Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 29 (20.7.1900)
- Date
- 1900-07-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 538 Nr. 39 Dr. Bloch's Wochrnfürrrfl. jeder erfolgreiche Schritt des Vereines auf der von ihm vorgezeichneten Bahn, wie der Erfolg jedes einzelnen Zöglings, den er voll Theilnahme hilflos kommen und freudigen Herzens selbstbewußt als tüchtigen Handwerker gehen sah. Begeistert für die Idee der fortschreitenden Civilisation unter seinen Glaubensgenossen, schreckte er vor keiner Fährlichkeit zurück und je öfter und häufiger die Thätigkeit des Vereines auf immer neue Schwierigkeiten stieß, umso aneifernderwirkte sein nimmermüdes Beispiel zum treuen Ausharren, zu höherer Anspannung aller Kräfte, zur Erweckung stets neuer und kräftiger Impulse. Mensch sein, d. h. ein Kämpfer sein und Jacob Brandeis hat lange gelebt und viel zu kämpfen gehabt für sich und die Seinen, aber am unermüdlichsten war sein Kampf gegen jedwedes Elend unter seinen Glaubensgenoffen und so ziemt es uns nicht zu klagen über seinen Heimgang, da er nicht ermüdet sich von der Arbeit abgewendet, sondern von seiner rastlosen Arbeit im hohen Alter abberufen wurde. Wir aber, die Vorstände des Vereines, denen er die schwere Arbeit fortzuführen überlaffen hat, wir geloben es uns an dieser heiligen Stätte, auszuharren und zu wirken und zu schaffen an seinem Werke, in seinem edlen Sinne und Geiste mit der Begeisterung die e r in unsere Herzen gepflanzt; als Zoll der Dankbarkeit, den wir ihm schulden. Kein Klageton störe die heilige Ruhe dieser Friedensstätte; Jacob Brandeis, Du hast im ehrlichen Gottvertrauen viel erstrebt, aber auch Bedeutendes erkämpft, bewirtt und geschaffen. Ruhe sanft im wohlverdienten Frieden. Dein Andenken bleibt gesegnet, als das Angedenken an einen Gerechten; so lange noch EinerK lebt, der Dich gekannt, so lange noch ein Blüthenstaub vorhanden ist von der holden Blume'der allgemeinen Menschenliebe, die Du durch ein langes Leben mit emsiger Hand uner-- müdlich gesäet hast und wenn auch der letzte Blüthenstaub verweht ist, und vielleicht dereinst auf unfruchtbaren Boden fallen sollte, so bleibt doch Dein Wirken und Schaffen für unseren Handwerker-Verein unvergeffen, Dein Name mit goldenen Lettern eingetragen in der Geschichte unseres Vereines für alle Ewigkeit. Wir kehren zur Arbeit zurück; Ruhe D u in Frieden. Hierauf bewegte sich der Leichenzug, geführt vom Friedhofverwalter Bäcker, zu dem vom Vorstande der Cultusgemeinde überlaffenen Ehrengrabe, woselbst unter den üblichen Trauerpsalmen Jacob Brandeis zur ewigen Ruhe gebettet wurde. Wien. (Zu den Aufständen in China.) Im Abendblatte der „Neuen Freien Presse" vom 9. d. M., finden wir zwei Artikel über China: «.Aus den Erlebnissen des Bischofs Anzer von Süd-Schantung" und „Der geplante Angriff auf die Ahnengräber" (von Dr. H. Breitenstein, prakt. Arzt in Karlsbad, emer. holländisch-indischer Militärarzt). Beide Artikel gehören zwei entgegengesetzten Ansichten an, wie jedem Kenner chinesischer Berhältniffe klar sein mußte. An dem „Fremdenhaffe" in China haben ausschließlich die Miffionäre schuld, denn der Chinese, von Natur aus praktischer Kaufmann, der die ganze Welt mtt Thee versorgt und mit Galanterie-Artikeln überfluthet, ist dem Fremden gar nicht abhold, der ihm Waare abkauft und der ihm billige Communicationsmittel verschafft. Lasen wir doch im genannten Blatte die Mittheilung, daß der sparsame Chinese lieber mit der Eisenbahn fährt, als mit dem theueren Kuli, und daß die chinesische Kaufmannschaft Pekings die umzingelte Fremden-Colonie Pekings heimlich mit Lebensmitteln versorgte. Von allgemein menschlichem und nicht vom partikularisch-katholischen Standpunkte aus betrachtet, ergibt sich als tactlos (die Chinesen werden es wohl „jüdische Frechheit" genannt haben) daß, wie im erstgenannten Artikel erwähnt wurde, Bischof Anzer mit romantischen Kraftmitteln es erpreßte, seine „Mission" geradezu in Jentschufu, der „heiligen Stadt", der Lehrstätte Confucius, niederzulaffen, als ob es in ganz China keinen anderen Platz gäbe. Der Europäer ist dem Chinesen kein „Teufel" und die Eisenbahn ist ihm kein „Teufelswerk", wie uns die Missionäre weiß machen wollen, das bestätigt Jeder, der mit Chinesen verkehrt hat. Aber — die „Seelenfängerei" ist für den Chinesen „elendes Teufelswerk". Deshalb richtete sich die Meuterei in erster Linie gegen die „Missionen", in zweiter Linie gegen die Chinesen selbst, welche ihren Glauben gewechselt haben. Der gebildete Chinese weiß zwischen Missionär und Europäer zu unterscheiden, wie die Kaufmannschaft Pekings