Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 29 (20.7.1900)
- Date
- 1900-07-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 542 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 29 Sie lebte in ihren qualvollen Gedanken die Begebnisse jeder Minute dieser Schreckeuszeit nochmals durch, und fast erschienen sie ihr in der Erinnerung noch entsetzlicher, als damals, wo sie sie thatsächlich erlebt, und dann! — wie sie nach Wochen aus ihrer Besinnungslosigkeit erwachte, wie sie erfuhr, daß sie Vater und Verlobten verloren, daß jenen jäher Schreck getödtet, daß dieser auf den Tod angeklagt, sich durch seine Körperkraft aus dem Kerker befreit und auf der Flucht über die Eisdecke des Flusses eingebrochen, in dem kalten Wellengrabe sein junges Leben geendet; — und der Schmerz um den Verlorenen, ihr Zorn gegen den Urheber all dieses Unglücks hatte sich im Laufe der sieben Jahre nicht um eines Haares Breite vermindert. Noch deutlicher als je trat in diesem Momente das Bild Michael's vor die Seele, wie er, sonst ein Riese an Kraft, diesmal vergeblich mit den Wellen und schwimmenden Eisschollen kämpfte, wie ihn Verzweiflung erfaßte, nicht darob, daß er so früh aus dem Leben scheiden sollte — Angst vor dem Tode konnte ein Mann, wie ihr geliebter Michael, nicht eine Secunde lang empfinden — aber weil er sie schutzlos, verlassen, unglücklich, hoffnungslos, elend zurückließ! Sic glaubte noch jetzt, sein bleiches, edles Haupt, in dem sich der schwerste Todeskampf au-prägte, zu erblicken, sie glaubte noch jetzt in seinem zuckenden Gesichte, in seinem blutenden Herzen zu lesen! Zu all dem unschilderbaren Weh, das Sara zu ertragen hatte, trat, ihr selbst zur schmerzlichsten Verwunderung, ein neues hinzu, daß an Herbigkeit Alles, was sie bisher erlitten, bei Weitem überbot. .... Sie fürchtete, heute zum Erstenmale, ihre Gottgläubigkeit beginne zu wanken! Sie hatte Gott, ihrem Herrn und Schöpfer — das durfte sie denken und aussprechen — von ihrer frühesten Jugend an in Ehrfurcht, Liebe und Ergebenheit gedient, und was war ihr dafür zum Lohne geworden?! Konnte es ein verlaffeneres, unglücklicheres Geschöpf auf Erden geben, als sie es jetzt war? — Die alte Magd, die treue Channe, die in frommer Einfalt ihre Lippen nie mit einer Unwahrheit befleckt hatte, hatte es ihr mit dem höchsten Eide zugeschworen, ihres Vaters letzten Worte wären -ein Segen für sie und Michael, die Versicherung gewesen, die Beiden würden glücklich, noch hier auf Erden glücklich werden. Sie hatte ihren Vater geehrt, geliebt, jedes seiner Worte hatte ihr stets als heilig gegolten — und wie wenig hatte sich der Segen, die Vorhersagung ihres Vaters bewährt! .... Und der Frevler, der Auswurf der Menschheit, dieser Lorenz Hornek, der all das furchtbare Unheil verschuldet, war straflos gebli den — und Gott war ja doch ein allbarmherziger Gott, ein gerechter Richter!. Viele Stunden bis spät nach Mitternacht saß Sara, das Gebetbuch ihrer Mutter vor sich ausgeschlagen, an dem kleinen Tischchen, an welchem das Jahrzeitslicht, die Flamme eines kleines Oellämpchens, unruhig hin und her flackerte, endlich senkte der Schlaf erbarmend seine Fittige über sie, sie war vor Ermattung sitzend eingeschlummert. Der allmächtige und allerbarmende Gott besitzt endlos viele Mittel, den Schmerz einer wunden Seele zu lindern. Auch der Schlaf ist in solches. Der Talmud nennt den Schlaf einen kleinen Bruchtheil des Todes^) was wohl in schöner Umschreibung besagen soll: der Schlaf biete einen Theil der ewigen ungestörten Grabesruhe! Sara fühlte sich in ihrem Traume der traurigen Wirklichkeit entrückt, sie erblickte ihren Vater, ihre Mutter, die sie früher nie, auch nicht im Bilde gesehen, wie sie sie unter den Trauhimmel führten, wo sie schon von Michael und dessen Eltern erwartet wurde.... Ein schöner Traum kann während der Zeit seiner Täuschung ebenso beglücken wie die Wirklichkeit, und ihr Schlaf war daher ein langer, ruhiger, erquickender gewesen, und als sie spät am Morgen erwachte, leuchtete schon die rothglühende Wintersonne durchs Fenster in ihr Kämmerlein. Sie fühlte sich auch körperlich gekräftigt. Es erforderte einige Zeit, bis sie sich wieder in die traurige Wirklichkeit einzuleben vermochte. Als ihr herumschweifender Blick auf das Jahrzeitslämpchen fiel, kehrte ihr rasch die richtige Eckenntniß zurück. Nichts ans Erden wechselt rascher als die menschliche Gemüthsstimmung. Plötzlich trat ihr wieder, wie ein rasch aus der Erve emporsteigendes Gespenst, von Neuem das Bild ihres Lebens, 5) Berachoth Fol. 57 a. ihrer vollständigen