Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 28 (13.7.1900)
- Date
- 1900-07-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 526 Vr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 28 an dem Sterbetodestage eines Verwandten oder eines theuren Freundes ein Jahrzeits-Licht oder Lämpchen angezündet wird. Die pietätvolle Sara hatte schon seit fünf Jahren an diesem Tage das Lämpchen angezündet und zweimalvierundzwanzig Stunden um Vater und Verlobten brennen lassen. Sie besaß kein Geld. Sie hatte bisher nie den kleinsten Credit in Anspruch genommen, es fiel ihr schwer, ihn das erstemal in so harten Zeiten in Anspruch zu nehmen. Der Unglückliche wird furchtsam, peffimistisch; sie fürchtete in ihrer grenzenlosen Aufregung, man würde ihr nichts borgen, sie würde hungern, verhungern, oder, was ihr nicht weniger hart gewesen, ein Stückchen Brod erbetteln müfien, und doch erschien selbst das dem tiefbekümmerten Mädchen weit weniger furchtbar, als — wenn fie heute Abend für ihre Lieben keine Jahrzeitslämpchen anzünden konnte! Zu ihrer Beruhigung fiel es ihr ein, daß sie noch einen Werthgegeustand, von dem sie sich bisher auch in der größten Noch nicht trennen mochte, den Trauring ihrer Mutter, im Hause habe, den sie als Unterpfand geben könne. Sie steckte ihn zu sich, schlug ein großes, altes, defectes Wolltuch, das ihr Gesicht halb verdeckte, um den Kopf, entriegette das Hausthor, schlüpfte aus demselben, verschloß es und steckte den Hausschlüssel in die Tasche. Sara lenkte zunächst ihre Schritte nach dem Stadtring, wo der Bäcker sein Haus und seinen Berkaufsladen hatte. Der sonst schon am frühen Morgen belebte Marktplatz war öde. Sie traf nur zwei Menschen, einen Mann mit einem Päckchen unter dem Arme, und die in der Judenstadt allgemein bekannte Frau Babi, welche an den Wintersabbathen in der Judenstadt das Einheizen besorgte. »Wenn Sie, Jungfer Sara, zum Bäcker gehen wollen, will ich Ihnen den Weg ersparen/ rief sie dieser entgegen. »@r hat heute nichts backen können, die Russen haben gestern alles Mehl, das sie bei ihm gefunden, requirirt. Er hat nicht ein Stäuberl, daß sich eine Fliege daran satt essen könnte. Er hat seinen Altgesellen eben auf die umliegenden Dörfer hinausgeschickt, ob er irgendwo bei den Bauern auf der Haudmühle gemahlenes Mehl erwischen wird. Kriegt er etwas, so will er es gleich verbacken; — aber ich zweifle, daß er etwas auftreiben wird ..." Frau Babi wurde in ihren Mittheilungen unterbrochen. Ein durch die weite Entfernung gedämpfter und daher zuerst auf seinen Ursprung unerkennbarer Schall ward hörbar und wiederholte sich in kurzen Intervallen. Frau Babi fuhr zusammen und stieß einen unarttkulirten Schreckensschrei aus. »Was bedeutet das?" frug Sara, aber als sich die entfernten Kanonenschläge wiederholten, hätte sie der Aufklärung des Fremden, der nun nähertrat, nicht bedurft. »Es wird eine Schlacht zwischen den Verbündeten und den Franzosen geschlagen", meinte dieser. »Ich bin der Schullehrer aus Puntowitz,' dem Dorfe, das an dem Bache liegt, Wucher die beiden Armeen von einander trennt. Das Dorf ist ganz verlassen, alle Bauern sind geflohen. Ich bin erst vor drei Monaten von einem deutsch böhmischen Dorfe, dessen Schulhaus niederbrannte, hieher versetzt worden. Ich bin ganz fremd hier und wußte nicht, wohin ich fliehen sollte. Ich war der einzige Mensch, der heute in Puntowitz übernachtete. Ich dachte auch, daß Freund nnd Feind einem ruhigen, friedlichen Schulmeisterlein nichts anhaben würden. — Aber ich konnte doch die ganze Nacht nicht schlafen, ich stand am Fenster und starrte gedankenlos hinaus. Ich sah längere Zeit Feuer auf den Höhen von Pratzen, wo die Russen kampirten. Nach und nach erloschen diese und ein in der Sülle der Nacht deutlich ertönendes Geräusch offenbar von Kanonen und Pferden, machte sich vernehmbar, die sich, wenn mich mein, in militärischen Dingen allerdings sehr ungeübtes Ohr nicht täuscht, von Links nach Rechts gegen die Teiche hin bewegten. — Kurz darauf hörte ich wieder in entgegengesetzter Richtung Hufschläge. Der Mond schien ziemlich hell, und da meine Neugierde im höchsten Grade gespannt war, strengte ich mein Auge an, um zu sehen, welche Scene sich hier entwickeln würde. Bald erschien an der Straßenbiegung eine Gruppe von fünf Reitern, denen in kurzer Distanz ein Trupp Dragoner als Bedeckung folgte. Den ersten an der Spitze der fünf Reiter erkannte ich sofort an seiner Figur und seiner Kleidung. Eine kleine