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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-07-06 · 27 (6.7.1900) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
27 (6.7.1900)
Date
1900-07-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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ra«iiw>s.rTgrwliiiaHr iiinimurcnr fF<n».n ■rrmri'i ~~gtttir»iiTüiirir^ HiHI-h Seite 498 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 27 Die Völker, die das babylonische Reich besiegten, begnügten sich nicht, die Feinde zu tödten und die erbeuteten Schätze wegzuführen, sondern sie vernichteten auch die Quellen des Reichthums. den sie raubten; zerstörten die Wasserleitungen, änderten den Lauf der Flüsse, verstopften ihre Mündungen, demolirten Tempel und Paläste und ein moslemischer Feldherr allein hatte mit wahrer Berserkerwuth so viele Jrrigationswerke aufreißen lassen, bis ein Gebiet von mehr als eine Million Hectare, aus welchem die ftüheren Khalifen an Steuern 75 Millionen Kilo Gerste, 61 Millionen Weizen und 2 Millionen Mark an Geld einnahmen, zur Wüste gemacht wurde! Zuweilen zerstört die Natur selbst ihre eigenen Werke, sei es durch Explosionen, Erdbeben. Stürme oder durch gewaltsame oder langsame Veränderung der Wasserläufe. Dair-Akul war eine blühende Stadt ttt der Nähe von Bagdad mit zahlreicher Bevölkerung, großen Bazars, üppigen Gärten und Feldern, die der Tigris speiste, der langsam sein Bett veränderte, kaum wahrnehmbar nach Westen rückte, bis nach drei Jahrhunderten dort, wo eine reiche Vegetation war, eine dürre Haide entstand und die vom Flusse und den Menschen verlassene Stadt in Ruinen fiel. Aber selbst, später, im sechsten Jahrhundert nach Ehr., als die Decadenz schon im vollen Zuge war und das Land unter der heillosen Wirtschaft geldgieriger Satrapen und gewissenloser Geueralpächter litt, betrug noch die Einnahme der Regierung bei einem bebauten Areale von 22 Millionen Hectare mehr als 232 Millionen Mark. Dies ging unaufhaltsam abwärts; immer geringer wurde die Bevölkerung, immer beschränkter der Anbau, immer geringer der Ertrag, so daß ein späterer Steuerkataster eine Abnahme der bepflanzten Fläche um sechs Millionen Hectare, eine fortschreitende Versumpfung und eine namhafte Verminderung der arbeitenden Bevölkerung constatirte; denn nicht allein die schwere Steuerlast des Bodens trieb die untere Schichte zur Auswanderung, sondern auch die niederen Löhne und die hohe Kopfsteuer. So mußte ein Werkmeister welcher einen Tagelohn von 1 Kirat oder 4?/,» Pfennige hatte', 144 Kirat oder sechs Mark, acützig Pfennige Abgabe leisten, somit jährlich 144 Tage blos für die Aufbringung der erdrückenden Kopfsteuer arbeiten. Ein gewöhnlicher Taglöhner erhielt blos einen halben Kirat, 2% Pfennige per Tag. Je mehr die Könige und ihre Feldherren in Gold praßten, Paläste bauten, die Harems vermehrten, ein Heer von Verschnittenen unterhielten und eine stehende Armee besoldeten, konnten die armen Bauern bei schwerer Arbeit und allen Entbehrungen sich kaum die karge Nahrung erübrigen. Dies war den unersättlichen Tyrannen noch nicht genug. Um ihr coloffales Einkommen zu vermehren, monovolisirten sie den Getreidehandel, da sie im alleinigen Besitze fast sämmtlicher Feldfrüchte des Landes waren und schraubten so den Preis des Brodstoffes bis zu 14 Pfennige das Kilo hinauf. Nicht die Lebensmittel der vornehmen Claffen gingen in die Höhe — man speiste nach wie vor in einem ersten Bagdader Restaurant im zehnten Jahrhundert vortrefflich für 1 Danak — 872 Pfennige und man zahlte ein großes Brathuhn 2 bis 3 Pfennige. Das Brod aber, die Nahrung der Armen, war^ in der eisernen Hand der Regierung so fest und so hoch gehalten, daß es unerschwinglich geworden. Daher die Flucht der Bevölkerung, die Verödung des Landes, die Verwilderung der Feld- und Gartenanlagen, der Verfall der Viehzucht, das Hinschwinden der Steuerkraft und daher liegt die fruchtbare Ebene Sinaers von Gott und Menschen verlassen öde da — die strotzende Kraft, die sie ehemals zum reichsten Land der Erde machte — die paradiesische Ueppigkeit ihrer Gärten — die Ueberfülle ihrer Felder und Fluren — die sonneglitzernden Wasserläufe — die goldglänzenden Paläste der mächt gen Herrscher — alles, alles ist hin, zur Wüste geworden! _ (Fortsetzung folgt.) Diq Misstonsidee in Israel.