Hoffnungslosigkeit entgegen! — Sie hatte schon wieder nach einer äußerst mäßigen Mahlzeit, achtzehn Stunden nichts gegessen und die Natur forderte gebieterisch ihr zweifelloses Recht — Nahrung! .... und Sara wußte in dem Momente nicht, wie sie sich diese, ohne ihren Stolz tödtlich zu verletzen, verschaffen sollte! Ihr reiner, idealer Schmerz erhielt einen verbitternden Beigeschmack durch die allgemeinste Sorge um das Materielle, Unentbehrlichste; — diese zerrte sie unbarmherzig in den Schlamm der alltäglichsten Trivialität! Sara saß wieder eine Zeit lang eine Beute ihrer finsterer Gedanken, vor sich hinstarrend,.aber sie besaß einen stählernen Geist, einen unbeugsamen Willen, sie raffte sich endlich doch auf und griff nach ihrem Umschlagetuche. — Sie hatte bislang an diesem Jahrestage stets die Synagoge zum Frühgebete besucht, zuerst erschrack sie, als sie erkannte, daß sie sich diesmal verspätet, aber sie beruhigte sich bald darüber, der Schammes hatte ihr ja gestern mitgetheilt, er würde die Synagoge gar nicht öffnen. — Sie verrichtete zuerst unter strömenden Thronen das Morgengebet, dann machte sie sich auf den Weg, das Grab ihres Vaters zu besuchen. Sara fand auf dem Marktplatze eine große Menge und diese in großer Aufregung. Die Neuigkeiten des gestrigen Tages waren von späteren überholt worden und ohne daß Sara um diese gefragt hätte, waren sie ihr fast gegen ihren Willen aufgedrängt worden. Die Niederlage der Verbündeten, die von einzelnen Optimisten gestern noch bezweifelt worden war, bestätigte sich in ihrem vollen Umfange, und am Morgen wäre ein Trupp französischer Reiter mit einem Lieutenant in die Stadt gesprengt, uub dieser hatte verlangt zu dem Bürgermeister geführt zu werden. Zur großen Verwunderung aller Anwesenden (die Unruhe und Neugierde hatte alle in W. Zurückgebliebenen, sowie die Flüchtlinge aus den umliegenden Dörfern auf den Marktplatz herausgelockt) hatte der Lieutenant gut deutsch gesprochen, sich nicht im geringsten furchtbar benommen, sich sogar zu einem kecken, vierjährigen Blondkopfe, dem Sohne des Organisten, der sich an den fremden Officier herandrängte, und ihn und sein Pferd mit offenem Munde und aufgerissenen Augen anstarrte, herabgebeugt, ihm den Kopf getätschelt und ihn, zu dessen höchster und angenehmster Ueberraschung, mit einer Silbermünze beschenkt. Alle Welt hatte sich dem jungen freundlichen Officier zum Führer angeboten und er war, auf diese Weise von einer großen Menschenmenge escortirt, vor dem Rathhause angelangt. Dort hatte er ersucht, es möge Jemand den Bürgermeister Herunterrufen, und ein ganzer Haufen Bursche, die sonst nur in tiefster Ehrfurcht die Schwelle des Rathhauses zu betreten gewagt hatten, waren lärmend die Treppen hinaufgestürmt und waren ziemlich rasch mit dem Bürgermeister Golzinger, der sich zu einer etwaigen Unterstützung den Rath Weckelsbacher mitbrachte, heruntergekommen. Der elftere war bleich und zitterte, als wenn er zum Schaffote schreiten sollte; aber er sammelte sich endlich doch so weit, vaß er an den französischen Officier die Frage richten konnte, womit er dienen könne? „Ein Theil unserer schweren Cavallerie," hotte der Lieutenant laut und deutsch, so daß ihn alle Umstehenden hören und verstehen konnten, erwidert, „wird in einigen Stunden hier einrücken. Wir kommen nicht als Feinde. Die gestrige Schlacht, in welcher das Waffenglück Ihrem Souveräne und seinem Verbündeten, dem Kaiser von Rußland, abhold gewesen, hat wahrscheinlich den Krieg, gewiß aber vorläufig den Feindseligkeiten ein Ende gemacht. Ihr Monarch wird längstens im Laufe des morgigen Tages mit unserem Kaiser Zusammentreffen und es soll bei dieser Eatrevue ein Waffenstillstand, dem voraussichtlich rasch der Friedensschluß folgen wird, besprochen werden. Es liegt daher nicht in unserer Absicht etwas Feindseliges gegen die von all n Truppen entblößte Stadt zu unternehmen. Wir wissen auch, daß hier großer Mangel an Lebensmitteln für Menschen und Thiere herrscht, und bringen das zur Verpflegung unserer Truppen Nothwendige mit. Wir verlangen nur zweifaches: Unterkunft für zweitausend Reiter und deren Pferde; — und Holz zur Feuerung." Der Bürgermeister, mehr einer wandernden Leiche als einem lebenden Menschen ähnlich, war vor neuerlichem - Schrecken mit seinen bebenden Lippen nicht mehr im Stande ein Wort hervorzubringen, und konnte seinen guten Willen und seine Unterwürfigkeit nur durch zahllose Bücklinge beweisen, so daß er einer fortwährend nickenden Pagode glich. Rath Weckelsdorf versicherte dem Officier, die Stadtbehörden würden Alles aufbieten, billigen