Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-07-20 · 29 (20.7.1900) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
29 (20.7.1900)
Date
1900-07-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021361--10069-3034530
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 29 Dr-. B^och's Wochrnfchrifk. selle 53 t Der Redner begann: „Nun hat ihn auch der Allbezwinger Tod ereilt, unseren alten, ehrwürdigen Jacob Br and eis, der nicht blos ein Stolz seiner Familie, sondern auch unserer Gemeinde gewesen ist, und der in seiner äußeren, stämmigen Erscheinung ein Abbild darbot seiner unerschütterlichen Glaubenstreue, seiner ungebrochenen Arbeitskraft und Arbeitslust, die er auf den verschiedenen Gebieten jüdischer Wohlthätigkeit bis an sein Lebensende bewiesen hat." Redner erinnert daran, daß er vor 34 Jahren, bei seinem ersten Aufenthalt in Wien, Zeuge war, als Dr. Jellinek s. A. der Mutter des Verstorbenen die Grabrede hielt und auf die ausgezeichnete Frau das Wort des biblischen Spruchdichters anwendete: „Häuser und Schätze kann man von den Vorfahren erben, aber von Gott kommt eine verständige Frau". „So war diese Frau", fuhr Redner fort, „weil sie die Tochter ihres Vaters, eines der würdigsten Rabbiner Deutschlands gewesen ist, der bekannt ist durch seine bedeutende hebräische Gutachtensammlung, welche „Die Priestergewänder'' betitelt ist. Diese Priestergewänder hatte die Mutter von dem Vater überkommen und ihrem Sohne überliefert und dieser, unser unvergeßlicher. Jakob Brandeis ist u diesen - Priestergewändern, das heißt mit den Priestertugenden bekleidet gewesen zu allen Zeiten seines gottgefälligen Lebens und seiner gottgefälligen Wirksamkeit. Man darf an seiner Bahre mit Bileam sprechen: „Es sterbe meine Seele den Tod der Redlichen, und mein Ende sei dem seinen gleich"., Im Namen der Chewra-Kadischa sprach Herr Bezirksschulrath und Cultusvorsteher Dr. Markus Spitzer. Nachdem Redner dem tiefem Schmerze über den unersetzlichen Verlust Ausdruck gegeben, den innigsten Dank für die brüderliche Freundschaft und collegiale Herzlichkeit ausgesprochen und im Namen sämmtlicher Mitglieder der altehrwürdigen Bereinigung dem verewigten Präsidenten, der durch fast ein Menschenalter mit hingebungsvollem Eifer und unermüdlicher Thatkraft zum Heile und Segen der „Chewra" wirkte, die letzten Abschiedsgrüße entboten, führte derselbe unter anderem Folgendes aus: Es sei bereits von berufenster Seite ein Lebensbild von ergreifender Wahrhei; vorgeführt worden, und es möge gestattet sein, diesem Bilde noch einige wenige Züge beizufügen, die geeignet scheinen, das Verständniß der Persönlichkeit des Dahingeschiedenen zu erhöhen. Jacob B r a n d e i s gehörte zu jenen immer seltener werdenden Gestalten, die aus längst vergangenen Tagen in unsere Zeit hereinragen, in ihrem Wesen wahrhaft antike Charakterstärke bekunden und Vergangenheit und Gegenwart zum schönsten Einklänge vereinen. Der Dahingeschiedene hatte einen offenen klaren Blick für die Anforderungen der Neuzeit, war jedoch mit allen Gedanken seines Geistes und allen Fasern seines Herzens mit dem angestammten Glauben verknüpft. Derselbe glich einem herrlichen Baume, dessen Wipfel hoch emporragt, in hellem Tageslichte erglänzend, belebt und erfrischt von den einströmenden Luftwellen, der aber seine besten Lebenskräfte aus der alten befruchtenden Erde zieht mit der die Wurzeln enge verwachsen sind. Der Verblichene wirkte eifrig mit, daß im Gotteshause der echte unverfälschte jüdische Geist walte; hoch und heilig hielt er die alten Traditionen der Chewra Kadischa, in welcher wie in keiüer anderen Jnstituton das Herz des Judenthums am kräftigsten und unverwüstlichsten pulsirt. Mit geradezu rührender Innigkeit und Hingebung widmete er sich bis zum letzten Athemzuge der heiligen Bruderschaft. Waren ja deren Ziele und Bestrebungen ihm sinn- und geistesverwandt, denn Menschenliebe, Barmherzigkeit und Humanität waren die Leitsterne seines Lebens und gar mächtig zog es ihn hin zu jener Stätte, von welcher Chesed schel Emmes geübt wird, jene Liebe, die dem ewigen krystallklaren unversiegbaren Quell der Wahrheit entspringt. Jacob B r a n d e i s war ein ganzer Mann in des Wortes edelster Bedeutung, all sein Thun trug den Charakter der Vornehmheit an sich, drückte den Adel der Gesinnung aus, eine unerschöpfliche Schaffensfreudigkeit war ihm eigen, ein bewunderungswürdiger Pflichteifer beseelte ihn, . ein Pflichteifer, den Nichts zu mäßigen vermochte. Mit dem Stammvater Jacob konnte er ausrufen, daß nicht die Hitze des Tages, nicht die Fröste der Nacht ihn jemals von treuer Pflichterfüllung abgehalten. Bis in das höchste Lebensalter bewahrte er sich unverwüstliche Jugendfrische, Empfänglichkeit für alles Gute