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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-07-06 · 27 (6.7.1900) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
27 (6.7.1900)
Date
1900-07-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Rr. 27 Dr^ V'och's Wochenschrift. Seite 501 Die Schul-Section hat sich der Thatsache nicht verschließen können, daß die sämmtlichen Lehrpläne für den Religionsunterricht einer Revision zu unterziehen seien und hat den Anfang mit dem Lehrplane für Volks- und Bürgerschulen gemacht. Bekanntlich wurde der im Jahre 1878 eingeführte Lehrplan, welcher eine „Deutsche Bibellectüre" als Mittelpunkt des gesammten Religionsunterrichtes hinstellte und die Pflege der heiligen Sprache gänzlich den Bibelschulen zuwies, im Jahre 1892 durch einen anderen Lehrplan ersetzt; in diesem wurde die Kenntniß der wichtigsten Stellen des Pentateuch neben der bibl. Geschichte und „Religionslehre" als Lehrstoff festgestellt. Obwohl nur etwas mehr als 8 Percent aller Verse des Pentateuch für sämmtliche Classen der Volks- und Bürgerschulen vorgeschrieben waren, zeigte sich diese Aufgabe als nicht ausführbar; das Lehrziel wurde nach dem Zeugniß der Lehrer gar niemals erreicht. Gegenüber dieser gewiß unangenehmen Thatsache stand die laute Unzufriedenheit der Eltern, welche einerseits über zu große Anforderungen, andererseits über die Unfähigkeit der Kinder, dem Gottesdienste zu folgen, klagten. Der Fachmann aber mußte sich sagen, daß jener Plan nicht in allen Theilen auf dem neuesten Standpunkte der Pädagogik stand, nicht überall die Errungenschaften der neuen Methodik --für seine Zwecke verwendet. Durch die Bestimmung, daß in der V. Volksschulclasse die Geschichte bis zum Tode David's oder später bis zum zweiten Tempel genommen und dann in der Bürgerschule wieder vom Anfang begonnen wurde, trat eine Art Zweistufigkeit ein, welche die gründliche Verarbeitung des Stoffes ganz unmöglich machte. Durch die geschichtliche Behandlung fast jeder in der heiligen Schrift genannten Person wurde das Gedächtniß in ganz überflüssiger Weise belastet. Durch die Behandlung einer sogenannten „Pflichtenlehre" und Glaubens- und Sittenlehre in der 5. Classe der Volks- und in der 3. Classe der Bürgerschule trat eine Anspannung der jugendlichen Kräfte ein, die man umso mehr bedauern mußte, als die jüdische Lehre in ihrer Klarheit und schönen Einfachheit geradezu mustergiltig in pädagogischer Beziehung genannt werden kann, daher keine systematische Darstellung braucht, sondern dadurch nur unnütz erschwert und verdunkelt wird. Unter diesen Gesichtspunkten trat die Schulsection an die Umarbeitung des Lehrplanes. Man setzte sich ins Einvernehmen mit der Lehrerschaft, deren Ausschuß eine außerordentlich große und nützliche Thätigkeit entfaltete. Die von der Lehrerconferenz unter der Leitung der Herren Jnspectoren für Volks- und Bürgerschulen gemachten Vorschläge müssen sehr verdienstlich genannt werden und haben bereits in der vorigen Plenarversammlung die Anerkennung gefunden. Die Vorschläge der Lehrerconferenz wurden einer eingehenden Berathung innerhalb der Section in vielen Sitzungen unterzogen und in einzelnen Punkten ergänzt. Die dem Plenum des Vorstandes nunmehr unterbreiteten Abänderungen beziehen sich auf folgende Punkte: 1. Der früher vorgeschriebene Lehrstoff aus dem Pentateuch wird nach der Richtung hin gesichtet, daß alle schwer zu übersetzenden Stellen wegfallen, daß die im Gebetbuch vorkommenden Stellen u. zw. aus dem Gebet buche genommen werden, daß Letzteres etwas mehr in den Vordergrund gerückt werde, um eine nach Möglichkeit verständnißvolle Theilnahme am Gottesdienste zu ermöglichen. 2. Die Zweistufigkeit der biblischen Geschichte entfällt; in der Volksschule wird diese nur bis zum Tode Moses genommen, damit der Stoff so gründlich behandelt werden könne, daß in der Bürgerschule eine kurze Wiederholung genügt. Der Lehrstoff aus der Zeit der Richter und der Könige wird genau begrenzt und alles nicht Nothwendige ausgeschieden, dadurch wird es möglich gemacht, daß die Geschichte der Juden im Mittelalter und in der Neuzeit, insbesondere soweit sich dieselbe auf Wien und Oesterreich bezieht, einer ebenfalls genau umgrenzten Behandlung unterzogen werden könne. 