Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021359--10039-3034498- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 27 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 509 aber sie fand kein Wort. Nun hielt sie dem Juden ihre schlanke Hand entgegen und stumm neigte er sich darüber und küßte sie. Dann warf er sich in ungestümer Bewegung auf die Knie. „Mein guter Engel!" Flammend lag die Sonne über den dunklen Blutlachen und dem zertrümmerten Haus David Mosessohn's, mit verklärendem Strahlenkranz umwob sie die beiden Menschen, die Christin und den Juden ... Da erklang ein silbernes Lachen. Jessika huschte zwischen den Todten umher, von einem zum andern, bis sie Achim gefunden. Bei ihm kauerte sie nieder, streichelte seine Hand, griff spielend in sein krauses Gelock und Plötzlich begann sie zu weinen und warf sich schluchzend über ihn. Mosessohn hatte ihr erstaunt zugesehen. Er wollte auf sie zueilen; aber Maria hielt ihn sanft zurück. „O lasset, lasset sie! Sie ist glücklich, glücklicher wie wir." Er sah sie zweifelnd an. Dann stürzte er auf Jeffika zu. „Jessika, mein Kind!" Lächelnd unter Thränen sah die Irre auf. „Du, Väterchen? Nicht wahr, ick hatte doch recht. Es war doch der Sabbathengel. Und Achim und ich, wir sind jetzt sehr glücklich." David Mosessohn schlug die Hände vors Gesicht. Ein dumpfes Stöhnen entrang sich seiner Brust. „Faßt Euch!", bat Frau Maria anft: „Ich bitte Euch!" Er starrte verstört vor sich hin: „Sie haben erschlagen meine Brüder, zerstört mein Haus, wahnsinnig gemacht mein Kind! Jetzt verkünden sie die Freiheit dem armen Juden! O, sie sind christlich!" „David!" rief Maria schmerzlich, „ich bin auch eine Christin!" „O, Ihr! Ihr seid ein Engel! Euch hat Jehovah gesandt! Und um Euretwillen will ich nicht fluchen Euren Brüdern!" Er wandte sich von ihr und trat zu Jessika: „Mein Täubchen, mein Edelsteinchen! Komm, wir wollen gehen .... einen großen Weg über grüne Wiesen und, weite Felder. Wir wollen reisen bis Prag. Da sollst Du sehen die schöne Stadt. Komm, mein Edelsteinchen!" Frau Maria stand in einiger Entfernung. Sie weinte heftig. Da kam eine ihrer Mägde auf sie zugelaufen: „Euer Gemal ist angekommen!" Hastig eilte die junge Frau ins Haus. Ein Schatten lag auf ihren Zügen, als sie dem Gatten gegenübertrat. „Willkommen!" sagte sie kühl, „was bringst Du?" „Schlimme Nachricht", entgegnete Wenzel, „und Schlimmes scheint sich auch hier zugetragen zu haben. Erzähle mir erst, was in meiner Abwesenheit geschehen!" Frau Maria berichtete in kurzen Worten die Ereigniffe der letzten Wochen. „Georg hat das ganze Unheil heraufbeschworen!" rief sie erregt. „Georg ist ein verwegener Leichtfuß!" brummte Herr Wenzel. „Es ist eine Schande, ihn in der Magschaft*) zu haben. Und weißt Du, wo er jetzt ist?" „Nein. Er ist geflohen. Wohin, weiß ich nicht." „Gut, daß er fort ist! — Aber wie kommt es, daß Du Dich in den Handel eingemischt?" „Ich wollte dem Judenmädchen zu Hilfe kommen. Bis ich einen Diener geweckt hätte, wäre es zu spät gewesen." Herr Wenzel schüttelte den Kopf: „Um einer Jüdin willen?" „Ob Jude oder Christ, das gilt mir gleich!" Herr Wenzel machte eine abwehrende Bewegung. „Laß die Juden! Wir haben mit uns selbst genug zu schaffen. Georg von Vodiebrad und sein hussitischer Erzbischof Rokyczana haben in Prag gründlich aufgeräumt. Johannes Capistranus mußte in eiliger Flucht die Stadt verlassen. Er soll nach Breslau geflohen sein. Sämmtliche Katholiken halten sich zur Auswanderung bereit. Einige sind schon fort. Man erwartet stündlich den Befehl, die Stadt zu räumen. Was für Prag gilt, gilt für ganz Böhmen. Bis in wenigen