Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 30 (27.7.1900)
- Date
- 1900-07-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021362--10080-3034542- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dr» Bloch's WochrnPSML Seite 54? Nr. 30 Rumänien, in Galizien, in Bulgarien und in Algier, ja sogar in Westpreußen und in Pommern einen schweren Kampf um ihre Existenz führen? Und wenn man mich fragen sollte: Was würde eine Demonstration der Gemeindevorstände und der Rabbiner gegen den überhandnehmenden Antisemitismus nützen? so muß ich erwidern : Und wenn auch nicht — aber wie könnt ihr ruhig bleiben? Ein Aufschrei der Entrüstung wäre ja die natürlichste Bewegung! Aber die reichen Juden kennen von der Zeitgeschichte nur den Courszettel und die Rabbiner nur die Berlobungs- und Todesanzeigen. Und außerdem würde eine imposante Protestkundgebung doch sehr viel nützen. In Deutschland ist unsere Stellung doch eine andere als in Galizien, da haben wir es nicht nöthig, den „Puritz", der uns fortwährend beschimpft und ins Gesicht schlägt zu lobhudeln, wie es gewisse Kriecher und Polenlecker in dem gesegneten Galizien thun. Im Uebrigen ist die europäische Boxergefahr nicht minder groß als die in China, vielleicht sogar noch größer, weil, wenn die Boxertollwuth da ausbricht, sie mehr Schaden anrichten kann. Man braucht sich nur die Tage der Kreuzzüge, des „schwarzen Todes" und der Geißler in Erinnerung zu rufen. In China war die Fremdencolonie gering an Zahl, während in Europa der Begriff „fremd" unbegrenzt ist. In Rumänien und in Oesterreich sind die Juden fremd, in Frankreich die Juden und die Deutschen, in Bulgarien die Juden und die Griechen, in Griechenland die Juden und die Bulgaren, in der Türkei die Armenier, in katholischen Gegenden die Juden und die Protestanten u. s. w. u. s. w. Das europäische Boxerthum hat bereits einen Umfang angenommen, daß das Zusammenwirken des „europäischen Concerts" wie in China zu seiner Bekämpfung dringend nothwendig erscheint. Nur internationale Bestimmungen und Schutzmaßregeln gegen diese gefährliche, anarchistische Bewegung können noch von Wirkung sein. Europäische Völker, wahret Eure geistigen Güter gegen die blonde Bestie, gegen das Raubthier mit den fetten Backen! Der chinesische Boxer und der Antisemit — beide sind vielleicht in ihrer Bestialität gleich gefährlich; in der moralischen Werthschätzung ziehe ich aber den Ersteren vor. Er mordet nicht mit kaltem Blute, wie der Andere zum Mord hetzt, und dann trägt auch er muthig seine Haut zum Markte und lugt nicht vorsichtig aus, ob ihm nicht doch der Staatsanwalt beim Kragen nimmt und für die sittliche Brandstiftung zur Verantwortung zieht. Dr. S. Bernfeld. Berlin. Vom Jahrmarkt des Lebens. Rumänische Hetzblätter. Die rumänische Presse erfreut sich einer gesetzlichen Freiheit welche so manchen gewissenlosen und des Bewußtseins ethischer Pflichten der Journalistik baaren Scribenten veranlaßt, mit einer sonst in keinem anderen Lande erhörten Frechheit über Personen und Institutionen herzufallen und mit seinem Geifer Alles zu beschmutzen, was er unter seine Feder nimmt. Die berüchtigten stymphalischen Vögel konnten nicht mit mehr Schmutz die Gegenstände besudeln, die sie berührten, als es die rumänischen Blätter dieser Sorte thun. Wenn wir uns erinnern, in wie unanständiger Weise der König und die Königin wiederholt angegriffen wurden, mit welchem Unrath die Minister und Staatsmänner dieses Landes beworfen wurden, welche dummdreiste Sprache gegenüber fremden Staaten gebraucht wurde — dann können wir uns natürlich nicht verwundern, daß die Hetzpresse über die Juden und die Alliance israelve ihren ganzen Haß ergießt, den sie mangels gerechter Beschuldigungen mit den erbärmlichsten Lügen zu rechtfertigen sich bemüht. Allerdings besteht aber doch zwischen den Angriffen auf die Herrscher-Familie und die Politiker einerseits und die Juden anderseits ein Unterschied. Elftere haben keine Wirkung auf die Dauer, letztere aber reizen — wir wollen nicht sagen die Bevölkerung — wohl aber den Pöbel auf. in dessen schwachem Gehirn die Lügen leicht Wurzel fassen. Wenn auch die Preßfreiheit in Rumänien eine sehr weitgehende ist, wäre die Regierung nicht machtlos, wenn sie einschreiten wollte. Wir möchten nicht an ihre Gewalt appelliren, aber ihr steht ja auch eine Presse zur Verfügung, und