Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021359--10033-3034492- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 27 Dr- Blortz's WochenfchrM Seite 503 gethan habe. Ich habe im Gegentheil, wann immer sich mir die Gelegenheit darbot, die Behauptung, als gäbe es einen Ritualmord, für zum mindesten unsinnig erklärt. Es ist nicht wahr, daß ich durch irgendwen, es ist somit auch nicht wahr, daß ich durch meine Anhänger im „Spolek cesk^ch akademiku zidu“ für den Abgeordneten Breznovsky Stimmen überhaupt und sogar auch bei deutschen Juden sammeln ließ. Achtungsvoll Prag, am 3. Juli 1900. JUDr. Jak. Scharf. Bielitz. (Cardinal Kopp gegen den Antisemitismus.) In antisemitischen Kreisen ist man, wie wir hören, wenig erbaut über einen sehr deutlichen Wink, der den Antisemiten von höchst autoritativer Seite gekommen ist. Cardinal Kopp, der sich vor einigen Tagen zum Sommeraufenthalt auf seine schlesischen Besitzungen begab, hat vorher eine Woche auf die Visitation des österreichischen Theiles seiner Diöcese verwendet. In Bielitz nun hatte der Cardinal in einer Ansprache spontan, aber scheinbar ohne Absicht und ohne Bezugnahme auf actuelle V-rhältuisse besonders die Tugend der Duldsamkeit und Nächstenliebe empfohlen und schließlich in Anwesenheit einer großen Anzahl von Geistlichen Alle aufgefordert, an dem Werke des Friedens und der Eintracht unter der Bürgerschaft mitzuwirken: »Die Bürgerschaft könne nicht gedeihen, wenn auch nur ein einziges Glied derselben in feinem Gedeihen gehindert werde", und hatte schließlich mit scharfer Pointirung geschlossen: »Ich bete zu Gott, er möge allen Bewohnern dieser Stadt siinen reichsten Segen spenden". Es scheint jedoch, daß sich die Christlich-Socialen, die in Bielitz seit kurzer Zeit unter clericaler Führung eine eifrige Agitation entfalten, mit diese»! Hinweis des Kirchenfürsten noch nicht haben zufrieden geben wollen. Denn tagsdarauf besuchte der Cardinal das katholische Gesellenheim, einen der Mittelpunkte der antisemitischen Agitation. In der Begrüßungsansprache des Vereins- Vorstandes ließ dieser mit scharfer Betonung und auffallender Absicht die Worte einfließen, daß hier »die Geltendmachung des katholischen Standpunktes nicht leicht gemacht werde". Darauf nun erfolgte prompt die Ablehnung. Der Cardinal reagirte auf die sehr deutliche Anspielung damit, daß er den Herren vom Katholischen Gesellenvereine empfahl, vor Allem f e l b st a u f die Erhaltung des confessionellen Friedens zu achten, der bisher erfreulicherweise am Orte geherrscht habe. Im Verein mit der früheren Ansprache war das eine nicht leicht mißzuverstehende Verurtheilung der Feindseligkeiten, zu denen seit kurzer Zeit an mehreren Orten von Schlesien geschürt wird. Tabor. (Bedauerliche Zustände in einer Beerdigungs-Brüderschaft.) Bon einem recht traurigen Vorfälle gottlob seltenster Art erhalten wir folgenden Bericht aus Tabor: „Anläßlich der Beerdigung eines auswärtigen Glaubensgenossen. H. B.( r u ck) aus R.( a t i b o r i c), dessen Leiche 21/, Wegstunden weit, mitten durch größere, volkreiche Dorfgemeinden auf einem gewöhnlichen Wirthschafts wagen! hergefahren werden mußte, weil die Familie des Verstorbenen die ihr bemessene Taxe für den Leichenwagen (150 fl. Oe.-W. [ l! ] — von Tabor nach B e r gsi a d t l ist der ortsübliche Fahrlohn höchstens 6 fl; die Familie hatte sich zur Zahlung von 60 st. bereit erklärt!!!) unverhaltnißmäßig hoch gefunden ■ hatte, kam es auf bem Friedhof e selbst zu sehr peinlichen Scenen. Die Mehrzahl der anwesenden Trauerversammlung mißbilligte entschieden die unbegründet schroffe Stellungnahme des Vorstandes der „Ohevrah Kadischah“ bei dieser Taxbemessung und zuletzt kam es Angesichts derLeiche zu erregten Auseinandersetzungen und in deren Folge schließlich sogar zu Tätlichkeiten. . ... Herr Josef Schwarz, welcher dem allgemeinenIUnmuthe über die rücksichtslos fiscalische Leitung der »Beerdigungs-Brüderschaft" offenen Ausdruck gab und Herr Karl M e n d l, der die Bereinsleitung vertheidigen wollte, geriethen nach heftigem Wortwechsel derart aneinander, daß sie erst von herbeigerufenen Polizisten getrennt werden mußten, nachdem