Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 30 (27.7.1900)
- Date
- 1900-07-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Bloch's Wochrnschrifl. Seite 551 Stift nngsschulen im Lande und gründet mit einer im Banne chassidischer absoluter Unwissenheit und Uncultur verbliebenen Frau eine Familie, dann wird die mühevolle Aussaat der Schule erst recht kärgliche Früchte tragen ....." Alle diese Ausführungen, sowie die weitern Folgerungen beruhen auf grundfalschen Prämissen: Die Stiftung mußte Knabenschulen in Galizien errichten, weil die Kuabenmasseu daselbst bis dahin die Schulen mieden und in heillosester Verwahrlosung auswuchsen, von Tag zu Tag das Massenelend steigernd; sie war jedoch in der glücklichen Lage, Mädchenschulen nicht errichten zu müssen, weil die Mädchen überall imLande, mit geringen Ausnahmen, die öffentlichen Schulen besuchten und besuchen. Denn selbst die verbohrtesten Chassidim lassen aus hergebrachtem Vorurtheil ihre Töchter die Schulen besuchen, während sie ihre Söhne vom zartesten, noch nicht schulfähigem Alter ab dem finstern, Geist und Körper verkrüppelnden Cheder überliefern und sie mit aller Strenge von der Schule fern halten. Es standen somit, als die Stiftung ihre Thätigkeit in Galizien eröffnete, nicht die Mädchen, sondern die Knaben „abseits ohne Antheil, unvermögend, nicht unfähig, die Fortschritte der — Schwestern mitzumachen/ — Es galt vielmehr, eine „im Banne chassidischer absoluter Unwissenheit und Uncultur verbliebene" männliche Jugend auf die Stufe emporzubringen, welche das jüdische, durch die öffentliche Schule gegangene Mädchen erreicht hat, um auch in Bezug auf die künftige Ehe das so sehr mangelnde Gleichgewicht einigermaßen herzustellen. Welch namenloses Unglück diese Ungleichheit der Erziehung schon erzeugt hat, das weiß nur der mit den galizischen Verhältniffen Vertraute; aber selbst der Außenstehende ahnt, wenn er nur ein wenig zusieht, den ganzen Jammer. Man denke: ein Mädchen, welches einen vieljährigen Schulunterricht genossen, ein anderes Leben als im Elternhaus in der Schule kennen gelernt, durch Lectüre moderner Werke mit modernen Ideen vertraut wurde — und solche jüdische Mädchen gibt es in Galizien heutzutage en müsse — w'.rd an einen unendlich tief unter ihr stehenden jungen Wilden von abschreckendem Aeußern, ohne Sprache, ohne Manier u. s. w. fürs ganze Leben gebunden! Die Folgen lassen sich unschwer ermessen. Ab und zu dringt da ein Nothschrei in die Oeffentlichkeit, ab und zu flüchtet sich so ein unglückliches Geschöpf in den sie willig ausnehmenden Schoß der Kirche. Zweifellos werden die Stiftungsschulen auch in dieser Richtung besseren Wandel schaffen. Unsere verehrte Verfasserin wird nunmehr gewiß auch gern ihre folgende Bemerkung corrigiren: „Ob es Kurzsichtigkeit, Absicht oder nur gedankenlos acceptirte Tradition ist, die den galizischen Frauen keine Vertreterin ihrer eigensten Interessen in der Verwaltung der Baron Hirsch-Stiftung sichert, weiß ich nichts Gewiß, es war keines von Allem. Für Knabenschulen bedurfte die Verwaltung keiner Vertreterinnen. Sobald jedoch, Dank der von der Frau Baronin Hirsch noch kurz vor ihrem Hinscheiden creirten Stiftung, auch Mädchen, wenn auch nur in verhältnißmäßig recht bescheidenem Maße, bedacht werden konnten, wurden auch schon an jenen Orten, wo Mädchenschulen (zur Heranbildung von Dienstboten und Handarbeiterinnen), ins Leben gerufen wurden, Frauencomitäs eingesetzt, von welchen zugestanden werden muß, daß sie sich ebenso, wenn nicht besser bewähren, als die männlichen Comites bei den Knabenschulen. Solche Mädchenschulen, welche die Arbeit in die Häuser zu verpflanzen berufen sind, sollten an allen größeren galizischen Ortschaften creirt werden, während bisher nur vier bestehen. Uneingeschränkte Zustimmung und eingehende Beachtung verdienen die hierauf folgenden Ausführungen der Verfasserin über die Armenpflege, sowie über die Heranbildung von Volks- Pfleger und Volkspflegcrinnen, worüber wir edelsinnige und recht beherzigenswerthe Worte vernehmen. Aber leider werden alle diese trefflichen Anregungen noch lange der Verwirklichung entgegensetzen. Noch ist lange nicht genügend für den Volksschulunterricht gesorgt — und dann fehlt es gar sehr an Geld, weit mehr aber noch an „Missionären der thätigen pflichttreuen Menschenliebe", wie wir sie nach der Verfasserin eigener Bezeichnung gar sehr brauchen. Das galizische Hilfswerk