provinz Smyrna wurden ca. 150 Familien seitens der Centralregierung zugewiesen, mit dem Aufträge, für die Jnstallirung derselben sowie für die mohammedanischen Emigranten zu sorgen. Leider steht aber die finanzielle Macht der türkischen Regierung weit unter dem Niveau ihrer Hochherzigkeit. Die Smyrnaer Pcovinzial- Behörden waren daher außer Stande, dem hochherzigen Aufträge ihrer Vorgesetzten Folge zu leisten. Wohl haben dieselben ein interconfessionelles Einwanderungs- Comitö eingesetzt, um Geldsammlungen zu veranstalten, allein der zusammengebrachte Betrag von ca. 7000 Francs genügte kaum zur momentanen Unterbringung der Flüchtlinge, geschweige denn zur Beschaffung von Erwerbsmitteln für dieselben. Auch von der einheimischen sephardischjüdischen Gemeinde (aschkenasische existiren nicht in Kleinasien) war keine Hilfe zu gewärtigen, dieselbe konnte beim besten Willen nichts beitragen, denn die hiesige Gemeinde ist, sowie alle des Orients, sehr arm und vermag kaum ihre einheimischen Armen zu erhalten, so daß auch ihre culturellen und humanitären Institutionen, Schule und Spital, durch die Munificenz europäischer Glaubensgenoffen gegründet und erhalten wurden. Unter diesen traurigen Verhältnissen wären die unglücklichen Flüchtlinge dem sicheren Untergange verfallen, wenn nicht der damals hier weilende Jnspector der Alliance israelite, Herr S. T. Pariente, sich derselben warm angenommen hätte, um für sie das Interesse der Alliance und namentlich der großen Philanthropen Herrn Baron und Frau Baronin Hirsch zu erwecken. Dank dieser thatkräftigen Hilfeleistung konnten mehrere, besonders diejenigen, welche eine Profession verstanden, zu selbstständigem Erwerb gelangen, während die Arbeitsunfähigen, Greise, Witwen und Waisen, ausgiebig unterstützt wurden. Leider ist mit dem Ableben der Baronin Hirsch diese Hilfsquelle versiegt, und die Unglücklichen sehen sich abermals, wie zur Zeit ihrer Einwanderung, der Hungersaoth preisgegeben. Die grauenerregenden Zustände, welche die nothwendige Folge waren, erweckten das Mitgefühl der etwa 26 hier lebenden aschkenasisch-jüdischen Familien. Dieselben traten im April vorigen Jahres zusammen und gründeten den Unterstützungs-Verein für jüdische Emigranten, der sich in erster Reihe zur Aufgabe stellt, den Nothleidenden durch Zuweisung von Arbeit und Gewährung von zinsenfreien Darlehen behufs Anschaffung von Material und Werkzeug zu einer selbstständigen Existenz zu verhelfen. Die directe Unterstützung der Arbeitsunfähigen hingegen kommt in letzter Reihe. Erst als wir an die Ausführung unseres Vorhabens schritten, wurde uns offenbar, wir winzig klein unsere beschränkten Mittel (ca. 120 Francs den Monat) gegenüber dem Elend von ca. 100 Familien sind. Wir sahen uns daher genöthigt, schon nach den ersten paar Monaten unseres Wirkens den größten Theil der Einnahmen zur Unterstützung der Arbeitsunfähigen, für Miethsbeittäge und wöchentliche Brotvertheilung zu verwenden. Im ersten Verwaltungsjahre konnten von den verausgabten 2400 Francs nur 300 Francs für Anschaffung von Werkzeug und Arbeitsmaterial verwendet werden, während die restlichen 2100 Francs zur Bcotvertheilung an Hnngerleidende bestimmt werden mußten. Dce Mittel sind völlig erschöpft, während der Nothstand sich noch drohender gestaltet, die Zahl der Hilfsbedürftigen von Tag zu Tag steigt. Das Schreckgespenst der P.'st, welche in unserer Stadt ihren Einzug gehalten, lähmt Handel und Verkehr im hiesigen Hafen. Der Mangel an Arbeit macht die fürchterliche Lage der darauf Angewiesenen noch elender und trostloser. Wlr stehen dieser Katastrophe völlig rathlos gegenüber. Dieselbe muß mit verheerender Gewalt hereinbrechen, wenn nicht der bewährte Opfersinn der europäischen Brüder uns helfend an die Seite tritt. Wir bitten für tiefunglückliche, vom sicheren Verderben bedrohte Glaubensgenossen und hegen die Zuversicht, daß unser Hilferuf das Echo thätigen Erbarmen? wecken wird. Gütige spenden beliebe man an den „Unterstützungs-Verein für jüdische Emigranten" in Smyrna zu senden. Berlin. Einen wackeren Mann haben wir wiederum verloren. Herr Geheimrath Dr. Samuel Kristeller >st wenige Monate nach Vollendung seines achtzigsten Lebensjahres, nach einem für ihn und andere, insbesondere für die jüdische Gesammtheit reichgesegneten, arbeitsfreudigen und thatenreichen Leben zur ewigen Ruhe eingegangen. Vor einigen Jahren hatte der Verewigte, von Alter und Krankheit niederg-beugt, seine ärztliche Praxis, dann auch seine