aber schon Herr Mendl im Gesichte erheblich verletzt worden war. Kein Wunder, daß das radical-antisemitische Localblatt „Tabor" (13. Juni 1900) hochvergnügt diese »Unterhaltung (!!!) auf einem jüdischen (!!!) Friedhofe" mit wohligster Schadenfreude ausführlich erzählt und seiner Tendenz entsprechend das unselige Eceigniß gehässig, mit lautem Spott und Hohn glossirt. Die ohnehin höchst unerquicklichen Berhältniffe der Juden iu Tabor werden durch beschämende Vorkommnisse solcher Art nur noch verschlimmert. Das Ansehen unserer wichtigsten Institutionen leidet hiedurch in einem Maße, von dem sich jene Kreise, deren Fiscalismus unsere „Chevrah Kadischah4thatsächlich nur zum Schaden der jüdischen Gesammtheit beherrscht, offenbar keine Rechenschaft legen. Es ist dies in kurzer Zeit schon der dritte. Aufsehen erregende Fall, womit der gegenwärtige ,,C h t* v r a h - K a» d i s c h a h4- - Vorstand den Finanzen der „Beerdigungs- Brüder schaft unter gänzlicher Verkennung ihrer hohen, ethischen Bedeutung und unter Hintansetzung ihrer edelsten Zwecke auf Kosten des Ansehens unserer gesammten Cultuseinrichtungen gewaltsam aufhelsen will. Der erste Fall betraf die hochbetagte Witwe Frau Samuel Mendl, deren Gatte 40 Jahre hindurch zahlendes Mitglied unserer „Chevru“ gewesen war und der man trotzdem die angesuchte Grabstätte neben dem Grabe ihres Mannes zu billigerem Preise zu überlassen verweigerte, obwohl die Gesuchsstellerin notorisch ganz vermögenslos ist und nur von ihren Kindern ausgehalten wird. — Trotzdem damals alle in der Sitzung anwesenden Ausschußinitglieder gegen die Abweisung waren und einige sogar erregt die Sitzung verließen, und heftig protestirend jede weitere Theilnahme an derartiger Vereins-„Thätigkeit" versagten; obwohl auch der anwesende Rabbiner Herr Dr. N. W e i ß l o w i t f ch sich gegen die Ablehnung aussprach; — verharrte der Vorsitzende allein dennoch auf seinem Willen! . . . Womöglich noch ccasser war der zweite Fall: Ein armer Comptoirist, I. Kraus, war nach langer Krankheit im Tabor:r öffentlichen Krankenhause anLungentuberculose gestorben. Seinem Chef, Herr Versicherungs-Jnspector Julius Popper, der das Leichenbegängniß freiwillig aus Eigenem veranstaltete und in der christlichen Bezirks-Krankenanstalt das größte Entgegenkommen fand, weil er seinen kranken Angestellten monatelang ausgehalten und auch die Spitalskosten für ihn gezahlt hatte — wurde zum Erstaunen aller Welt für den bloßen Begräbnißplatz von unserer „Ghevra-4 der Preis von 40 Kronen dictirt. — Schon damals äußerte sich der allgemeine Widerspruch gegen solches rücksichtsloses Geld scharren und die ruhigsten und besonnensten „(!hevrah44-Mitglieder erklärten diese Arr von »Brüderschafts"- Verwaltung für unhaltbar, weil eines Nächstenliebe-Vereines unwürdig und mit den sittlichen Grundlagen der uralten ^Ohevrah44-Einrichtungen grundsätzlich unvereinbar. — Solche Intoleranz schließt jede sittlich veredelnde Wirksamkeit in der Gemeinde aus. — Sie schädigt den Verein und compromittirt uns Juden als Gesammtheit vor der Außenwelt. — Eine noch so dankenswerthe, geregelte Vermögensgebahrung unserer Beerdigungs-Brüderschaft darftrotzdem zu keinerlei öffentlichemAergerniß führe». Das Ansehen unserer heiligsten religiösen Handlungen am Gottesacker muß uns trotz allen gebotenen Rücksichten auf das „Ghevra44-Vermögen über Alles werthvoll und unantastbar sein. Hier muß eben der vornehme Sinn einer verständnißvollen Leitung mit feinstemTacte walten, welche stets die unverrückbare Grenze zwischen Caffa und einwandfreier Geschäftsführung unseres h u m a n st e n Gemeinde-Institutes strengstens einzuhalten weiß. Denn, Gott sei's gedankt, unsere „GhevraKadischali“ ist durchaus nicht arm und auch derzeit keineswegs paffiv. —- Sie kann human gegen Alle sein! Hohnlachend verspricht sich das hiesige Antisemiten-Organ ein gerichtliches Nachspiel der häßlichen Friedhofs-Affaire .... Wir aber bitten unseren geehrten Cultus-Gemeinde-Ausschuß dringendst, im Vereine mit dem ehrwürdigen Rabbinate ungesäumt und durch energische Geltendmachung ihres statutarischen Aufsichtsrechtes gründlich Wandel zu schaffen."