Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 27 Dr. Biooh’s Iahr>««s xvil. Centralorgan für die gefannnkn Interessen des Indenthmn«. Wien.^Iuli 190«. Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien» II.« Untere Rugartenstraße 1 a« Telegramm-Adresse: Block s Wochenschrift» Wien. Eln \l A. ft. Postspscrrsffrn-Amr "Clearingverkrtzr Ar. 810.976.! Lrdartton und Adminiüration: Wien N., Untere Nunartenitr. X». Telephon*Nr. 14,847 &===^= »rrugLprei« für SrSrrrrtch: Halbjährig » Kronenl! Einzelexemplare 50 Heller IJüE'a Auulsud: Halbjährig 10 Kronen, ganzjährig 20 » Anzeigen: Sie 4mal gespaltene Äeruzeile 24 Heller. -, -="=» Inhalt. Leitartikel: Die Katastrophe des Fremdenhaffes. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Jll Angelegenheit der jüdischen Auswanderer aus Rumänien. Die „judenfreundliche" rumänische Regierung. Kinderranb in Galizien. Konitzer Mordgeschichten. Die „vornehmen" Antisemiten. Aus dem preußischen Herrenhaus. — Babylonien — Die Miffionsidee in Israel. — Auch ein Jubiläum. - Korrespondenzen: Aus der Plenarsitzung des Cultusvorstandes vom S. Juli. Wien, Prag, Bielitz, Tabor, Agram, Köln, München, Rom. London, Petersburg, Philadelphia, Mosesville. — Vermischtes: Wien, llng.-Ostra, Ung -Hradisch, Hohenems, Rakonitz, Franzensbad, Marienbad, Innsbruck, Steinamanger. Verbo, Dresden. Berlin, London, Odessa. — Feuilleton: Ein wieder actuell gewordenes Gedicht aus dem Jahre 1882, — Der Sabbathengel. — Michael. — Briefkasten — Inserate. Die Katastrophe des Fremdenhasses. Der deutsche Gesandte und wahrscheinlich auch die Vertreter der anderen Mächte sind in Peking grausam ermordet worden. Ein Schauer des Entsetzens geht durch die ganze „civilisirte" Welt und das in seinen heiligsten Gefühlen verletzte Europa rüstet sich zu einem gewaltigen Rachezuge. Die exemplarische Strafe, die der Deutsche Kaiser ankündigte, wird Dank der Ueberlegenheit der europäischen Waffen nicht ausbleiben und Hekatomben von Menschenopfern werden das grauenhafte Verbrechen sühnen. Die materielle Genugthuung wird in der herkömmlichen Münze, in der Bestrafung der Schuldigen, in Entschädigung an Geld und Land, geleistet werden Und wenn nun Europa seine strenge, seine blutige Rache genommen haben wird, was dann? — Die Gräuelthat von Peking ist das Werk fanatifirter Volksmassen, deren wilde, barbarische Jnstincte man geweckt und künstlich gestachelt hat. Die moderne Criminalwissenschaft ist auch bei dem einzelnen Verbrecher längst dahin gelangt, die That nicht an sich, sondern im Zusammenhänge mit den Lebensumständen, dem Umgänge des Thäters, der erziehlichen Einflüsse, denen er unterworfen war, kurz: mit dem Milieu, in dem er sich bewegt, zu beurtheilen. Vor Kurzem erst haben die Wiener Geschworenen eine Kindesmörderin freigesprochen, weil sie erkannten, daß die Personen, die sie in die kritische Lage gebracht, daß ihr Milieu die Hauptschuld an dem Verbrechen traf. Auch der Pekinger Gesandtenmord hat sein Milieu, auch hier ist es nicht möglich, von der Mitverantwortlichkeit jener Umstände und jener „civilisirten" Gesellschaft abzufehen, welche den gegenwärtigen schauerlichen Ausbruch des Fremdenhasses in China verschuldet haben. All' jene Rüstungen, welche nunmehr in höchster Eile in den europäischen Großstaaten betrieben werden, erfolgen im Namen der „Civilisation". Aber man hat alle Ursache, der überwältigenden Wirkung dieser abendländischen „Civilisation" auf die anderen Völker des Erdballes zu mißtrauen. Dieses angeblich so humane Europa verlangt von den Chinesen, daß sie die Fremden, die Angehörigen der weißen Race. die bekanntlich in nicht ganz uneigennütziger Absicht zu ihnen kommen, schützen. Aber die Bewohner des himmlischen Reiches leben nicht mehr in jener Erstarrung und Abschließuug, die ihre vieltausendjährige Cultur mumificirt hat. Sie haben ihre Zeitungen, ihre Posten und Telegraphen, und auf diesm Wegen haben sie die merkwürdige Thatsache erfahren, daß fast alle Nationen, des „civilisirten" Europa bei sich zu Hause just das Gegentheil von dem thun, was sie von den armen Chinesen im Namen der Humanität verlangen. Vor einigen Jahren hat ihr aufgeklärtester Staatsmann, Li-Hung-Chang, eine Rundreise durch Europa gemacht und seine blauen Wunder gesehen, wie man hier die Fremden behandelt. Er Hai den Kampf von Weißen gegen Weiße gesehen und seine Kenntnisse durch Aufnahme jener merkwürdigen Racentheorie bereichert, welche die Antisemiten in Rußland, Deutschland, Oesterreich und Frankreich prakticirten. Seither hat sich noch Manches ereigne^ was den Chinesen einiges Mißtrauen in die Menschenfreundlichkeit der europäischen Civilisatoren einflößen konnte. Sie hörten von der Rechtlosigkeit der „Fremden" in Rumänien, die eben jetzt zu einer jüdischen Massenauswanderung fühlte, von der Ausweisung der Slaven aus dem Deutschen Reiche und sie erfuhren an sich selbst, wie die Nordamerikaner die Einwanderung der Chinesen mit harten Strafen belegten. Kein Wunder, wenn diese Dinge auch die Gehirne der gelben Race zum Nachdenken anregten. Nach China kamen Hunderte christlicher Missionäre und predigten den müden, friedlichen Bekennern Con-fat-se’s Christenthum und Civilisation. Aber die christlichen Staaten Europas haben ihren Fremden gegenüber von jener Menschenliebe, welche die Missionäre im Munde führten, niemals Gebrauch gemacht. Die Metzeleien von Peking sind grauenhaft, aber steht die Grausamkeit jener europäischen