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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-07-06 · 27 (6.7.1900) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
27 (6.7.1900)
Date
1900-07-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 Dr. Bloch's Wochenschrift. Leite 495 gibt sie sich damit noch nicht zufrieden und läßt durch ihr Telegraphenbureau die Meldung verbreiten: Die Blätter dementiren in kategorischer Weise „aus guter Quelle" die Behauptungen ausländischer Journale von angeblichen Verfolgungen der Israeliten in Rumänien. Es sei weder ein Fall von Verfolgung, noch von schlechter Behandlung von Israeliten zu verzeichnen, noch irgendeine derartige Klage vorgebracht worden. Die Behörden hätten von den israelitischen Auswanderern, deren Zahl übrigens eine nicht große ist, niemals irgendein Schriftstück verlangt, in dem sie sich als Vagabunden erklären. Das Verlangen, den Besitz einer gewissen, bescheidenen Summe Geldes nachzuweisen, sei nur in ihrem eigenen Interesse gestellt worden, damit sie ihre Reise bis an den Bestimmungsort fortsetzen können. Die rumänischen Behörden seien sogar geneigt, den Auswanderern freie Fahrt auf Staatsschiffen bis nach Rotterdam anzubieten. In der letzten Nummer der „Oesterr.-Wochenschrift" war in dem Bericht aus Rumänien auch die Mittheilung enthalten, daß die rumänischen Polizeiorgane Juden in der traditionellen Tracht gleich Verbrechern in Gruppen und in entstellten Positionen photographiren lassen, um diese Photographien ins Ausland zu senden. Mit welch' niederträchtiger Verlogenheit das antisemitische Gesindel arbeitet, illustrirt eine Meldung der „Roma n i a juna", welche unterm 30. Juni schreibt: „Aus Jassy empfangen wir soeben eine Nachricht, welche deutlich beweist, welch unlauterer Mittel sich die Alliance bedient, um das Mitleid Europas auf das unglückliche Schicksal der rumänischen Brüder aufmerksam zu machen. Die Alliance bedurfte einer Photographie, aus welcher ersichtlich ist, in welch' miserablem Zustand die unglücklichen Religionsgenossen aus einem Land auszuwandern gezwungen sind, welches ihnen keine Gastfreundschaft mehr bewilligt. Zu diesem Zweck wurde eine „Gruppe" arrangirt. Die Veranstalter dieser „Idee" haben nun in den Vororten von Jassy die ärmsten zerrissensten und schmutzigsten Juden aufgegriffen und sie in drei leere Viehwaggons vertheilt, welche zufällig auf einem S itengeleise des Jassyer Bahnhofes standen. Alle Mitglieder dieser Gesellschaft nahmen plötzlich eine Märtyrerphysiogomie an, und: Rühret euch nicht! In wenigen Sekunden war die „Aufnahme" erledigt. Hierauf ging jeder nach seiner Wohnung, vergnügt der Alliance mit etwas beigesteuert und den Rumänen eins versetzt zu haben." Der Commentar zu dieser Lüge ist wohl überflüffig. Die Officiösen der rumänischen Regierung lassen sogar im „Pester Lloyd" verbreiten, daß die rumänische Gesetzgebung gar nicht judenfeindlich ist. Haman war der reine Gemüthsmensch. Kinderraub in Galizien. Die „Oesterreichisch-israelitische Union" ersucht uns um Aufnahme folgender Mittheilung: Am 7. August v. I. verließ die minderjährige Roza. reete Rochme Weiß in Wieliczka heimlich das Elternhaus unter Mitnahme von Wäsche, Kleidern und zweier Sparcassebücher. Aus einem zurückgelaffenen, an das Mädchen gerichteten Briefe ging hervor, daß ein junger Bursche Namens Josef Juszkiewicz sie verleidet hatte, sich in ein Kloster zu flüchten und daselbst taufen zu lassen. Am folgenden Tage kehrte Roza Weiß ins Elternhaus zurück, entfloh jedoch am 1. September neuerdings, hielt sich vier Tage hindurch bei dem Gemeindeaufseher Adam Zapalski in Wieliczka auf und wurde am 5. September Nachts von Adam W i a r o w s k i unter Beihilfe Z a p a l s k i's in das Kloster der Felicianerinnen zu Krakau gebracht. Unmittelbar nach der zweiten Flucht des Mädchens hatte der Vater Markus Weiß die Anzeige bei der Polizeibehörde erstattet und um Ausforschung s ines Kindes gebeten. Der Wieliczkaer Polizei- Jnspector Iassik erklärte dem Vater, er wisse wohl, wo das Mädchen sei, er sei aber nicht bezahlt, um jüdische Kinder ins Elternhaus zurückzubringen. Am 7. September richtete Markus Weiß an die Krakauer Polizeibehörde die Bitte, ihm die erforderliche, im Gesetze