Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 30 (27.7.1900)
- Date
- 1900-07-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 552 Nr. 30 Dr. Bloch's Der Boxermoniteur fällt mit wahrer Berferkerwuth über ihn her und droht mit der „Einladung an die Bevölkerung", ein ernstes Wort d'rein zu sprechen. Mag nun der Herr Statthalter zusehen, wie er sich diese Sippe vom Halse hält, uns berührt dieser Streit nur insoferne, als wir in der Spitalfrage, d. h. in der Fürsorge für arme Kranke ein Gebot der Menschlichkeit sehen, ohne uns um die Rechtsfrage zu bekümmern. Wir können diese Frage ganz wohl den Juristen überlassen, mögen sie nun dem Statthalter oder dem Stadtrathe Recht geben. Insoweit aber dabei auch der Wiener Finanzlage gedacht wird, hat jeder Wiener Steuerzahler das Recht, eine Meinung abzugeben und dies Recht lasten wir uns umso weniger nehmen, als bekanntlich die Juden ja die stärkst Besteuerten in Wien zählen und als sie anderseits ebenso bewiesen haben, daß sie der Spitalsnoth gegenüber immer bereit gewesen sind, ihren armen Mitbürgern zu helfen. Das Bettina-Rothschildspital, die Königswarter-Stistung, das von dem „Judenstämmling" Mauthner gegründete Spital u. s. w. sind Zeugen wahrhaft großherziger Gesinnung wenn es gilt, für arme Kranke zu sorgen. Wenn also wieder an die Bevölkerung appellirt würde — die Juden würden trotz alledem. was im Rathhause gesündigt wird, nicht widerstreben, neue Opfer zu bringen. Aber man sagt, die Gemeinde könne keine Opfer bringen. Das glauben wir wohl. Aber warum kann sie es nicht? Nicht etwa deshalb, wie der Boxermoniteur glauben machen wlll, weil die Casten der Gemeinde im Jahre 1897 leer waren, sondern weil sie seit 1897 geleert worden sind. Im Jahre - 1897 waren mehr als 3 Millionen vorhanden, aber seither sind Schulden auf Schulden gehäuft worden, eine abenteuerliche Unternehmung folgt der andern, für Boxer werden fette Pfründen geschaffen — deshalb sind die Casten leer, und wenn auch nicht die Gefahren eines Bankerottes in Sicht, so ist doch die Notwendigkeit einer Z'mskreuzererhöhung fast unvermeidlich. Diese Zinskreuzererhöhung sucht man nun als eine Folge der Forderung des Statthalters hinzustellen, und um nun die Wahrheit zu verbergen, daß die trostlose Gemeindeverwaltung am Ende ihres Lateins angekommen sei und ihr das Wasser der Geldnot schon an den Hals laufe — suchen sie sich einen Prügelknaben aus, den sie für die Erhöhung der Zinskceuzer verantwortlich machen wollen. Mtt der den Boxern eigenen Verlogenheit und ganz ihrem Charakter entsprechend, sowie ganz aus der Unmenschlichkeit und Gefühllosigkett ihrer Gesinnung heraus — wollen die Wiener Boxer die wenigen Juden, welche in den Spitälern Aufnahme finden, als die Ursache der Spitalsnoth hinstellen. Sie unterlassen es aber, ihre Zahl anzugeben, sondern berufen sich auf Angaben, die, aus der enormen Summe des Jahresverbrauches für alle Kranken herausgeriffen, ein wahres Bild nicht geben; sie entstellen die wohltätige Hilfeleistung frommer Vereine für arme Kranke, indem sie ihnen einen Zweck unterschieben, den sie nicht besitzen, und sie verdrehen sogar amtliche Documente, indem sie die bedingten Aussagen derselben zu unbedingten umzumodeln sich bemühen. Mtt solchen sich selbst richtenden Mitteln will man auf die urtheilslose Menge aufreizend wirken und den vielleicht nicht rechtlich, wohl aber menschlich und hygienisch sehr begründeten Vorstellungen des Statthalters von vorneherein entgegenwirken. Wir sehen der Entwicklung des Streites zwischen der Statthalterei und den Wiener Boxern mit begreisl-cher Spannung entgegen. Vielleicht intereffirt dieser Streit nicht blos die Berwaltungsbeamten, sondern auch die Politiker, die immer klarer sehen werden, mit wem sie sich eingelassen haben, als sie den Wiener Boxern zur Macht verhalfen. A. W i e n e r. Correspondenzen. Sambor. (Israelitische Handelsschule in Samb o r.) Sonntag am 15. Juli fand in der hiesigen israelitischen, vom verstorbenen Osias Gotthelf s. A. gestifteten zwciclassigen Handelsschule die Vertheilung der Schulzeugniffe an die Schüler dieser Anstalt statt. Schon um 10 Uhr Früh versammelten sich die Schüler, der Lehrkörper und das Curatorium in dem festlich decorirten Lehrsaale, welcher bereits von einem zahlreich erschienenen, distinguirten Publicum bis auf das letzte Plätzchen gefüllt war, unter welchem sich auch der hiesige k. k. Bezirkshauptmann Herr Kicszkowski befand. Auch waren die ehemaligen Schüler dieser Anstalt stark vertreten, Schiller die ihr ganzes Können und Wiffen nur dieser Schule zu verdanken haben. Die Festrede an die Abiturienten hielt der Mitbegründer und Wochenschrift. Curator dieser Anstalt Herr Dr. Witz. Als Redner die Tribüne bestieg, wurde er mit langanhaltendem stürmischen Applaus von Seite der Studentenschaft und des Publicums begrüßt und