verlangt Menschen von Intelligenz, die bereit sind, sich für die Sache zu opfern. Denn die Arbeit, die hier geleistet werden soll, ist, wenn man sie ernst nimmt und mit dem Herzen erfaßt, eine aufregende, aufreibende und lebenverkürzende. Solange solche Apostel, die sich mit Freuden für die leidenden und im Schlamm versinkenden Massen ihrer Glaubensgenoffen opfern, nicht vorhanden, solange man mit geistigen Taglöhnern arbeiten wird, solange wird ein Ganzes nicht geschaffen werden — und mit Flickwerk darf man sich da nicht begnügen. Einstweilen suchen viele nothleidende jüdische Familienväter dem Untergang durch Auswanderung nach Amerika zu entrinnen. Sehr gefördert wird diese Auswanderung dadurch, daß fast jede galizische Judengemeinde seit geraumer Zeit Mitglieder in Amerika besitzt, welche ihre Verwandten und Bekannten nach sich ziehen. Es vergeht kein Tag, wo nicht kleine Schaaren aus den entlegensten galizischen Ortschaften in geräuschloser Stille ausziehen, nachdem sie ihre letzten Habseligkeiten veräußert haben, um die Reisekosten nach Amerika bestreiten zu können. Diese Auswanderung vollzieht sich in aller Stille und ohne jede Belästigung. Die diesjährige Volkszählung wird zweifellos eine erfreuliche Abnahme der jüdischen Bevölkerung Galiziens constatiren. M. Fr. Die Wiener Boxer gegen den niederöstrrreichifchen Statthalter. Die Freundschaft zwischen dem Statthalter von Niederösterreich und den Wiener Boxern, die sich im Rathhause breit machen, scheint in die Brüche gegangen zu sein. Wenigstens gibt sich äußerlich ein gereizter Zustand zu erkennen, wie er einem Kriege vorauszugehen Pflegt. Der Statthalter bemüht sich zwar, seine neu, das heißt seit 1897 gewonnenen Freunde noch bei guter Stimmung zu erhalten und meint, er könne ihnen mit gütlichem Zureden irgendwelche Zugeständnisse abgewinnen, aber es gibt ihnen doch auch zwischen den Zeilen zu verstehen, daß er kräftigere Geschosse in seinem Arsenal habe, von oenen er eventuell Gebrauch machen könnte. Sie aber fahren nach richtiger Boxermanier gleich mit grobem Geschütze auf, und schon nach den ersten Truppen, die sie ins Gefecht schicken, kann man wahrnehmen, daß sie es darauf angelegt haben, der Statthalterei gegenüber die gleiche Rolle zu spielen, die sie den Gerichten gegenüber — dank der Connivenz, auf die sie offenbar immer gerechnet haben — spielen durften. Die Freundschaft mit dem Statthalter und die Nachsicht gegen ihn dauert offenbar nur solange als er unbedingt sich den Wiener Boxergelüsten fügt, sowie er aber einen selbstständigen Willen zeigt — und wäre es auch zum allgemeinen, Besten — drohen sie die Massen gegen ihn in Bewegung zu setzen. Hätten wir eine machtvolle und selbstbewußte Regierung, so wäre dieser Drohung sicherlich jene Antwort zu Theil geworden, die ihr von rechtswegen gebührt. Regierungen aber, die es dulden, daß man immer hinter dem Rücken der Gerichte Untersuchungsrichter spielt, Zeugen betrunken macht und mit den Betrunkenen Protokolle aufnimmt, die können folgerichtig auch Drohungen gegenüber, die Volks maffen gegen dir Staatsgewalt aufzureizen, nicht mit impouirender Wucht auftreten. Es scheint fast, als ob der alte Pact, der zwischen Badem und den Wiener Boxern geschloffen wurde, noch immer in Geltung stünde, sonst wäre es unverständlich, daß man sich derartige Drohungen gefallen läßt. Was zu diesem vorläufig noch unblutigen Wiener Kriege den Anlaß gegeben hat, ist eine gar seltsam berührende Angelegenheit. Die Wiener Spitäler sind nothleidend. Trotz der Erhöhung der Spitalsgebühren reichen die Einkünfte zur Deckung der Auslagen nicht aus. Der Statthalter, als Verwalter des Krankenhausfondes, nimmt sich aus rechtlichen und hygienischen Gründen der Spitäler an. Ec weist darauf hin, daß es an Aufnahmsräumen mangelt, daß Arme zurückgewiesen werden müffen, daß es eine wahre Spitalsnoth gibt, die Gefahren für die Gesundheit der Bevölkerung in sich birgt, und er beruft sich auf das Sanitäts-, das Heimats- und das Gemeindegesetz, um aus diesen die Pflicht der Gemeinde zu deduciren, daß sie für arme Kranke zu sorgen habe. Anfangs fragt er nur schüchtern an, was die Gemeinde gegen die Spitalsnoth vorzukehren gedenke, als er aber seitens des Stadtrathes eine ebenso brüske, wie die Jntereffen der Bevölkerung hintansetzende Antwort erhält, wird er deutlicher und erinnert die Gemeinde in der Form noch immer sehr maßvoll — an ihre Pflicht. Da kommt er nun schön an.