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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-07-06 · 27 (6.7.1900) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
27 (6.7.1900)
Date
1900-07-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 496 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 27 gemein verbreitete Meinung aber ist, daß ein „Ritualmord" vorliege. Die Juden hätten, so wird gesagt und wirklich geglaubt, zu ihren geheimnißvollen Osterritualien Christenblut gebraucht, und diesmal sei Könitz darangekommen, den Saft zu liefern. Ein Zettel sei in Könitz und den Nachbar städten herumgegangen, auf dem sich die Mörder eingezeichnet hätten. Es gibt sogar Dienstmädchen, die hinter den Stubenthüren gehört haben wollen, daß gewisse Frauen und Mädchen gegen den Plan Einspruch erhoben hätten und eine der Warnerinnen soll sogar in Berlin eines plötzlichen Todes gestorben sein. Der Blödsinn geht aber noch weiter. Nachdem die That beschlossen worden sei, sei zuerst ein Knecht, der einem jüdischen Schächter ein Stück Vieh bringen sollte, als Opfer auserkoren worden, doch habe ihn sein blasses Aussehen, das aus Blutarmuth schließen ließ, gerettet. Wie man Winter, einen kräftigen jungen Burschen, überwältigt, entkleidet und geschächtet hat, darüber gehen die Ansichten der Antisemiten etwas auseinander. Die „Gebildeten" sagen, er sei „hypnotisirt" worden, die Ungebildeten glauben an die Wirkung von kabbalistischen Zaubersprüchen. Auch über den Ort der That gibt es verschiedene Meinungen. Die orthodoxen Antisemiten treten für die Synagoge ein, wo ja auch ein Fläschchen angeblichen Hühnerblutes gefunden worden ist, die „Gemäßigten", die ja auch die Annahme des Sühnmords vertreten, glauben, daß die That im Keller des Schächters Lewy begangen worden sei. Für die Anregung der Phantasie in dieser Richtung sorgt eine große antisemitische „Literatur". Besonders „belehrend" ist ein Berliner Bilderbogen, der den Oberrabiner der Judenheit mit einem Schächtmesser und einer Flasche Blut in den Händen darstellt, wie er an der Leiche eines geschächteten Christenkindes einen „Bocher" in das große Mysterium einweiht. In der Ecke steht auf einem Postament als Schutzheiliger der Juden Gotthold Ephraim Lessing. Man sieht, wie die Antisemiten für die deutsche Bildung thätig sind. Daß sich übrigens der Antisemitismus auch in Könitz für manche Bürgerlukrativ erweist, ist leicht zu begreifen. Die jüdischen Ladeninhaber machen jetzt schlechtere Geschäfte. Dafür hat sich, Dank auch dem stärkeren Andrang der Landbevölkerung in der S^adt, die wirthschaftliche Situation eines christlichen, polnischen Manufacturwaarenhändlers seit dem Morde so gebesiert, daß der Mann demnächst ein großes Waarenhaus, das erste in Könitz, eröffnen wird. Die christlichen Kleinkaufleute haben also den Trost, von einem Racengenoffen ruinirt zu werden. Man kennt ja diese „Rettung" des Mittelstandes auch in Wien. An eine Beruhigung der Bevölkerung ist vorläufig nicht zu denken, trotzdem sich der Ärndrath von Zedlitz dieser Tage in einer Besammlung „angesehener Bürger bemüht hat, das Ritualmordmärchen zu widerlegen und auf die wirthschaftlichen Schäden, die der Stadt aus der antisemitischen Agitation erwachsen, hingewiesen hat. Zwar ist, seitdem das Militär da ist, in Könitz alles ruhig, aber die Bewohner machen kein Hehl daraus, daß es „wieder losgehen" wird, wenn die Einquartierung erst fort ist. * * Berlin, 29. Juni. In Könitz hielten dieser Tage angesehene Bürger eine Versammlung ab, um über die Lage zu berathen, welche dec Stadt durch den Mord an Ernst Winter und die Ereignisie, die der Mord zur Folge gehabt hat, geschaffen worden sind. In dieser Versammlung hielt der Landrath Freiherr v. Zedlitz, der höchste Bcrwaltungsbeamte des Kreises, zu dem Könitz gehört, eine bemerkenswerthe Rede, in welcher er die Schäden d a rl egt e, die der Stadt durch die w ü st e an t i s e m i t ische Agitation erwachsen sind. Der Landrath zeigte, wie sehr die wirthschaftlichen Verhältnisse von Könitz bereits darniederlägen, welchen Einfluß die Kaltstellung der blühenden jüdischen Geschäfte auf die Erhöhung der Abgaben im folgenden Jahre haben werde, wie die Kosten für die auf unabsehbare Zeit nothwendige Stationirung von Militär den Abgabendruck in ungeahnter Weise verstärken würden, wie die Aufhebung der Jabrmärkte auch die Kreiseingeseffenen im weiteren Umkreise der Stadt mitbetroffen habe, da der kleine Landmann bei dem Futtermangel nicht einmal Gelegenheit finde, sein Vieh zu verkaufen. Der Redner zeigte auch, wie das gesellschaftliche