Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 510 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 27 Nur Rußland trat als Alliirter an Oesterreichs Seite und zwei Corps marschirten — der raschen Beweglichkeit der Franzosen gegenüber, cülerdings viel zu langsam — aus dem weiten Reiche, um au dem Kampfe theilzunehmen. Napoleon hatte die ganze Welt zu täuschen gewußt. Während man glaubte, er beabsichttge mit einem großen Armeeeorps eine Landung in England, hatte er mit einer, für jene Zeit beispiellosen Schnelligkeit seine Armee nach Deutschland geführt und hiedurch seinen Gegnern, welche getheilt und weit ab von einander standen, einen großen Vorsprung abgewonnen, unschätzbare Bortheile erlangt. Allein sein -großes Feldherrngenie wurde in diesem Kampfe auch durch andere für ihn glückliche Umstände und Zufälle unterstützt. Die Oesterreicher chatten große Fehler begangen. Sie besaßen zwei große, hochhervorragende Feldherren, welche später Napoleon verhängnißvoll wurden. Erzherzog Karl, der Erste, der es — bei Aspern — bewiesen, daß. Napoleon besiegbar sei und Fürst Karl Schwarzenberg, der als Generalissimus der verbündeten Armee die Bölkerschlacht bei Leipzig gewann, Napoleons Herrschaft über Europa ein Ende machte. Aber nicht in deren Hände wurde die oberste Kriegsleitung gelegt; sondern in jene des unfähigen General Mack, welcher dem Rache bewährter, genialer Männer nicht Gehör gab, -sich in die Festung Ulm.einschloß, am 17. October des Jahres 1805 mit einem Armeecorps von 30.000 Mann und 60 Geschützen vor Napoleon capituliren mußte und diesem dadurch den Weg nach dem Herzen der österreichischen Monarchie öffnete. . Während die französische Armee unter dem Willen eines einzigen Mannes stand und alle Feldherren seinen Befehlen blindlings gehorchten, war dies bei der russisch-österreichischen Armee durchaus nicht der Fall. Schon die Jntereffen und Ziele der. Leiden Alliirten waren verschieden. Während Kaiser Franz Alles daran wenden wollte, seine Residenz, vor einer feindlichen Invasion zu schützen, richtete Kutusow, der Oberfeldherr der russischen Truppen, sein Hauptaugenmerk darauf, sich nicht zu weit von seiner Operationsbasis zu enffernen, die Verbindung mit den Nachschüben aus Rußland zu erhalten; — und die Leitung der Kriegsoperationen war nichts weniger als eine einheitliche. Auch hatten die Russen unter der Voraussetzung, der König von Preußen würde sich dem Zwei-Kaiserbunede anschließen, eine starke Truppenmacht, 70.000 Mann an die preußische Grenze geschickt und war dieses Corps wett vom Kriegstheater entfernt und mußte nun auf weiten Umwegen marschiren, um sich mit den anderen' Truppentheilen zu vereinigen. Hierdurch war kostbare Zeit, der richtige Moment, dem Avpralle des Feindes sofort gleich wuchtige Massen entgegenzuwerfen, verloren gegangen. Zu all diesen Calamitäten traten noch einzelne unberechenbare, unvorgrsehene Unglücksfälle hinzu, welche die Lage der beiden Alliirten verschlechterten. Die Franzosen waren bis in das Herz von Jnnerösterreich gedrungen und standen vor den Thoren Wiens. Trotzdem wäre es Vielleicht möglich gewesen, die Residenz des wetten Reiches die bisher noch nie einen Feind in ihren Mauern gesehen hatte, zu retten. Der österreichische Feldmarschall-Lieutenant Graf Karl Ausersperg-Trautson, hatte den Befehl, bei Ankunft der Franzosen die Uebergangsbrücke über die Donau in die Lust zu sprengen. Allein Marschall Lannes belog ihn, indem er ihn versicherte, es wäre soeben ein Waffenstillstand abgeschlossen worden. Dem ehrlichen, altösterreichischen Edelmann fiel es nicht im Entferntesten ein, daß ein französischer Marschall eine Lüge mit seinem Ehrenworte bekräftigen könnte, und er unterließ es, den «hatten Auftrag.auszuführen. Seine Leichtgläubigkeit wurde hart bestraft; er wurde, casfirt, seiner Orden beraubt, zu langjähriger Festungshaft verurtheitt; — allein Alles das konnte es nicht ungeschehen machen, daß die Franzosen, ohne Widerstand zu finden, in Wien eingerückt waren. Napoleon ließ es in Wien keine Ruhe. Er wußte es, daß die Erzherzoge Karl und Johann über Ungarn marschjrend, sich mtt den Raffen, die in Mähren standen, vereinigen, und dann mtt gesammelten Kräften die Offensive ergreifen wollten. Aber die Erzherzoge standen noch in Laibach, sie hatten über Ungarn einen riesigen -Umweg, um zu den