*) Von Fabius Schach in Karlsruhe.i. B. II. Das Wort Mission ist leider in Westeuropa auch bei den Juden seit einigen Decennien populär geworden. Die Helden der Assimilation, die dem Judenthum jede Kraft und jede Originalität genommen haben, gaben ihm dafür einen Wechsel auf ein N^belreich. Die Herren wollten nicht mehr Lehrer (Rabbonim) sondern Seelsorger sein. Und mit verdrehten Augen und in ges üblem Tone fingen sie an, von der „hohen Mission des Juden- *) Vergl. Nr. 24 der „Oesterreichischen Wochenschrift". thums" zu predigen. Während man also die wichtigsten Lebensfragen vernachlässigte, renommirte man mit dieser „gewaltigen Idee", die weder neu, noch originell, noch gesund war. Denn in Wirklichkeit ist die;er Missionsgedanke und jede Proselytenmacherei dem jüdischen Volke stets fremd gewesen. Er mußte es auch sein. Denn kein Volk schwebt in der Luft. Seine geistige Richtung hängt von den klimatischen, socialen, historischen und politischen Verhältnissen ab. Auch seine ethischen Ideen sind von diesen Umständen determinirt, und seine Ideale passen sich der Bolksindividualität an. Ein Blick auf die altjüdische Staatsverfassung zeigt uns, wie ausgeprägt socialistisch das öffentliche Leben in Israel war. Der Boden war Eigenthum des Staates, große Capitalien konnten sich nirgends ansammeln, weil mit dem siebenten Jahre alle Schulden erloschen Walen. Der Zins, die Grundlage des kapitalistischen Wirtschaftssystems war verpönt. Bon diesem Zustand bis zum Communismus ist nur ein Schritt. Diese socialistische Constructur aber war nur für ein Hirten- und Bauernvolk zugeschnitten. Für diese primitive- Volksclassificirung war alles durch eine einfache Verfassung geregelt. Den socialistischen Gedanken aber für ein Handelsvolk durchzuführen, wäre eine sehr complieirte Sache. Es wäre vollends im Alterthum absolut unmöglich, einen internationalen Socialismus zu realisiren. Israel mußte daher, um den Geist seiner socialen Gesetzgebung zu schützen, sich soviel als möglich von den anderen Völkern abschließen. Seine ganze Lebensrichtung mußte zum Nat-ionalismus und nicht zum Universalismus neigen.*) Der Midrasch erzählt uns, daß die Engel die Thora allen Völkern anboten und von allen zurückgewiesen wurden. Diese Parabel veranschaulicht uns den Gedanken, daß die Thora nur für das jüdische Volk paßte. Die Juden waren eben so glücklich, keine feudale Vergangenheit zu haben. Sie waren alle befreite Sclaven und konnten sich leicht dem demokratischen Gedanken anpaffen. Die anderen Völker, die ihre Kasten und Stände hatten, konnten eine solche revolutionäre Gesetzgebung nicht gebrauchen. Daß die jüdische Religion trotz ihrer großen Universalgedanken echt national ist, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Religion und Nationalität sind bei uns so sehr mit einander verschmolzen, daß man kaum zu sagen vermag, wo die Eine aufhört und dw Andere anfangt. Die Cülturarbeit konnte also nur darauf gerichtet sein, die Gesetze immer mehr mit dem Leben zu vereinigen und das Dasein zu veredeln. Im Mittelpunkt aller Bestrebungen mußte die Erziehung des Volkes zu einem Menschen- und Gottesvolk stehen. Und wahrlich, die Ausgabe war groß und schwierig genug. In den ersten Epochen der jüdischen Geschichte mußte man die Gefahr des Polytheismus und seine Atavismen überwinden. Dann galt es, die Verfassung und ihre sociale Grundlage zu vertheidigen vor der drohenden Bourgeoisie, den um sich greifenden Latifundienbesitzthum.**) Unsere Propheten, die keine Paraderedner waren, sondern das verkörperte Volksgewissen darstellten, hatten genug zu kämpfen, um die sociale Ungerechtigkeit, die mit der Entwicklung des Volkes immer zunahm, zu bannen. War das nicht genug an Arbeit und Kampf? Wo sollte man da noch Zeit und Lust für Belehrungspolitik finden? Die höchste Mission ist die, welche ein Volk ansich selbst übt. Nur eine Nation, die alle ihre innern Aufgaben erfüllt hat, darf sich den Luxus leisten,'Missionen an andern Völkern zu vollziehen. Und dann, als der social-nationale und religiöse Gährungsproceß noch kaum zum Abschluß gelangt war, brach über das jüdische Volk ein so großes Unglück heran, wie es die Geschichte kaum kennt. Und auch da, mit Wunden bedeckt, verloren die Führer des Judenthums nicht den Kopf, sie blieben die großen Realidealisten. Nach Verlust des Staates war ihr ganzes Denken und Trachten nur auf den einen Punkt concentrirt: Erhaltung des Volkes als Juden und Menschen in geistiger und nationaler Beziehung. Und sie fanden nur ein Mittel dafür: die Conservirung der Lehre. Bei jeder Conservirung tritt etwas Saueres und Bitteres hinzu, und dann ist die erste Bedingung beim Schutze vor Verwesung die Absperrung von Luft und Licht *) Wiewohl wir mit einem Theile der Ausführungen des geschätzten Verfassers nicht übereinstimmen, nehmen wir doch keinen Anstand dieselben zu reproduciren **) Siehe Jesaias 6, 8.

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