Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 28 (13.7.1900)
- Date
- 1900-07-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021360--10048-3034508- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 28 Br. Vloch's Wochenschrift. Sette 517 hinter ihnen Zitternden seinen schmerzlichen Wiederhall. Und wenn die armen Schlachtopfer hinter ihren schwachen Bollwerken sich auch noch so oft und mit noch so gutem Rechte fragen: »Wodurch haben wir eine solche Behandlung verdient, wodurch diesen Rachedurst des Pöbels entfeffelt? Ist eine solch unerhörte Gewaltthat heute, im Zeitalter unserer so vielgepriesenen, sich täglich selbst in allen Tonarten verhimmelnden Cultur möglich?" — Der bezopfte chinesische Pöbel ertheilt ihnen mit Wurfgeschossen aller Art, von der gewaltigen Kanonenkugel bis zum simplen Steine, eine dröhnende und nicht mißzuververstehende Antwort. Die Cultur so oft nur Tünche, die vor der Berührung der rohen Faust alsbald schwindet. * * * Scene: Die bekannte, altehrwürdige Judengaffe in Preßburg. Es war im Sommer des Jahres 1883, am Freitagabende nach dem Freispruche der Angeklagten im berüchtigten Tisza- Eszlarer Schandprocesse. Ich war damals ein noch sehr junger Knabe, aber überaus lebhaft steht das folgende Bild vor meinen Augen. Früher als sonst schlossen sich alle Läden, legte die alte Gasse ihr sabbathliches Gewand an. Alles eilte in die Synagoge, um in inbrünstigem Gebete Gott für den Sieg der Wahrheit zu danken und wohl selten fand der „Chasan" ein solches in allen Winkeln besetztes, andächtiges Haus f r seine Gesangsproductionen, wie an diesem Abende. Und als der Gottesdienst beendet war, da gingen alle, wie bei Juden üblich, langsam vom Gotteshause nach ihren Wohnungen, bis plötzlich der Ruf erschallt: »Sie kommen, sie kommen!" Und wie mit Zaubergewalt ändert sich mit ünem Schlage das friedliche Bild. »Alles rennet, rettet, flüchtet" — Männer, Frauen, Greise, Kinder, ein wirrer Haufe von vielen Hunderten flieht in wahrer Todesangst vor dem ihm auf den Fersen folgenden Verderben. Niemand war im Zweifel, auf wen der Schreckensruf »sie kommen!" sich bezog, niemand brauchte rückwärts nach den Verfolgern zu schauen und auch ohne deren Wuthgeheul zu hören, wußte jeder, daß sie, die Judenfresser, die Plünderer, der mit Schnaps und Geld zu Antisemiten gemachte Preßburger Pöbel es war. Kaum hatten die schützenden Thore die große Masse der Flüchtenden verschlun- .gen^.kaum.lvgren.diese ^Thore.nothdürftig geschlossen und verbarrikadirt — einen Momem lag die Gasse ruhig, wie ausgestorben da, die Ruhe vor dem Sturme — als sie plötzlich neues Leben bekam. Und was für Leben. Tausende von Kehlen brüllten plötzlich durch die Straßen: »Tod den Juden! Nieder mit den Juden!" Ein wahrer Hagel von Steinen aller tragbaren Größen sauste gegen die Fenster, eine schauerliche Mustk, in fürchterlicher Harmonie von dem prasselnden Geklirre der zerbrochenen Scheiben begleitet. Und hinter diesen Fenstern zitterten die geängstigten Juden, die einen beteten, die anderen beriethen, wohin sie sich mit ihren Habseligkeiten flüchten sollten, die dritten krochen in die Keller — und auf der Gasse tobte der Pöbel, drohte mit Feuer und Todtschlag, versuchte ihre Fäuste an den Hausthoren und Geschäftsläden, die glücklicherweise damals Widerstand leisteten oder vielleicht wußten die biederen Plünderer, daß die Geschäftsläden der Judengaffe zumeist nur Trödelwaaren enthalten oder vielleicht war ihre Raubgier schon an den in entlegeneren Stadttheilen geplünderten Judengeschäften gesättigt, genug, nachdem die fürchterliche Angst fast eine Stunde gedauert hatte und alle Fenster zertrümmert waren, zog die Masse weiter- Wir waren damals ungefähr in ähnlicher Lage, wie die armen Fremden in China; die zum Schutze berufenen Mächte — Polizei und Militär — beriethen so lange, wer kommen sollte, bis schließlich keiner kam. Nicht alle Chinesen tragen Zöpfe und der an Verfolgungswahn leidende blutdürstige Prinz Tuan mag im berüchtigten Ernst Schneider sein würdiges europäisches Ebenbild begrüßen. Uebrigens, falls mich Prinz Tuan wegen dieses allerdings tief erniedrigenden Vergleiches wegen Majestäts-Beleidigung belangen sollte, will ich ihn auch zurückziehen. Schließlich ist ein Chinese noch