Russen, die bei Olmütz lagen, zu stoßen. Sie hatten einen Weg von 150 Meilen, während Napoleon nicht den siebenten Theil des Weges brauchte, um Brünn zu erreichen, und am 20. November nahm Napoleon sein Hauptquartier iu Mährens Hauptstadt, während die Kaiser von Rußland und Oesterreich sich in Olmütz zusammengefunden hatten, um zu beschließen, was jetzt zu geschehen habe; ob die Sachen schon so schlecht ständen, daß man unter allen Bedingungen Frieden schließen oder den Krieg fortsetzen solle. Das ganze Land Mähren befand sich in der peinlichsten Lage und entsetzlichsten Aufregung. Die beiden Heere, das französische sowohl als das russisch-österreichische, die in dieser Provinz standen, waren auf die Hilfsquellen dieses von Gott so reich gesegneten Landes angewiesen und hatten dasselbe vollkommen ausgesogen. Die Oesterreicher bewährten allerdings durch trefflliche Manneszucht den alten Ruf ihrer Armee, aber die Franzosen waren Feinde und die Russen benahmen sich nicht viel besser, in manchen Stücken noch ärger als diese. Handel und Wandel waren total vernichtet, die Verbindung mit der andern Welt war gänzlich abgeschnitten, die Bewohnerschaft verarmte; und um das Maß des Unglücks gerüttelt voll zu machen, waren auch verheerende Krankheiten ausgebrochen. Von allen Theilen des Kronlandes Mähren war aber das Städtchen W. am allerhärtesten betroffen worden. Dasselbe war abwechselnd von den Alliirten und den Franzosen besetzt gewesen. Nachdem jene es geräumt hatten, war es von einem französischen Infanterie- Detachement und einer Cavallerie-Abtheilung, welche zu dem Corps des Marschall Soult gehörten, besetzt worden. Am 18. November wurden diese Truppen von dem Generaladjutanten des Kaisers von Rußland, Fürsten Dolgoruky mit 3000 Reitern und einem Bataillon Infanterie angegriffen. Die Franzosen verloren hiebei einige hundert Gefangene und wurden aus der Stadt geworfen. W. blieb einige Tage von den Russen besetzt, aber die Noth an Lebensmitteln war dort und in der Umgebung auf das Höchste gestiegen. Auch die Anwendung der äußersten Gewalt vermochte es nicht, das zum Unterhalte für Menschen und Thiere Unentbehrliche herbeizuschaffen und das russische Corps war deshalb gezwungen, sich auf Olmütz zurückzuziehen, wo sich die beiden Kaiser Franz und Alexander befanden und sich die russisch-österreichischen Armeen, 72.000 Russen uud 18.000 Oesterreicher (Letztere unter dem Commando des Fürsten Johann Lichtenstein), unter dem Oberbefehle des russischen Generales Kutusow concentrirt hatte. Allein nach wenigen Tagen rückten die Alliirten wieder von Neuem vor, um Napoleon, der mit seiner 72.000 Mann starken Armee eine günstige Position zwischen Brünn und Austerlitz eingenommen hatte, anzugreifen, und wieder war eine russische Heeressäule über W. marschirt, wo sie eine Stunde Rast gehalten und abgekocht hatte. Nun war es zweifellos, daß in kürzester Frist, in der nächsten Nähe eine entscheidende Schlacht geschlagen würde und die Bewohner des Städtchens befürchteten, daß sie vielleicht nochmals in W. selbst, von all den Gräueln eines erbitterten, rücksichtslos, und diesmal in großartigem Maßstabe geführten Kampfes heimgesucht würden. Es bestand zwischen der Einwohnerschaft und den durchziehenden russischen Truppen eine sehr große Verschiedenheit der Meinung, welche jene allerdings in Gegenwart der Russen nicht auszusprechen wagten. — Die außerordentlichen Erfolge des bis damals noch unbesiegten Napoleon, die außerordentliche ans fabelhafte grenzende Raschheit seiner Bewegungen, ließen ihn dem Publikum als unüberwindlich erscheinen und es wurde in Bürger- und Bauernkreisen vielfach die Befürchtung ausgesprochen, gegen Napoleon sei jeder Widerstand vergeblich. Die Russen aber waren anderer Meinung. Sie waren nämlich den Franzosen unter Napoleon's persönlicher Führung noch nie gegenübergestanden, und waren höchst unangenehme Kriegsgefährten. Wenn die russischen Osficiere im Weinhaus beisammen saßen, erklärten sie laut: sie wären andere Soldaten als die Oesterreicher, sie ließen sich nicht, wie diese von Napoleon schlagen, nicht wie Mack in Ulm gefangen nehmen. Sie würden Napoleon aus Oesterreich und Deutschland hinausjagen und in kurzer Zett ihren Einzug in Paris halten. Freilich später hatten sie Gelegenheit, die Erfolge der österreichischen Waffen kennen und achten zu lernen.