Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 28 (13.7.1900)
- Date
- 1900-07-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 28 Dv. B^och^s Wochrnfchri^ Seite 519 Eiie solche Zeit ist eine Hochsaison für die Phrasenindustrie. Das Volk ahnt, daß das Alte morsch und siech ist, es möchte etwas Neues und — es begnügt sich mit neuen hohlen Phrasen. O, diese Phrasen, sie bilden eine geistige Epidemie! Die Sanitätspolizei sollte sich mehr um diese gefährliche Erscheinung bekümmern. Phrasitis ist eine gar böse Krankheit. Wen sie erfaßt, den läßt sie nicht mehr los. Und sie wirkt auch ansteckend. Sie ist sogar übertragbar auf die weitesten Gebiete durch ein wenig Druckerschwärze, ja auch durch den elektrischen Funken. Welch eine verheerende Macht! Vor ihrem Hauche erstirbt jede That, von ihrem Duft verkümmert jede klare Ansicht und von ihrer Nähe weicht jede Logik. Selbstverständlich haben wir Juden eine große Dosis von dieser edlen Gabe bekommen. Wir sind ja modern. Wir sind nervös, wir sind blasirt, — wie die Mode vorschreibt. Wir stellen unsere obligate Zahl an Gigerln und an Protzen, an greisen Jünglingen und schmachtenden Alten — wie es sich gehört. Wir sind keine Spielverderber. wir machen Alles mit. Bei uns hat die Göttin Phrase ihre Tempel und ihre Priester. Sie gründet Vereine und Parteien, sie schafft täglich neue Helden und sie füllt Bücher und Zeitungsspalten. Man muß es nur verstehen, mit dieser theueren Gottesgabe ökonomisch umzugehen, und — man kann mit drei Phrasen fünf Jahre wirtschaften. „Oeffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte!" Die Worte werden weich und sanft, halb sehnsuchtsvoll, halb triumphirend ausgesprochen und mit edlen Geberden begleitet. Die Wirkung ist phänomenal. „2td), wie.herrlich! Wie gewaltig!" Alles kniet nieder und betet verzückt diese Neuheit an. „Auf, lasset uns dieses große Glück erjagen!" Ja, diese öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte, das ist die Hauptsache, das müffen wir haben. „Ober, Reb Jankele, Ihr sollt leben und gesund sein, wos is dos für a neie Sach? Heimlich-herzlich un gesicherte Stätte?" „Nein, Reb Chajim, umgekehrt: Oeffentlich ..." „Gut, umgekehrt, aber wos is dos?" „Das wißt Ihr nicht? Seid Ihr aber in Rußland noch in der Bildung zurück. Da sind wir in Galizien doch viel weiter fortgeschritten. Hört nur die schönen Reden, Ihr werdet schon verstehen. Also, öffentlich-rechtlich, das ist z. B. wenn ... hm ... das ist so ... der Herr Präsident hat es ja gesagt, also das ist ... das ist ... was wir wollen, was wir wollen, was wir in einigen Monaten mit Gottes Hilfe kriegen." „Ober, wos sollen wir thun, um dos zu kriegen?" „Ihr müßt viele Schekel aufbringen, Zeichnungen für die Colonialbank sammeln und Sympathiekundgebungen veranstalten. Das andere wird schon besorgt." „Colonialbank!!" Wie Meeresbrausen, wie die Posaune von Jericho erfüllt das Wort die Luft. „Dos is a Ponim, a Bank, wos helft den Colonien!" „Nein, nein! Colonialbank ist eine Bank, die nicht colonisirt, die aber, wie der Herr Präsident erklärt, ein nationales Instrument wird und in London wartet, bis die Großmächte kommen, um zu verhandeln. Mehr darf vorläufig nicht gesagt werden ... Versteht Ihr?" „Charter!" erscholl es im Tone eines Feldherrn von der Tribüne. „Charter!" erwiedert das Echo im Saale begeistert. „Habt Ihr gehört, Reb Schloime? Charter! Charter! Das erreicht alles das Actionscomitß für uns. Was sagt Ihr nun?" „Aber, erbarmen Sie sich, was ist das? Wer soll das erlangen? Wie, wann?" „Was frägt Ihr? Ein Jude muß immer fragen! Gott wird helfen, man wird bald den Charter erlangen, dann sind wir von allen Zores erlöst." „Kleincolonisation! Infiltration!" Die Worte klingen ernst, fast drohend. Eine halbverächtliche, halb entsetzte Geste begleitet sie. „Kleincolonisation! Infiltration!" klingt es gruselig zurück in einer schaurigen Melodie, wie etwa die Namen der Teufel im Gebete vor Schofar-Blasen. „Kleincolonisation, brrr!. Gott soll uns davor behüten!" Und das ist eine vollständig neue Erscheinung. Bor 1897 wußten wir von keiner Klein- und Großcolonisation. sondern nur von einer Colonisation schlechtweg. Wir waren damals noch nicht so „politisch", diesen Unterschied zu machen. Wir sprachen von der Colonisation Palästinas, wie von einer