Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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»Jh 27 Vr. Vloür's WochenschrM Veite 499 So wurde ein Zaun nach dem andern nm das Gesetz errichtet, daß ja kein fremder Strahl eindringt. Das Volk wurde balsamirt und eingesargt, aber im Innern sollte das Leben glimmen und die sittliche Volkskraft für die Zukunft bewahrt bleiben. Welch eine gewaltige, hohe Aufgabe!. Nur wenn man von diesem Gesichtspunkte aus die talmudische Periode betrachtet, begreift man sie. Da schwinden alle Schatten und Schlacken, und man staunt, wie die Erreichung dieses Zieles möglich war. Gewiß, sie ist dunkel, trist und traurig, diese Periode, sie erscheint uns knechtisch, mystisch; die Klarheit und Frische, die Freiheit und Lebenslust des biblischen Zeitalters waren geschwunden, aber — ohne diesegraueFestung des Talmuds wäre vomJudenthume längst nichts mehr geblieben. Was fragten die Juden nach äußerem Glück, nach Genuß und Leben? Ihre talmudischen Hochschulen waren ihr Nationalschatz, der Stolz ihres Volkes. Nur so wurde die Individualität, der Hauptzug des jüdischen Charakters, gerettet. Sollten die Juden sich da um die Völker und ihre Missionen kümmern? Sollten die Bedrängten ihren Bedrängern, die Sclaven ihren Herren ihre Religion aufdrängen? Sollten sie ihnen eine Lehre predigen, für die ihnen jedes Berständniß fehlte? Das wäre Wahnsinn. Und doch unterschieden die Juden auch da einige Grundsätze ihrer Religion, die sie zu den Principien einer Weltreligion stempelten: Die sieben Gesetze für die Kinder N o a h's, die die Elemente einer menschlichen Cultur enthielten. Diese sieben Gesetze verkündeten sie als bindend für Alles, was Menschenantlitz trägt, während sie den.schweren Ballast des ganzen Gesetzes mit seinen 248 Geboten und 365 Verboten für sich behielten. Ihre Nationalität war darin verkörpert, und sie allein waren dafür bestimmt. Eine Proselytenmacherei, eine Heranziehung fremder Volkselemente zur Gemeinde Israel, wäre für sie Selbstmord, denn ihre individuelle Existenz wäre dadurch gefährdet. In diesem Sinne ist auch der Ausspruch des Talmuds „Losede gerim lejissroel kessapachas“*) zu verstehen. Denn alle Leiden, die die Juden muthig trugen, die Neubekehrten wären ihnen erlegen. Sie hätten nur die Entwickelung des Volkes gehemmt, oder richtiger: den Stillstand der Entwickelung, die Galvanisirung gehindert, und das Nationalgefühl wäre geschwächt. Es ist überhaupt sehr fraglich, ob die jüdische Religion jemals zur weltbeherrschenden Religion werden könnte. Der Mosaismus mit seinem streng puritanischen Charakter, ohne bildende Kunst, ohne jede Bersinnlichung, ohne Mysticismus und Symbolismus, klar,' gerecht, logisch und von starrer Sittlichkeit — hat für die meisten Völker nichts Anziehendes. Und auch das Christenthum hat nur gesiegt, weil es ein Stück Heidenthum verschlungen und arische Elemente in sich ausgenommen hat. Das Judenthum aber hat — um mit Goethe zu reden — nicht den gesunden Magen der Kirche. Es kann Fremdes nicht verdauen. Es kann auch keine Concession machen und mit entgegengesetzten Lebensanschauungen nicht pactiren. Es muß daher bleiben wie es ist, oder es ist kein Judenthum mehr. Ich wünsche nicht mißverstanden zu werden. Ich stehe nicht auf dem Standpunkt, daß das Judenthum überhaupt keine Reformen vertragen kann. Schließlich waren ja auch die Autoritäten des Talmuds und die Gaonim Reformer. Das Judenthum ist der Entwickelung fähig und es bedarf, wie Alles, was lebt, des Ausbaues, der Veredlung und Fortentwickelung. Nur muß jede gesunde Reform von Innen heraus kommen und nicht künstlich von Außen hineingetragen werden. Es dürfen keine Reformen nach dem Modejournal sein. Das Judenthum ist die beste Religion für die Juden, aber auch nur für sie. Andern Völkern kann es nur die Grundzüge der Gottesidee und der Humanität bieten. Das ist aber noch keine ganze harmonische Weltanschauung. Die Religion muß die Seele ganz erfüllen, man muß darin ganz aufgehen können. Daher fahren Juden und Nichtjuden bei diesem durch die Natur und die Geschichte sanctionirten Ltatus quo am besten. Die Juden haben in erster Reihe die Mission, ihr eigenes Leben zu veredeln und ihre idealen Interessen zu schützen. Wollt Ihr die Grundsätze des Judenthums, die Ideen der Menschlichkeit zum herrschenden Princip erheben und für die ganze Culturwelt proclamiren — wohlan, wir Juden thun gern mit. Aber denGlauben an sich selb st kann und darf das Judenthnm njmmer a u f g e b e n, denn d i e s e r G l a u b e a l l e i n birgt seine Existenz und seine Zukunft. *) Die Proselyten sind dem Volke