Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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>Jtc. 2? Dr. Bloch's WochenjüMft. Lette 511 Seitdem es bekannt geworden, daß Napoleon seinen Vormarsch eingestellt, sich in einer Defensivstellung zwischen Bninn und Austerlitz concentrirte, herrschte bei den Ruffen auch die Ansicht, er wage es nicht sie anzugreifen, er sei auch seiner Truppenzahl nach zu schwach dazu, er hoffe nur auf einen glücklichen Moment, um ihnen unbehelligt entschlüpfen, sich geordnet zurückziehen zu können; aber sie würden ihm hierzu nicht Zeit lassen, ihn. ohne die Ankunft der Erzherzoge Karl und Johann abzuwarten, unverzüglich angreifen und ihm in Mähren jenes Schicksal bereiten, das Mack durch ihn selbst in Ulm erfahren, ihn und seine ganze Armee gefangen nehmen. Die W.er Bürger wagten es nicht, den Russen zu widersprechen, sie hätten sich hierdurch zwecklos den größten Mißhandlungen ausgesetzt; aber wem es nur irgend möglich war, W. zu verlaffen, that dies, so daß die Straßen des Städtchens menschenleer, dieses verödet war, ausgestorben zu sein schien. Auch die meisten Bewohner der W.er Judengasse waren dem Beispiele ihrer christlichen Mitbürger gefolgt und waren in der Richtung der böhmischen Grenze geflüchtet. Es waren fast nur Greise, Kranke, die Personen, die zu deren Pflege unentbehrlich waren, endlich ganz Arme, welche nicht die Mittel zur Flucht besaßen, zurückgeblieben. Unter den letztern befand sich auch Sara Brack. Diese hatte seit dem Tode ihres Vaters und dem spurlosen Verschwinden ihres Verlobten, sieben Jahre ein ödes, freude- und hoffnungsloses Leben geführt. Jedes Leben, jedes Dasein hat irgend ein Ziel, es gibt kaum einen Menschen, der nicht auf dem Grunde seiner Seele doch einen Gedanken findet, der sein Herz erwärmt, seinem Geiste holde Zukunftsbilder ausmalt, erfrischende Hoffnungen erweckt. Der zu lebenslanger Kerkerhaft Verurtheilte kann sich doch mit der Hoffnung schmeicheln, durch irgend ein glückliches Ereigniß begnadigt zu werden, in den Schooß seiner Familie zurückzukehren; kann sich in seiner Phantasie den Moment des Wiedersehens, den Moment, wo ihm sein Weib an die Brust fliegt, die Kinder vor Jubel weinend, seine Knie umfassen, ihm die Hände küffen, — so farbenreich als nur denkbar ausmalen; — auch in dem Leben des scheinbar Unglücklichsten kann ein Ereigniß eintreten, das ihn beglücken, ihn — so glaubt er in dem Haschischrausche eines bethörten Menschenherzens — all das Unglück seines Lebens vergessen machen kann; aber in Sara's Leben gab es keinen Gedanken, der sie beglücken konnte, ihr irdisches Leben — und das dreiundzwanzigjährige blühende, kräftige Mädchen hatte voraussichtlich noch eine lange Lebensbahn vor sich — erschien ihr dunkel! Sie hatte ihren Vater, ihren Verlobten an einem Tage im Verlaufe weniger Stunden verloren — sie konnte auf dieser Welt nicht mehr glücklich werden! — Die Bitterkeit, welche sie in dem Momente empfand, als ihr Channe die Schreckensbotschaft mitgetheilt, hatte sich in den langen, bangen sieben Jahren nicht im Allergeringsten vermindert. Das noch nicht siebzehnjährige Mädchen war, als es den Tod seiner Lieben erfahren, lebensmüde geworden, lebensmüde! für einen jungen Menschen ein Gefühl von furchtbarer Gräßlichkeit, und dieses nervenzerrüttende, seelenzerstörende Gefühl hatte stets an Intensität zugenommen, und hatte sich durch verschärfende Umstände im Laufe der Jahre zu vollem Lebensekel gesteigert. Wir haben es schon gesagt, Sara war nach dem Ableben ihres Vaters längere Zeit von Bewerbern umschwärmt worden, welche die reizende, wunderbar schöne, herrliche Jungfrau als Gattin in ihr Haus führen wollten, und sie hatte alle, im übertönenden Schmerze vielleicht schärfer zurückgewiesen, als die Klugheit gebot, sie hatte keine Verwandten, ihr Gemüth war verdüstert, sie war menschenscheu geworden und zog sich von Allen zurück, und ihre Vereinsamung und Verlassenheit war natürlich nicht geeignet die Herbigkeit ihres Seelenschmerzes zu vermindern. Sie wurde oft auch als sich überhebend bezeichnet. Manche der zahlreichen Verschmähten sagten — gewiß ohne es zu glauben, Sara Brack sei eine Stolze, die darauf warte, daß ein Königssohn käme, sie in sein Schloß als Königin zu führen. Auch das haben wir schon gesagt, Sara war durch das Ableben ihres Vaters und ihres Verlobten und durch all die Umstände, die sich hieran knüpften, arm geworden. Es war ihr keine große Auswahl bezüglich der Art und Weise, in welcher sie ihren Lebensunterhalt gewinnen wollte, geblieben. In ein fremdes Haus gehen, dort ihre Fertigkeiten zu verwerthen, fiel ihr zu hart, zu