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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-07-13 · 28 (13.7.1900) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
28 (13.7.1900)
Date
1900-07-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 516 Nr. 28 Dr. Blvch's Wochenschrift. sonders gelegen, weil ich davon die „Aufrüttelung des öffentlichen Gewissens" und Hilfe für ein betrübtes Baterherz erhoffe. Am 12. Juni, gegen 1 Uhr Mittags, erschien Plötzlich im Hofraume meines, im Dorfe Mala (auch Kamieniec genannt), unweit von Ropczyce gelegenen Häuschens der Bauer Wojcik Gerwazy, ergriff meine gerade im Hofe vorübergehende, kaum vierzehnjährige Tochter Blime Kornreich und entführte sie in die in der Nähe gelegene Bauernhütte des Jedrzei Blazniak. Ich war damals geschäftlich im zweiten Dorfe und meine Frau im Felde beschäftigt. Zu Hause blieben außer der Blime nur meine zwei älteren Töchter, welche auf das Geschrei der gewaltsam Entführten hinausliefen, den Bauer aber an der Entführung nicht zu verhindern vermochten. Als sie dann zusammen mit meiner auf dje Nachricht vom Geschehenen inzwischen herbeigeeilten Frau vor die Hütte des Blazniak kamen, nahmen die vor derselben zahlreich versammelten Bauern eine drohende Haltung an. Meine Frau und Töchter mußten aus Furcht unverrichteter Dinge umkehren. Als ich vor Abend nach Hause kam, erfuhr ich, daß die Bauern mit meinem Kinde in das Dorf Siedliska gefahren sind und es dort dem Pfarrer übergeben haben. Seit dem 12. Juni nun gelang es mir trotz eifrigen Bestrebens nicht, mein Töchterchen aus dem Pfarrhause herauszubekommen. Die Hilfe der localen Behörden rufe ich vergebens an und der Pfarrer von Siedliska fühlt sich nicht veranlaßt, mir mein Kind wiederzugeben. Mein Rechtsfreund hat sich nun an die Statthalterei, die Bezirkshauptmannschaft, die Staatsauwattschaft, an die zuständige Vormundschaftsbehörde und das Gendarmerieposten-Commando gewendet, und es wird sich somit zeigen, ob die weltliche Macht, die nach dem angeblichen Ausspruche eines österreichischen Ministers an den Pforten des Klosters aufhört, auch vor einem Pfarrhause Halt macht. — Das Krakauer antisemitische Hetzblatt „Glos Narodu" hat natürlich aus der Affaire Capital geschlagen und berichtet unter denk 20. Juni von der ^glücklichen" Entführung eines geliebten Kindes aus dem Hause eines „entmenschten Vaters". Für die Aufnahme bestens dankend mit vorzüglicher Hochachtung Leib Kirnreich." Gegen diese Beschwerde bringt das Organ des Statthalters Grafen Piuins ki, die-^Gazeta Lwowska" eine Berichtigung. Welchen Werth dieselbe besitzt, geht gleich aus den einleitenden Worten hervor; es heißt nämlich dort, daß Blima Kornreich — dies der Name des in Frage stehenden Mädchens — schon als kleines Kind (!) geneigt gewesen sei, vom Judenthum zum katholischen Glauben überzutteten! Wir sind nun neugierig, was die Erhebungen, die nach der Behauptung der „Gazeta Lwowska" im Zuge sein sollen, noch Interessantes aus der Kindheit der Blima Kornreich, die gegenwärttg im hohen Alter von achtzehn Jahren sttht, ergeben werden. Friedrich II. gegen die Zwangstaufen und Proselytenmacherei. Zn der Schrift: „Die Stimme Friedrichs des Großen im neunzehnten Jahrhundert", herausgegeben von Professor Dr. Schütz, Braunschweig, Vieweg, wird unter vielen anderen für die Gegenwatt überraschend zutreffenden Aussprüchen und Abhaudlungen die Besprechung einer „A r a t e n - A f f a i r e" gebracht, die zeigt, wie Preußens großer König damals einer solchen Gewaltthat entgegengetreten ist. Die fragliche Erzählung findet sich im 5. Buche des Werkes und zwar unter: „Friedrichs Ideen über Moral undReligion". In einem westphälischen Dorfe hatte eine katholische Besitzerin aus blindem Eifer für ihren Glauben mehreren evangelischen Ettern die Töchter wegnehmen und in einem Nonnenkloster katholisch erziehen lassen. Die armen Menschen waren gewissermaßen leibeigen und wagten nicht einmal eine Gegenvorstellung oder Bitte. Auf diese Art hatte die Besitzerin einst einem alten Manne, der früher Soldat gewesen, die einzige Tochter nehmen und diese ganz wider dessen Willen ins Kloster bringen lassen. Der Vater, der wetter keine Pflege hatte, als die von seiner Tochter, ging nach dem Schlosse; er verlangte