3. Die systematische Religionslehre, welche mit Zuhilfenahme fremder Erzeugnisse Erklärungen für religiöse Lehren gibt, welche keiner Erklärung bedürfen, oder für welche keine dem kindlichen Geiste verständliche Erklärung vorhanden ist, entfällt; dagegen werden auf jeder Stufe die Lehren unserer Religion im Anschluffe an den Urtext oder in möglichst wörtlicher Uebersetzung in entsprechender Bertheilung gelehrt und dem Gedächtniffe eingeprägt Bei allen Bestandtheilen und auf allen Stufen sind die neuesten Leistungen der Methodik sorgsam und mit genauer Abwägung der Faffungskraft, der Leistungsfähigkeit der Kinder verwerthet worden, damit der Religionsunterricht niemals eine Quelle des Mißmuthes und Unbehagens in Schule und Hans werde, sondern durch starke Betonung der ethischen Lehren unserer Religion das Gemüth veredle und die Treue zum angestammten Glauben befestige. Der von dem Vorsitzenden zur Theilnahme an dieser Berathung eingeladene Oberrabbiner Herr Dr. Güdemann spricht in längerer Auseinandersetzung dem eben vernommenen Referate seine ungetheilte Zustimmung aus und erklärt sich mit vorliegenden Anträgen vollkommen einverstanden. An der hierauf folgenden Debatte betheiligen sich die Herren Dr. Steiner, Baurath Stiaßny, Dr. Grünfeld. Vice- Präsident Dr. Kohn und Dr. Berger und werden die Anträge der Section einstimmig zum Beschlüsse erhoben. Nachdem der Vorsitzende hervorhebt, daß diese Angelegenheit zu seiner Befriedigung im Sinne des Statutes im Einvernehmen mit dem Rabbinate erfolgt sei. spricht er unter allgemeiner Zustimmung dem Referenten, Borstandsmitgliede Director Simon für das erschöpfende Referat die wärmste Anerkennung und den Dank des Vorstandes aus. Wien. Anläßlich des 70. Geburtstagsfestes Sr. Majestät des Kaisers, wurde am 30. Juni im Tempel des XVllk. Bezirkes ein Festgottesdienst für die Schuljugend an Mittelschulen gefeiert. In seiner Festrede führte Herr Rabbiner W. S o r an die Kundgebung Sr. Majestät (1888), daß alle Festlichkeiten zur Jubiläums-Feier seiner 40jährigen Regierung unterbleiben sollen. Die ihnen vom Volke zugedachten Summen aber mögen der Förderung von Anstalten für Wohl und Heil des Volkes zngewendet werden. Diesen erhabenen Herzensadel unseres geliebten Landesvaters würdig und bündig besprochen, empfiehlt Rabbiner S o r „ jenen Mittelschülern, die heute an der Schwelle des E i ngangs zur Hochschule stehen und gute Feder führen", sie mögen z u m A n d e n k e n d e s 70. Geburtstages Sr. Majestät ein patriotisches Werk schaffen:.suchet auf, wie es auf historisch literarischem Gebiete geschieht und benützet die Quellen; suchet auf und zählet auf und zeichnet all jene Stiftungen und Errichtungen von Anstalten, Vereinen und Körperschaften, die damals und seitdem fortan erstanden und erstehen, gewidmet Sr. Majestät, zahlreich auch mit seinem Namen geschmückt erscheinen — alle wohlthätig und vollthätig in Förderung von Bildung an Herz und Geist, Linderung von Schmerz und Noth. — Ihr g r u p p i r e t da zusammen gottgefällige Reihen, vereinigt gehoben zu einem glänzendsten Denkmal für Kaiser und Vaterland. Schaffet das patriotische Werk und gedeihet darnach zu getreuen. P. Wien. (Z u m A u s w a n d e r e r e l e n d.) Die traurige Lage der heimatlosen, vertriebenen rumänischen Juden, welche hier am Donauufer campirten, hat eine rege Hilfsaction zur Folge gehabt, an welcher sich auch Privatpersonen betheiligten. Aus der Reihe der letzteren verdienen einige unserer hilfsbereiten Mitbürger genannt zu werden; an erster Stelle ist der wackere Herr Carl L u st i g, b ü rg e r l i ch e r F l e i s ch s e l ch e r m e i st e r, K o m ö d i e n g a s s e 8 zu erwähnen, welcher seit Einlangen des ersten Auswanderertrupps sich in den Dienst der wohlthätigen Sache gestellt hat, und sofort für Verproviantirung sorgte, indem er aus seiner Fabrik viele hundert Würste hinuntertransportiren ließ und die Zufuhr der auch von anderen Firmen gelieferten Lebensmittel veranlaßte, unter den Letzteren siud Herr Fkeischselcher Theumann mit einer Spende von mehreren hundert Würsten, die Brodfabrikanten Herren Gebrüder Mandl hundert Laib Brod, Herr Kaufmann Haas und Schön, sowie unser Mitbürger Herr bürgert. Bäckermeister Wenzel in der Cirkusgaffe mit beträchtlichen Lebensmittel-Lieferungen rühmend zu nennen, wie auch Herr Theodor Kraus, Hl., Seidelgasse, welcher 50 Kilo Gulyäs sowie 100 Portionen Fleisch zur Verfügung stellte. Herr Carl Lustig ließ nebstdem 100 Flaschen Milch Men, sammelte Kleider und Wäsche und betheilte die Frauen der Auswanderer damit. Bei den Geldsammlungen, welche eifrigst betrieben wurden, thaten sich besonders die Herren Markus Kamin er, Herr Carl Lustig und der in der Leopoldstadt bestbekannte Herr Alexander Schreiber hervor, welch' genannte Herren in ihren großen Bekanntenkreise nahmhafte Summen aufbrachten; dieselben bemühen sich auch weiterhin das traurige Los der noch zu erwartenden Auswanderer bei ihrem Wiener Aufenthalt erträglich 'zu machen, und verdienen für ihr humanes Wirken das uneingeschränkte Lob aller Menschenfreunde. Ter erste Trupp der Auswanderer gaben dem Herrn Carl Lustig ihr in Rumänien aufgenommenes Gruppenbild aus Dankbarkeit zum Andenken.

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