begründete Assistenz zur Erwirkung einer Unterredung mit seiner Tochter zu gewähren. Die Erfüllung dieser Bitte wurde wochenlang verzögert, bis endlich der Polizeicommissär T o m a s i k beauftragt wurde, Markus Weiß und einen gewisien Weißer aus Szczucina, desien Tochter gleichfalls von den Felicianerinnen zurückgehalten wurde, ins Kloster zu begleiten. Der Commifsär ließ beide Väter im Hofe warten und erschien nach zwei Stunden mit einem Protokoll, das angeblich mit den Mädchen ausgenommen worden war und wonach sich dieselben weigerten, mit ihren Vätern zu sprechen. Im Sommer 1899 erwirkten Markus Weiß und Schul S t r a u ß b e r g, der in der gleichen traurigen Lage war, eine oberhirtliche Erlaubuiß, ihre Kinder zu sprechen. In dem Schreiben des Fürstbischofs wurde die Oberin angewiesen' die Mädchen für die Unterredung mit ihren Vätern „vorzubereiten". Die Oberin verweigerte jedoch den Vätern den Zutritt ins Kloster mit dem Bemerken, daß ihre Kinder sie nicht sehen wollten. Diese Aussage steht im Widerspruche mit den Angaben der Gattin und einer zweiten Tochter des Markus Weiß, welche Roza wiederholt durch eine Spalte des Gartenthores gesprochen hatten, und denenLetztere weinend klagte, daß man sie eingesperrt halte, obwohl sie gerne nach Hausemöchte. — Auch die Anrufung d e r Gericht e ist, gleichwie im Falle Araten, bisher erfolglos geblieben. Konitzer Mordgeschichlen Es ist merkwürdig, wie sich die antisemitische Agitation überall gleich dumm, gewisienlos und brutal zeigt. Dieselben Mittel, die die czechischen und die Wiener Antisemiten einträchtig benützt haben, um aus dem Polnaer Mord Capital für ihre Partei zu schlagen, wenden jetzt die deutschen Antisemiten in der Konitzer Affaire an. In einer Reihe instructiver Berichte schildert der „Vorwärts" dieses Treiben. Die antisemitische Hetz? und die von ihr hervorgebrachte Autosuggestion der aufgeregten Bevölkerung haben bewirkt, daß der Weg der gerichtlichen Untersuchung durch einen ungeheuren Wust von lügenhaften Denunciationen, Phantasien und Gerüchten verrammelt ist. Es ist kaum mehr zu hoffen, daß es jetzt, fast vier Monate nach dem Morde, noch gelingen wird, die Spuren des Tbäters aufzufinden. Man hat die Untersuchung zuerst nur nach Einer Richtung geführt, und als sich dies als falsch erwies, hatte die antisemitische Agitation schon die Gemüther der Bevölkerung völlig verwirrt. Wie in Polna haben die Antisemiten eine „Untersuchung" aus eigene Faust eingerichtet. Ein „Rechtscomits", an dessen Spitze ein Mann steht, gegen den selbst noch die Voruntersuchung schwebt, vernimmt in schmutzigen Branntweinschänken Zeugen, setzt Anklageschriften auf, verfaßt Denunciationen und überprüft die amtliche Untersuchung auf Grund der Mittheilungen, die ihm in Gerüchten, aber auch durch die Jndiscretion von Beamten zukommen. Denn in Beamtenkreisen hat der Ritualmordantisemitismus nicht wenig Anhänger, die selbst vor dem Bruch des Amtsgeheimnisses nicht zurückscheuen. Der Wortlaut von Depeschen, die in Könitz aufgegeben werden, wird in der antisemitischen Berliner „Staatsbürgerzeitung" veröffentlicht. Weil das Gericht diesen unberufenen Untersuchungsrichtern natürlich nicht Ordre parirt, gilt es als „von den Juden gekauft", und die Stimmung ist allgemein, daß „Rothschild alles bezahle". Die herrschende Unbildung macht die Bevölkerung völlig kritiklos, und je abenteuerlicher die Märchen klingen, desto lieber werden sie geglaubt. Soweit man ein Urtheil über den Mord haben könne, scheint die Bermuthung nicht unwahrscheinlich, daß es sich um den individuellen Racheact eines beleidigten Garten oder Vaters handelt, der im Jähzorn den ertappten Liebhaber niederschlug und den Leichnam zerstückelte, um die Theile getrennt und unauffällig fortschleppen zu können. Der ermordete Winter war ein hübscher Bursche und stand im Ruf eines Frauenjägers. Aber auch diejenigen unter den Antisemiten, die einen solchen Zusammenhang des Mordes mit einem Liebesabenteuer für wahrscheinlich halten, wollen durchaus eine Schauerromantik dabei haben und erzählen, es sei ein von einem jüdischen Behmgericht beschlossener Sühnmord dafür, daß Winter ein „Judenschicksel treife gemacht" habe. Die all-

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