jüngst bewiesen hat; aber dem Ungebildeten ist jeder Europäer Missionär, d. h. Seelenfäuger; und so mußten alle Europäer büßen, was Miffionäre verschuldet haben. Um die Empörung des Chinesen annähernd zu verstehen, möge eine Parallele zwischen Protestanten, Chinesen und Juden gestartet sein. Der Schmerz der Familie beim Seelenfange eines theueren Kindes (wie solcher durch altbewährte Mittel: bestochene Gouvernanten, angestellte Liebhaber u. s. w. meist geübt wird), ist in protestantischen, in jüdischen und in chinesischen Familien genau derselbe, denn alle sind Menschen, Abkömmlinge desselben Adam; Kinder desselben Gottes. Aber verschieden ist die Empörung, welche dabei hervorgerufen wird. Die Empörung des Protestanten, welcher durch die Nietzsche'fche Philosophie über die individuale Freiheit der Kinder abgehärtet ist, steigt gerade noch bis zur Siedehitze. Bei den Juden, bei denen der Zusammenhang zwischen Eltern und Kindern das einzige Band ist, um dessen Verlust man trauert, bei denen die Individualität des Menschen sich am schönsten dann entwickelt, wenn gebunden durch hundertfache, wohlerprobte Vorschriften Moscheh's, bei den Juden dringt die Empörung bei einer W^gtaufe des theueren Kindes bis ins Herz. Man legt vorschriftsmäßig Trauer an. Bei den Chinesen, deren Um- und Auf der Ahnencultus ist, bedeutet das Losreißen des Kindes von seinen Eltern, von seinen Ahnen, geradezu „nichtswürdiges Teufelswerk"; und die Empörung steigt bis ins Gehirn. Wenn nun der Clecus sich dieselben Freiheiten in China herausgenommen, wie in Galizien oder in der Herzogowina, wenn er neben „Seelenfa iz" auch leckeren „Mädchenfang" getrieben, dann genügt diese Thatsache. um neben die andere Thatsache gestellt, daß die katholischen Priester unverheiratete Männer sind, um eine Revolution hervorzurufen — in China. Budapest. Der römisch-katholische Bischof von Ober- Ungarn Paul Szmrecsanyi weilte dieser Tage in der Arwa. Die jüdische Cultusgemeinde aus A l s o - K u b i n benützte diese Gelegenheit, um den illustren Kirchenfürsten bei der auch sonst üblichen Huldigung, für das hochherzige Hirtenschreiben zu danken, welches er anläßlich des „N amestoer Falles" an die Geistlichkeit seiner Diöcese gerichtet, den tiefgefühlten Dank der ungarländischen Judenheit auszudrücken. Der edelsinnige Kirchenfürst hat sehr viel zur Beruhigung der Gemüther beigetragen, indem'er rechtzeitig eingegriffen und gewissenlose Hetzer daran verhindert, aus dieser „Affaire" eine zweite „T i s z a- E s z l a e r" zu schmieden. Die jüdische Deputation war unter Führung des Oberrabbiners I. H o r o w i tz und Dr. W. Reicher aus Also-Kubin erschienen, wobei Ecsterer folgende Ansprache an den Bischof richtete: „Hochwürdigster Herr Bischof! Unsere altehrwürdigen Traditionen gebieten uns, beim Anblick eines weisen Mannes, mag derselbe welcher Religion immer angehören, Gott zu danken dafür, daß er einen Menschen von seiner Weisheit beteiligt hat. In Folge dieser Tradition, hauptsächlich aber unseren eigenen Gefühlen folgend, erachten wir es für ein Glück, in der Person Eiv. Hochwürden Gottes Weisheit preisen zu können, welche aus Ihrem oberpriesterlichen Wirken hervmleuchtet; ist doch — Dank dem Himmel — auch in unserem engen Kreise die Wirkung ihres Waltens zu fühlen. Die Judenschaft unseres Bezirkes, unseres Comitates, ja unseres Vaterlandes dankt Ew. Hochwürden für Ihr mildes Walten, für Ihre mit göttlicher Weisheit gepaarte Gerechtigkeitsliebe, welche Sie mit Ihrem oberpriesterlichen Aufrufe in schweren Tagen uns gegenüber bekundet. „Ohne hohepriesterliche Lehre verwildert das Bolk", heißt es im Propheten, und dasselbe ist nur dann glücklich, wenn es die Lehre der Liebe bewahrt. Die wahre religiöse Liebe aber kennt keinen Vorbehalt, kennt keine Vorbedipgungen, sie hat keine Grenzen, kein Maß und kein Ende. Im Dienste dieser erhabenen Idee standen die großen Geister; sie war es, welche die Propheten begeisterte, sie beschäftigte die Weisen und Gelehrten, und für ihren Sieg kämpfen auch Sie, Hochwürden, der.Sie, sich über den engen Kreis des Confessionalismus erhebend, die heiligen Interessen der Menschlichkeit und Frömmigkeit in Ihrem edlen Herzen tragen/ Der Rabbiner schloß mit einem Segensspruche, worauf Bischof Szmrecsanyi in einer längeren Rede erwiderte. Derselbe sagte u. A.: „Mit tiefgefühltem Danke nehme ich die warme Begrüßung des sehr geehrten Redners entgegen. Der Hinweis auf den Hirtenbrief berührt mich angenehm, aber dafür gebührt mir kein Dank. Jch habe blos meine Pflicht gethan, indem ich die Geistlichencollegien meiner Diöcese, sowie die Gläubigen