Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 29 (20.7.1900)
- Date
- 1900-07-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 534 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 29 Und indem wir die große Zahl von Entführungen jüdischer Mädchen, von denen einige sogar das Pubertätsalter schon erreicht haben, überblicken, wirst sich uns unwillkürlich die Bemerkung aus, daß es doch höchst sonderbar erscheinen muß, daß immer nur Mädchen das Opfer dieser Entführung sind, niemals Knaben, daß an Mädchen in der Reifezeit gar so häufig von den Pfarrern der Versuch gemacht wird, sie zu bekehren, daß man sich die Opfer für religiöse Zwecke stets unter Mädchen aussucht. Gibt das dem „Vaterland" nicht zu denken? Man sollte meinen, das „Vaterland", das jedesmal sehr unwirsch wird, wenn in den Blättern die ominöse Notiz erscheint „Schon wieder Einer", sollte denn doch einigermaßen diesen galizianischen Vorkommnissen gegenüber eine strengere Moral zur Anwendung bringen, als es bisher gethan hat und am allerwenigsten hat es Ursache, sich darüber zu ereifern, daß andere Blätter, die allerdings gar keine Ursache haben, die galizianischen Vorgänge zu verschweigen, diese Mädchenentführungen zu religiösen Zwecken, diese Uebertritte von Kindern gegen den Willen der Eltern, diese völlige Außerkraftsetzung nicht blos des Familienrechtes, sondern selbst der Staatsgewalt, zum Gegenstände ernster Auseinandersetzungen machen und am allerwenigsten erscheint es vorsichtig Tanten, Könitz, Tisza-Eszlar mit Galizien in eine Parallele zu stellen. Höhnend bemerkt das „Vaterland", in den erstangeführten Orten „seien die Mörder nicht zum Vorschein gekommen". Ganz richtig, wie aber, wenn daran Jemand die Bemerkung knüpfen wollte, vielleicht deshalb, weil sie keine Juden waren? Lieb „Vaterland", was Du nicht willst, daß man Dir thue, das thue auch Anderen nicht? So wie in Tanten, Könitz, Tisza-Eszlar der Mörder nicht gefunden und nicht bestraft wurde, hat man in Galizien die Entführer der Mädchen nicht gesunden, nicht gestraft. Mußte das „Vaterland" auch diese Parallele heraufbeschwören? Will das „Vaterland" ferner mit Sentenzen seine Spalten füllen, so stellen wir ihm eine andere zur Verfügung, als jene von ihm gebrauchte, die auf sein Vorgehen nicht paßt; wir empfehlen ihm die Sentenz „wer Butter auf dem Kopfe hat, soll nicht in die Sonne gehen". Die paßt! Damaskus, Tisza-Eszlar, Peking. Das Abendblatt vom „Deutschen Volksblatt" vom 11. Juli bringt folgende Reminiscenz unter dem Schlagwort: „5000 Christen e r m o r d e t. Ein trauriger Gedenktag für die Christenheit war der gestrige Dienstag; denn vor 40 Jahren, am 10. Juli 1660, mußten in Damaskus nicht weniger als 5000 Christen unter den Messern religiöser Fanatiker um ihres Glaubens willen verbluten. Diese historische Erinnerung wird gerade durch gleiche Greuel in China wachgernfen. Das furchtbare Blutbad war lediglich eine Frucht der Zeitereignisse, da infolge des unaufhörlichen Wechsels der Herrschaft, der fortwährenden Kriege und nicht zuletzt der Barbarei der Herrscher sich die Wuth der in Syrien eingesessenen Jslamiten gegen das immer mehr sich einbürgernde Christenthum fortwährend steigerte. Nach der Restauration der türkischen Herrschaft nahm die Verwilderung und Unsicherheit im Lande einen neuen Aufschwung, so daß es häufig zu blutigen Zwisten selbst zwischen den Drusen und Maroniten kam. Schließlich übertrug sich der Haß auf die Christen, denen man allerlei Mißerfolge und Unthaten in' die Schuhe schob. Durch auftührerische Elemente geschürt, thaten sich Ende der Fünfziger-Jahre Drusen und Beduinen fester zusammen und schmiedeten einen Anschlag gegen die Christen in Damaskus. Im Juli 1860 schien den Horden der Zeitpunkt der Vergeltung gekommen zu sein. Sie überfielen, gut organisirt und geführt, am 10. Juli das Christenviertel in Damasklls und metzelten 5000 Christen ohne Erbarmen nieder« Dann steckten sie die Häuser in Brand und brannten Alles bis auf den Erdboden nieder. Das furchtbare Blutbad übertraf sogar die Bartholomäusnacht zu Paris (am 24. August 1572), in der bekanntlich an 2000 Hugenotten niedergemetzelt wurden." Wenn man schon in Reminiscenzcn schwelgt, so hätte das antisemitische Blatt sich erinnern sollen, wie blos 20 Jahre vorher, 1840, aus Anlaß des Verschwindens eines Pater Thomas aus dem Kapuzinerkloster, eines bekannten Lebemannes, die Christen von Damaskus gegen die dortigen Juden die abscheulichsten Grausamkeiten verübt haben. Die angesehensten und ältesten Mitglieder der jüdischen Gemeinde wurden in den Kerker geworfen und gefoltert. Mittels einer Maschine preßte man ihnen die Augen aus den Höhlen, man zerrte sie an den Genitalien, drei volle Tage mußten sie aufrecht stehen, ohne daß man ihnen eine andere Stellung gestattete, sie durften sich nicht einmal gegen die Mauer lehnen; wenn sie vor Mattigkeit niederfielen, zwangen