Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 30 (27.7.1900)
- Date
- 1900-07-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 30 Seite 553 Vr. Blvch's Wochenschrift. Waag - Neustadtl. Die Waag - Neustadtler israelitische Realschule erzielte auch im abgelaufenen Schuljahre eine sehr wichtige Errungenschaft auf dem Gebiete der confessivnellen Gleichberechtigung. Die Schule, resp. ihr Lehrkörper wurde auf Grund eines Erlasses des ungarischen Ministers für Cuktus und Unterricht in den Verband des Landes-Pensionsfondes ausgenommen. Diese ministerielle Entschließung ist die Folge des im Vorjahre zustande gekommenen Vertrages, welcher behufs Sicherung des Fortbestandes der Realschule zwischen der ungarischen Regierung und der Waag-Neustadtler Cultusgemeinde abgeschlossen wurde. Im Sinne dieses Vertrages unterstützt der Staat diese Realschule jährlich mit 8000 bis 10.000 Kronen. Diese Anstalt ist nun mit allen nöthigen Attributen ausgestattet, die sowohl den dauernden Fortbestand als auch ein gedeihliches Wirken ermöglichen. Diese Erfolge hrben wir dem liber len Sinn und dem die 38jährige, segensreiche Wirksamkeit der Realschule würdigenden Rechtsgefühle der ungarischen Regierung, sowie der Opferfreudigkeit der Waag-Neustadtler israelitischen Cultusgemeinde zu verdanken. Die officiellen Vertreter des ungarischen Judenthums haben sich stets indifferent unserer Schule gegenüber verhalten. Die beiden Landeskanzleien, welche ex otTo die Interessen der ungarischen Juden zu vertreten haben und dafür mit jüdischem Gelde erhalten werden, haben noch nie eine Feder eingetaucht zur Förderung dieser prouoncirt jüdischen Anstalt. Ja, wenn sich unsere Gemeinde einer der belden streitenden Parteien anschlöße, dann würden die Herren auch geruhen, Notiz zu nehmen von der Existenz dieser M ttelschule; um eine parteilole Schule jedoch, die ausschließlich dem Judenthume und nicht der Partei ihre Dienste widmet, lassen sich diese Herren kein graues Haar wachsen. Und wenn hie uub da das jüdische He^z dieser Führer des Judenthums ein Unbehagen wegen ihrer unjüdischen Denkweise verspürt, so läßt man sich vom Dr. Engherzigkeit ein beruhigendes Tränkchen verordnen und das Recept lautet: „Diese Anstalt wird von der Waag-Neustadtler status qno-Gemeinde erhalten, ist also ihr Eigenthum. Demnach hat das ungarische Judenthum als Gesammtheit mit derselben nichts zu schaffen". Wir zweifeln sehr, ob d i e V o rstände anderer Confessionen so leichten Herzens, eine Mittelschule ihrem Schicksale überlaffend, zur Tagesordnung übergehen werden. Es darf daher gar nicht Wunder nehmen, daß die israelitischen Cultusgemeinden unseres Vaterlandes dieses Beispiel ihrer Führer nach ahmen, und, mit Ausnahme der Szegediner Cultusgemeinde, der einzigen jüdischen Realschule gegenüber den g'ößten Jndifferentismus an den Tag legen. Der Fisch stinkt stets vom Kopfe. Der vielgerühmte, aber leider jetzt tief schlummernde jüdische Gemeinsinn erwacht erst da in, wenn politischer Druck und Unduldsamkeit jeder Act ihn ans seiner Lethargie erwecken. Dann will er sich bethätigen, Widerstand leisten, Opfer bringen und rafft sich auf, um — Ruinen aufzubauen. Wäre es nicht menschlicher und weiser, dasBestehende zu befestig -n und derartig vor dem Untergange zu schützen? Bon allen Seiten stürmen die Feinde auf das Judenthum los. Was gewährt uns Schutz vor dem Verderben? Nebeudemtreueu Festhalten an der ererbten Religion undSitte sichern unseren Fortbestand aufrichtiger, b egeisterter Patriotismus uird colltinuirlicher Fortschritt auf dem Gebiete der Cultnr und der Wissenschaft. Dieses Dceigestirn sei der Wegweiser des Judenthums, soll es nicht von der umtosenden Brandung verschlungen werden. Was leistete auf diesem Gebiete die Waag-Neustadtler jüdische Realschule? Diese Schule übermittelt ihren Schülern eine gründliche wissenschaftliche Bildung auf streng religiöser Basis. Der Sabbath und alle anderen Festtage werden der Vorschrift gemäß gefeiert. Die Schüler besuchen nicht nur den samstägigen Jugend-Gottesdienst, sie wohnen auch dem täglichen Früh- und Abend-Gottesdienste bei. Der Religionsunt,rricht wird auf erweiterter Basis ertheilt; und da der Lehrkörper und die überwiegende Mehrzahl der Schüler jüdischer Confeffion sind, so kann es nicht Vorkommen, daß ein Schüler in seinen religiösen Gefühlen verletzt würde. Die Schüler verschiedener Confessionen verkehren mit einander in steter Eintracht, und nie wird eine Klage über confessionelle Unduldsamkeit vernommen. Alle die schönen jüdischen Charakterzüge, wie ernstes Streben, gepaart mit zäher Ausdauer, Wohlthätigkeit ohne Rücksicht auf die Confession, praktischer Sinn und Begeisterung für die menschlichen Ideale wurden sorgsamst gehegt