selbstverständlichen Voraussetzung der nationalen Regeneration und wir dachten sie uns so groß, wie es die Mittel und die Verhältniffe gestatten. Wir hofften auf keinen Deus ex machina, wir rechneten auf keine diplomatischen Wunder, sondern auf die Kraft des jüdischen Volkes, auf seine Selbsthilfe und auf eine langsame gesunde organische Entwicklung. Wir waren nicht schüchtern, wir sprachen offen vom Judenstaat als Endziel, wußten aber, daß wir diesen Staat kaum erleben werden und daß dies eine Frage der Zukunft ist. Wir hielten jeden neuen Colonisten in Palästina für einen Gewinn, für einen Baustein im nationalen Werke. Wir freuten uns über den kleinsten Fortschritt der Colonisation, wie man sich freut, wenn in einer abgebrannten Stadt die ersten Hütten wieder errichtet werden. Wir wußten, daß ein Staat nicht als Geschenk vom Himmel fällt, daß er aus sich selbst, aus kleinen Anfängen, herauswachfen muß, und daß je natürlicher und gründlicher dieser Proceß vor sich geht, desto mehr Garantie für die Zukunft vorhanden ist. So ging die Sache langsam, aber sie ging — ohne geschoben zu werden. Dann trat ein bedauerlicher Stillstand ein. Wir, namentlich die jüngeren Elemente, wurden ungeduldig, die Sache war nns zu matt und nüchtern. Als durch das Auftreten Dr. Herzl's etwas mehr Schwung und Leben in die Bewegung kam, freuten wir uns vom ganzen Herzen. Als er sich anschickte, die zerstreuten Kräfte zu sammeln und durch den Congreß dem zerfahrenen jüdischen Volke eine Stätte zu schaffen, von wo aus sein Klagen und Weinen, sein Leiden und sein Sehnen der ganzen Welt verkündet werden sollte, war ich wie kaum jemals in meinem Leben begeistert. Ja, die Vorbereitung zum ersten Congreß war für uns Jungzionisten eine herrliche Zeit. Wir opferten freudig den letzten Pfennig, um nach Bafel, dem Horte der Freiheit, zu pilgern und für einige glückliche Tage mit unserem Volke vereint zu sein. Wir waren von Muth und Stolz erfüllt und wir träumten einen großen Traum. Wir sollen unsere Meinungen klären, uns darüber einig werden, was wir wollen, dann werden wir auch wissen, was wir sollen. Die Colonisation sollte jetzt einen Aufschwung nehmen. Mit jedem Jahre werden neue freie Colonien mit Selbstverwaltung entstehen. Stein an Stein wird sich fügen, um das herrliche Gebäude der Zukunft zur Vollendung zu bringen. Wir werden den Geist des Volkes heben, die nationale Cultur beleben und die jüdischen Ideale stärken, wir werden freie Männer auf freiem Boden erziehen. Wir befanden uns in einem herrlichen Rausche. Die kleinen Errungenschaften waren uns zu unbedeutend, wir wollten große, gewaltige Ideale. Aber die Thatsachen haben dafür gesorgt, daß wir bald ernüchtert wurden. Der frische wohlthuende Zug ist bald aus der Partei gewichen. An Stelle der Volksbewegung ist eine S Zollpolitik getreten und aus dem national-socialen Zionismus, der uns vorschwebte, ist ein Bourgois-Philisterthum geworden. Gerade die begeistertsten und hitzigsten Zionisten wurden am schnellsten abgekühlt. Mit bitterem Herzen sahen sie ein, daß auf diesem Wege der Hintertreppenpolitik nichts zu erreichen ist, und sie kehrten zu ihrem kleinen Ideale, zur Politik der Arbeit, zur Förderung der That zurück. Ich gestehe es offen, ich, der ich der größte Gegner der Richtung Bambus*) war, weil sie mir zu nüchtern, zu wenig modern soical war, — ich bin heute ein warmer Freund der Colonisation in jeder Gestalt, weil sie das einzige Faßbare und Gesunde im heutigen Wirrwarr ist. Ich mußte daher bitter lachen, als ich in der „Welt" eine scharfe Kritik der Thätigkeit des Vereines „Esra" las. Das geistreiche Kritifiren ist hier dankbar, aber — sehr billig. Wir, die es erleben mußten, daß aus unserem erträumten Zionismus eine Paradepolitik wurde, haben keine Ursache, an kleinen Bewegungen, die viel bescheidener und anspruchsloser auftreten, die Sonde der Kritik anzulegen. Gewiß, wenn ein Verein, der 4000 Mitglieder zählt, im reichen Deutschland seinen Sitz hat und nach 12 Jahren seines *) Wir verweisen bei dieser Gelegenheit auf die interessante Flugschrift:„JndustrielleColonisation in Palästina", Referat erstattet in der Conferenz der Palästina-Vereine zu Frankurt a. M. von W. Bambus in Berlin. „Guttenberg", Druckerei u. Verlag, Actien-Gesellschast Berlin W. Lützow-Str. 105.