Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 28 (13.7.1900)
- Date
- 1900-07-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Sk. 38 Dr. Block's Wochrnschrist. Seite 523 4. d. M. um 9 Uhr Morgens versammelten sich die Schüler und Schülerinnen unter Aufsicht des Lehrkörpers in dem herrlich geschmückten Prüfungssaal, den auch ein distinguirtes Publikum aus den besten Familienkreisen füllte. Der Bürgermeister, Vicebürgermeister, Vertreter des Cultusvorstandes, Schulinspection, Delegate des Bezirksschulrathes, hohe christliche Würdenträger erschienen zu dieser freudigen, herzerhebenden Festesstunde. In stimmungsvollen Worten schilderte Herr Dr. Leopold Herzel die Bedeutung dieser seltenen Feier, das wohlthätige, segensreiche Wirken unseres glorreichen Monarchen. Hierauf kamen patriotische Lieder und Declamationen, abwechselnd in deutscher und polnischer Sprache zum Vortrage. Ein Lehrer hielt dann in leicht verständlichen Worten an die zahlreich versammelte Schuljugend eine inhaltsreiche Ansprache, die vom Herzen auch zum Herzen der Kinder ging. Die Volkshymne, begleitet von den harmonischen Klängen einer herrlichen Musikcapelle, schloß diese durch den Herrn Schuldirector so schön arrangirte Jubelfeier. Budapest. Unter der Ueberschrift „Wie das Blutmärchen entsteht", erzählt „Magyar Szö“ folgende ergötzliche Geschichte: „Vor einigen Tagen hörte man in Ungvar aus dem Kellerlocale eines jüdischen Klempners Wimmern. Die Passanten wurden aufmerksam, und bald entstand vor dem Hause ein kleiner Auflauf. Die Leute riethen hin und her, was denn die Ursache sein möge. Da rief Jemand: „Ein ritueller Mord wird verübt! Die Juden brauchen Blut für ihr Osterbrot, drin wird ein Kind gemordet." Noch größer wurde die Erregung, als eine Frau sich durch die Menge einen Weg bahnte und schluchzend ausrief: O, mein Gott, mein Gott! Meine Tochter ist heute früh verschwunden. Gewiß wird dieselbe ermordet!" Nun wurde die Menge von blinder Wuth erfaßt Drohende Rufe wurden laut: Holt Gendarmen! Man muß den Juden zerreißen! Das Wimmern dauerte unterdessen fort. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn der Eigenthümer der Werkstätte, der Klempner, nicht zufällig auf dem Schauplatze erschienen wäre. Er kam gerade aus dem Tempel, wo er dem Samstag-Gottesdienste beigewohnt hatte. Verblüfft trat er vor die kreischende Frau mit der Frage: „Was wollen Sie denn eigentlich?" „Meine Tochter wird drin ermordet." Ganz außer sich über die infame Bezichtigung, versetzte der Klempner, die Regeln der Ritterlichkeit vergessend, dem Frauenzimmer zwei schallende Ohrfeigen. Diese Maulschellen hatten eine wunderbare Wirkung. Der Frau fiel es plötzlich ein, daß sie selbst ihre Tochter in die Nachbargemeinde geschickt hatte. „Und jetzt", sagte der Klempmr, zur Menge, „schauen wir, was denn dort drinnen winselt!" Die Menge constituirte sich sofort als Volksversammlung und entsandte einige Vertrauensmänner in den Keller. Dort sah man, daß das „Blutopfer" eine kleine Katze war, deren Pfote unter ein Tischbein gerathen war. Oben aber suchte eine Frau durch.Seitengassen der Menge zu entkommen. In ihrer Tasche klimperten zwei Silbergulden und auf der Wange brannten ihr zwei Ohrfeigen. Die zwei Gulden hatte sie erhalten, damit ihre Tochter in Verlust gerathe, und die Ohrfeigen, weil das Mädchen nicht in Verlust gerathen war. Berlin. Unter der Ueberschrift „Christliche Gedanken zu den Konitzer