Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-07-06 · 27 (6.7.1900) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
27 (6.7.1900)
Date
1900-07-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021359--10030-3034489
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 600 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 37 In Oesterreich klagt man über eine wirthschaftliche Depression, welche die antisemitische Hetze hervorgerufen haben soll. Freilich ist der wirthschaftliche Medergang dadurch noch schlimmer geworden, was aber die Führer des Antisemitismus nicht verstehen wollen und der süße Pöbel nicht verstehen kann. Indessen llckeu wir aber in Deutschland zur Zeit mitten in einem ökonomischen Aufschwung, wie er im letzten Jahrhundert kaum seines Gleichen hat. Von einer verzweifelten Stimmung, durch welche das Volk veranlaßt sein könnte, sich den Hetzern in die Arme zu werfe», kann wenigstens bei uns keine Rede sein. In Frankreich find die Zustände ähnlich wie in Deutschland. Und doch, was haben wir nicht alles in diesen beiden Staaten erlebt. Ob wirthschaftliche Roth, ob materielles Wohlergehen — thut nichts, der Jude wird verbrannt. Es ist nicht die demokratische Partei, die ich für diese trüben Erscheinungen im politischen Leben verantwortlich mache, sondern den demokratischen Zug unserer Zeit, die Verpöbelung des öffentlichen Lebens. Denn im Grunde genommen bedienen sich jetzt auch die sogenannten Conservativen des „demokratischen OAtropfens", um im Volk Anhang zu finden. Mit andern Worten: Die Zeitumstände haben es dahin geführt, daß überall Demagogie getrieben wird. Das suffrage universell verlangt, daß die Politik immer tiefer hinabsteige, die Parteien müssen den roh sten Jnstincten der Mafien schmeicheln, und diejenige, die am scrupellosesten ist und das Hetzen am besten versteht, gewinnt die Oberhand. Es wäre an der Zeit zu erkennen, daß an dieser Pöbelei dereinst unsere Culturepoche und die moderne Gesellschaftsordnung scheitern wird. Zur Zeit gibt es in Deutschland eine starke Regierung, außerdem werden die Mafien von der Socialdemokratie beherrscht, die auS Ueberzeugung oder aus taktischen Gründen den Antisemitismus zurückweist. Zu der Regierung habe ich Vertrauen, denn selbst die russische Regierung duldet keinen Angriff auf Leben und Eigenthum der Juden. Aber was die Socialdemokratie betrifft, so fürchte ich, daß die deutschen Juden dereinst eine bittere Enttäuschung erleben werden. Jude Hep! Hep! Das ist stets der letzte Pfennig aus der Sparbüchse des Witzes, wie Ludwig Börne einst sich ausgedrückt hat. Ich muß daran erinnern, daß, als Michael B a k u n i n, der stets aus den Taschen Anderer gelebt und oft durch sein zweideutiges Benehmen seinen Parteigenossen Anlaß zum Mißtrauen gegeben hat, aus der Mitte der Marxisten hinausbugsirt worden ist, er ebenfalls auf den Juden Marx zu schimpfen begann. Wozu sich übrigens in Vermuthungen für die Zukunft verlieren? Die Bergangenhett ist lehrreich genug. Die Geschichte der menschlichen Culttrr ist die Geschichte ewiger Mißverständnisse. Kaum wird man das eine los, kaum ist das eine aufgeklärt, und sofort beginnt das andere, immer schlimmer und verhängnißvoller als das frühere. Ein Jahrhundert hindurch haben die Edelsten aller Völker an der Verbreitung der religiösen Duldung, an der Beseitigung der religiösen Ueberhebung gearbettet. Zu diesem Zwecke hat Leffing seinen „Nathan" gedichtet und Goethe hat daran seine Freude gehabt. Aber der Friede währte nicht lange. Statt der r e l ig i ö s e n Hetze haben wir jetzt die nationale, viel gefährlicher und niederträchtiger als die erste, denn sie ist unversöhnlich und macht den Einzelnen für etwas verantwortlich, für das er gewiß nicht kann. Ein Mensch kann wohl über sein Religionsbekenntniß entscheiden und theoretisch wenigstens sich darüber Rechenschaft geben, obwohl auch in diesem Falle Geburt und Erziehung eine große Rolle spielen, was bereits Mohammed erkannt hat; aber an seiner A b st a m m u n g ist er gewiß unschuldig. für die er zu leiden hat und verfolgt wird. Leffing hat religiöse Duldung und gegenseitiges Sichvertragen gelehrt; er hat dazu die hübsche Anekdote von den drei Ringen benützt. In der Mischna findet sich ein erhabenes Wort gegen die Racenhetze, gegen nationale Ueberhebung, auf welcher die elastische Cultur aufgebaut war : „Warum hat Gott das ganze menschliche Geschlecht von einem Menschenpaar abstammen lassen? Wegen der Würde der Menschheit, damit der Eine sich nicht gegen