Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 608 Dr. Bloch's Wochrnfchrist. Nr. 27 Sind das die Menschen, die aus Mark und Bein Dem „gold'nen" Rußland Kraft und Saft gesogen? Kanu ein Gerippe wohl ein Schwelger sein? Ist also rasch des „Landes Fett" verflogen? „So viel sind Wucherer, so viel Wirthe sind, D'rum hatten wir ein Recht, sie zu berauben." O Diebeslogik! selbst ein blödes Kind Vermag an die Beweiskraft nicht zu glauben. Und wüßten wir's auch von den Armen nicht, Wie ihrer Tausende Gewerbe treiben, Wie sich fast alle nährten schlecht und schlicht, Der Dieb müßt' den Beweis doch schuldig bleiben. Wozu de Worte? laßt die Thaten sprechen, Ich sag' Euch jetzt, was ich geseh'n und weiß. Ich sah, mir wollte schier das Herz zerbrechen. Bei den vertrieb'nen Juden einen Greis, Umfloflen von ehrwürdig weißen Locken Sah er wohl einem Patriarchen gleich. Als ich ihn ansprach, fuhr er auf erschrocken Und wandt mir zu sein Antlitz todesbleich. Er sprach kein Wort und sentte dann die Lider, Ein Buch der Andacht hielt er in der Hand, Daraus er unablässig, immer wieder. Des Sterbenden Gebet emporgesandt. Und so erzählten mir, die ihn umgaben: „Settdem zu Haus er Sohn und Enkelkind, Die man erschlug, nach Vorschrift hat begraben, «Scheint er für alles Aeußre taub und blind." Und Wetter schritt ich, einen Jüngling schauend, Der hiell den Kopf gestützt in seine Hand, Um seine Stirne schlang sich blutig thauend, Die tiefe Wunde deckend, ein Verband. Nicht wollt ich ihn, den Gramversunk'uen, fragen,. Drum fragt' ich Einen, der daneben stand: „Sie Haben, Herr, die Eltern ihm erschlagen. Ihn, der sie schützte, schlug dieselbe Hand." Und doch kein Wort des Grimmes und der Rache Und keine Thal, die seinen Feiud verletzt? So arm und hilflos-elend ist der Schwache, Daß er nicht einmal flucht Dem, der ihn hetzt? Nicht einen Fluch für so viel bitt're Thränen? Doch hat auch er im Unglück keinen Fluch, So kommt Eu'r Tag doch einst, ihr Bluthyänen, Denn Eure Thaten steh'n im ew'gen Buch. Und Er, der dieses Buch in Weisheit führet, Der Herr, der waltet über'm Weltgericht. Hat jetzt auch edler C h r i st e n Herz gerühret, Auch sie verlassen diese Juden nicht. Sind jene Christen wohl, die fortgetrieben Die armen Juden, Mann und Weib und Kind? Nein, d i e sind Christen, die da eingeschrieben Jn's Buch der Hilfe neben Juden sind. D'rum gebt, o gebt, denn Noth und tiefes Elend, Sie klopfen Hilfe heischend an die Thüren, Mög' himmlisch Mitleid Euch, zur T h a t beseelend, Das Herz erschüttern und die Seele rühren. O spendet nur, ob Juden oder Christen, O gebt, da Ihr vom Himmel aus empfangt, Füllt rasch und reich der edlen Gaben Listen, Es ist die Menschheit, die dafür Euch dankt! Arnold W e i s s e. Der Sabbathengel. Novelle von Mela Escherich. (Schluß.) Währenddem klatschte Jessika lachend in die Hände und tanzte durch Frau Maria's Gemach. Die Arme war wahnsinnig geworden, da sie den Geliebten hatte sterben sehen. Frau Maria wußte keinen Rath mehr. Das namenlose Elend zerriß ihr das Herz. Bon drunten gellte der Todesschrei der Sterbenden und neben ihr erklang das Lachen und Singen des wahnsinnigen Mädchens. Da erscholl ein dumpfer Fall. Bei David Mosessohn war eine Mauer eingestürzt. Frau Maria sah es vom Fenster aus. Eine entsetzliche Angst überkam . sie, sie wußte