Vorfällen" äußert sich in der „Christlichen Welt" Universitätsprofessor Lic. Dr. Jülicher über die Haltung der conservativen Presse in der Konitzer Angelegenheit u. A. wie folgt: „Als das Schmerzlichste bei dieser Sache erscheint mir die Erfahrung, daß die christliche Presse so überaus wenig Verständniß für die solchen Erscheinungen gegenüber des Christenthums würdige Haltung zeigt. Ich habe dabei nicht die antisemitische Hetzpresse im Auge, von der Niemand viel Sinn fiir Wahrheit uud Gerechtigkeit erwartet. Aber in der Presse, die es liebt, sich als die berufene Vertretung echt kirchlicher Gesinnung bei uns zu betrachten, offenbart sich von den großen conservativen Zeitungen der Hauptstadt an, die „positiven" Kirchenzeitungen nicht ausgeschlossen, bis herab zu den bescheidenen Provinzialblättchen eine merkwürdige Einmüthigkeit in der Sympathie für die Stimmungen des westpreußischen Pöbels. Wenn die Männer, die das Volk in christlichem Geiste führen wollen, es indirect in seinen wilden Instinkten, die niemals der Sache nützen, wohl ihm aber selbst schwer schaden, durch Entschuldigung und Rechtfertigung bestärken, was kann dann vom Volk erwartet werden? Breite Kreise der Kirche — denn leider stehen hinter der conservativen Presse noch gewichtigere Potenzen — im Bunde mit Unwiffenheit und Leidenschaft, wo doch gerade im Kampfe mit dem Judenthum das Christenthum durch reinere Erkenntniß und Unbefangenheit des geschichtlichen Urtheils, durch den ernsten Willen und die Kraft, die Masse zu erziehen, seinen Vorrang beweisen sollte! Volksthümlich und modern mag heute solch eine Ja-Nein-Verleumdung des Blutaberglaubens sein, christlich darf sie nimals heißen." Paris. (Das große Hilfswerk für Rumänien.) Am 26. Juni fand in den Räumen der Alliance israelite universelle zu Paris eine Privatconferenz behufs Besprechung der Lage der Juden in Rumänien statt. Anwesend waren Delegirte der Wiener Allianz, der Anglo-Jewish-Association, der jüdischen Gemeinde von Berlin und Frankfurt a. M. nebst einer großen Anzahl jüdischer Notabeln aus den verschiedenen Ländern. Zur Berathung standen folgende 3 Punkte: 1. Was soll mit den Juden geschehen, welche gezwungen sind, Rumänien zu verlassen. 2. Was soll mit denjenigen rumänischen Juden geschehen, die einstweilen in Rumänien verbleiben müffen. 3. Wie könnte die rumänische Regierung veranlaßt werden, den auf den Juden Rumäniens lastenden Druck zu erleichtern. Es wurde beschlossen, durch Aufrufe rc. eine Sammlung einzuleiten undacl 1. ein Comite einzusetzen, welches die Emigration planvoll gestalten, die Emigranten mit allem Röthigen versehen und sie ans Ziel geleiten soll. Ad 2. durch Errichtung von Speiseanstalten, Volksküchen und sonstige Wohlfahrtseinrichtungen der drängendsten Roth in Rumänien selbst abzuhelfen und die jüdischen Masten möglichst hinzuhalten und so eine überstürzte Flucht aus Rumänien zu verhindern. Die Berathungen werden später fortgesetzt werden. Paris. (Jüdische Bildhauer) Unter den russischen Bildhauern, die im diesjährigen Salon ansgestellt haben, befindet sich eine ungewöhnlich große Anzahl von Juden. Der größte, schon längst bekannte russische Bildhauer Mark Antokolsky hat 23 Werke ausgestellt, die ein besonderes Zimmer füllen. Wir sehen u. A. einen „Peter den Großen", „Spinoza". „Nestor", Mephistopeles", den „Frieden". Herr Günzburg hat eine Riesenbüste, eine Statuette von Tolstoi und verschiedene