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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-07-27 · 30 (27.7.1900) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
30 (27.7.1900)
Date
1900-07-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 546 Vr. Blvch's Wochenschrift Nr. 30 Vertrages überhaupt nicht erfüllen wollte, indem es bis heute, in 22 Jahren, kaum 300 Fremde in seinen Staatsverband ausgenommen hat. Ueberdies hat Rumänien durch eine Reihe späterer Gesetze und Regierungsverordnungen d-.r Gleichberechtigung ins Gesicht geschlagen und hiedurch das Recht verwirkt, daß man ihm Vertrauen schenke. So lange also nicht das Unrecht, das tausendfach begangen wurde, gesühnt ist, so lange nicht Rumänien dies gut gemacht und Genugthuung gegeben hat, darf auch einem Cabinet Carp nicht Vertrauen geschenkt werden. Und selbst wenn in einer Regierungsproclamation die schönsten Versprechungen gemacht werden, — Europa, sei gewarnt, halte die Ohren und die Taschen zu, die Augen aber offen. Nicht Versprechungen, Thatsachen fordern wir von Rumänien, erst dann kann es wieder Politischen und materiellen Credit finden. Das wäre ein recht kluger Streich der Conservativen, jetzt auf den guten Namen Carp's hin einen großen Pump anleaen, und wenn man das Geld im Beutel hat, um irgend einer nichtigen Kleinigkeit willen dem europäischen Minister ein Mißtrauensvotum geben und ihn wieder durch asiatische ersetzen. Aber hoffentlich ist in Europa kein Staatsmann und kein Fmanzmann so dumm, auf diesen Leim zu gehen und sich dupiren zu lassen. Zuerst muß Rumänien vollgiltige Beweise seiner Umkehr zu erncr eines civilisirten Staates würdigen Politik geben, ehe man ihm Vertrauen schenken darf. * * * Die Mitglieder des verfloffenen rumänischen Ministeriums verkörperten thatsächlich den arischen Charakter. Sie waren Haupttheilnehmer und die hauptsächlichsten Protectoren der antisemitischen Liga in Europa, sie haben den bekannten Mechanikus Ernst Schneider in ihren Ministerhotels empfangen, in die Geheimnisse der rumänischen Regierungskunst blicken lassen und dafür seine Anerkennung, seine Zufriedenheit gefunden. Nichtsdestoweniger versuchte diese rumänische Regierung, in dem Börsentheile einzelner Berliner Wochenblättchen die Versicherung zu verbreiten, daß es in Rumänien keine Judenfrage gebe, daß in Rumänien der Unterschied der Religionen und - Confeffionen kein Hinderniß zur Erlangung der bürgerlichen und politischen Rechte bilde, daß die Auswanderung der rumänischen Juden, denen die rumänische Regierung nach Kräften das harte Schicksal erleichtere, eine durchaus freiwillige sei. In einer dieser Enunciationen heißt es: „Die anständigen Israeliten, wie wir sie in der Mehrzahl besitzen, waren die Ersten, die jene Manöver ins richtige Licht stellten; sie wollten nicht um Alles in der Welt, daß sich eine lügenhafte Legende im Auslande verbreite, wo man uns schon seit langer Zeit zum Ueberdruß den unverdienten Vorwurf macht, mit unseren jüdischen Landesgenossen nicht gut zu verfahren. Die auswärtigen Judengemeinden, deren guter Glaube getäuscht worden ist, sind hiemit aufmerksam gemacht, und es ist nun an ihnen, einer Preßcampagne ein Ende zu machen, die auf. keinerlei wahren Thatsache beruht. Nach dem Musset'schen Worte will man aus einem kleinen Hunde einen Esel machen — und der kleine Hund schlägt großen Lärm, weil er ein Stückchen Zucker haben möchte." Man könnte sich versucht fühlen, solche Darstellung für frech zu halten; sie ist aber in weit höherem Maße dumm, denn sie zeigt an, daß die rumänische Regierung vor Finanznöthen bereits sinnlos geworden. Sie rühmt sich jetzt schon, daß sie den Julicoupon bezahlt habe, und läßt sich dafür von ihren Soldschreibern feiern. Wie gesagt: es muß sehr schlimm mit dem rumänischen Staatscredit bestellt sein. Um Geld zu erlangen, sind die lieben Arier bereit, auch auf ihre moralischen Principien zu verzichten. In China und in Europa- Die ganze gesittete Welt beschäftigt sich zur Zeit unter unbeschreiblicher Aufregung mit dem Schicksal der Flemden-Colonie in der chinesischen Hauptstadt. Bangigkeit und Hoffnung wechseln von Tag zu Tag ab, und nachdem man Gewißheit über das grausige Ende aller Fremden in Pecking zu haben geglaubt hatte, ist neulich wieder die Hoffnung aufgetaucht, daß die schreckliche Katastrophe doch noch ausgeblieben sei. Bierbankpolitiker und halbgebildete Zeitungsschreiber kennen jetzt nur die eine Parole: Rache! Rache für das unschuldig vergoffene Blut, für die an wehrlosen Opfern verübte Grausamkeit. Der gebildete und human denkende Mensch wendet sich