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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-07-20 · 29 (20.7.1900) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
29 (20.7.1900)
Date
1900-07-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 530 Dr. Bloch's Wochenfürrifr. Nr. 29 herrschenden unsittlichen Reaction zu genau, als daß ich mich über dieselbe äußern müßte in meiner Bitte an Eiv. Excellenz, den Ueberlieferungen Englands, daß dieser moralischen Jnfection den kräftigsten Wlderstand entgegensetzt, treu zu bleiben und sich der Bedrängten anzunehmen. Ich wende mich mit dieser Bitte nicht blos an den Engländer Se. E. Lord Salisbury, sondern auch an den letzten Ueberlebenden der großen Männer, welche den Berliner Congreß 1878 schaffen geholfen, welcher an oem Congreßacte den größten AntheÜ gehabt, welcher der autoritativste Interpret derselben ist. Ew. Excellenz, Sie waren nicht nur Disraöli's Mitarbeiter, Sie sind nicht blos der Erbeseiner Politik, Sie sind nicht allein der Träger des englischen, die Welt umfaffenden Staatsgedankens, Sie haben auch die Ideale in sich ausgenommen, die einst Gladstone vertrat und wie er und Sie mit kräftiger Hand und von vornehmster humanitärer Gesinnung erfüllt, der Türkei in die Arme fielen, als die Gräuel von Esklsagra und die Unthaten von Sis die Welt mit ihren Schrecken erfüllten, so werden Sie nun auch Rumänien es fühlen lassen, daß kein civilisirter Staat es wagen darf, die Gesetze der Menschlichkeit zu verletzen, kein europäischer Staat sich erkühnen darf, einen feierlich beschworenen Pact, unter den Englands Staatsmänner ihre Namen gesetzt haben, zu brechen, ohne daß Englands Volk und Englands Vertreter ihre ganze moralische und materielle Kraft gegen ihn in Anwendung bringen. Ew. Excellenz wiffen es selbst am besten, welche Pflichten Rumänien Europa gegenüber in Ansehung der Gleichberechtigung der Juden übernommen hat, und ich brauche es Ew. Excellenz nicht ins Gedächtniß zu rufen, in wie unwürdiger Weise Rumänien der übernommenen Pflicht eine falsche Auslegung gegeben hat. Solange nur eine negative Verletzung der Bertmer Congreßacte vorlag, solange Rumänien nicht mit positiven Verfolgungen der Juden sein Wort gebrochen hat, konnten vielleicht die Bürgen des Berliner Vertrages eine derartige Verletzung mit Stillschweigen übergehen, eine positive Verleugnung der Grundsätze des Berliner Vertrages dürfen aber weder die Mächte und am allerwenigsten England, noch der letzte der Ueberlebenden der Staatsmänner des Berliner Congresses dulden. Englands Ehre, Ihre Ehre ist engagirt, Ihre politische und persönliche Ehre. Sie haben darüber zu wachen, baß jeder Vertrag, den England eingegangen, voll und ganz erfüllt werde und dann umsomehr, wenn Ihr Name den Vertrag zrert. Was wäre denn ein Vertrag noch werth, wenn ein beliebiger Compaciscent ihn willkürlich und ungestraft brechen dürfte? Was gälte Englands Wort, wenn es nicht von Jedermann rcspectirt werden müßte? Wem dürfte man noch Vertrauen schenken, wenn ein von Europa beschworener Pact nur solange in Kraft bliebe, als die Tinte der Unterschrift noch uaß ist? Die Ehre der Staatsmänner, die den Berliner Vertrag unterschrieben haben, ist engagirt gegenüber ihren eigenen Nationen, sie ist engagirt gegenüber allen Völkern, sie ist engagirt gegenüber den armen Juden, denen der Berliner Congreß die Befreiung aus der Knechtschaft zugesprochen hat. Das Wort des Congreffes ist nicht erfüllt worden, ja noch mehr, es wird jetzt m sein Gegenthett umgewandelt. Die Lage der Juden in Rumänien ist noch ärger geworden als sie im Jahre 1876 war, trotzoem die rumänischen Juden in den Jahren 1877 und 1878 ihr Blut für die Befreiung des Landes ebenso vergossen haben, tme ihre orthodoxen Mitbürger. Für die Verfolgung, deren Opfer sie sind, hat man gar keine Gründe und man gibt auch gar keine an. Sie haben im Lande gearbeitet, ehrlich, treu, patriotisch. Sie haben nach Wiffen gestrebt und in anspruchslosester Weise ihre Pflichten erfüllt — nur um ihres Glaubens willen sind sie Gegenstand der unerbittlichsten Bedrückung. Vergebens bemüht man sich, die öffentliche Meinung dadurch irrezuführen, daß man den Glauben verbreiten will, die Judenauswanderung sei nur eine Folge der Mißernte. Wer die Verhältniffe des Landes nicht durch rumänische Brillen sieht, weiß es, daß die Judenaustreibung daselbst von den Regierungsorganen betrieben wird und daß die Juden um ihres Glaubens und Standes willen verfolgt werden. Kann England, können Ew. Excellenz eine solche