Israel gefährlich wie eine krebsartige Wunde. Auch ein Jubiläum. Das Königliche Schauspielhaus ließ gestern (den 23. Juni) die 250. Vorstellung von Lessing's „Nathan" ankündigen. Ein Vierteltausend Mal ist auf der Königlichen Bühne von Berlin (von den Aufführungen in den anderen Theatern abgesehen) dieses Hohelied der religiösen Duldung und des vorurtheilsfreien Zusammenlebens der Menschen von verschiedener Gottesanbetung verkündet worden. Man hätte beinahe glauben können, daß die Lehren, welches dieses Drama enthält, bereits trivial geworden wären, so allgemein verbreitet und anerkannt wären sie in unseren Tagen. Leider aber ist das Gegentheil der Fall. „Thut nichts — der Jude wird verbrannt!" ist zur Zeit das Losungswort in den meisten Culturstaaten, und wenn der Jude auch nicht buchstäblich verbrannt wird, so wird er dafür mit teuflischer Bosheit und Niedertracht gequält, verhöhnt, boycottirt, in seinem materiellen, und geistigen Fortkommen gehindert und zurückgesetzt. Lessing war bezüglich seines Dramas äußerst pessimistisch; er meinte, es würde ein Jahrhundert vergehen, bevor es werde aufgeführt werden können, vielleicht würde dieses niemals geschehen. Nun, „Nathan" hat auf der Bühne Triumphe erlebt, die Wirkung aber dieses Lehrgedichts ist ausgeblieben, und wir leben, hundertundzwanzig Jahre nach jener Epoche der menschensreundlichen Strömung, mitten in der Religionshetze schlimmster Art. Ich sage: Religionshetze schlimmster Art. Im Grunde genommen, ist jede Religionshetze sehr schlimm; im Mittelalter ließ sich die bethörte und fanatisirte Menge zu rohen Ausschreitungen gegen die Juden Hinreißen, wobei weder ihr Leben noch ihr Eigenthum geschont zu werden pflegte. Habgier wird damals auch im Spiele gewesen sein, aber im Großen und Ganzen bandelte es sich in jenen traurigen Tagen um einen religiösen Wahn, um einen irregeleiteten Trieb, der an sich vielte cht uneigennützig war. Man kann die religiösen Kämpfe des Mittelalters, die übrigens nicht den Juden allein verhängnißvoll geworden find, als eine Art moralischer Seuche bezeichnen. ES lag darin etwas Krankhaftes. Psychopathologisches, wie ja in der That solche Ausschreitungen zumeist in Folge einer Pest oder einer anderen ähnlichen Heimsuchung der Völker aufzutreten pflegten. Was soll man aber zu der widerwärtigen Erscheinung unserer Tage sa^en, wo Menschen, die selber über jeden Glauben „erhaben" sind, den religiösen Trieb der Menge zum Haß und zum Kampf gegen Andersgläubige aufstacheln und diese Hetze geschäftsmäßig betreiben? Und überhaupt darf man heutzutage darüber im Zweifel sein, ob es auch nur bei einem Judenfeind ehrliche Abneigung gegen, das Judenthnm und Eifer für das Christenthum ist; überall ist es purer Brodneid, ist es das „Geschäft", daS die Judenhetze zeitigt. Man handelt jetzt mit dem Judenhaß, wir mit Semmeln und mit altem Eisen. Dagegen können wir Juden freilich nichts thun. Indessen mag doch das Jubiläum der 250. Aufführung von Lessing's „Nathan" auf der Königlichen Hofbühne zu Berlin zum Nachdenken anregen. Seit Jahren verfolge ich die merkwürdige Erscheinung, daß unsere zeitgenössischen Juden im Allgemeinen ziemlich denkfaul sind und .seit Jahrzehnte keinen Fortschritt in der Auffassung der Dinge gemacht haben. Sie haben in dieser ganzen Zeit nichts gelernt und nichts vergessen. In allen parlamentarisch regierten oder constitutionellen Staaten sind die Juden „unentwegt" liberal oder demokratisch. Sie sehen nicht, daß unser Zeitalter an der Verpöbelung des öffentlichen Lebens in Folge der Demokratisirung leidet; sie sehen auch nicht, daß der Liberalismus sich bereits überlebt hat und fossil geworden ist. Bor drei oder vier Jahrzehnten war dieser Jrrthum begreiflich. Damals konnten eS z. B. selbst die Monarchen als eine geschichtlicheThatsache aussprechen, Rom sei an dem PlebiScit zu Grunde gegangen, weil eS erst der neuen Zeit Vorbehalten blieb, das System der parlamentarischen Volksvertretung zu erfinden. Daß auch der Parlamentarismus in nicht allzu langer Zeit zu Zuständen führen wird, die von jenen im plebiseitären Rom nicht sehr weit entfernt sind, konnte man damals nicht wissen. Jetzt aber sollte man es wissen. Wir haben es erlebt, daß in den Deutschen Reichstag, immerhin noch die vornehmste Volksvertretung auf dem europäischen Continente, ein Ahlwardt dreimal hintereinander gewählt worden ist, und da noch Sitz und Stimme hat — und erst in Oesterreich. Was hat man da schon für Scenen erlebt im R'ichsrath, im niederösterreichischen Landtage und im Wiener Gemeinderath! Schlimmer wird es wohl in keiner Borstadtschenke jemals zugegangen sein.