nicht mehr, was sie that. Besinnungslos rannte sie hinab, stieß die erschrockenen Diener bei Seite und stürzte hinaus. Erst hier kam ihr zum Bewußtsein, daß sie gegen diese rasende Menge machtlos sei. Sie suchte nach dem Nachbarhause hinüberzugelangen. Aber man stieß sie von allen Seiten. Ein Durchkommen war unmöglich. Schon wollte sie umkehren, da wurde die Thüre des Judenhauses aufgerissen und ein paar derbe Gesellen brachten den Juden heraus. Er mochte sich kraftvoll gewehrt haben. Die Hände waren ihm auf den Rücken gebunden. Sein seidener Kaftan hing in Fetzen an ihm und über sein Stirn rann Blut. Er war bleich, seine Lippen bebten vor Zorn. Ec biß sie zusammen, als er die höhnischen Blicke so Vieler auf sich gerichtet sah. Zorn und Schmerz prägten sich in seinen Zügen aus. Dann sah er auf. Sein Auge schien Jemand zu suchen. Vielleicht dachte er einen Augenblick, Jehovah müsse seinen Engel senden, um die Feinde zu vertilgen. Da zuckte er zusammen. Unter den Hunderten drängenden Volkes hatte er eine helle Gestalt erkannt. Wie flüchtige Freude blitzte es über sein Antlitz. Festen Blickes sah er nach ihr hinüber. Maria fühlte sich seltsam davon getroffen. Sie wußte nicht, was diese Augen sprachen, war es eine flehende Bitte oder ein Abschiedsgruß... Schon hoben sich hundert Arme zum todtbringenden Steinwurf. ..***,., Da. schmetterte heller..Dwmpetenklgng durch die.Luft und ein Reiter in der glänzenden Tracht eines kaiserlichen Herolds galoppirte von der Seite des Stadtthores herauf. Er sprengte mitten ins Gewühl hinein. Ueberrascht wich Alles auseinander. Mit kurzem Blick die Sachlage erfassend, hob sich der Reiter in den Bügeln und begann mit lauter, weithin vernehmlicher Stimme: „Bürger der Stadt! Im Namen des Kaisers thut Euch unser allergnädigster Reichsverweser Georg von Podiebrad Folgendes kund!" Er entfaltete eine Pergamentrolle und verlas den Befehl des Reichsverwesers. Darin heißt es: Die Stadt habe den Juden ihre bisherigen Rechte zu belassen. Sie sollten ungehindert die ihnen von früher her zugewiesenen Gewerbe weiter betreiben, nicht anders als in der vorgeschriebenen Tracht erscheinen und den Christen einen Anlaß zu Händel und Aergerniß geben. Da ließ manche Hand den erhobenen Stein zur Erde fallen. Es wurde merkwürdig still ringsum und als der Herold weiterritt, öffnete sich ihm eine breite Gaffe. Der Befehl des Reichsverwesers wirkte wie eine züchtigende Peitsche auf dem Rücken eines Hundes. Man duckte sich. Der kaiserliche Herold ritt weiter nach dem Marktplatze. Einige folgten ihm, Andere verliefen sich da und dorthin. Bald war es leer und nur die Todten und Verwundeten tagen auf der Straße. Die Sonne, die den ganzen Tag mit trüben Nebeln gekämpft, stand wie ein glühend rother Ball im Westen und übergoß die Straße plötzlich mit blendend weißem Glanz. In großen Blutlachen spiegelte sich ihr Schein. David Mosessohn lehnte wie erschöpft mit geschlossenen Augen an der Mauer. „Maria!" flüsterte er. „Da bin ich!" klang es sanft neben ihm. Er fuhr zitternd auf. Die Stimme versagte ihm. Und, wieder sah er Maria an, wie vorhin, mit jenem seltsamen, räthselvollen Blick. Ihr wurde es eigen zu Muthe. Sie band den Strick los, mit dem seine Hände gefesselt waren. Dabei bebten ihre Finger so sehr, daß sie es kaum fertig brachte. Sie wollte etwas sagen