Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 30 (27.7.1900)
- Date
- 1900-07-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette eso Dx. Bloch's Wochenschrift. Nr. 30 Tage brachten mir einige Aufklärung, als ich sah, wie das nicht minder alte, wenn auch nicht so intensive rumänische Judenelend ebenfalls Plötzlich entdeckt und urplötzlich — allerdings wie sich bald zeigte — durch einen verwegenen operativen Eingriff — zu einem gefährlichen, vorerst nur localen Ausbruch gebracht wurde.- Das gäbe Alles sehr zu denken, wenn wir nur denken wollten, das würde uns ferner eindringlichst mahnen, von der sehr beredt predigenden Vergangenheit zu lernen, wenn wir nur nicht gar so gerne das Gestern über das Heute vergessen würden. Schon vor zwei Decennien haben ernst strebende, im Dienste der Humanität stehende Männer in Wien und Paris, als sie nach der äußersten Grenze Ostgaliziens geeilt waren, um den.aus Rußland ausgetriebenen Judenmassen Hilfe zu bringen, bei dieser Gelegenheit schaudernd einen Einblick in die galizischen Verhältniffe gewonnen und den ganzen Umfang des dortigen Judenelends und die Quellen desselben genau erkannt. — Dieses so gefahrvolle Elend ging ihnen tief zu Herzen und sie vergaßen es nicht mehr. Und als die Hauptarbeit für die russischen Flüchtlinge gethan war und bei den russischen Juden wieder einige Beruhigung eintrat, da erinnerten sie sich ihrer in den doppelten Banden des Elends und der geistigen Finsterniß schmachtenden galizischen Glaubensgenossen. Aber sie erhoben dabei kein nutzloses, mehr verwirrendes als orientirendes, mehr abstmnpfendes als dauerndes Mitgefühl erregendes Geschrei, sondern schritten zielbewußt den einmal als einzig richtig erkannten Weg vorwärts, mit tiefstem, jedem schädlichen Geräusch abholdem Ernst vielvermögende Bundesgenossen für die einzuleitende Hilfsaction suchend. Die Losung lautete: Regenerirung der arg verwahrlosten galizisch-jüdischen Maffen vermittelst der von ihnen bislang gemiedenen Schule, Erziehung der nachwachsenden Jugend durch dieselbe zu nützlichen, im Schweiße des Angesichtes arbeitenden Staatsbürgern. Dieses jedem ernst Denkenden einleuchtende Programm fand auch bald den richtigen Mann, der ihm das richtige Verständniß, und, was nicht minder wichtig, reiche Hilfsmittel entgegenbrachte. Es war Baron Hirsch. Allein die Schulstiftung stieß auf ungeahnte Schwierigkeiten und Hindernisse. Soweit sie um sich blickte, lauter Gegner. Freund und Feind verschworen sich gegen sie, die Finsterlinge schrieen, man wolle die Kinder dem Judenthum abwendig machen; die „Aufgeklärten" aber thaten sehr aufgeklärt und riefen unaufhörlich: was, Schulen! wir brauchen keine Schulen, gebet lieber den nothleidenden Maffen Brot! Die Kurzsichtigen! Als ob es möglich wäre, Hunderttausenden von Menschen, die. dank herrschender, hundertjähriger Verwahrlosung, nichts Rechtschaffenes und Nützliches gelernt und überdies von „religiösen" Vorurtheilen, von dem Zwang drückender Tradition im Handel und Wandel auf Schritt und Tritt gehemmt und gelähmt werden, heutzutage dauernd Brot zu geben! Gleichwohl hat Baron Hirsch — allerdings hauptsächlich zur Unterstützung seiner Schulstiftung — versucht, auch diesen Rufern nach Brot gerecht zu werden, indem er ihnen für diesen Zweck im Verlauf einiger Jahre mehr als eine MÜlion Gulden zur Verfügung stellte, ohne daß dieselbe auch nur die leiseste Spur dauernder Hilfeleistung zurückgelassen hätte. Ebenso wirkungslos versandete die später von den berufensten Faktoren des Landes, den jüdischen Reichsraths- und Landtags- Abgeordneten, eingelettete Hilfsaction, für welche zur Schaffung von Hausindustrien, wie es heißt, fl. 70.000 verausgabt wurden. Anders ging es der Schulstiftung, die ihre Action dort begann, wo sie, wenn überhaupt ein nachhaltiger Erfolg erzielt werden sollte, begonnen werden mußte: bei den Kleinen. Allerdings hatte diese Stiftung bei Aufnahme ihrer Thätigkeit mit schier unüberwindlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, mit der erbittertsten Feindseligkeit der Bevölkerung, mit dem gänzlichen Mangel an Lehrkräften, die nicht importirt werden durften und erst im Lande selbst ausgebildet werden mußten, und mit vielen andern, hier nicht näher zu bezeichnenden Hindernissen; sie bewältigte sie jedoch alle in verhältnißmäßig kurzer Zeit. Allmälig besänftigten sich die erhitzten Gemüther, verstummte das böswillige Geschrei, und \t stiller es um die Schulstiftung her wurde, umso st i l l e r, um so erfolgreicher arbeitete sie. In wenigen Jahren hatte sich ein weites Schulnetz über West- und Ostgalizien ausgebreitet, Gegenden umspannend, welche zu den finstersten und kulturfeindlichsten des Landes gehörten. Bald zeigte sich auch von der praktischen Seite greifbar der Segen der Schule: von den Tausenden die Stiftungsjchulen besuchenden Knaben wurden gleich die ersten Absolventen dem Handwerk zugeführt; als man gar in der Folge da und dort