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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-07-06 · 27 (6.7.1900) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
27 (6.7.1900)
Date
1900-07-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 494 Dr. Blvch's Wochenschrift. Nr. 27 Christen, welche hunderttausende von Menschen einem langsamen Hungertode überantworten, weil sie anderen Glaubens und anderer Abstammung sind, hinter der Grausamkeit jener chinesischen Boxer zurück, die den verhaßten Fremdling mit einem einzigen Schwerthiebe tödten? Weg mit jener „übertragenen Höflichkeit, mit jener Humanitäts- und Civilisations-Heuchelei, über die sich schon Seume lustig gemacht hat! Wer ehrlich ist, muß sagen, daß ganz Europa mitschuldig ist an dem schrecklichen Gesandtenmorde in Peking, an der Hinmetzelung der Fremden in China. Der Chauvinismus beherrscht die europäischen Staaten, der Glaubens- und Racenhaß feiert häßliche Orgien, Dr. Lueger ist der Herr von Wien, jetzt schon Ehrenbürger — den Chinesen aber predigt man mit feurigen Zungen die Brüderlichkeit aller Menschen, die Pflichten der Humanität, der nationale Zopf ist das moderne Symbol der Völker Europas geworden, nur den Chinesen wird er bei Strafe verboten. Die erziehlichen Einflüsse der heutigen nationalfanatisirten, von Glaubens- und Racenhaß triefenden europäischen Gesellschaft mußten die chinesischen Massen zu jenen Gräueln der Verwüstung treiben, deren Schauplatz Peking war. Der Antisemitismus Europas hat an der Blutschuld in Peking seinen hervorragenden Antheil. Die Hetz- und Denunciationsrede, welche das würdige Stadtoberhaupt von Wien jüngst in Klosterneuburg von sich gegeben, die giftigen Anklagen, die er gegen die Dortigen erdichtete, bilden einen offenkundigen Freibrief für die geistesverwandten Boxerführer in Peking. Man kann diese Gräuel nicht entschuldigen, aber wer die Geschichte nicht nur als eine Häufung zufälliger Begebenheiten, sondern als eine zusammenhängende Kette von Ursachen und Wirkungen betrachtet, muß doch den Versuch machen, sie zu erklären. Im altjüdischen Gesetz ist „einerlei Recht für den Einheimischen und den Fremden" einer der grundlegenden Sätze. Noch ehe die Juden den heimatlichen Boden betraten, nach ihrer 40jährigen Wanderung in der Wüste, haben sie auf dem heiligen Berge den Fluch vernommen gegen „Alle, die da beugen das Recht des Fremdlings". Wenn dieser Grundsatz des alten Testamentes/ der ja einen wesercklichen Bestandtheil der christlichen Glaubensschriften bildet, innerhalb der europäischen Staaten stets heilig gehalten worden wäre, man hätte dadurch wahrhaftig den Chinesen mehr imponirt,als durch all die gepanzerten Kriegsschiffe und all die Truppen, die jetzt in fieberhafter Eile nach dem Golfe von Petschili gesendet werden müssen, um Rache zu nehmen für einen Frevel, zu dem die Angehörigen der gelben Race von den Europäern selbst die Anleitung bekommen haben. Es wird Strafgericht gehalten werden über die Chinesen, weil ihr Fremdenhaß das geschriebene Völkerrecht verletzte. Es gibt aber ein ungeschriebenes Recht der Völker, das die Nationen des Abendlandes in frevlem Uebermuthe jeden Tag mit Füßen treten. Trotzdem machen wir uns darauf gefaßt, schon demnächst die AEage zn hören, daß auch an der Katastrophe des Fremdenhasses in China die — Juden chuld seien. In Angelegenheit der indischen Auswanderer aus Rumänien. Hochv erehrter Herr Redacteur! Am 22. Juni erschien in Ihrer geschätzten Zeitschrift der Auftuf der „Israel. Allianz". in Wien zur Unterstützung der jüdischen Auswanderer aus Rumänien. Am Sabbath, den 23., nahm ich Beranlaffung, von der Kanzel herab, die Glaubensgenossen aufzufordern, hiefür einzutreten. Am Sonntag den 24. bildete sich sofort ein Hilfscomite, bestehend aus den Herren Moriz Lettner, Anton Schneider, Salamon Klauber, Sigmund Rausnitz, Hermann Fjlaschner und August E denb urger, welches sich zur Aufgabe machte, Sammlungen zu veranstalten. Zum allgemeinen Erstaunen erschienen in den folgenden Tagen Berichte in den Tagesblättern, aus denen das eine mit Sicherheit zu ersehen war, daß einzelne Trupps von Auswanderern in Wien anlangten, für deren sofortige Weiterbeförderung nicht gesorgt und für deren Verpflegung in der