sie die dabeistehenden Schildwachen mittels ihrer Bajonette, wieder aufzuftehen. Die Leiden und Drangsale,. welche damals die Juden von Damaskus erleiden mußten, gegen welche man selbst die Wuth des mohamedanischen Pöbels aufgeregt hatte, fanden ihre traurige Sühne 20 Jahre später. Es gibt nicht blos historische, dem Auge sichtbare, sondern auch moralische, sozusagen logische Zusammenhänge, in welchen die strafende Majestät der Vorsehung in ihrer ganzen Allmacht sich offenbart. Der spätere Geschieh«sschreiber der furchtbaren Katastrophe des Fcemdrngemetzels in Peking, welcher Hunderte und Hunderte unschuldiger Menschen, die Repräsentanten der christlichen Staaten, zum Opfer gefallen sind, wird den moralischen Zusammenhang dieser traurigen Geschehnisse mit den Excessen des brutalen Menschenhaffes, deren Schauplatz in den letzten Jahrzehnten die europäischen Länder bildeten, nicht übersehen. Und man darf wohl nochmals daran erinnern, welch trauriges Ende sämmtliche Acteure des Proceffes von Tisza- Eszlar schließlich gefunden haben: Der königliche Staatsanwalt B o t h, welcher die folgenschwersten Ungesetzlichkeiten im Laufe der Untersuchung eingeleitet hat und für die Auslieferung' des Knaben M. Scharf an den Häscher P e c z e l y behufs Dressirung zur Zeugenaussage in erster Linie verantwortlich ist, erschoß sich noch während der Untersuchung, u. zw. wegen Unregelmäßigkeiten in seiner Handcasse Adamovics, der katholische Geistliche von Tisza-Eszlar, von dem die dortige Blutlöge ersonnen, im Volke genährt und weiter verbreitet wurde, starb im 44. Lebensjahre an einer langen qualvollen, Krankheit einige Jahre nach dem Fiasco. Der Sicherheits-Commissär Georg V a y, der gelegentlich dieses Proceffes alle Schrecken mittelalterlicher Torturqualen heraufbeschworen, eine wahre Hünengestalt, insuliirte nach dem Processe den kleinen und schwächlichen Vertheidiger Dr. H e u m a n n auf offener Straße, was ein Duell nach sich zog, in dem jener Goliath so arg zugerichtet wurde, daß er auf einem Wagen vom Kampfplatze geführt werden mußte. Zwei Jahre später starb er an den erlittenen Verletzungen. Als Ursache der Jnsultirung des Advocaten gab V a y an, daß er dem „Juden-Advocat gerne die Nasenspitze abhauen möchte". Sein Spießgeselle, der andere Häscher, Sicherheits-Commiffär Andreas Recsy Ofulgo Recsy Bandi), der mit der Peitsche die Zeugen präparirte, 'wurde wahnsinnig und nachher zum Selb st mörder. P e c z e l y, bei dem der kleine Moriz Scharf, bis zu seiner Einvernehmung in Verwahrung blieb und von dem er zur falschen Zeugenaussage gegen seinen Vater präparirt wurde, entleibte sich. Maurer, dedamalige Redacteur des Localblattes in Nhiregyhaza (Sitz des urtheilenden Gerichtshofes), der durch seine Hetzartikel gegen die Juden den Gerichtshof terrorisiren wollte, starb als sehr junger Mann Ende der Achtziger-Jahre. V e r h o v a y, der damals das berüchtigte antisemitische Tagblatt: „Függetlenseg" redigirte und jenes Provinzblättchen in der journalistischen Klopffechterei übertreffen wollte, verwendete bekanntlich ein Jahr nach dem kläglichen Ausgang des Proceffes die in seiner Redaction eingeflossenen Spenden zur Repatriirung der Csangomagyaren — für seinen eigenen Säckel. Er wurde verurtheilt, eingesperrt und als er nach einigen Wochen das Gefängniß verließ, l etrieb er eine Zeit lang ein Wirthsgeschäft. „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht". Jüdische Stiftungen in antisemitischer Verwaltung. Die merkwürdige Art, in welcher Legate von den Communalgewaltigen zur Verleihung gelangen und in welcher ostentativ antisemitischen Weife gerade die größten Maulhelden dieser Partei mit dem Gelde jüdischer Philantropen betheilt werden, zeigte sich erst vor Kurzem anläßlich der Bertheilung des Legates der seligen Baronin Hirsch, welches ganz gegen die offenkundige Intention der edlen Stistecin verwendet wurde. Ein derartiger Fall steht aber nicht vereinzelt da. Ein Legat des Juden Singer zur Unterstützung armer Lehrer und Reisestipendien für dieselben, wurde ostentativ erst vor Kurzem Vorstandsmitgliedern antisemitischer Lehrer-Vereine verliehen. Ern Wort Heiners zu Heinrich Laube. Als Laube gelegentlich eines Besuches in Paris zu Heine die Bemerkung machte, wie die allgemeine Bewunderung seiner Schriften noch immer im Steigen begriffen sei, sah ihn dieser einen Augenblick schweigend an, dann beganr er: „Und ich sage Ihnen, Laube: Nach meinem Tode werden alle teutonischen R ... nasen an mir, ich meine, an meinem Judenthum, herumwischen, daß man das Hervorzischen des eklen Schleimes von Köln bis Königsberg und von Hamburg bis München hören wird. Sie wissen noch gar nicht, wie teutonische Nasen sich an Jemanden zu wischen verstehen: Sie thun das, wie die Deutschen ja Alles thun, mit höchster Gründlichkeit; so gründlich, daß ihre Nasenflügel sich bald nach rechts, bald nach links Herumbiegen