den Anderen überhebe und sage, ich bin (weil von edlerer Abstammung) besser als Du." Die Ethik des Judenthums ist auf der Willensfteiheit basirt, sie negirt daher den Vorzug der Race, die doch der reine Zufall ist; alle Menschen können durch Selbsterziehung und durch moralisches Streben zu sittlicher Vollkommenhett streben; „ein Heide, der sich mit der Thora befaßt, gleicht dem Hohepriester". Bon dieser Ethik wollen unsere arischen Nebenmenschen nichts wissen — denn bekanntlich hält sich Niemand für so vollkommen, wie der unwissende und sittlich rohe Pöbel, der zur Zeit überall das große Wort führt. Berlin. Dr. S. B e r n f e l d. Correspondenzen. Aus der Plenar-Sitzung des Cuttusvorstandes vom 2. Juli 1900, unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn kais, Rath Klinger. Im Anschlüsse an seine in der letzten Plenarsitzung gegebenen Mittheilungen eröffnet der Vorsitzende, daß er in Folge des ihm übertragenen Mandates die Verhandlungen mit dem von der Jury in überaus beifälliger Weise beurtheilten Herrn Don Fuchs zum Abschluß gebracht hat, sohin derselbe ab 1. Juli d. I. als provisorischer erster Cantor der Wiener Cultusgemeinde bestellt wurde. Hierauf gelangt eine Zuschrift des Vorstandes der Pester israelitischen Religionsgemeinde zur Verlesung, mit der Mittheilung, daß der von der Wiener Cultusgemeinde als provisorischer Obercantor berufene Herr B^la G u t t m a n n, derzeit Cantor in Budapest, daselbst um seine Entlassung ab 1. August d. I. angesucht habe, daß diese jedoch für den genannten Zeitpunkt nicht bewilligt werden könne, da derselbe noch verpflichtet sei, bis zum Schluffe, des Laubhüttenfestes, d. i. bis zur zweiten Hälfte des Monates October d. I. der Budapester Gemeinde zur Verfügung zu stehen. Der Vorsitzende bemerkt hiezu, daß die Anstellung des Herrn Bäla Gu t t m a n n, wie bekannt, in Folge seiner eigenen Bewerbung erfolgt ist und sich derselbe wohl verpflichtet habe, am 1. August seinen neuen Posten anzutreten, der Präsident glaube aber, daß der Vorstand diese Angelegenheit nicht erst zu einer Rechtsfrage gestalten werde, da es ja der Wiener Cultusgemeinde ferne liege, der Budapester Schwestergemeinde irgend eine Schwierigkeit zu bereiten. Für den Gottesdienst im Leopvldstädter Tempel zu den bevorstehenden Feiertagen werde der Vorstand geeignete Vorsorge treffen, wobei der Präsident auf seine zu Beginn der Sitzung gemachten Mittheilungen hinweist. (Allgemeine Zustimmung.) Im Einlaufe befindet sich weiters eine Zuschrift eines Gemeindemitgliedes, welches seine Cultussteuer freiwillig erhöhte. Im Präsidialberichte lenkt der Vorsitzende die Aufmerksamkeit der Versammlung auf das tiefergreifende Unglück der armen Juden in Rumänien, und glaubt versichert sein zu können, daß die Nothlage, in welcher sich die Glaubensgenossen befinden, welche ja durch das Elend der durchziehenden Auswanderer in rührender Weise zum Ausdrucke gelangt, den Wohlthätigkeitssinn auch der Wiener Juden wachrufen werde. Es thue gewiß jeder Einzelne nach seinen Kräften, dies betreffend, das irgend Mögliche zur Linderung des Elends, wenngleich leider von einer gänzlichen Behebung desselben nicht gesprochen werden könne. Der Vorstand als solcher muß es als unmöglich bezeichnen, selbst activ in die Action einzugreifen. Es haben aber die Vertreter in einer zu Ende der vorigen Woche aus diesem Anlasse vom Vorsitzenden berufenen Versammlung beschlossen, die von dem so sehr bewährten Vereine „Israelitische Allianz" und event. auch die gleicharttgen Bemühungen des Vereines „Osten" nach Möglichkeit zu fördern und auch materiell zu unterstützen. Die Anträge des Vertreter-Collegiums wegen Zuwendung eines namhaften Betrages aus den Mitteln der Cultusgemeinde für den genannten Zweck an den Vorstand der Israelitischen Allianz event. unter Umständen auch einer materiellen Unterstützung des Vereines „Osten" werden einstimmig zum Beschlüsse erhoben. . In Angelegenheit der M. L. Biederman n'scheu Waisenstiftung wird auf Grund eines Referates des Herrn ersten Secretärs Dr. Lieben eine Modificirung der jüngst gefaßten Beschlüsse, betreffend die angestrebte Aenderung des Stiftbriefentwurfes angenommen. In Fortsetzung der zum Schluffe der letzten Plenarsitzung begonnenen Berathung über Anträge der 2. Section, betreffend mehrere Aenderungen des Lehrplanes für den Religionsunterricht an Volks- und Bürgerschulen, erstattet der Referent Herr Bürgerschuldirector Simon das nachstehende Reftrat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.