schwer! Bor Allem mochte sie sich um keinen Preis von dem Letzten, vyn dem Einzigen, was ihr auf Erden geblieben, von ihrem Vaterhause trennen, — und wenn sie sich auch von dieser Rücksicht nicht abhalten hätte lassen, wenn sie einen „Dienst" hätte suchen wollen, wo einen solchen finden? In dem kleinen Städtchen fand sie gewiß keinen, und sollte ein junges, verlaffenes alleinstehendes Mädchen in der weiten Welt ihr Fortkommen suchen? Hätte Sara in einer größer» Stadt gelebt, hätte sie ihren Lebensunterhalt durch Unterrichtertheilen gewinnen können. Sie besaß große natürliche Anlagen, und war von ihrem Pflegebruder in zweckmäßigster Weise unterrichtet worden. Michael Klein hatte, während seines Aufenthaltes in Rikolsburg, seine zweite Muttersprache, französisch, auch grammatikalisch erlernt, und Sara in dieser Sprache und vielem andern Mffenswerthen unterrichtet. Sara besaß Geduld und Liebe zu Kindern und sie wäre eine vortreffliche Erzieherin und Lehrerin geworden, aber in der jüdischen Gemeinde in W. gab es keine reichen Leute, die sich den Luxus gestatten dursten, ihren Töchtern mehr als das für Haus und Leben Nothwendige lernen zu lassen. Es blieb daher Sara nichts Anderes übrig, als sich durch ihrer Hände Arbeit zu ernähren. Sie war eine treffliche Näherin, eine kunstreiche Stickerin, es war ihr keine Arbeit zu grob, zu gering, zu wenig lohnend, keine zu schwer, zu mühselig, zu langwierig. Da sie schöne Silber-, Gold- und Perlenstickereien verstand, und trotz ihrer Armuth noch im Todesjahre ihres Vaters für die W.er Synagoge ein allerdings nur mit Seide, aber höchst kunstreich gesticktes Seferthoramäntelchen, zum Andenken an ihre Eltern verfertigte (den Stoff hierzu hatte sie dem Brautkleide ihrer Mutter entnommen), war sie als Kunststickerin in Ruf gekommen, und hatte auch aus den entferntesten Theilen des Landes Aufträge zur Anfertigung von Synagogenparamenten erhalten, und konnte sich, wenn auch kümmerlich, so doch in anständiger Weise erhalten. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. Dr. B. H—d. In der „Reichspost" haben Anfangs mehrere getaufte Juden offen das große Wort geführt; jetzt thun sie es vermuthlich nur im Geheimen. I. W—g. Dagegen verweisen wir, was Dühring H. sagte: „Auch die Conservativen haben hier noch viel zu thun. Seit den Zeiten, als ein, wenn ich nicht irre, vom Namen Schlesinger a u f den Namen F. I. Stahl getaufter Jude und Professor einer ihrer Hauptführer war, ist bei ihnen der Geschmack an Racenjuden fortgepflanzt worden." B. W—r. Es scheint, daß sich Dr. Lueger des Beschlusses der Stadträthe in der Heine-Kranz-Affaire schämte, denn er ließ ausdrücklich constatiren, daß dieser Beschluß auf Antrag des Vice-Bürgermeisters Neumayer in einer Sitzung gefaßt wurde, welcher der Bürgermeister nicht beigewohnt hatte. Für Dr. Neumayer schickt sich jede Dummhett — denkt vielleicht Dr. Lueger. Jpse. Es war sehr weise von dem allen Baron L.» daß er so viel Voraussicht hatte, das Pönale von einer Million zu bestimmen. Es ist aber ganz gut. daß er nicht auch so viel Voraussicht hatte, um eine spätere Eventualität ins Auge zu fassen, wodurch dieses Pönale wieder erlaffen werden konnte. i. g. Vergani versteht keinen Spaß, dazu ist er zu — ernst. Er hat die satyrische Bemerkung, daß der Wiener Stadttath das Denkmal S chub ert's abttagen lassen wollte, weil dieser Lieder des Juden Heine vertonte, als buchstäblich wahr genommen. Das ist nicht die erste, aber eine der erhabensten Blamagen Vergani's gewesen. H. P-g. (ID. Bez.) Was wollen Sie von dem armen, siebzehnjährigen Mädchen? Das hat nur im Sinne der antisemitischen Heilslehre gehandelt, welche unter Umständen nicht nur Lügen, sondern auch Meineide gestattet, um Juden zu verderben. M. B—g. Der Wiener Männergesangsverein verdient es nunmehr vollauf, öffentlich vom Stadttath be—lobt zu werden. Dr. L. F. Ein Wochenblatt kann beim besten Willen nicht alle Fälle registriren, in denen Antisemiten eine schimpfliche Rolle spielten. Um das zu leisten, müßten wir täglich erscheinen. W. L-g. Es hätte den König Karol von Rumänien sicherlich sehr ergriffen, wenn er hunderte verzweifelter Juden am Bahnhofe gettoffen hätte. Er, den man noch heute vielfach als „Fremden" anfieht, weil er einem d. ätschen Geschlechts entsprungen, müßte das Leid der armen Juden zu würdigen wissen, die man als „Fremdlinge" vertreibt, obgleich sie in Rumänien geboren find. Dr. B. in B. Die Angriffe, gegen welche Ihre Zuschrift sich verwahrt, find nicht in der „Oesterreichischen Wochenschrift" erschienen. M. Tauffig» Rew-Aork. Besten Dank und Gruß Die gewünschte Adresse ist: New-Iork, 377 Sixth Avenue.