Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 29 (20.7.1900)
- Date
- 1900-07-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 29 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 53k die nichtrumänische Schiffahrt auf der unteren Donau vernichten zu können. Da aber kein Bargeld vorhanden war, wurden die Schiffe auf Credit gekauft und die Unternehmer mit staatlichen Anweisungsscheinen bezahlt. Als dann die schlechte Ernte und die internationale Finanzkrisis hereinbrach, mußten die Hafenbauten zum großen Theile unterbrochen werden, die Anweisungsscheine strömten aus dem Auslande zurück und die Schiffahrtsunternehmung ist in solcher Bedrängniß, daß sie kaum die nöthigen Reparaturen an den Schiffen bezahlen kann, so daß ein Theil der auf Credit gekauften Schiffe jetzt schon zu Grunde geht, ohne Rumänien den geringsten Nutzen gebracht zu haben. Da die jetzige Regierung sich durchaus nicht zu helfen weiß, so hat sich in jüngster Zeit die öffentliche Meinung dem Junimisten C a r p zugewendet, der auch die den Juden gegenüber bisher befolgte Politik scharf verurtheilt. Er war Domänenminister unter Cartagiu, als in der rumänischen Deputirtenkammer im Februar 1893 ein neues Schulgesetz von der Regierung eingebracht ward. Als sich Stimmen zu Ungunsten der Juden erhoben, deren Ausweisung aus den öffentlichen Schulen befürwortet ward, sprach Peter Carp von der Regierungsbank einen flammenden Protest gegen eine so unmenschliche Absicht, die freilich trotz alledem Gesetzesform erhalten hat. „Meine Herren/ sagte er, „ich bin stolz darauf. daß ich glaube, Rumänien solle auf der Balkanhalbinsel ein Culturcentrum sein, das nach außen Strahlen werfe; ich besitze den Stolz, zu glauben, daß wir auf dem Balkan das erste Volk seien, daß keines von den Nachbarvölkern uns übertreffen darf, daß die Civilisation von uns zu ihnen, nicht aber von ihnen zu uns sich ausbreiten soll/ Und würden sich denn die Juden zu Unwissenden degradiren lassen? „Sie werden Schulen gründen, die bester sein werden als die unseren. Denn der Verfolgte arbeitet mehr als jeder Andere/ Ich citire Ihnen aus dieser Rede noch nachfolgende Stellen: „Undwir dürfen nicht vergessen, daß wir als Fremde in fremdes Land gegangen sind, um die Cultur zu holen, die wir jetzt besitzen; denn wir hatten keine im Lande. Und nun wollen Sie in unverständiger Undankbarkeit, daß wir das, was wir von den Fremden erhalten haben, anderen Fremden verweigern? Wie, wir sollen von anderen lernen. Andere aber nicht von uns? Und wenn wir uns gegen Solches sträuben, behaupten Sie, dies sei unpatriotisch, dies sei fast eine hochverräterische Handlung." „Sie reden in geschwollenen Phrasen, jeden Augenblick haben Sie in Ihrem Mund: „Der Rumäne ist schön - der Rumäne ist stark — der Rumäne ist intelligent — der Rumäne stammt nicht nur von Trajan ab. sondern er hat auch alle Vorzüge dieses großen Kaisers ererbt" und dann, nachdem Sie in dieser Aufschneiderei geschwelgt haben, dann erschrecken und glauben Sie, daß ein Fremder, sowie er in unsere Schule eintritt, die rumänische Gesellschaft gefährden wird!" „Die Erfahrung des Vergangenen belehrt sie in nichts. Sie haben sie (die Juden) in der Donau ertränkt; Sie haben mit ihnen gemacht, was sie nur wollten .... Rufe: Wir protestiren . . . Sie denunciren das Land .... ein rumänischer Minister darf nicht so sprechen (Lärm.) Minister Carp: „Erlauben Sie, es ist meine Pflicht, Ihnen die Bilanz dieser Frage zu machen; ich habe nichts Anderes gethan, als Ihnen die Gesetze dieses Landes citirt. Ich habe ihre Vertreibung aus den Landgemeinden erwähnt; ich habe Ihnen alle von Ihnen getroffenen Maßregeln citirt." Eine Stimme: Herr Catargi hat diese Maßregeln getroffen! Minister Carp: „Herr Catargi? Das Land hat sie gefordert! Und wenn wir wir trotz alledem noch immer nicht zu dem gewünschten Resultate gelangt sind, was folgt daraus? Daraus folgt, daß das Heilmittel anderswo ist." Diese Rede des Ministers blieb ohne jeden Erfolg. Denn die Deputirtenkammern find von einem flammenden Judenhaß, denj gegenüber der Minister Carp ohnmächtig blieb. Die Ausnahmsgesetze wurden seitdeur nicht nur nicht aufgehoben, sondern immer grausamer, härter, wahnwitziger. Herr Carp hat die Aufgabe, das Anlehen im Auslande zu contrahiren, dann wird er gehen müffen. Seine Versprechungen sind deswegen werthlos, weil er sie nicht einlösen kann. Rumänien, das sich schon gegen den Berliner Vertrag treulos und wortbrüchig erwiesen, kann nur unter starkem diplomatischen oder finanziellen