die Besitzerin zu sprechen und, da ihm dies abgeschlagen wurde, äußerte er eben nicht auf die zarteste Art, was er über eine solche Gewaltthätigkeit dachte und gerauchte in Gegenwart des Beichtvaters den Ausdruck: „Seelenverkauf und Menschenraub". Ursache genug, daß der eifrige Mann sehr mißhandelt und eingesperrt wurde. In der Nacht brach er sich los; entblößt von allem Röthigen, bettelte er sich bis Magdeburg, wo er erfuhr, daß Friedrich in wenigen Tagen zu der Revue nach Pietzpuhl kommen werde. Er ließ sich eine Bittschrift aufsetzen und ging mit voller Zuversicht dahin, wo er den Monarchen selbst zu sprechen erwartete. Seine Hoffnung täuschte ihn nicht. Die Größe, durch die der Greis sich auszeichnete, sein weißes Haar und eine Gesichtsbildung, die von Redlichkeit zeugte, fielen dem Monarchen auf; er gab dem Bittenden einen Wink, dieser gab seine Schrift ab und erhielt den Befehl, um 12 Uhr wiederzukommen. Die Hebungen der schönen Regimenter waren beendigt, die Parole war gegeben, Friedrich ritt nach dem Hauptquartiere und bemerkte beim Ab-' steigen jenen Greis; er winkte, der Mann folgte. In des Königs Zimmer wurde die Bittschrift gelesen; der Greis mußte hereintreten und dem Monarchen Alles erzählen. Friedrich wurde unwillig; er ging einige Male schweigend auf und ab. Der Greis wurde ängstlich, zitternd stand er da und seine Unruhe wuchs umsomehr, da es ihm nicht entging, wie auffallend einigen im Zimmer befindlichen höheren Officieren der Ernst des Monarchen war. Friedrich bemerkte die Angst des Greises, er sah, wie derselbe die Thränen trocknete. Da legte der Monarch die Hand an die Schulter des Greises und sagte: „Sei er ganz ruhig, Vater, er soll sein Kind wieder haben. — Es wäre ja noch besser, wenn so etwas in meinem Lande frei ausginge!" setzte er hinzu. Darauf ließ er dem Greise einige Friedrichsd'or geben und sagte ihm, mit der ihm so eignen Huld, daß er ganz ruhig nach Hause gehen solle. Fast 14 Tage vergingen, ehe der Greis sein Vaterland erreichte. Er kam in seine Hütte; freudevoll sprang ihm die Tochter entgegen; sie sagte ihm, daß die Herrschaft schow mehr als zwanzig Mal geschickt habe, ob er noch nicht Mückgekommen sei. „Was hat denn die gnädige Frau darnach zu fragen?" Eben wollte die Tochter diese Frage beantworten, als ein Bedienter kam und den Greis ersuchte, ihn aufs Schloß zu begleiten. Dieser war gehorsam.' Wie mußte' es ihtti auffallrn, da er von allen mit einer Güte empfangen wurde, die er nie erwartet hatte! Wie vielmehr mußte er staunen, da er in das Zimmer der Besitzerin geführt wurde, als diese ihn mit unerwarteter Huld aufnahm und der Beichtvater ihm den königlichen Befehl vorlas, nach welchem nicht nur seine Tochter ihm, sondern auch alle die Anderen ihren Eltern wieder gegeben wurden, und die Besitzerin noch überdies einer jeden dieser Töchter zweihundert Thaler zur Ausstattung bezahlen mußte! Reminiscenr. Von Landesrabbiner Dr. Tänzer in Hohenems. Ein Schrei des Entsetzens hallt durch die ganze civilisirte oder sich wenigstens so nennende Welt; das sonst so „einsilbige" Volk der Chinesen hat auf einmal eine gar gewalttge, blutige Sprache gefunden. Es ist eine schauerliche Tragödie, von der die wenn auch noch so spärlichen Berichte aus Peking zu erzählen wiffen und die einen um so nachtheiligeren Eindruck auf den entsetzten Leser hervorbringen, je glühender, üppiger, rachedurstiger die Phantasie des Journalisten ist, der die blutigen Bilder entrollt. Scene: Die Gesandtschaftsstraße in Peking. Durch die Straße toben 15—20.000 wüthende Chinesen mit kampflustig geflochten Zöpfen und in ihren weiten Schlitzen blutgierig rollenden Augen, in den Fäusten Dolche, Gewehre, Revolver. Und dieser wuthentbrannte Haufe tobt und brüllt durch die Straße, daß selbst die Ahnen in ihren Gräbern um Peking darob erwachen könnten Aus voller Lungenkraft ertönen die schauerlichen Rufe: Rache! Tod den Fremden! Zahllose Fäuste ballen sich drohend gegen die sich kaum mehr haltenden Gesandtschaftsgebäude, in denen hunderte von Menschenherzen in Todesangst zucken, hunderte Ohren die Schreckensrufe von der Straße her vernehmen. Jeder neue Ansturm gegen das Thor, jeder Steinwurf gegen ein Fenster findet in den Herzen der

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