Tagen, wird auch uns das Schicksal treffen. Die Mehrzahl der Hiesigen sind hussitisch. Ich fürchte, es wird uns nicht besser ergehen, als heute den Juden. Podiebrad zieht die Kinder Israels den Söhnen und Töchtern der röhmisch-katholischen Kirche vor. Sie find seinen Plänen weniger im Wege. — Wir thun gut, das Verhängniß nicht abzuwarten. Packe zusammen, was nöthig ist. In zwei Tagen müffen wir reisefertig sein. Ich will noch zu einigen Freunden in die Stadt gehen, sie zu warnen." Er hatte Alles in einem polternden, wenig schonungsvollen Ton gesagt. Es war so seine Art. Frau Maria schien auch wenig erschrocken über das Gehörte. Sie mochte Aehnliches wohl lange erwartet haben. Vielleicht auch war es ihr gleichgiltig, was das Schicksal brachte. „Und was wird aus David Mosessohn und seiner Tochter. Sie habe» ihn ausgeplündert und sein Haus zerstört. Er wird nicht hier bleiben wollen." „Was gehen mich die Juden an?" „Ich bin ihnen mein Leben schuldig. Sie könnten doch mitfahren in unserem Wagen." „Unsinn!" brauste Herr Wenzel auf. „Dieses Judenpack!" ' Maria faltete bittend die Hände: „Wenzel sei barmherzig!" Aergerlich riß er an seinem grauen Bart: „Meinetwegen! Laß sie ein Stück mitfahren! Aber nicht in unserem Gefährt. Sie können auf einem der Heuwagen auffitzen. Zwischen den Truhen werden sie schon Platz finden!" Damit entschritt er dröhnend dem Gemach. Frau Maria eilte hinüber ins Nachbarhaus; aber der Jude und seine Tochter waren nirgends zu finden. Suchend ging sie von einem Raum zum andern. Sie kau» auch in die Sabbathstube. Hier war die Mauer eingestürzt und hatte die heiligen Geräthe begraben. Traurig betrachtete die Christin das Bild der Zerstörung; dann preßte sie die Hände ineinander: „Jehovah! Gott! Führe sie in Frieden ihren Weg!" * * * Um diese Zeit hatte David Mosessohn die Stadt schon weit hinter sich. Er trug ein kleines Bündel auf dem Rücken, wie in seinen jungen Jahren, da er noch armer Haufirer gewesen. An der Hand führte er Jeffika. So wanderten die beiden Heimatlosen auf der Landstraße dahin. Jeffika's orientalisches Gewand mit dem reichen Goldgehänge leuchtete seltsam in der rüthlichen Herbstsonne. „Jeffika, mein Edelsteinchen", sagte David Mosessohn, „Du sollst sehen, was ich Dir werde kaufen für schöne Kleider. Wir werden gehen nach Prag und nach Holland. Und ich werde Dir geben, was Dein Herz erfreut." Und Jeffika drückte des Vaters Hand an ihre Brust und lehnte ihr Köpfchen an seine Schulter: „Ich bin ja fröhlich, Väterchen! O, so fröhlich! Mein Achim ist es auch. — Aber er sieht mich nicht mehr an. Und ich habe ihn doch so darum gebeten! — Das letze Mal, da er mich küßte. — O, es ist lange her! Ich habe ihn gar nicht mehr lieb." Dann blieb sie stehen und deutete zum Himmel. „Siehst Du Väterchen", sprach sie und die irren Augen leuchteten wie in überirdischem Glanze, „siehst Du die weiße Wolke über uns? Das ist der Sabbathengel! Er wird uns führen über die Erde bis zu den Thoren der heiligen Stadt!" Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfaffer von Gabriel. (Fortsetzung.) Zweiunddreißigstes Capitel. Man stand im Jahre 1805! Napoleon hatte Genua annectirt und Oesterreich dadurch gerechten Grund zum Kriege gegeben. Seinem großen Feldherrntalente kam auch die Uneinigkeit unter den deutschen Mächten zu Gute. Preußen hatte sich neutral erklärt, Bayern, Württemberg und Baden hatten Allianzverträge mit Napoleon geschloffen, ihm den Durchzug durch ihre Lande gewährt, seine Armee durch Auxiliars Corps verstärkt, und waren in dieser Werse schon im Vorhinein für den Frankenkaiser die günstigste» Chancen glschaffen worden. *) Verwandtschaft.