Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 504 Nr. 27 Dr. Bloch's Wochenschrift. Agram. Das Ende des Schuljahres bietet die erwünschte Gelegenheit, über die hiesigen jüdischen Schulverhältnisse berichten zu können. Schon 32 Jahre erhält die Cultusgemeinde eine Volksschule mit croatischer Unterrichtssprache, deren vor zwei Jahren neuerbautes Heim allen schulhygienischen Anforderungen entspricht. Die am 25. und 26. Juni stattgefundenen Prüfungen bewiesen uns, daß die Kinder, selbst in der ersten Classe, erstaunliches Wissen in drei Sprachen, deutsch, hebräisch und selbstverständlich croatisch in allen Gegenständen besitzen. Hoffentlich werden solche Erfolge die Gegner der jüdischen Schule in- und außerhalb der Schule stetig verringern und die Landgemeinden zur Errichtung von jüdischen Schulen aneifern. Anfangs Herbst wird an den hiesigen Mittelschulen ein jüdischer Katechet ernannt werden und dadurch ein Theil des Religionsunterrichtes von den Schultern Sr. Ehrwürden Oberrabbiner Dr. Josua Jacobi abgenommen werden, was um so nothwendiger ist, als selber bisher neben seinen rabbinischen Pflichten 32 Stunden wöchentlich Religionsunterricht ertheilte. Außerdem erlheilt er noch in drei Abtheilungen circa vierzig freiwillig sich meldenden Mittelschülern Unterricht in Pentateuch und Raschi, sowie hebräische Grammatik. Vom jüdischen Sinne der Jugend weist die vor zwei Jahren erfolgte Gründung eines jüdischen Jugendliteraturvereines, der den Grundstock einer jüdischen Bibliothek gelegt, neun jüdische und viele croatische Zeitschriften hält und folgende Vorträge im heurigen Wintersemester gehalten hat: „Die Strömungen im Judenthum", „Mohamed und die Juden". „Hebräische Poesie", „Was ist Zionismus?" „Die Juden in Dalmatien", „Jehuda Ha Levi und Jbn Gabirol" und außerdem jeden Samstag Abend freie Discussionsabcnde, an denen sich die meisten der circa 60 Mitglieder betheiligten, hielt. Ein großer Mangel ist in der Localitätenfrage. Die Cultusgemeinde müßte ihren großen, dem Verein bereits abgetretenen Saal entsprechend ausstatten, was mit geringen Kosten ginge. Dann könnten alle Gemeindemitglieder die Lesehalle benützen, die Vorträge hören, sowie fremde Rabbiner Vorträge halten und wir hätten in Agram eine Stätte für jüdische Wissenschaft und Literatur. Hoffentlich wird dieser Appell nicht vergeblich an die löbl. jüdische Cultusgemeinde erklingen. Bei Erwähnung der hiesigen jüdischen Schulverhältniffe muß ich auch die Handarbeitsschule der Frau Victoria Kürschner erwähnen, die bereits durch 32 Jayre die Mädchen der jüdischen Voksschule, sowie außerdem viele Fräuleins jüdischer und christlicher Confeffion unterrichtet. Die in den Localitäten der jüdischen Schule stattgefundene Ausstellung der Handarbeiten beweist, daß die Schülerinnen nicht nur einst zu ihrem Vergnügen sticken und häkeln, sondern sich eventuell auch ihren Lebensberuf durch ihre erworbenen Kenntniffe werden finden können. Zahlreiche Thoravorhänge und hebräische, gestickte Tischinschriften bezeugen den jüdischen Sinn, der in der Schule herrscht, und wie beim Verlassen der Ausstellung, so rufen wir auch hier den verdienstvollen Lehrerinnen und ihren liebenswürdigen' Schülerinnen unsere besten Glückwünsche zu. Noch einer Glaubensgenoffin können wir gratuliren, Fräulein Hermine O b l a t t, welche als einzige Dame am hiesigen Gymnasium die Matura mit glänzendem Erfolge absolvirt hat. Ws Jüdin konnte sie trotz ihres Lehrerindiplomes keine Anstellung an einer öffentlichen Volksschule finden, jetzt hat sie Aussicht auf eine Stelle als Professorin am Mädchenlyceum. Darum nochmals: Zivila! L. S. Köln. (Eine Deputation der Synagogengemeinde Köln beim Herrn Erzbischof Simar.) Am 'Dienstag erschien nach vorangegangener Anmeldung eine Deputation der Kölner Synagogengemeinde, bestehend aus den Herren Jakob de Io ng e, erster Vorsitzender des Vorstandes, Dr. med. Apfel, stellvertretender Vorsitzender, und den Herren Rabbinern Dr. Frank und Dr. R o s e nt h a l, bei Herrn Erzbischof Simar, um denselben Seitens der Synagogengemeinde zu begrüßen. Um 6 Uhr fand die Audienz in dem Empfangssaale des erzbischöflichen Palais statt. Ws der Herr Erzbischof erschienen war, hielt Herr Rabbiner Dr. Frank an denselben folgende Ansprache: „Ew. Erzbischöflichen Gnaden gestatten wir uns, als Vertreter der Verwaltung und des Rabbinats der Synagogengemeinde Köln, zu dem Antritte des höchsten kirchlichen Amtes in der Kölner Diöcese ehrerbietigst zu begrüßen. So alt die Kölner Diöcese ist, so alt ist die israelittsche Einwohnerschaft derselben; aber fast zu allen Zeiten haben die Kirchenfürsten auf dem Kölner erzbischöflichen Thron freundliche und wohlwollende Gesinnung gegen die Judenschaft gehegt. Besonders