Druck zu den Pflichten der Humanität bekehrt werden. Dev systematilche Kinderraub in Galizien. Wer von uns kann sich noch der Täuschung hingeben, als ob wir in einem constitutionellen Staate, unter dem sicheren Schutze der von unseren Machthabern beschworenen Staatsgrundgesetze leben würden, während die Reaction von allen Seiten auf uns einstürmt und alles was von den Errungenschaften früherer Decennien, alles was noch übrig blieb von Freiheit und Gleichheit über den Haufen wirft? Unter dem denkwürdigen Regime des Grafen Leo Thun und seines österreichisch-römischen Concordates, machte sich die leidige Pfaffenwirthschaft nicht so breit, wagte man nicht mit den Rechten loyaler und harmloser Staatsbürger so rücksichts- und schonungsols umzuspringen, wie gegenwärtig. Wo in aller Welt, seis in einer Monarchie oder in einer Republik, kann es Vorkommen, daß bei helllichtem Tage Kinder geraubt und zum Entsetzen der Eltern entführt werden, ohne daß auf ihren Jammerruf sofort die Polizei, die Gendarmerie, die Strafbehörde einschritte, den Raub zurückzubringen und den Räuber zu fassen? Taschendiebe, wenn sie einige Heller stehlen, Wanderburschen, wenn sie aus dem Acker einige wenige Erdäpfel entwenden, den Gebirgsbewohner, wenn er ein Schaf raubt, trifft und mit Recht, die ganze Strenge des Gesetzes — aber Menschen, welche offenkundig einen Menschenraub vollbringen, läßt man ungestraft in ihrer Schlechtigkeit frei herumlaufen, blos weil sie eine Kutte oder einen Schleier tragen? Kein Bürgerhaus und mag es noch so vornehm, kein Stand und mag er noch so achtbar sein, schützt vor dem Einschreiten der Behörden, wenn es gilt, die Spur eines Verbrechens oder auch nur eines Vergehens zu verfolgen; nur vor der Pförtnerin eines Frauenklosters macht dir Justiz Kehrt, ohne den Fuß über die Steinschwelle zu setzen. Kein Stand und keine Stellung schützen vor gerichtlicher Verfolgung — dem Staatsanwalt und dem Untersuchungsrichter gegenüber gibt es keine verschlossenen Thüren, im Palaste wie in der Hütte — blos das Klosterpförtchen darf ihnen widerstehen? Frauen, die aus Frömmigkeit oder um einen Sünde zu sühnen oder auch um sich vor Mangel zu retten, in einen dem Gottesdienste geweiheten Raum flüchten, sollen über dem allgemeinen Gesetze stehen, selbst wenn ihnen ein Menschenraub nachgewiesen wird?! Muß man sich da nicht verzweiflungsvoll an den Kopf greifen und sich fragen, in welcher Zeit, in welchen Zuständen leben wir denn? Ist die finstere Jnquisitionsepoche des Mittelalters mit ihren Menschenjagden und Menschenopfern wieder hereingebrochen, wo der Wille des Mönchs jedes Recht beugte und die weltliche Macht beherrschte? Spuken zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wieder die Geister Torquemada's und Arbues' im Leben der Völker? Sind der Regierung die Zügel aus der Hand geglitten und die Grundfesten des Staates, Ordnung und Gerechtigkeit, in Trümmer gefallen? Als vor vielen Jahren ein Judenknabe seinen Eltern geraubt wurde — Mortara — um ihn für das Christenthum zu pressen, da ging ein Schrei der Entrüstung durch die ganze civilisirte Welt und wenn damals dieser Gewaltact ungeahndet blieb, so war es, weil der Raub im päpstlichen Staate, unter Zustimmung Pio Nono’s geschah, eines unbeugsamen geistlichen und weltlichen Herrschers. Aber nun nach so vielen Jahren, in einem constitutionell regierten Staate, mit einem unabhängigen Richterstande, mit der Aufschrift an der Stirne der Kaiserburg „Ju3titia regnorum fundamentum“ und der unbestreitbaren staatlichen Macht, ein begangenes Verbrechen zu strafen — so viele Fälle effectiven Menschenraubes, ohne behördliches Einschreiten, ohne wichtiges Eingreifen der Sicherheitsorgane, ist geradezu unfaßbar und unerklärbar! Nach dem sensattonellen Falle Araten, wo der arme Vater in seiner Verzweiflung und seinem tiefen Schmerze Himmel und Erde in Bewegung setzte, die Gnade des Monarchen und die Intervention der Minister anrief, die Gerichts- und Polizeibehörden weckte und an den Thüren der Klöster rüttelte, fühlten sich die frommen Räuber sicher und ^durften es, angesichts der Erfolglosigkeit aller Bemühungen zur Wiedererlangung des geraubten Kindes, wagen, auf Kosten der rechtlosen Juden ihr Seelenheil zu fördern. Wer sich einer schweren Sünde gegen Gott und Menschen bewußt ist, packt einfach das erste l este Judenkind zusammen, das ihm über den Weg läuft und trägt es als Sühnopfer zum Pfarrer oder in das nächste Kloster, wo es unrettbar begraben bleibt. Es ist die Votivgabe des Häschers,