und gepflegt. Zur Förderung und Kräftigung der patriotischen Gefühle veranstaltete die Realschule an geeigneten Tagen weihevolle Schulfeste. Am 19. November gedachten wir pietätvoll unserer unvergeßlichen Kaiserin und Königin Elisabeth. Am 15 Marz feierten wir die Verkündigung der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit; am 11. April die allerhöchste Sanctionirung der ungarischen Verfassung vom Jahre 1848 und am 8. Juni die Jahreswende der Krönung Sr. Majestät als König von Ungarn. Der Unterricht wurde auf Grund der ministeriellen Lehrpläne in ungarischer Sprache von Lehrkräften ertheilt, die vom Staate ihre Lehrbefähigung erhielten. Ueber die erzielten Unterrichtsresultate geben folgende statistische Daten Aufschluß. Die vierclaffige Unterrealschule besuchten im laufenden Schuljahre 139 Zöglinge, unter denen 113 der jüdischen und 24 der christlichen Confeffion angehöcten. Lobenswerthes sittliches Betragen bekundeten 93 Schüler, und 46 erhielten „vorschriftsmäßig" in Sitten. Getadelt wurde kein einziger Schüler in Sitten. Ebenso günstige Fortschritte machten die Schüler in ihren Studien. 6 5 Percent erhielten durchwegs vorzügliche Noten, 27 Percent erhielten gute, 53 5 P-rcent genügende Fortgangsclassen. 8'5 Percent müffen aus einem Lehrgegenstande einer Nachprüfung sich unterziehen und 5 5 Peccent wurden zur Wiederholung der Classe angewiesen. Warschau, 12. Juli. Wie der Blutaberglaube und die mit demselben verbundenen Excesse in regelmäßigen Zwischenräumen immer wieder auftauchen, so ist dies leider auch mit dem Kinderraub der Fall, der, von der katholischen Kirche in der uns leider nur zu gut bekannten Form in Scene gesetzt, gegenwärtig zu den „modernen" Tageserscheinungen gehört. Auch bei uns hat sich Folgendes ereignet: Eine arme, in der Provinz wohnende Witwe Namens Miller, hatte, da ihre Vermögensverhältnisse sehr trauriger Art, eine ihrer Töchter, Dwojra. zu ihrem Bruder aufs Land gegeben, wo dieselbe mehrere Jahre verweilte. Das jetzt 14jährige Mädchen, das sich durch bedeutende Körperkraft auszeichnet, theilte mit Vorliebe die Arbeit der Knechte und Mägde, indeß es zum Lernen weniger Neigung zeigte. Bor drei Monaten verschwand Dwojra plötzlich und zehn ganze Wochen wußte man nicht, wo sie hingekommen war. Man denke sich die Verzweiflung der armen Mutter! Nach Verlauf dieser Zeit gelang es Letzterer, endlich ihr Kind im Stift der Heiligen Sophie, Pieknastraße 19, Warschau, ausfindig zu machen. Es ist dies kein Kloster, sondern eine Wohlthätigkeits-Anstalt, wo junge, vom Lande gekommene Mädchen zum Hausdienst ausgebildet werden. Die unglückliche Mutter verlangte ihre Tochter zu sehen. Es wurde ihr gestattet. Dwojra erschien, aber umringt von Aufseherinnen und Hausgenossinnen. die in einemfort auf sie einsprachen und ihr die Antworten, die sie der Mutter ertheilen sollte, dictirten. „Sag', es ist zu spät." „Sag', jetzt ist schon Alles vorüber," u. s. w. Dwojra, verschüchtert, wiederholte selbstverständlich Alles, was ihr vorgesagt wurde. Als ihre kleine Schwester sie küssen wollte, wurde dies nicht zugelaffen, auch wurde Dwojra ihrer Mutter nicht zurückgegeben. Die arme Frau that ihr Möglichstes, um ihr Kind wieder zu erlangen. Sie wandte sich an die Polizei, nahm die Hilfe von mitleidigen Privatpersonen in Anspruch, Alles vergeblich. Die Vorsteherin des Stiftes behauptet, das Mädchen wäre getauft, und da es 14 Jahre alt, — folglich der Kirche gegenüber mündig sei, — müsse die Thatsache als unumstößlich hingenommen werden. So stehen die Sachen bis nun; man beabsichtigt, den directen Weg zum Fürsten I m e r i t i n s k i, General-Gouverneur von Warschau, einzuschlagen, da man hoffr, daß derselbe eine so offene Vergewaltigung jeglichen Rechtes nicht dulden wird. Der geniale Victor Hugo legt Torquemada die Worte in den Mund, daß er die Juden foltern laffe und sie dem Feuertode weihe, um ihre Seelen zu retten. In unserem aufgeklärten Jahrhundert würde, aus Furcht vor Lächerlichkeit. — wohl nicht einmal ein Großinquisitor einen solchen Gedanken zum Ausdruck bringen. Und doch wird der Raub jüdischer Kinder von der katholischen Kirche systematisch betrieben und verbreitet sich, einer ansteckenden Krankheit gleich, von einem Lande zum anderen. Welches also ist der Zweck eines solchen Vorgehens? Die Frage bleibt unbeantwortet. Thatsache jedoch ist, daß das jüdische Volk in Warschau in einer großen Aufregung sich befindet, da man befürchtet, die arme Witwe Miller werde ebensowenig zu ihrem Kinde kommen, wie die Eltern von Michalina traten zu dem ihrigen. Sollte Fürst I m e r iti n s ki die Angelegenheit in die Hand nehmen, so werde ich nicht ermangeln, Ihnen über den weiteren Verlauf derselbezu berichte». 3i . . .