Leben in der Stadt durch die Verhetzung während der letzten Monate gelitten habe, wie diese jede Gemüthlichkeit, jedes Vertrauen untergraben habe. Das Betrübendste aber sei die Verblendung, welcher sogar der ehrliche kleine Mann verfallensei, als ob es sein Recht sei, der Gerechtigkeit in den Arm zu fallen durch offene Empörung, wenn er glaube, daß die Untersuchungsbehörden einen vermeintlich Unrichtigen zur Verantwortung ziehen oder das die Behörden ihre Pflicht nicht thun wollten, sondern ein Interesse daran hätten, die Wahrheit zu verschleiern, um nur nicht einen jüdischen Ritualmord aufzudecken. Der Redner zeigte auch im Laufe der Erörterungen, wie Unrecht hier die Volksstimme habe, die auf Kneipengespräche unwissender oder böswilliger Schwätzer zurückzuführen sei, wie jedes Gespräch, jede angebliche Wahrnehmung aufgebauscht, entstellt und schlüßlich von dem Urheber selbst geglaubt werde. Die Bemühungen der Behörden seien jeder Andeutung, jeder Spur so weit nachgegangen, bis die Haltlosigkeit solcher sensationell aufgebauschten Nachrichten klar gelegen habe. Damit sei viel Zeit und Arbeit in Anspruch genommen worden. So sei aber auch der Verdacht gegen den Fleischer m ei st er Lewy und seine Söhne und jede Annahme eines Ritualmordes unzweideutig als falsch erwiesen worden. In der Synagoge und den zu ihr gehörigen Baulichkeiten sei jeder Ziegelstein abgeklopft, jeder Winkel des Oefteren sorgfältigst durchsucht worden, etwas Unerhörtes für ein der Anbetung Gottes gewidmetes Gebäude! Der Landrath bat die Anwesenden ihrerseits durch derartige wahrheitsgemäße Mittheilungen an die Blätter ihrer eigenen Parteirichtung der Sensationspreffe entgegenzuwirken und so zur allmäligen Beruhigung der Gemüther beizutragen. Die „vornehmen" Antisemiten. Die „Allg. evang.-luth. Kirchenzeitung" bringt einen langen Artikel über den Knabenmord in Könitz, den wir weder vornehm, noch gerecht, noch muthig nennen können. Daß die jüdische Religion keinerlei Vorschriften kennt, die zu Ritual- oder Blutmorden führen können, gibt sie zu, fügt aber mit der Logik eines Ahlwardt hinzu: „Lediglich darum handelt es sich doch, daß zahlreiche geheim nißvolle Morde, wie sie sich namentlich um die Osterzeit mit unheimlicher Regelmäßigkeit wiederholen, dem „Blutverdacht" allerdings Nahrung bieten. Das Judenthum als solches braucht sich aber deshalb in keiner Weffe belastet zu fühlen; was kann die Gesammtheit dafür, wenn sich die Ausschreitungen eines finsteren Aberglaubens einzelner seiner Angehörigen nicht Niederkämpfen lassen? Derartiges kommt ja auch innerhalb der Christenheit vor. In Rußland vor allem wimmelt es von Secten, die in ihrem Wahn entsetzliche Verbrechen begehen. Ist es aber an dem, so dürfen wir wohl fragen: wie kommt man dazu, zu behaupten, daß es so etwas wie einen „Blutmord" gar nicht gebe? Das könnte man doch nur, wenn der wahre Zusammenhang in jedem einzelnen Falle klargelegt worden wäre. Da das aber, wie gesagt, bis jetzt noch nicht gelungen ist, so läßt sich über den Sachverhalt bei aller Gelehrsamkeit auch nichts Bestimmtes sagen. Ueberdies aber ist es sehr naiv, zu versichern, daß sich in den „jüdischen Religionsurkunden" nichts auf den „Blutmord" Bezügliches finde. So etwas schreibt man eben nicht auf, oder wenn man es thut, so zeigt man es wenigstens nicht den Christen. Der jüdische Khahal birgt zahllose Geheimnisse. Galizien und England sind die Hüter dieser Dinge." Was soll man nun dazu sagen? Jedes Wort ist in dieser Behauptung — um höflich zu bleiben — eine Unrichtigkeit. Es trifft nicht zu, daß um die Osterzeit regelmäßig unaufgeklärte Morde Vorkommen. Der Knabenmord in Xanten geschah bekanntlich im Spätsommer, und die Antisemiten sprachen damals ebenso von einem Ritualtnord wie heute. Es ist bis jetzt in Rußland ebenso wenig ein Ritualmord erwiesen worden, wie in Deutschland. Den wahren Zusammenhang in jedem einzelnen Morde klar zu legen, ist nicht Sache.der Juden. Der jüdische Khahal existirt nur in der Phantasie der Antisemiten. Die Lehren des Judenthums sind nur Geheimnisse für Leute, die kein Hebräisch verstehen. Aber davon ganz abgesehen, ist es nicht die Pflicht des Anklägers, die Beweise zu erbringen? Es wäre doch eine wunderliche Logik, jemand ohne jeden Grund zu verdächtigen und von ihm zu verlangen, daß er die Beweise seiner Unschuld bringt. Aus dem preußischen Herrenhaus. Ln der Herrenhanssitzung vom 12. d. M. äußerte sich der Oberbürgermeister Bender-Breslau über den sittlichen Werth der sogenannten „Mittelstandsbewegung" wie folgt:

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