im Mittelalter, wo die Juden am Rhein unter dem Fanatismus der irregeführten Menge schwer litten, haben die Kölner Erzbischöfe den Bedrängten Hilfe und Beistand angedeihen lassen, ich nenne unter Anderen die Erzbischöfe Arnold und den unvergeßlichen Engelbert II. von Falkenburg. Und so hat sich denn diese Tradition des Wohlwollens Seitens der Kölner Kirchenfürsten gegen die Juden bis auf die Gegenwart erhalten. In dankbarer verehrender Erinnerung lebt Ew. Erzbischöflichen Gnaden letzter Vorgänger,.Se. Eminenz Cardinal Kremen tz, bei der israelitischen Bevölkerung der Diöcese fort. Als in den Achtziger- und Neunziger-Jahren des abgeschloffenen Jahrhunderts unsere Glaubensgenossen in Rußland schwer bedrängt und verfolgt wurden, hat der Herr Erzbischof von Köln, K r e m e n tz, seiner Lebensdevise entsprechend, earllas nrZet, mir Beweise seiner Sympathie für das große Hilfswerk gegeben, welche für den Erfolg von großer Tragweite waren. Und so begrüßen wir denn auch Ew. Erzbischöflichen Gnaden und hoffen, Sie werden die Traditionen der Vergangenheit fortsetzen. Ew. Erzbischöflichen Gnaden haben als akademischer Lehrer an der Bonner Universität die katholische junge Geistlichkeit in die Hallen der Wissenschaft eingeführt, haben ein hervorragendes wissenschaftliches Werk über die Dogmatik geschrieben, haben dann ferner als Bischof von Paderborn in der praktischen Seelsorge Ihre Heerde weise, liebevoll und milde geführt, und dort, wo Geist und Herz harmonisch sich vereinen, entspringt ein Quell reichsten Segens für alle Menschen. Mögen daher Ew. Erzbischöflichen Gnaden als Hirt der Hirten die Saaten der Religion und Gottesfurcht, der Liebe und Humanität, die Sie in ihrer großen Diöcese ausstreuen, üppig aufgehen sehen, möge unter Ihrem Hirtenstab die 'Heerde in Friede und Eintracht Zusammengehen und liebevolle Gesinnung unter den Bekennern aller Confessionen der Diöcese gefördert werden, möge ferner die gütige Vorsehung Sie schirmen und schützen und noch viele Jahrzehnte an der Spitze der Kölner Diöcese segensreich wirken lassen und möge endlich das jesaianische Wort an Ew. Erzbischöflichen Gnaden in Erfüllung gehen: „Leiten wird Dich der Ewige und laben in der Dürre Deine Seele, und Du wirst sein wie ein getränkter Garten und wie ein Ouell, dessen Wasser nie versiegen." Das walte Gott! Amen." Hierauf erwiderte der Erz bis ch^of ungefähr Folgendes: „Er danke für die freundliche Begrüßung Seitens der israelitischen Gemeinde und werde wie bisher den Israeliten die wohlwollendste Gesinnung' entgegenbringen. Wie einst vor 2(M JLhrer einer der größten Männer des jüdischen Stammes in seinem Sendschreiben an die Römer hervorgehoben, indem er fragte: „Was haben die Juden vor den Heiden voraus?" und die Antwort gab: „Sie haben den Vorzug, daß sie im Besitze des Gotteswortes sind," und ein anderes Mal, „daß sie das Volk des Bundes sind", ebenso erkenne auch er diesen Vorzug des israelitischen Volkes an. „Sie sind nun einmal das von Gott auserwählte Volk, von ihm ausgezeichnet durch den Besitz des Gotteswortes und die Verheißung des Heiles für die ganze Menschheit." Von diesem religiösen Standpunkte aus sei seine Stellung gegen Israel gegeben und von dem christliche Grundgesetze der Liebe bestimmt. So wie er, denke jeder katholische Bischof. Diese Gesinnung werde er den Israeliten der ganzen Diöcese bewahren und gegebenenfalls dieselbe auch praktisch bethätigen. „Und wenn auch einstweilen," so bemerkte der hochw. Herr Erzbischof am Schluffe, „in Bezug auf den religiösen Glauben eine Scheidewand uns von Ihnen trennt, so halten wir doch an der Hoffnung fest, daß eine Zeit kommen wird, wo es einen Hirten und eine Heerde geben werde. Nochmals danke ich Ihnen und hoffe, daß die geäußerten Wünsche zu meinem Wohle und zum Wohle Ihrer Gemeinde sich erfüllen mögen." Nach einigen warmen Dankesworten des Herrn de Ionge unterhielt sich der Herr Erzbischof längere Zeit mit der Deputation und erkundigte sich mit regem Interesse nach den inneren und äußeren Verhältnissen der Gemeinde und sprach seine besondere Genugthuung darüber aus, daß solch eine große Gemeinde ohne jede Trennung friedlich geeint sei. In der liebenswürdigsten Weise wurde hierauf die Deputation entlassen. München. (Die Polnaer Affaire vor den Münchener Schöffen.) Das Schöffengericht in München verurtheilte den Führer der Antisemiten Ingenieur W e n g g wegen eines Artikels, worin der Schächter Kurzweil in Wien als Mitschuldiger am Polnaer Mord hingestellt wurde, zu zehn Tagen Gefängniß. Da der Verurtheilte wegen des gleichen Deliktes auf Grund einer Klage des Rabbiners S. Goldberg in Polna bereits zu zwei Wochen verurtheilt worden, wurde die ganze Strafe auf drei Wochen Gefängniß abgerundet.