wenn sie wollte, so könnte sie Gift mit Gegengift paralysiren. Mein vergebens suchen wir in der rumänischen Presse nach irgend einer Stimme, welche die verwegene Hetze der „A p ararea nationala“, einem der ordinärsten Klöster, das aus der Judenverfolgung ein Geschäft macht, entgegentreten würde. Wir werden uns nicht dazu hergeben, der jüngsten Mißgeburt dieses Blattes, einem Pamphlet gegen die "Alliance i-iraölite», durch Mittheilung des Inhaltes oder durch Polemik Verbreitung zu schaffen, so verlockend es wäre, die Thatsache zu beleuchten, daß dieses Blatt sich erftecht, Rumänien mit Oesterreich-Ungarn gleichzustellen, weil es sich auf Tisza-Eszlar und Polna berufen zu können glaubt. Ne u, so tief ist Oesterreich-Ungarn nicht gesunken, daß ein rumänisches Blatt sich dasselbe zum Deckmantel für rumänische Schandtbaten ausborgen darf. Wir unterlassen es auch, die Lügen dieses Blattes gegen die Juden zu widerlegen. Aber wir müssen der rumänischen Regierung es vor Augen halten, daß sie sich zur Mitschuldigen macht, wenn sie nicht alle ihr zu Gebote stehenden Mittel anwendet, um diese Hetze unschädlich zu machen. Nicht Proclamationen, nicht Versicherungen — Thatsachen beweisen, und so lange nicht die neuen Minister diese Beweise erbringen, können sie nicht den Anspruch erheben, daß sie andere Leute sind wie Jonescu und Jstrati, daß sie mehr Vertrauen verdienen als diese, daß man ihnen eher Cr-dit geben darf, als ihren Vorgängern. Hie Rhodus — hic salta. A. W. Moral und Religion galizischer Richter und in der galizischen Rechtsprechung. Wie aus Lemberg telegraphirt wird, hat der Abgeordnete Doctor Byk nachstehendes Schreiben an den Justizminister gerichtet: Eure Excellenz! In meiner Eigenschaft als Reichsrathsabgeordneter und als Präsident der Lemberger israelitischen Cultusgemeinde erachte ich es als meine Pflicht, die Aufmerksamkeit Eurer Hcellenz auf einen übereinstimmenden und von keiner Seite bis nunzu widersprochenen Bericht mehrerer polnischen Tagesblätter über das von einem Vertreter der k. k. Staatsanwaltschaft in Ausübung seines Amtes gehaltene höchst eigenthümliche Plaidoyer zu lenken. Nach Inhalt dieser Berichte und so namentlich der angeschlossenen Nummer 323 des in Lemberg herausgegebenen „Slowo Polskie" vom 13. Juli l. I. und Nummer 104 des in Krakau erscheinenden „Naprzod" vom 15. Juli l. I. hat der öffentliche Ankläger bei der vor den Geschwornen des k. k. Tarnopoler Kreisgerichtes wider den russischen Staatsangehörigen Leib Kwasman wegen betrügerischer Crid a am 12. Juli l. I. stattgefundenen Hauptverhandlung seinen Schlußantrag, wie folgt, eingeleitet: „Nach dem gänzlichen Niedergange des Handels und Gewerbes in Galizien verblieb uns blos der Kleinhandel, welcher sich in der schmutzigen jüdischen Mas s e, die sich zu uns sogar aus dem Auslande eindrängt, eoncentrirt; diese hat nicht blos den ganzen Adel um dessen Erbe gebracht, sondern auch in den Städten und Dörfern die Bevölkerung jeglichen Vermögens entblößt; sie haben sich wie ein Krebsschaden eingewurzelt und wir können sie in keiner Weise los werden. Ihre Religion gestattet nicht blos, sondern sie gebietet, Betrügereien zu ihrer Erhaltung zu verüben und dergleichen. Zu solchen Iüdlein gehört auch dieser Angeklagte!" Diese sonderbare Elucubration eines k. ^Staatsanwaltes bedarf wohl keines Commentars und keiner weiteren Interpretation, denn ihre Blöße wird von keinem Feigenblatte gedeckt. Sie bedeutet nach Wortlaut und Inhalt eine grobe Schmähung der jüdischen Religionsgenossenschaft und eine arge Verlästerung der Satzungen des jüdischen Glaubens, sie trieft von Haß, Verachtung und Feindseligkeit und ist vollständig geeignet, diese Gefühle zu verbreiten und ganz insbesondere zu Feindseligkeiten gegen die jüdische Religionsgesellschaft anzueifern. Dieser Mächte rund Hüter des Gesetzes hat nicht blos die den k. k. Staatsanwaltschaften in besonderen Vorschriften und Erlässen eingeschärfte Objektivität ebenso überschritten, wie die mit diesen Erlässen aufgerichteten Schranken gegen alle Generalifirung, sondern selbst im öffentlichen Gerichtssaale und in Ausübung seines Amtes das Strafgesetz, dem er Anerkennung und Autorität zu verschaffen verpflichtet ist, mit Füßen getreten. Die Nächstliegende Frage, welche sich bei Beurtheilung dieser höchst merkwürdigen Eloquenz eines Staatsanwaltes auf-