Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 29 (20.7.1900)
- Date
- 1900-07-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 29 Dr. Vloch's Wochenschrift» Seite 533 nützige Bestrebungen bieten. Zu den Jnventarien der geschichtlichen Legenden gehört auch der stark verbreitete Glaube an die „jüdische Solidarität", von der wir nur gewünscht hätten, daß sie wahr wäre. Leider ist dies nicht der Fall. Die jüdische Solidarität spukt nur in den Köpfen der Judenfeinde herum; wir aber, die wir sie so nöthig hätten, wissen von ihr blos so viel, daß uns die Antisemiten solidarisch für die Fehler jedes einzelnen Juden verantwortlich machen. Die Massenflucht der Juden aus Rumänien hat im Westen Europas einen starken Eindruck hervorgerufen; die Lage der unglücklichen Stammesgenossen in jenem fluchbeladenen Land geht doch den westeuropäischen Juden sehr nahe. Im Grunde genommen geht es den Juden in Galizien nicht viel besser, trotz ihrer sogenannten bürgerlichen Gleichberechtigung, die zu weiter nichts gut ist, als einigen Polenleckern und Kriechern ein Mandat im Reichsrath zu verschaffen. Aber das Mitleid für die Juden in Rumänien ist viel größer, als das für die galizischen Juden. Die rumänischen Auswanderer machen überall einen guten Eindruck, sie imponiren durch ihren Muth, daß sie sich nicht immer ducken und ducken wollen, sondern lieber, mittellos wie sie sind, zum Wanderstab greifen und zu Fuß wandern, um sich eine bessere Heimat zu suchen. Selbst in christlichen Kreisen empfindet man für sie Mitleid und 'Achtung. In Berlin, und man kann sagen, in ganz Deutschland, sind die Gemüther aufs Aeußerste erregt. Die Geschichte von Könitz hat den Wahn zerstört, daß „so was bei uns gar nicht möglich wäre". Man hält jetzt schon alles für möglich, selbst den Fall, daß auch deutsche Juden dereinst zum Wanderstab werden greifen müssen. Ein Stück altjüdisches Gemeingefühl macht sich doch rege und angesichts der rumänischen Zustände hört man nicht mehr wie ehedem das Urtheil: Auch die Juden mögen ihren Theil an der Schuld haben, nein, rückhaltlos sagt man sich: Wenn man in Könitz, sozusagen mitten in der europäischen Cultur, uns eine Ritual-Blutbeschuldigung an den Kopf wirft, was mag schon in Rumänien nicht Alles möglich sein? Nur die jüdische Finanzaristokratie steht dieser Gefühlsbewegung fern; bei. ihr überwiegt noch immer das geschäftliche Interesse und vielleicht auch das Gefühl, daß sie doch in nur sehr lockerer Beziehung zu der Judenheit steht. Ihre Kinder sind zumeist getauft oder bereiten sich zur Taufe vor, und ihre Enkelkinder werden hochadelige Namen tragen. Würden die jüdischen Finanzbarone nur einigermaßen jüdisch oder sagen wir auch nur menschlich fühlen, so wäre es ihnen jetzt ein Leichtes, Rumänien zu demüthigen und zum Nachgaben zu zwingen. Sie würden dabei nicht den mindesten Schaden erleiden und außerdem den deutschen Sparern einen großen Dienst erweisen. Rumänien ist dem Bankerott nahe und kann nur durch die Hilfe des deutschen Geldmarktes gerettet werden. In den nächsten Tagen wird dieser abgewirthschaftete Staat einen großen Pump auf der Berliner Börse versuchen müssen. Die jüdischen Finanzkreise brauchen sich nur etwas ablehnender zu verhalten und der Pump mißlingt. Dann ist Rumänien außer Stande, auch nur den dringendsten Verpflichtungen nachzukommen. Am 12. Juli brachte ein angesehenes Blatt in Berlin einen Leitartikel, in dem auf die in Rumänien herrschende Corruption und Mißwirtschaft hingewiesen worden ist. Der Erfnlg dieses noch sehr milde gehaltenen Artikels war, daß rumänische Renten um volle 1'/, Percent auf der Börse geworfen wurden. Ein Geldinstitut ersten Ranges, das wohl ein paar „Renommirgojim" als Verwaltungsräthe besitzt, sonst aber jüdisches Capital vertritt, war über diese „unliebsame Störung" äußerst empört und suchte den Eindruck, den die Schilderung der rumänischen Barbarei hervorgerufen hatte, abzuschwächen. Das Publikum läßt sich aber nicht täuschen, und am 13. erfolgte ein weiterer Rückgang der rumänischen Renten. Erst Tags darauf war eine kleine Erholung eingetreten. Diese „Beruhigung" verdankt man dem bezeichneten Geldinstitut, dessen Leiter wahrlich viel besser daran gethan hätten, den Bukarester Strolchen, die an der Spitze der Regierung stehen, offen und ehrlich zu sagen: Euch gibt man in Berlin keinen blanken Pfennig; wenn wir nicht durch Käufe die Curse der rumänischen Renten halten würden, so wäre die