jedoch mit Entsetzen von diesem blutigen Drama ab. Also dahin ist die menschliche Gesittung nach Jahrtausenden der culturellen Entwicklung gelangt, daß sich Menschen wie wilde, blutdürstige Bestien gegenseitig zerfleischen? In China werden Frauen und Kinder niedergemacht, und von Europa eilen die Rächer herbei. Wahrlich, man glaubt sich mindestens um acht Jahrhunderte, in die Zeit der Kreuzzüge, zurückversktzt. Auch damals ging das gegenseitige Abschlachten los, und zwar im Namen Gottes, im Namen der Religion und der Civilffation. Mein unvergeßlicher Lehrer, Herr Steinthal, pflegte in seinen Vorlesungen über die Ethik auf den biblischen Lehrsatz hinzuweisen : Gott ahndet die Sünden der Väter an den Kmdern bis in das dritte und vierte Geschlecht. In der Geschichte bestätigt sich diese Moral. Immer sind es Unschuldige in einer spätern Zeit, die für das Verschulden früherer Geschlechter zu leiden haben. Auch nach einer andern Richtung bewährt sich die altjüdische Ethik: In einer Zeit des sittlichen Verfalls leiden auch die Unschuldigen unter dem allgemeinen Verderben, und nur deshalb, weil sie vielleicht der fortschreitenden Sittenverderb n iß Einhalt hätten thun können, aber es nicht gethan haben. Einsichtsvolle Beurtheiler der chinesischen Zustände, unter ihnen der unglückliche Gesandte Deutschlands, Herr v. Kettler, haben mit Monaten voraus das Herannahen einer Katastrophe prophezeit. Ihre Warnungen sind aber in den Wind geschlagen worden. Herr v. Kettler ist das erste Opfer dieser Sorglosigkeit geworden. Was sich in China, in weiter Ferne, abspielt, sehen wir aber seit Jahren unter anderen Umständen in den meisten europäischen „Culturstaaten". Die Boxerbewegung ist bei uns etwas Altes, sie nimmt immer größere und drohendere Dimensionen an. Abgesehen von den halbbarbarischen Staaten Rumänien und Bulgarien, die auch culturell auf einem viel niedrigern Niveau als China stehen, sehen wir zur Zeit drei große Staaten, Deutschland, Frankreich und Oesterreich, von dem Boxerthum ergriffen. Mag sein, daß die Polizei die europäischen Boxer rechtzeitig vom Morden und Plündern zurückhält; sittlich stehen sie aber gewiß tiefer als ihre chinesischen Gesinnungsgenossen, die wenigstens aus dem Fremdenhaß kein Geschäft machen. Nichts erniedrigt so sehr den Menscher», wie das kalte berechnende und geschäftsmäßig ansgeübte Schurkenthum. In Berlin betreiben antisemitische Journalisten die Judenhetze als Reclame für ihr journalistisches Unternehmen; in Oesterreich ist die Judenfrefferei eine Art Aktiengesellschaft für geschäftliche Interessen; in Galizien werden unmündige Kinder ihren Eltern im Namen der Religion entrissen; in Paris wird zu Mord und Plünderung gegen die Juden gegen Zeilenhonorar gepredigt. Und diese Boxer sollen höher in der Achtung stehen als die chinesischen, weil sie zu ihrer Niedertracht noch Heuchelei und Feigheit fügen? Nimmermehr! In den Culturstaaten gibt es leider nur sehr wenige gebildete Männer, welche die Gefahr, die mit dieser Verrohung der Gemüther, mit der Erweckung der Bestie im Menschen verknüpft ist, rechtzeitig erkennen und vor ihr warnen. In Paris hat Zola, und mit ihm noch einige edle Männer, den Kampf gegen die antisemitische Gemeinheit todesmuthig geführt. Sonst aber ist es in den gelehrten und gebildeten Kreisen Europas üblich, bei all den Scheußlichkeiten ruhig zu bleiben — „es handelt sich ja nur um die Juden". Wenn in der Türkei ein Armenierdorf geplündert wird, regt sich die öffentliche Meinung auf; es ist dies eine politische Frage von großer Bedeutung. Wenn aber in Rußland und in Galizien Hunderttausende von Juden brotlos gemacht werden, wenn man in Rumänien Tausende aus dem Lande jagt, wenn in Könitz und leider auch in Berlin öffentlich zu Mord gegen Juden gepredigt wird — darüber geht man kalt hinweg. Dies ist eben eine Zeitungsnachricht, wie eine solche über den Zusammensturz einer Brücke in irgend einem Punkt der Welt. Am empörendsten ist das Verhalten vieler jüdischer Kreise, die sich für alle Welt aufregen, für die Griechen und für die Buren, für die Philippinos und für die Armenier; das Elend aber ihrer Stammes genossen läßt sie kalt. Freilich im jüdischen Volk ist das Gemeingefühl nicht erloschen, und gerade in der jetzigen Zeit äußert es sich in verschiedener Weise. Wo sind aber unsere - Gemeindevorstände und Rabbiner? Bleiben sie ruhig, können sie ruhig bleiben, wenn Tag für Tag das Judenthum als eine Religion des Kannibalismus geschildert wird? Rührt es sie nicht, daß unsere Stammesgenossen in Rußland und in

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