gedrungene Gestalt in einem grauen Rocke, ledernen Beinkleidern, hohen Süefeln und dem kleinen, dreieckigen Hute. Es war Napoleon, der Kaiser der Franzosen, der gerne die ganze Welt erobern möchte. Die andern vier Reiter um ihn herum mochten wohl seine Marschälle sein. Er richtete seinen Blick auf die Höhen, welche die Russen verlassen hatten, horchte in der Richtung, von welcher das Pferdegetrappel und Wagengerassel herübertönte; dann sprach er, — da er keine Ahnung hatte, daß er von einem Menschenohre belauscht wurde, — ziemlich laut einige französische Worte, die ich bis auf zwei verstand. Ich habe, als ich in Prag an der Präparandenschule war, etwas französisch gelernt. Ich glaube, der Frankenkaiser scheint davon überzeugt zu sein, in der eben beginnenden Schlacht zu siegen. Aber die zwei Worte, die mir fremd waren, ließen mich doch den Sinn seiner Rede nicht, vollkommen auffassen." Sara war den Mittheilungen des jungen Mannes, der diese vorzugsweise an sie richtete, mit großer Aufmerksamkeit gefolgt, er wußte gut zu sprechen und war offenbar gebildeter als die Mehrzahl seiner Collegen jener Zeit. »Haben Sie sich vielleicht die Worte gemerkt?" frug sie. »Gewiß", erwiderte der Schullehrer, „ernduseaäe" und „trappe". „Lmbuseacke" heißt Hinterhalt, und „trappe" heißt Falle". Der Schullehrer blickte erstaunt auf. Das Judenmädchen in der dürftigen Kleidung und dem Tuche über den Kopf, das ihn, wie er jetzt zu erkennen glaubte, ursprünglich nur durch ihre ungewöhnliche Schönheit gefesselt, und das er für ein Dienstmädchen gehalten, schien der französischen Sprache in ungewöhnlicher Weise mächtig. »Jetzt erst," rief der Schullehrer, „wird mir der Sinn der Worte, die Napoleon gesprochen, vollkommen klar. Er sagte, die Russen unterstützten ihn in seinen Plänen, er habe ihnen einen Hinterhalt gelegt und sie gingen in die Falle." »Die Russen sind ja die Alliirten unseres Monarchen", sprudelte Sara lebhaft hervor, „da wäre es Ihre Pflicht gewesen, einem höheren Officier der Verbündeten von diesem wichtigen, wenn auch nur halb verstandenen Ausspruche des französischen Kaisers in Kenntniß zu setzen. Sie hätten sich hierdurch ein großes Verdienst erworben." »Ich dachte genau so wie Sie, mein Fräulein," sprach der Schullehrer erröthend. „Ich entfernte mich unbemerkt durch die Hinterthür des Schulhauses, in welchem ich ein Zimmer bewohne und ging in der Richtung von Telenitz, wo ich dem Gehöre nach zu urtheilen den Truppen der Verbündeten begegnen mußte; aber ich war nicht so glücklich auf ein Corps unserer Armee zu stoßen. Ich begegnete nur einem hohen, russischen Officier an der Spitze einer russischen Truppenabtheilung. Ich trat an ihn heran, aber er verstand kein Deutsch, wollte mich nicht anhören und als ich den verunglückten Versuch wagte, mich ihm auf französisch verständlich zu machen, ward er zornig, schlug nach mir und machte Miene mich niederzureiten. Ich war glücklich, daß ich unbehelligt meine Flucht hierher fortsetzen konnte." Der Puntowitzer Schullehrer nnd Sara hatten in ihrem Gespräche vertieft es nicht bemerkt, daß sich mittlerweile doch der Marktplatz ein wenig belebt hatte. Der von der Ferne her tönende Kanonendonner hatte die Leute aus ihren Wohnungen hervorgelockt, einige von ihnen hatten ebenfalls den vergeblichen Versuch gemacht, beim Bäcker Brod zu kaufen, waren vorübergegangen und waren zuerst von der lebhaften Redeweise des Schullehrers, dann von dem Inhalte seiner Mittheilungen gefesselt, stehen geblieben und hatten einen kleinen Kreis um die Beiden gebildet. Darunter befand sich auch der alte Schammes der Judengemeinde, Reb Oscher, und er sprach jetzt zu Sara gewendet seufzend: »Wenn nur Gott schon bald eine Jeschuo *) schicken möcht', kein Stückerl Brod, kein Stäuberl Mehl im ganzen Mokom^) zu bekommen; — wie's mit dem Koscherfleisch * 2 3) aussehen wird, weiß ich auch nicht; der Kazow 4 5) hat gestern in alle Dörfer herumgeschickt, damit man nur etwas Fleisch für die Kranken verschaffen kann, aber ein Paar Meilen im Umkreise ist keine Parßo s) zu sehen, da haben die Franzosen, dort die Russen alles Vieh weggetrieben, es ist ein Rachmonis 6)! — Zum großen Glück Hab' ich noch zwei Ochsenfüße im Hause, bei der großen Kälte haben sie sich gut erhalten, auch Hab' ich noch ein Paar Erdäpfel im Keller. Ich Hab' die kleinen Jessomim^) nach meiner ') Hilfe. 2) Ort. 3) Fleisch von rituell geschlachteten Thieren. 4) Fleischer, Metzger. 5) Klaue. 6) Zum Erbarmen. •) Waisen.