Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 27 Vr« Bloch's Wochenschrift. Seite 497 „Meine Herren, die ganze Art, wie die politische Mittelstandsbewegung in allen ihren Stadien seit dreißig Jahren dahin gerichte gewesen ist, nicht sowohl den Mittelstand selbst zu stärken, als vielmehr die Widerstände und Concurrenzen, die er etwa finden könnte, zu beseitigen, hat schon dem Mittelstände unendlich geschadet. Ich habe das hier wiederholt gesagt und bitte, es mir wirklich zu glauben, daß in den zwanzig Jahren, in denen ich das Leben in der Bürgerschaft genau kenne, gerade dieser kleine Mittelstand unzweifelhaft moralisch gesunken ist. Nicht wirthschaftlich! Das bestreite ich, daß es ihm wirthschaftlich schlechter geht als früher; aber er ist weniger wahr geworden, er ist vielmehr neidisch geworden und geneigt zur üblen Nachrede. Er ist auch unehrlicher geworden, es ereignen sich mehr Unehrlichkeiten wie vor zwanzig Jahren. Das schreibe ich mit der Art zu, wie die Gegensätze politisch hervorgerufen und verschärft werden, die den schlechten Eigenschaften der Menschen viel stärker zugute kommt, als den guten. Wer in den Handwerkerkreisen, in den kleinen Kaufmannskreisen, die man ja vorzugsweise zum Mittelstand rechnet, eine Rolle spielen will, muß hassen können, er muß schimpfen können, er muß dreijt angreifen können, er muß Behauptungen aufstellen können, die am nächsten Tage ihm als Verleumdungen nachgewiesen werden können, — dann hat er Erfolg. Ich behaupte mit der größten Bestimmtheit. daß viele Leute auf diesem Wege schlechter werden. Sehen Sie auf die Bewegung in Könitz. Ich habe dort gelebt. Es ist vollständig unverständlich, wie eine solche Verwilderung dort unter einerfrüher ruhigen und gesetzliebenden Bevölkerung hat platzgrcifen können. Die Leute werden corrumpirt durch die Mlttelstandsagitation." Babylonien. Von Leo Herzberg-Frankel. I. Als vor mehreren Wochen mein Artikel znr Colvnisatwn der Juden in diesen Blättern erschien, schrieb mir Herr Geheimrath Professor Lazarus aus seinem Meraner Buon-retiio, daß ich in einer, seinerzeit in Heidelberg erschienenen PubOcation des ehemaligen Vorstehers der mohamedanischen Hochschule in Calcutta, Dr. S p r e n g e r, „ B a b y l o n i e n , das reichste Land der Vorzeit", sehr interessante Mittheilungen finden werde. Auf diese Empfehlung hin habe ich mir, nicht ohne Schwierigkeit, das Buch verschafft, in welchem ich in der That eine Fülle von national-ökonomischen, statistischen und physisch-geographischen Studien fand, die bis ins graue Alterthnm hinaufreichen und uns ein jetzt trostlos ödes, steriles, sumpfiges, entvölkertes Land, im Zauber einer reichen, üppigen Vegetation, mit klar fließenden Canälen, schiffbaren Flüssen, rauschenden Hainen, düftigen Gärten und lachenden Villen sehen läßt. Wer nicht seinen Blick in die tiefe Vergangenheit zu senken und in den Annalen früherer Jahrtausende zu blättern versteht, muß staunen, auf welch hoher Stufe der Cultur die Menschheit schon zu einer Zeit stand, zu der wir sie uns noch in thierischer Wildheit, ohne Gemeinschaft, ohne Gesetz und Zucht denken, in geistiger Blindheit und körperlicher Unbeholfenheit durchs Leben irrend; die Bedürfnisse des Daseins durch die freiwilligen Gaben der Natur befriedigend, ohne-zu arbeiten, zu ackern und zu säen und ohne den Verstand in den Dienst des Lebens zu stellen. Wohl gab es in weniger begünstigten Erdstrichen Menschen, die auf der untersten Stufe geistiger Entwicklung stehend, sich blos durch die Sprache vom Thiere unterschieden, in finstern Erdhöhlen oder in feuchten Pfahlbauten hausten und roh die Leichen erschlagener Thiere und Menschen verzehrten. Es gab auch Zeiten, in denen der Mensch, selbst in glücklicher situirten Gegenden, in denen die geistige Entwicklung rascher reifte, auf der Bahn des Fortschrittes Kehrt machte, von der Höhe der Cultur eine rückläufige Bewegung antrat und nach und nach hinunterstieg in die finstern Regionen der Barbarei und der Verwilderung. Es gab hochveranlagte Völkerschaften, die dahinschwanden und deren Spuren von nachfolgenden rauhen Horden zertreten wurden — aber dort in jener sonnigen Erdenhöhe, wo die Wiege der Menschheit stand und der Garten blühete, in den Gott seine ersten Geschöpfe führte, waren die Cultur und die Kunst schon zu einer Zeit entwickelt und zu einer hohen Stufe gelangt, wo noch selbst unser altes Volk nicht existirte, wo noch ein dichter Schleier die vorhistorischen