immer kein Christlich-Socialer. Der chinesische Pöbel haßt die Fremden, die zu ihm kommen, um sich von ihm was zu holen, der europäische Pöbel aber nennt jene Fremde, die seit vielen Jahrhunderten ihm mit Gut und Blut nützten und noch nützen. Wird bei uns nicht auch unter der Flagge der Religion der Fremdenhaß gepredigt? Und dabei nennt sich die Religion der Chinesen, ehrlich genug, keine Religion der Liebe. Womit steht Rußland oder gar Rumänien höher als China? Die Chinesen, die es wahrscheinlich nicht der Mühe werth hielten, die paar hundert Fremden auszuweisen oder die es für allzu unmenschlich ansahen, sie dem Hungertode auf der Landstraße preiszugeben, metzelten sie voraussichtlich einfach nieder, während die europäische Cultur tausende von Familien aus ihrer Heimstätte verjagt und dem fürchterlichsten Elende preisgibt. Hier finden die Worte aus den Klageliedern berechtigte Anwendung (Klagelied Cap. IV., Vers 9): „Besser erging es den durchs Schwert Getödeten Als den durch Hunger Umgekommenen." „Die Fremden in China und die Juden in Rumänien", welch ein lohnender Stoff für die poetische Feder der rumänischen Königin-Dichterin Carmen Sylva! Vielleicht, wenn der nächste Auswanderertrupp vor den Fenstern ihres Arbeitszimmers vorüberzieht und ihr in bei den Juden sich nie verleugnender patriotischer Treue sein letztes „Hoch!" darbringt, fühlt sie sich dazu angeregt. Babylonien. Von Leo Herzberg-Frankel. H. Ein Nationalökonom des zehnten Jahrhunderts und ein Anderer nach ihm, haben auf Grund eingehender Studien und genauer Kenntnisse der Verhältnisse, Berechnungen über die Rentabilität Babyloniens und Mesopotamiens angestellt, wenn die Gebiete derselben in den alten Stand gesetzt, der Euphrat und der Tigris regulirt, die Drainage- und Jrrigationscanäle wieder hergestellt und dadurch dem jetzt theils versumpften, theils verdorrten Boden die frühere Zeugungskraft wiedergegeben würde. Diese Studien sind hochinteressant und zwar nicht blos für uns Juden, die wir stets an unsere unfreiwilligen Colonisationsprojecte denken und bei den traurigen antisemitischen Zuständen im europäischen Osten, denken müssen, sondern für den ganzen W.'lttheil. der vor der Gefahr peht, in nicht ferner Zukunft, in einer Zeit, die unsere Jugend noch erleben wird, an Ueberfüllung zu ersticken. Unsere Statistiker nämlich habe» ausgerechnet, daß bei den gegenwärtigen Zunahmsverhältnissen der Bevölkerung Europas, um 0'88 P:rcent bei einem Effektiv von rund 380 Millionen im Jahre 1900 (— nach Prof. Hickman und letzter Volkszählung: 374.419.000 —) dieselbe im Jahre 1910 um 40 1920 nm 80 1930 um 120 1940 um 170 1950 um 220 Millionen zugenommen haben und statt jetzt 380, damals schon sechshundert Millionen Menschen zählen werde. Eine solche Einwohnerschaft wird Europa nicht ernähren können; es wird somit ein großer Theil weichen müssen. Wohin? Weder in die arktischen Gegenden, wo kein Halm wächst, noch in jenen äquatoralen Theil Afrikas, wo die Sonne das Wasser zum Sieden und die Steine zum Glühen bringt. Amerika füllt sich rapid — China ist überfüllt — man wird somit jene Erdstriche aufsuchen müssen, die jetzt brach liegen, ehemals aber Früchte trugen und Nahrung für Menschen und Vieh hatten. So kehrt denn der forschende Blick zu jener uralten Stätte zurück. wo die ersten Menschen weilten und die jungfräuliche Erde ihnen ihre üppigen Gaben brachte, deren entschlummerte Schaffensthätigkeit wieder geweckt werden könnte. Das ganze Areal des Aluviums in Babylonien mißt 7200 Quadratfarsangen oder 24'/, Millionen Hectare. Ein Drittel davon muß als unproductiv in Wegfall kommen, nämlich : Städte, Dörfer, Flüsse. Canäle, Sümpfe, Moräste, Straßen. Ein zweites Drittel könnte man, wenn man sehr rigoros ist, für Brachfelder und Viehweiden in Abzug bringen, so bleiben für den Anbau und Anpflanzung acht bis neun Millionen Hectare. Diese bebaute Bodenfläche würde nach der früheren durchschnittlichen Besteuerung von 2 Mithkal Silber per Garib, das heißt etwa 2 Mark von 60 Quadratellen — was noch nicht den zehnten Theil der Ectragssumme ausmachen würde — ein Einkommen von mehr als 88 Millionen Mark liefern. Der spätere Nationalökonom berechnet den gesammten Bodenertrag auf eine Milliarde Dirhem oder 566 Millionerl