Deroute eine unaufhaltsame. Braucht Rumänien Geld, so müssen anständige Männer die Leitung der Regierung übernehmen und Garantie bieten, daß in Zukunft keine solchen Scheußlichkeiten gegen die Juden verübt werden. Die wirtschaftliche Lage in Rumänien ist zur Zeit eine solche, daß es in alle Bedingungen hätte einwilligen müssen. Manche Finanzmänner suchen ihr Verhalten damit zu entschuldigen, daß es gar nicht für die Juden in Rumänien vorteilhaft wäre, wenn ihre bessere Behandlung von außen her erzwungen würde. Sie meinen, dadurch würde man den Haß der Bevölkerung gegen sie nur steigern. Bei Licht besehen, erweisen sich jedoch diese Redensarten als falsch. Die Bevölkerung ist gar nicht so gehässig gegen die Juden; sie wird nur immerwährend durch die Regierungsmaßregeln in den Haß hineingehetzt. Wenn man die Juden als Menschen zu behandeln anfängt, so wird sich die Bevölkerung auch allmälig daran gewöhnen, die Juden als Menschen und als gleichwerthige Menschen zu betrachten. Man weiß, wie rasch sich die deutsche Bevölkerung gewöhnt hat, die Juden als vollberechtigte Bürger zu behandeln, als ihr der erste Napoleon die Gleichberechtigung gab. Es ist somit Sache der öffentlichen Meinung innerhalb der Judenheit in Westeuropa, auf die schmachvolle Haltung der jüdischen Finanzkreise in der Rumänienfrage unaufhörlich hinzuweiseu. Allmälig wird den jüdischen Millionären doch die Schamröthe ins Gesicht getrieben. Und wenn Israel einig wäre — mit dem bankerotten, kaum noch lebensfähigen Rumänien könnte es schon fertig werden. Ja, die jüdische Solidarität müßte jetzt eine Thatsache werden! Berlin. Dr. S. B e r n f e l d. Vom Jahrmarkt des Lebens. Zweifaches Maß. Im Hinblicke auf die Ereignisse in China veröffentlichte das Wiener „Vaterland" vor wenig Tagen einen Artikel, der mit dem Satze schloß: „Was Du nicht willst, daß man Dir thue, das thue auch einem Anderen nicht." Der Satz ist echt jüdisch und es gereicht nur der jüdischen Moral zur Ehre, daß er in jede civilisirte Moral ausgenommen wurde. Aber im Munde des „Vaterland" nimmt sich dieser Satz sehr sonderbar aus. Sentenziöse Redeweise mag zwar dem Style dieses Blattes ganz angemessen sein — aber hat nicht auch Hypokrit immer Sentenzen, im Munde? Und wird man einem Hypokrit Vertrauen schenken auch wenn seine Rede noch so salbungsvoll ausklingt? Aber da nun einmal das „Vaterland" sich zu dieser Moral bekannt hat, so wollen wir es beim Worte nehmen. Ja, verehrtes Vaterland, „was Du nicht willll, vaß man Dir thue in China, das thue auch einem Anderen nicht in Frankreich und in Deutschland, in Rumänien und in Rußland, in Galizien und Mähren. Was Du nicht willst, daß Männern Deines Glaubens und Deiner Abstammung in der Fremde geschehe, das thue auch Du den Andersgläubigen, den Fremden nicht in Deiner Heimat. Messe mit gleichem Maße, sonst wird es sich an den Deinigen bewahrheiten „mit dem Maße Du miffest, wirst Du wieder gemessen werden". Es scheint aber, daß das „Vaterland" den schönen Satz, mit dem cs seinen Artikel zu Ende der vorigen Woche schloß, bereits vergessen hatte, als es zu Ende dieser Woche einen anderen Artikel schrieb. Freilich galt ersterer China, letzterer aber dem galizischen Kinderraub. Für Galizien legt sich dann das „Vaterland" eine eigene Moral zurecht, da gilt nicht mehr der Satz „was Du nicht willst, daß man Dir thue, das thue auch Anderen nicht!" In Galizien verschwinden jüdische Kinder aus dem Elternhause — wer darf nach ihrem Verbleib fragen? wer nach ihrem Aufenthalte for chen? Den Eltern entzieht man das Recht, ihre Kinder zu erziehen, zu beaufsichtigen, mit ihn n zu verkehren — wer schützt sie? wer kommt ihnen zu Hilfe? Jüdische Kinder werden ihrem Religionsbekenntnisse abgewendet, ehe sie das Alter, das zu freier Verfügung berechtigt, erlangt haben; im zartesten Jugendalter stehende Mädchen sollen angeblich die Neigung verraten haben, einen Religionswechsel vorzunehmen — auf wessen Aussage hin glaubt man das? Bauern rotten sich zusammen, um ein jüdisches Mädchen zu „beschützen", das. ihrem Elternhause entfliehen will — wer hat sie geführt, wer hat es ihnen verrathen, wer hat sie an gestiftet? Wir möchten dem „Vaterland" die Fragen vorlegen, aber mit einer Bariatio k, nämlich wenn es sich nicht um jüdische, sondern um christliche Kinder handelte — nicht wahr, lieb „Vaterland", „was Du nicht willst, das Dir geschehe, das thue auch einem Anderen nicht!" wird die fromme Antwort lauten.