Begebenheiten deckte, die nur dämmerig in den Erzählungen der nachfolgenden Bibel auftauchen. Schon im vierten Jahrhundert nach der Sintfluth war das neue Menschengeschlecht numerisch und intellektuell so sehr entwickelt, daß sich die Nachkommen Loth's auf der Ebene Sinaor in communaler Bereimgung niederließen, eine große Stadt anlegten und dem Gotte Bal einen gewaltigen Tempel bauten größer, höher, wenn auch weniger dauerhaft, als die gleichzeitig in Egypten entstandenen, noch heute zum Theile, nach fünftausendjährigem Alter, hervorragenden Pyramiden. Wie muß schon damals, in so früher Zeit, der Mensch vorgeschritten gewesen sein, in einer stein- und holzarmen Gegend, mit keinem andern Material als gebranntem Lehm die größte Stadt der Erde und auf einer Basis von zehn Stadien (4/5 Meile) einen 625 Fuß hohen Thurm zu erbauen, dessen Trümmer, nach fünfzehnhundertjährigem Bestand, so gewaltig waren, daß Alexander der Große es vergeblich versuchte, sie mittels zehntausend Sclaven wegräumen zu lassen und die noch jetzt in hohen Hügeln unerforscht lagern! Aber nicht allein im Bauen manifestirte sich die damalige Leistungsfähigkeit der Menschen. Die gigantische und älteste Stadt der Welt, Babylonien, beherrschte das bestcultivirte und reichste Land, dem der Euphrat und der Tigris mit ihrem breiten, künstlich angelegten Königs« canal und hunderten schmalen Wafferrinnen den Segen zuführten. Ohne diese kluge Ausnützung der vorhandenen Wasserkräfte und ihre Bertheilung über die gesammte Ebene, die nur selten Niederschläge tränken, wäre das Land, welches im Alterthum die reichsten Erträgnisse lieferte, das geblieben, was es seit 1000 Jahren geworden, eine Wüste, ein ödes Haideland. Die wunderbar angelegten Canalnetze, welche unseren jetzigen Ingenieuren unbedingt zur Ehre gereichen würden, haben den Zauber der Landschaft, die üppigen Gärten, die obstreichen Wälder, die kornschweren Felder hervorgerufen und aus Babylonien ein Juwel Asiens gemacht. Nach einem Steuerregister, welcher vor elfhundert Jahren in Anbar aufgefunden wurde, lieferte dieser Kreis, der heute steril liegt, und nichts liefert, der damaligen Regierung eine Abgabe von 36 5 Millionen Kilo Getreide. Und Getreide war nicht das hervorragendste Product des Landbaues. Zwei Districte irr der Nähe von Bagdad, welche mehr Wein als Getreide baueten und die Dattelpalme cultivirten, entrichteten außer 15 Millionen Kilo Getreide, 740.000 Mark *) Steuern vom Obstertrag; wobei allerdings zu bemerken ist, daß die größere Hälfte des Erträgnisses in die Schatzkammer der praffenden und prachtliebenden Herrscher und in die Taschen ihrer Vasallen zu wandern pflegte und den armen Unterthanen nur so viel blieb, um sich das kümmerliche Dasein zu erhalten. Noch prächttger als in ihren Palästen in den Städten, lebten die Vornehmen in ihren außerhalb derselben gelegenen glänzenden Billen, mit Wasserleitungen und Lustgärten von der Arbeit der armen Heloten, die sich mitten in der strotzenden Natur kaum sattesten konnten. So waren schon damals die Güter der Erde ungleich vertheilt. Ueberflnß auf der einen. Mangel auf der anderen Seite. Aber dies Verhältnis rächte sich durch Abnahme der Arveitskräfte, in deren Folge die großen, wunderbaren Bauten der Semiramis nnd das Nebukadnezers verfielen, die 360 Dörfer am Königscanal verschwanden, und die Wasserstraßen, auf denen die reichen Naturgaben und Kunstschätze Persiens, Syriens und Chaldeas schwammen, versumpften. Es zeigt sich, daß auch die fruchtbarste und schaffenskräftigste Natur der Nachhilfe des Menschen bedarf, wenn sie nicht verstechen soll und wie allgewaltig dieser sonst schwächliche Mensch schon zu einer Zeit war, als er noch nicht die jetzigen gigantischen Hilfsmittel des Dampfes, der Elektricilät und der cyklopischen Maschinen in seinem Dienste hattet Aber auch die Kriege begehrlicher und raubsüchtiger Fürsten trugen viel zur Verwüstung des segensreichen Babyloniens bei. Der brudermörderische Krieg ist so alt wie die Menschheit; er hat mit Kain begonnen und noch nicht aufgehört. Es scheint doch eine Bestie im Menschen zu leben, die bei allem Ueberflusse nie satt wird, bei allem Reichthum nie genug hat und stets darauf sinnt, das eigene Eigenthum zu vermehren und das der Andern zu zerstören. *) In Babylonien hatte man, wie in Persien, die Silberwährung. Die Münzeinheit war der Dirham, etwas weniger als 1 Francs, genau gleich 81 Pfennigen. Das Gold hatte einen dreizehnfachen Wetth als Silber.