zahlreichen und gewichtigen Ehrenämter niedergelegt. So lange es ihm möglich war, lebte er, der zur Zeit seiner Berufsthätigkeit in seiner Wissenschaft wie in seiner Praxis einen hochgeachteten Namen erworben, seinen vielfachen literarischen Neigungen und seinen Humanitären Bestrebungen. Viele Jahre hindurch war er der Leiter im geschäftsführenden Ausschuß des deutsch-israelitischen Gemeindebundes, der ihn, als das Greisenalter ihm die Ruhe aufzwang, in dankbarer Würdigung seiner großen und reichen Verdienste zu seinem Ehrenpräsidenten ernannte. Geheimrath Kristeller hat sich in seiner Thätigkeit im D. I. G. B. um das jüdische Lehr- und Unterrichtswesen in Deutschland hervorragende Verdienste erworben. Und überall konnte man Samuel Kristeller in erster Reihe treffen, wo es der Förderung idealer, wissenschaftlicher, humanitärer Bestrebungen galt. Gar Viele haben den trefflichen Mann kennen und schätzen gelernt, dem nun nach langem, von Heil und Segen begleiteten Wirken die ewige Ruhe beschieden sein möge. Möge sein Andenken ein gesegnetes sein und bleiben für und für! London. (Ueber die rumänischen Auswanderer) in London berichtet Mr. Hermann Landau in einer am 15. d. M. abgehaltenen Versammlung des General-Comites des Asyls für jüdische Obdachlose. Seit sechs Wochen — führte Mr. Landau aus — nimmt die Einwanderung rumänischer Juden nach London immer größere Dimensionen an und seit drei Wochen ist sie so rapid gestiegen, daß die Mitte des Asyls überaus stark in Anspruch genommen wurden. Sind doch eines Tages 200 Emigranten auf einmal in London angekommen. Außer 150 Personen, welche auf dem Wege nach Canada London nur berührt haben, wurden bis dato 650 Personen Obdach und Verpflegung gewählt. Davon wurden 433 nach Canada respective Amerika geschickt. (Und zwar durch die persönliche Bemühung des edlen Mr. Landau selbst. Red.) 53 wurden von Verwandten in England und einige von Angehörigen in Paris ausgenommen. 50 wurden von Loarä of guardians als abschreckendes Beispiel nach Rumänien zurückgeschickc. Redner fürchtet sehr, daß durch die systematisch o r g a n i s i r t e Auswanderung von mittellosen Juden nach London einer fremdenfeindlichen Gesetzgebung in England Thür und Thor geöffnet werde. Er sage nicht, daß die Emigranten von den rumänischen Comi'tßs systematisch nach London geschickt werden. Es geschieht dies, aber indirect durch Schiffsagenten, welche um im Trüben fischen zu können, in Rumänien die Nachricht verbreiten, Canada sei das Land, wo Milch und Honig fließt, ein Land, in welchem der rumänische Jude frei und glücklich in Wohlstand und Ruhe leben könnte. Man kann sich denken, welche Aufregung solche Lügenberichte unter den rumänischen Juden Hervorrufen mußten. Eine Emigration nach Canada wäre aber — selbst wenn sie auf eigene Kosten der Auswanderer erfolgen würde — so lange ein schwerer Fehler, als über die Lebensbedingung daselbst nicht an Ort und Stelle Nachrichten gesammelt sind. Eine Auswanderung aus Rumänien muß unbedingt stattfinden, aber diese müsse erst planvoll organisirt werden. Redner nimmt das Loarä ok guardian gegen die vielfachen Angriffe in Schutz und führte aus: die englischen Juden haben zweifellos gegen die rumänischen Auswanderer große Verpflichtungen,, allein die Comit6s des Continents hätten das Werk, das vor ihren Thüren liegt, vollbringen sollen. Die Sendung der Emigranten nach London sei überflüssig, und selbst Dr. Ga st er hat versprochen, seinen Einfluß in Rumänien aufzubieten, um die Emigranten von London fernzuhalten. Contrexville. (.X n t c r ö i c w.) Der zur Suite des Schah von Persien gehörende Minister des Verkehrswesens, Mirza M ama l e k, hat in Contrexville, wo der Schah bekanntlich incognito zur Cur geweilt hat, einen Vertreter des „Woschod" empfangen und sich von ihm über die Juden in Persien interviewen lassen. Unsere Regierung, sagte der persische Würdenträger, habe keine Ursache, mit den Juden unzufrieden zu sein, sie folge daher gern dem Gebot unserer Religion, Fremde und Andersgläubige zu beschützen. Die Zahl der Juden in Persien beläuft sich auf circa 30.000, von denen die größte Mehrzahl Handel treibt. Sie dürfen überall in Persien wohnen und jedes beliebige Gewerbe betreiben. Ein Staatsamt dürfen sie jedoch nicht bekleiden, weniger deshalb weil sie Juden sind, als weil bei uns fast alle Staatsämter für den Adel reservirt sind. (Anderswo ist es ebenso.) Die in der jüngsten Zeit in Persien stattgehabten Judenverfolgungen stellte