Zwischenzeit nichts vorgesehen war. Die Berichte machten überhaupt den Eindruck, wie wenn diese Ereignisse sich irgendwo in Peking abspielen würden und es zu den größten Schwierigkeiten gehören würde, sich durch eigenen Localaugenschein Ueberzeugung zu. verschaffen, wie es mit den Auswanderern bestellt sei, um durch' persönliches Eingreifen sofortige Hilfe leisten zu können; denn wie sollte es sonst möglich sein und verständlich erscheinen, daß in der Nähe einer Stadt mit 140.000 Juden, die mit Vereinen, Vorständen und Seelsorgern versehen ist, hungernde Auswanderer mit der Unbill des Wetters, leidenden Kindern sich mehrere Tage hilflos befinden sollten, angewiesen auf das mitleidige Eingreifen einer armen, christlichen Arbeiterbevölkerung!? Ich stellte daher bei unserem Hilfscomits den Antrag, sich an competenter Stelle hierüber zn erkundigen und wurden Herr S. Klauber und ich delegirt nach Wien zur Reichsbrücke — dem Schauplatz der fremdartigen Ereignisse — sich zu begeben und den Hafen capitän um Auskunft zu ersuchen. Derselbe empfing uns mit besonderem Entgegenkommen, zeigte sich erfieut, daß man sich überhaupt erkundigen komme. Wie es mit den Zeitungsberichten bestellt sei, zeigte er uns an zwei Beispielen: Vorerst, daß er consequent als Hafencapitän König bezeichnet werde, er aber eigentlich B e i n l heiße; ferner wurde in einem Berichte des „Tagblatt" gesagt, daß er die Auswanderer in s ch m u tz i g e n Magazinen untergebracht habe, was der Wahrheit nicht entspreche; er habe sich vielmehr zur Aufgabe gestellt, nur vollkommenn rein gemachte Räumlichkeiten denselben zur Verfügung zu stellen. Was die Angelegenheit selbst betrifft, bezeichnete er den Hergang als einen S c a n d a l. Die Dampfschifffahrt-Gesellschaft habe mit der größten Bereitwilligkeit auf Beranlaffung der „Israel. Allianz" die Auswanderer von Galatz bis Wien befördert. Nun kamen sie um 9 Uhr Abends hier an; sie hatten kaum trockenes Brot, die Kleinen zitterten vor Nässe, auch war das Wetter regnerisch und rauh, und für die Weiterbeförderung hatten sie kein Geld. Auf eigene Verantwortung versorgte sie der Herr Capitän, in der Erwartung, es werde bald Aushilfe kommen. Es erschienen wohl drei Herren, er wisse aber nicht zu sagen, wer sie waren; sie sagten, sie müßten erst eine Entscheidung einholen, was mit den Auswanderern zu geschehen habe — so verging die Zeit der Erwartung bis zum dritten Tage — inzwischen wurden unter den Armen der Umgegend Brod und Lebensmittel gesammelt, aber von dem großen Wien war nichts zu sehen und nichts zu hören, bis endlich ein Herr auf einem Zweirade erschien und die sehnlichst erwartete Aushilfe zur Weiterbeförderung brachte. Nach diesem Berichte aus dem eigenen Munde des Herrn Hafencapitäns, th eilte ich ihm mit, daß wir uns in Baden zu einem Hilfscomite eonstituirten, mit der Aufgabe, sofort nach Einlangen eines Trupps von Auswanderern Hilfe zu leisten und ließ ich ihm zu diesem Zwecke unsere Adresse zurück, um uns noch vor dem Einlangen solcher Auswanderer in Wien hievon telegraphisch zu avisiren. Unsere Sammlungen schreiten rüstig fort und dienen diese Mittheilungen dem Zwecke, daß sich Jedermann den Commentar hiezu mache — wobei erwähnt werden muß, daß man an diesen Vorgängen merkte, dyß das Haupt der „Israel. Allianz" nicht in Wien gegenwärtig war; \ er Präsident derselben. Herr David Ritter v. G u tm ann, befindet sich nämlich zur Cur in Carlsbad, sonst hätten sich dieselben gewiß anders gestaltet — diese wahrheitsgetreuen Mittheilungen dienen jedoch auch dazu, daß sich Jedermann angeeifert fühle, sein Scherflein zu sofortiger Hilfeleistung beizutragen und seinen Beitrag entweder an den Herrn Moriz L e i t n e r, Präses der israel. Cultusgemeinde Baden, zu leiten, der sich mit gewohntem Eifer und großer Bereitwilligkeit an die Spitze des Hilfscomitös gestellt hat, oder an den Gefertigten: W. R e i ch, Rabbiner Baden b. Wien. Die „judenfteundliche" rumänische Regierung. Nachdem sich die rumänische Regierung von dem bekannten Wiener Mechaniker Ernst Schneider, welcher ein Schußgeld für die Juden beantragt hat, das Zeugniß ausstellen ließ, daß die Lage der rumänischen Juden nichts zu wünschen übrig läßt

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