Gruppen ausgestellt; Herr Bernstam figurirt mit 20 Portraitbüsten bekannter Persönlichkeiten. Die Herren M. Kaplan, Rasumey, Nahum Aronson, Bernstein und Jampolsky sind mit verschiedenen Arbeiten vertreten. Die russischen Kritiken heben mit besonderem Lob die Arbeiten ihrer jüdischen Landsleute hervor, deren Künstlerschaft sie doppelt anerkennen, weil bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts den Juden in Rußland jede künstlerische Ausbildung verschlossen gewesen ist. London. (Jahresbericht der Anglo Jewish Association.) Am 8. Juli fand in London die Generalversammlung der Anglo .Jewish Association statt. In der Einleitung zu dem gedruckt vorliegenden Jahresberichte wird besonders auf die Verschlimmerung der Lage der Juden in Rumänien hingewiesen, während in der Lage der Juden in Rußland keine besondere Aenderung, jedenfalls aber nicht zum Schlimmeren eingetreten sei. Der Bericht bemerkt schon gleich in der Einleitung, daß die Gesellschaft zur Zeit weder für die russischen noch für die rumänischen Juden auf diplomatischem Wege einzutreten in der Lage ist. Mit den großen jüdischen Institutionen, wie die Alliance, die Jeo und die Board of deputies hat die Gesellschaft freundschaftliche Beziehungen unterhalten. Die Damendeputirten im Vorstand der Gesellschaft haben vorzügliche Erfahrungen gemacht. Die Hauptthätigkeit der Gesellschaft concentrirte sich auch in diesem Jahre auf die Schulen im Orient, wo 10.370 Kinder mit einem Kostenaufwand von Pf. St. 3000 in von der Gesellschaft subventionirten Schulen unterrichtet wurden. In Persien hat die Lage der Juden eine merkliche Befferung erfahren, hauptsächlich durch Mitwirkung und Vermittelung des Directors der Alliance-Schule in Teheran, des Herrn Joseph Gozäs. In Marokko hat sich nichts Wesentliches ereignet. Die politische Lage der Juden in Rußland faßt der Bericht ziemlich optimistisch auf. In Bezug auf die Ausnahmsgesetze ist zwar keine Befferung zu verzeichnen. Kenner Rußlands und Männer, welche die Strömung in den höheren Kreisen zu kennen meinen, sind aber der Ansicht, daß Hoffnung auf Besserung vorhanden ist, wenn man sich auch lange wird gedulden wüsten. Gerüchte, wonach in nicht gar zu ferner Zeit die M a i g e s e tz e aufgehoben werden dürften» wollen nicht verstummen. Wir wenig Werth man diesen Gerüchten auch beilegen will, das Eine steht doch fest: Von den böswilligen Verfolgungen, denen die rumänischen Juden seit Jahren ausgesetzt sind, ist in Rußland nichts zu spüren. Es gibt in Rußland ferner sehr einflußreiche Personen im Staate und in der Gesellschaft, welche den Juden wohlgesinnt find und selbst in den allerhöchsten Kreisen ist man den Juden nicht immer feindlich gesinnt. Der Rath der Gesellschaft ist sehr betrübt, nichts zur Beschleunigung der zu erwartenden Besterung beitragen zu können. Das russische Reich, welches, vom englischen Standpunkte aus betrachtet, durch die Bedrückung der Juden, die nicht zu seinen schlechtesten Unterthanen gehören, sich selbst am meisten schädigt muß eben selbst an seiner Befreiung arbeiten. Die lange Ausführung über die Juden in Rumänien schließt mit den ungefähren Worten: Die westeuropäischen Juden find gewohnt. die Lage der russischen Juden als die denkbar traurigste anzusehen, thatsächlich ist aber die Lage der Juden in Rumänien noch weit schlimmer. In Rußland erfreuen sich die Juden innerhalb der ihnen gezogenen Schranken des vollen Schutzes des