sah, wie ehemalige Zöglinge der Stiftungsschulen durch ihrer Hände Arbeit ihr ehrliches Brot verdienten, da öffnete sich weithin das Feld für neue Schulgründungen. Doch ach, kaum daß das Stiftungswerk bei der fünfzigsten Schule angelangt war, da wurde ihm plötzlich Einhalt geboten. Die großherzige Baronin Hirsch, welche nach dem Tode ihres Gatten sämmtliche Deficite der Stiftung deckte, starb. Mittel für neue Schulgründungen waren nicht mehr vorhanden, kaum genügende zum Ausbau der alten. Wozu diese Reminiscenzen? werden Sie fragen. Um zu zu zeigen, wo der Punkt gegeben ist, von dem aus man mit Aussicht auf Erfolg in Galizien Hilfe schaffen kann, indem man vermittelst der modernen Schule eine neue Generation heranzieht und sie für alle gesunden Hantirungen empfänglich macht und vorbereitet. Man beginnt eben nicht den Bau eines Hauses mit dem Dache. Zum Zweiten soll vor nutzlosem Geschrei gewarnt werden, das nur die Gemüther erhitzt, Feindschaften erweckt, die ernste Arbeit stört, ohne irgend welchen Gewinn zu bringen. Diese Anschauungen vertritt auch, und dies mit wohlerwogenen Gründen, die Schrift unserer Berfafferin. Und darum verdient sie unsere Beachtung und zeichnet sich vor zahlreichen Schriften ähnlichen Inhalts besonders aus, wenn auch manche ihrer Bemerkungen einer Correctur bedarf, mancher aus mangelhafter Kenntniß der Verhältnisse entspringende Jrrthum richtiggestellt werden muß. Es ist eben schwer, auch sür den scharfblickendsten Beobachter, von Frankfurt aus, selbst wenn er mit größtem Fleiße die dort angesiedelten oder durchwandernden galizischen Familien und deren Thun und.Lassen beobachtet, die galizischen Verhältniffe richtig zu beurtheilen. Auf einem solchen Jrrthum, dem wir übrigens, wie es scheint, dieser Schrift verdanken, weshalb wir ihn ohne Unwillen in den Kauf nehmen, beruht die folgende von der Verfasserin an der Baron Hirsch-Stiftung geübte Kritik der „Einseitigkeit". Sie lautet: „Die Berichte über die Schwierigkeiten, mit denen die Vertreter der Baron Hirsch-Stiftung im Anfänge ihrer Wirksamkeit zu kämpfen hatten und die noch lange n cht als überwunden zu betrachten sind, machen das Ergebniß ihrer Arbeit zu einem doppelt bewunderungswerthen. Hj.Es bestehen heute 50 Stiftungsschulen, die von etwa 10.000 Knaben besucht werden. Die Knaben lernen lesen und denken, ihr Gesichtskreis wird erweitert, ihre schlummernden Fähigkeiten werden geweckt und damit eine antreibende Sehnsucht nach einem neuen, besseren, schöneren Leben. — Ohne Antheil, unvermögend, nicht unfähig, die Fortschritte der Brüder mitzumachen, stehen die Mädchen abseits. Hier ist der erste Punkt, in dem eine Kritik einsetzen muß, d i e in der Einseitigkeit der Anlage eines großen Werkes die Hemmung für die Entwicklung^ des Ganzen erblickt. Richtig ist, vaß, wenn man der Gesammtmasse der galizischen Juden helfen will, man sich in erster Linie erzieherisch der Jugend des Volkes annehmen muß. Aber besteht denn ein Volk, ein Stamm, eine Familie nur aus Mitgliedern männlichen Geschlechts? So wie die thatsächliche Fortexistenz der Familie von dem Vorhandensein weiblicher und männlicher Exemplare der menschlichen Gattung abhängt, so auch der culturelle und sittliche Besitz einer Nation von dem gleichmäßigen, harmonischen Zusammenwirken der Geistesfunctionen der männlichen und der weiblichen Individuen. ' Indem die Baron Hirsch-Stiftung Schulen für Knaben gründet und sich der intellectuelleu Ausbildung der Mädchen fast gar nicht annimmt, begeht sie genau dieselbe Ungerechtigkeit, die der galizische oder russische Staat den Juden gegenüber begeht, indem er sie nicht der gleichen menschlichen und staatsbürgerlichen Rechte theilhaftig werden läßt, wie sie die christlichen Bewohner des Landes genießen. Aber abgesehen von dieser Ungerechtigkeit dem Individuum gegenüber, die, wie jede Ungerechtigkeit, schon in kleinem Kreise demoralisirend wirkt, erschwert die Baron Hirsch-Stiftung sich selbst ihr Durchdringeu und schiebt ihr Ziel, die Bevölkerung auf ein höheres Lebensniveau zu bringen, um ein Beträchtliches hinaus, solange sie die Frauen von der Culturarbeit, die nur mit Hilfe des ganzen Volkes an dem Volke vollbracht werden kann, ausschließt. Intelligente junge Männer, die sich durch die Stiftungsschulen einige elementare Kenntnisse erworben haben, vielleicht auch ein Handwerk erlernten zum Broterwerb, werden, wenn der weibliche Theil der Bevölkerung der heraufdämmernden neuen Aera gegenüber verständnißlos bleibt, bald daran denken, außer Landes ihr Glück zu suchen: Während so ein Mann im Lande die relativ höhere Cultur repräsentirte und civilisatorisch hätte weiter wirken können, sinkt an der Grenze schon sein Werth. Ueberall, in Oesterreich, England, Deutschland wird er der „Polack" genannt, der sich bekanntlich keiner großen Sympathie erfreut und nach jeder Richtung hin Schwierigkeiten begegnet, wenn er sich behaupten will. Bleibt anderseits ein Zögling der