und Edle. Und wie nach der Erzählung unserer Alten alle Regengüsie das Feuer auf dem Altäre nicht verlöschten, so vermochten auch alle Stürme des Lebens nicht das Feuer der Begeisterung, das in seinem Herzen mächtig loderte, einzudämmen, ja er erinnerte an jene Aeolsharse, deren ergreifende Töne am herrlichsten erklingen, wenn der eisige, widrige Nordwind durch dieselbe streicht. Und nun ist das Lebensbuch voll gediegenen und prächtigen Inhalts für immer geschloffen. An die Spitze desselben mögen als Motto die Worte des Propheten gesetzt werden: „Der Gerechte lebt in seiner Treue", denn Treue, die jüdische Emunu, zeichnete den Dahingeschiedenen aus, Treue bewährte er feinem Glauben, seiner Familie, seinen Freunden, Treue in der Verwaltung der ihm anvertrauten öffentlichen Angelegenheiten. Wie von unserenr großen Lehrer Moses, kann von ihm gesagt werden, daß seine Hände treu aushielten, bis die Sonne untergegangen. Auch wir wollen dem theueren unvergeßlichen Todten unverbrüchliche Treue geloben, die Erinnerung an ihn soll in uns stets lebendig bleiben, seine hehre Lichtgestalt uns aneifern und anspornen zum unerschütterlichen Ausharren im Kampfe für unseren Glauben und für die ewigen Wahrheiten des Judenthums. Segen verbreitend und Segen spendend ist er unter uns gewandelt und ein Segen wird er bleiben, nachdem er eingezogen in die Gefilde des ewigen Friedens, nachdem er den Lohn empfangen, der jenen Vorbehalten ist, die sich mit Treue dem Wohle der Gesammtheit weihen. Sein Andenken wird für und für als das Andenken eines Gerechten ein gesegnetes bleiben. Secher Zadik Livrochu! Namens des Bethausvorstandes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde sprach Baurath Wilhelm S t i a ß n y. Schmerzerfülll verabschiedet sich der Bethausvorstand der Wiener Judengemeinde von seinem langjährigen verehrten Präsidenten. Es gehörte zu den Traditionen nicht nur der jetzt lebenden, sondern auch der vorigen Generation, an der Spitze jener Körperschaft, welche sich mit der Leitung und Ordnung der gottesdienstlichen Angelegenheiten dieser Gemeinde zu beschäftigen hatte, den Dahingeschiedenen zu wissen. Durch länger als ein Menschenalter hat er in Gottesfurcht und mit Pietät seines frommen Amtes gewaltet. Wenn einer unter uns allen jenen herrlichen Vers mit Jilbrunst gesprochen, den vor fast 3500 Jahren ein heidnischer Seher ausgerufen, als er das Haus Israel erblickte, jenen Vers, den wir beim Betreten unserer Tempel, beim Beginn unserer Gebete sprechen: „Ma tauwu au holecho jaakop mischtenosecho isroel. — Wie schön sind Deine Zelte, Jacob, Deine Wohnstätten, o Israel", so war es gewiß der Verewigte, denn seinem frommen Sinne galt der Tempel als das Haus aller Häuser und an dessen Pracht und Schönheit erquickte sich sein Auge und sein Herz. Jacob Brandeis! Du warst nicht nur das Haupt unserer Berathungen, Du warst auch der väterliche Freund und Berather der Männer, die Dich zu ihrem Führer gewählt. So ist es gekommen, daß alle diese Männer, so verschieden auch ihre Auffassung über die Bethätigung religiöser Gefühle gewesen sei, willig Deiner Leitung gefolgt haben. Denn mit dem Alter der Patriarchen hast Du auch deren weisen, milden Sinn vereinigt. Darum haben wir Dich wie Kinder ihren Vater verehrt. Und so rufen nur Dir zu: „Vater! Deine Kinder nehmen Abschied von Dir; zieh' hin in Frieden! Möge Dein Angedenken gesegnet sein für und für. Im Namen des israelitischen Handwerkervereines sprach Herr Gemeinderath Baumeister Donat Ziffer er mit folgenden Worten: Tiefe Trauer erfüllt uns, die wir hier die letzte Ruhestätte unseres theueren und wackeren Freundes, des Herrn Jacques Brandeis umstehen; aber nicht um wehzuklagen, nicht um in frisch blutenden Wunden zu wühlen, sondern um dem Gefühle der Dankbarkeit Ausdruck zu geben, ergreife ich im Namen des Vorstandes des Vereines zur Beförderung der Handwerke nnter den inländischen Israeliten das Wort, denn wir verlieren in dem Dahingeschiedenen nicht nur den weisen Berather, den lieben Freund, das hochverdiente Ehrenmitglied, sondern auch das unermüdliche Oberhaupt, unseren geliebten Präsidenten, die Krone des Vereines. Durch mehr als ein Lebensalter, durch volle 50 Jahre, hat der Verewigte den Verein von seinen kleinen Anfängen geleitet bis an den letzten Tag seines rastlosen Lebens, er war unser verehrter Partiarch, der selbst im hohen Alter von mehr als 88 Jahren alle körperliche Ermüdung überwindend noch in unsere" letzten feierlichen General-Versammlung den Vorsitz führte. Voll inniger Liebe bemühte er sich um den Verein und all' die vielen Tausende der Zöglinge, welche der Verein im Laufe eines halben Jahrhundertes heranbildete und wie beglückte ihn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.