Glaubenshetze in Europa mit ansehen, ohne daß in Ihnen jenes Gefühl mächtig emporschlägt, das England zu allen Zeiten zu einem Hort gegen Glaubensbedrückung gemacht hat? Ew. Excellenz! Beachten Sie es nicht, daß ein unbekannter Privatmann sich erkühnt, sich an Sie zu wenden, fragen Sie nicht nach den Urheber der Bitte, lassen Sie sich nur von der Thatsache beeinflussen, über die Ihnen sicherlich die Repräsentanten der englischen Nation in Rumänien, wie in Oesterreich-Ungarn berichtet haben müssen, schenken Sie nur der Stimme der Menschlichkeit Gehör, die von tausenden von Flüchtlingen zu Ihnen hinandringt, lassen Sie sich von Englands Größe leiten, folgen Sie dem eigenen Gewissen, seien Sie Ihrer Pflichten als Mensch und Staatsmann eingedenk und nehmen Sie sich der verfolgten rumänischen Juden an. Es wartet Ihrer. Excellenz und der englischen Nation bei diesem Werke wahrer Humanität ein reicherer Lohn, als Macht und Landerwerb sie Ihnen bieten können, es wartet Ihrer die Anerkennung, daß England allein in selbstloser Weise der Bedrängten sich annimmt, daß es nicht wahr ist, daß England blos um seines Vortheiles willen seine Stimme erhebt und seine Macht entfaltet, daß England war und ist und bleibt das Land, das für wahre Gewissensfreiheit, für echte Bolksfreiheit, für ehrliches Festhalten am gegebenen Wort zu jeder Zelt und gegen Jedermann eintritt, daß es das einzige Land ist und bleibt, in dem bürgerliche und politische Moral voller Gleichheit Geltung haben. Bei dieser Ehre, die unvergänglich mit Ihrem Namen verknüpft sein wird, rufe ich Sie an, Lord Salisbury, Helsen Sie den rumänischen Juden. A. Wiener. Ministerwechlet in Rumänien. Eine Warnung vor Optimismus. Man schreibt aus Rumänien: Unsere Staatskrisis tritt in ein neues Stadium, Männer von bestem Rufe treten auf den Schauplatz und ich errachte es als meine Pflicht, Sie und die ganze Oeffentlichkeit vor Täuschungen und Enttäuschungen zu warnen. Es was ein großes Verdienst Dr. B l o ch's, in der letzten Jahresversammlung der Wiener Israelitischen Allianz die Aufmerksamkeit der europäischen Finanzmänner ans unsere unerträgliche Lage zu lenken, die eindringliche Mahnung dieses Redners verklang nicht ungehört und es war gut, daß seine Worte im Saale der Allianz gesprochen wurden. Ich selber bin Zionist, allein das damalige Auftreten Dr. Th. Herz l's, der den Einbruch des Auswanderungsstcomes anzukündigen wußte, indeß den wohlmotivirten Antrag Bloch bekämpfte, blieb mir unverständlich. Die ironische (?) Bemerkung von dem Achtelpercent, welches den einzigen Gesichtspunkt für den jüdischen Finanzmann bilde, war hier umsoweniger angebracht, als Hand in Hand mit der Judenverfolgung und in deren Consequenz die finanzielle Lage des Landes sich zusehends verschlimmerte und einer Katastrophe zusteuert. In der Thal, seit jener denkwürdigen Jahresversammlung haben die rumänischen Staatspapiere eine stete Abschwächung der Curse erfahren. Das war fatal. Die rumänische Regierung versucht es, durch allerlei officiöse und offtcielle Communiquös sich von der Beschuldigung der Judenversolgung reinzuwaschen, weil . . nun weil sie, wie Dr. Bloch erwähnte, demnächst an den europäischen Geldmarkt mit einer Anlehensforderuug herantreten will, um dem schauerlichen Zustande der Staalscaffen ein wenig abzuhelfen. Zur Beleuchtung dieser Zustände möge Folgendes dienen: Um wenigstens für die unaufschiebbaren milttärischen Ausgaben Geld zu haben, mußte jüngst der Flnanzminister sich von den Caffen der Staatsbayn etwa dreiviertel Millionen Franken ausborgen. Um den in diesem Monate fällig werdenden auswärtigen Verbindlichkeiten gerecht werden zu können, mußte die Regierung zu den merkwürdigsten Hilfsmitteln greifen. Nicht nur mußten gewisse militärische Fonds verwendet werden, sondern laut Erlaß wird in allen Ministerien keinem Unternehmer, der Staat mag ihm noch so vielschuldig sein, mehr als 5000 Franken ausgezahlt, ja die Staatseisenbahndirection soll sogar angewiesen sein, mit der BezahlunL ihrer Beamten vorläufig zu warten. Die Ursachen dieser Bedrängniß sind aber nicht blos in der schlechten Ernte des letzten Jahres, sondern auch in der verfehlten Wirtschaftspolitik Rumäniens zu suchen. Man wollte dort nicht blos im Handumdrehen sich wirthschaftlich von Oesterreich-Ungarn lossagen, sondern nahm sogar mit ihm einen Wettkampf auf. Zu diesem Behufe wurden mehrere hundert Millionen auf Hafenbauten und Schiffahrtsunternehmungen verausgabt, in der Hoffnung, hiedurch

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