schien die wiederholt mit brausendem Beifall unterbrochene Rede kein Ende zu nehmen. Redner gedachte auch unter Anderem in ergreifenden Worten der Namen der in diesem Jahre durch den Tod entrissenen Curatoren, Wohlthäter und Förderer dieser Anstalt Herrn Wolf Raab, Kaufmann, und Herrn Nehemias Rauunkel, Kaufmann und kaiserl. Rath, that Erwähnung der ruhmvollen Verdienste, die sich die Beiden für die Schule erworben haben, welche von den zahlreichen Anwesenden zu Ehren-der Verstorbenen durch Erheben von den Sitzen stehend angehört wurden. Zum Schlüsse sprach Redner dem anwesenden Statt- Halterci-Vertreter für die der Schule freundlichst überwiesene Subvention in der Höhe von 1000 Kronen im Namen der Schule und der Schüler den innigsten Dank aus, als Beweis und Anerkennung der Sympathien, der sich diese Schule allenthalben erfreut. Dem Redner wurden von allen Seiten, als er zu Ende war, große Ovationen zutheil. Sodann erstattete über die Thätigkeit der Schule der Direktor und Leiter derselben, Herr Julius Eisler, ausführlichen Bericht. Wie dem Berichte zu entnehmen ist, wurde der I. Jahrgang von 25 Schülern, der II. Jahrgang von 15 Schülern, der für minder vorbereitete Schüler bestehende (Vorbereitungs)-Curs von 17 Schülern und schließlich der einjährige Mädchencurs von 17 Schülerinnen besucht. Die totale Zahl der gesammten Curse beträgt demnach 74 Schüler. (Eine sehr schöne Zahl für eine galizische Handelsschule.) Dem weiteren Berichte zufolge wurden auch in diesem Jahre Excursionen in die verschiedenen großen Etablissements in- und außerhalb Sambors unternommen, so wurden z. B. die Bergwerke und Naphthagruben in Drohobycz, Boryslaw und Schodnica besichtigt. Von welche großem Nutzen und von welch' hoher Bedeutung eine solche Handelsschule für eine galizische Stadt ist, sprechen die Zeugnisse unserer Söhne, die vor unseren Augen aufliegen, welche ihre Existenz und ihr Dasein dieser Schule verdanken. N. L. Prag. (Cz echisch e Stadtväter in Paris.) In dem allgemeinen Völkerbabel, das jetzt im Weltausstellungs-Paris zusammenströmt, haben die Vertreter des „goldenen Prag" einige Mühe gehabt, sich bemerkbar zu machen. Dieselben waren nämlich deputativ mit dem Bürgermeister Srb an der Spitze dahingekommen, um die etwas verblaßte Erinnerung an die große czechische Nation bei den Franzosen aufzufrischen. Den Stadträthen hatten sich noch andere Personen angeschlossen, vor Allem die Abgeordneten Brzeznovsky und Horica. In der Gesellschaft befand sich auch Herr Schmidt, mit Hilfe des Namens seiner Frau in einen französischen Schmidt-Beauchez verwandelt, der zur Zeit des Omladinaprocesses aus Prag hatte verschwinden müssen, weil seine Beziehungen zur Prager Polizei allzu offenkundig geworden waren. Trotzdem wäre die D putativ» ziemlich unbemerkt geblieben, wenn sie nicht knapp vor ihrem Abschiede von der Seinestadt in einigen Redactionen vorgesprochen hätte, um dort in gebrochenem Französisch ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Die Redactionen der „Patrie" und der „Libre Parole" erfreuten sich eines solchen Besuches und besonders in den Räumen des Drumont'ichen Blattes — dieser große Patriot selbst hatte das Unglück, nicht in Paris zu sein — wurde eine wahre Verbrüderungsorgie zwischen Nationalisten und czechischen Stadtvätern gefeiert. Dr. Cenkor, der den Dolmetsch machte, soll nach Pariser Meldungen sich zu der phantastischen Aeußerung haben hinreißen lassen, daß das czechische Volk nicht nur die lebhaften Sympathien für Drumont empfinde, sondern auch.die „Libre Parole" eifrig lese. Bürgermeister Srb — der Arme kann offenbar selbst nicht Französisch — habe ihn beauftragt, zu erklären, daß er im Kampfe Drumont's gegen die Inden mit ganzem Herzen auf Seite des französischen Antisemiteuführers stehe. Dieselbe Bewunderung hegen die Czechen auch für Deroulöde. Diese Enunciation der Prager czechischen Stadtväter ist außerordentlich lehrreich. Es ist jetzt klar, warum sich die Czechen so. heftig sträuben, die ihnen so nützliche und nothwendige deutsche Sprache zu erlernen. Die Lectüre der „Libre Parole", die das czechische Volk liest, nimmt offenbar ihre ganze freie Zeit in Anspruch, zumal in ganz Böhmen kaum mehr als drei Exemplare der „Libre Parole" zu finden sein dürften. So hat denn der Altczeche Srb den wohlbegründeten schlechten Ruf der Prager Stadtvertretung in Paris nicht minder wirkungsvoll vertaten, als es vermuthlich sein Vorgänger im Bürgermeisteramte, Podlipny, im gleichen Falle gethan hätte. Der berühmte czechische Freisinnn hat wieder einmal eine seiner merkwürdigen Proben geliefert, an denen die Geschichte der letzten Jahre so reich ist. Was würde der Kämpfer für Glaubensfreiheit, Magister Huß, sagen, wenn es ihm jetzt vergönnt wäre, vom Grabe aufzustehen? Freilich nichts als die Heiden Worte heroischen Leidens: Sancta simplicitas!